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Sprachverbote: So nehmen dir Gender-Gegner deine Freiheit weg!

von | Aug 2, 2023 | Analyse

Schon komisch, dass genau die Leute, die so dafür sind, die „Freiheit der Sprache“ zu wahren, Verbote durchsetzen, die genau diese Freiheit einschränken, oder? In Sachsen beispielsweise darf man in Verwaltungen oder in einer Schulklausur keine Satzzeichen mehr zum Gendern verwenden, um die eigene Sprache inklusiver zu gestalten. Völlig egal, ob man Gendern gut findet oder nicht – wer ständig von der „Freiheit“ spricht, sollte nicht Verbote fordern, oder? Genau das ist aber bei den meisten Gender-Gegner:innen der Fall.

Wo soll dieser ganze „Nicht-Gender-Zwang“ noch hinführen? Wir zeigen auf, dass es nirgendwo einen Genderzwang gibt – dafür aber jede Menge Genderverbote. Hier soll nicht das Gendern verteidigt werden – lass es, wenn du es nicht willst. Hier soll die Freiheit verteidigt werden, es zu tun oder zu lassen. Die wahre Verbotsdiktatur kommt von Rechts unter dem Deckmantel der geheuchelten Freiheit.

Niemand wird zum Gendern gezwungen, verboten wird es aber

Um es einmal ganz zu Beginn klarzustellen: Zurzeit gibt es weder auf Bundes- noch auf Landesebene irgendwelche Gesetze oder Verordnungen zur Gender-Pflicht. Das bedeutet im Klartext, dass niemand zum Gendern gezwungen wird oder gezwungen werden kann.

Viele Bundesländer halten sich zurück: In Berlin wird geschlechtergerechte Sprache an Schulen beispielsweise nur geduldet, wenn sie schlüssig und sinnvoll angewendet wird. Dann darf sie auch nicht als falsch markiert werden. Über ein wegweisendes Urteil aus Berlin zum Gendern haben wir übrigens schon einmal geschrieben: Durch die Klage eines Vaters aus Berlin, die eigentlich gegen einen „Gender-Zwang“ war, fand ein Gericht heraus, dass es eigentlich einen Zwang GEGEN das Gendern gibt. Hier könnt ihr noch einmal alles Wichtige dazu nachlesen. Auch in Bayern darf jede:r schreiben, wie er oder sie es möchte. Das hat der bayrische Ministerpräsident Markus Söder schließlich eindeutig auf Twitter klargemacht.

Die Afd schreibt dir vor, wie du zu sprechen hast

Lediglich in zwei Bundesländern wird Gendern von offizieller Seite befürwortet und eine einheitliche Schreibweise vorgeschlagen, die man freiwillig nutzen kann, wenn man es möchte. Bei diesen Bundesländern handelt es sich um das Saarland und Bremen. Beide haben sich auf das Gendern mit Doppelpunkt geeinigt.

Es wird also wieder deutlich: Alles kann, nichts muss. Freiheit eben. Zur Freiheit gehört eben auch, dass man toleriert, dass andere etwas tun, was man nicht mag. Sonst ist man eben nicht für die Freiheit, sondern nur für Freiheit für einen selbst – also Verbote für andere. Niemand wird zum Gendern gezwungen. Das ist schließlich weder der Sinn des Genderns noch die Intention der Gender-Befürworter:innen. Anders sieht es bei den Gegner:innen aus. Die wollen sehr wohl andere zu etwas zwingen, nämlich mit dem Gendern aufzuhören. Damit tun sie genau das, wovor sie selbst ständig warnen: Andere in ihrer Freiheit, zu Sprechen einschränken. Und ganz vorne mit dabei ist – wie sollte es auch anders sein – natürlich die AfD. Aber dazu komme ich gleich noch.

Wo ist Gendern verboten?

Obwohl es, wie bereits erwähnt, keine Gesetze zur Gender-Pflicht gibt, gibt es durchaus Bundesländer, in denen das Gendern per Erlass oder Verordnung verboten wurde. Ach herrje, das klingt ja nach einer richtigen Sprach-Diktatur! Ich will mir doch nicht von jemandem sagen lassen, wie ich zu reden habe? … Na, fällt was auf? Richtig: Genau die, die sich immer darüber beklagen, sie würden in einer „Gender-Diktatur“ leben und ihnen würde der Mund verboten werden, tun jetzt genau dasselbe: Sie verbieten Menschen, die Gendern möchten, den Mund!

So hat beispielsweise das Kultusministerium Sachsen unter der Führung des Kultusministers Christian Piwarz (CDU) per Erlass das Gendern durch Satzzeichen verboten: Seitdem gibt es zum Beispiel Punktabzug bei der Verwendung geschlechtergerechter Sprache in der Schule und keine gegenderten Elternbriefe oder Unterrichtsmaterialien mehr. Dem schließt sich Schleswig-Holstein an. Dort gibt es ebenfalls Punktabzug bei Verwendung geschlechtergerechter Sprache in der Schule. Eine Ausnahme davon sind die Universitäten.

Auch Sachsen-Anhalt streicht das Gendern in ihren Schulen: Bei Verwendung drohen Punktabzug in Klausuren. Zusätzlich ist dort ein Verbot für das Gendern in Verwaltungen aktiv. Einen Schritt weiter geht Thüringen, denn dort gilt das Gender-Verbot für die Landesverwaltung, den Landtag, die Ministerien, alle nachgeordneten Einrichtungen, Schulen, Gerichte und Hochschulen. Aber Achtung: Dabei handelt es sich um eine Aufforderung, kein Gesetz! Initiatorin der Aktion war die CDU, unterstützt wurde sie von – wie sollte es anders sein – der AfD. Auch FDP und einige Bürger:innen hatten sich dafür ausgesprochen.

Bremerhaven konnte dieser Sprach-Diktatur glücklicherweise noch entgehen: Nachdem das Gender-Verbot dort seit Dezember 2021 in Kraft war, wurde es etwa einen Monat später wieder aufgehoben. Grund dafür war die starke Kritik der Linken, der Grünen und der Landesfrauenbeauftragten für Bremen.

Wo darf man denn nun noch so sprechen und schreiben, wie man möchte?

Der Freiheit, die eigenen Bürger:innen sprechen und schreiben zu lassen, wie sie es möchten, haben sich auch andere angeschlossen. In Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz soll beispielsweise aktiv in Schulen über das Gendern aufgeklärt werden. Dort ist es zwar nicht ausdrücklich erlaubt, aber eben auch nicht verboten, zu Gendern.

In Niedersachsen legte sich Anfang des Jahres die AfD aufgrund der dort herrschenden Gender-Regelungen mit der Landesregierung an. In einem Antrag forderte die rechte Partei, dass Gendern in Schulklausuren als Fehler markiert werden solle. Die Landesregierung wies das jedoch zurück, da „in Abiturklausuren längst auch Texte bearbeitet werden, in denen gegendert wird. Es sei daher nicht vermittelbar, wenn diese Schreibweise in den Texten der Prüflinge dann als Fehler gewertet würde.“

Es dürfe lediglich kein:e Schüler:in zum Gendern gezwungen werden. Außerdem kritisierte die Landesregierung den von der AfD verwendeten Begriff der „Gendersprache“. Dieser sei „eine negativ konnotierte Wortschöpfung, die nahelege, dass staatliche Einrichtungen eine andere als die deutsche Sprache einführten.“ Das ist aber natürlich nicht der Fall. Stattdessen appelliert die niedersächsische Landesregierung dazu, beim Gendern von Neographien zu sprechen.

Wie die Verbotspartei afD deine Freiheit bedroht

Wo wir also gerade schon beim Thema waren, wird es nun Zeit, mal über die rechtsextreme Verbotspartei AfD zu sprechen. Die spielt nämlich eine große Rolle, wenn es darum geht, wer Gendern zu einem gesellschaftlich so präsenten Thema gemacht hat. Das allgemeine Narrativ scheint ja zu sein, dass die bösen Linken nur noch übers Gendern reden und keine anderen Themen mehr hätten. Aber wer bringt das Thema wirklich ständig auf den Tisch? Journalist:innen des Tagesspiegels haben sich für die Beantwortung dieser Frage anlässlich der Bundestagswahl 2021 alle Tweets von deutschen Politiker:innen seit 2017 angeschaut. Überprüft wurde, wie oft das Wort „Gender“ in den jeweiligen Tweets vorkam. Und das Ergebnis könnte einige überraschen:

„Im Vergleich der Tweets aller Parteien nutzen also nicht etwa die frauenpolitischen Sprecher*innen von Linken, SPD und Grünen das Wort „Gender“ besonders häufig, sondern erklärte Gegner*innen des Konzepts.“

Und das sind hauptsächlich AfD-Politiker:innen, aber auch Mitglieder der CDU. Tabellenführer ist dabei der Bundestagsabgeordnete Marc Jongen von der AfD. Er benutzte im Zeitraum 2017-2021 in 5 % seiner insgesamt 234 Tweets das Wort „Gendern“. Bei Platz 2,4 und 5 handelt es sich ebenfalls um AfD Politiker:innen. Platz 3 wird von Jana Schimke (CDU) belegt. Erst auf Platz 6 kommt jemand von den Grünen: Nur 2,5 % aller Tweets von Ulle Schauws beinhalteten in 4 Jahren das Wort Gender.

Screenshot via Tagesspiegel

Die AfD redet ständig über das Gendern

Zusätzlich wurde sich auch die Gesamtheit aller Tweets, aber auch aller Facebook-Posts der Parteien angeschaut. Und auch dort fiel wieder auf: Die AfD nutzte das Wort „Gender“ mit Abstand am häufigsten.

Screenshot via Tagesspiegel

Es sind nicht die Grünen, es ist die AfD, die über nichts anderes redet und dir verbieten will, wie du zu sprechen hast.

Was übrigens auch sehr spannend ist: Am häufigsten folgte auf das Wort „Gender“ in den AfD Posts das Wort „gaga“, am zweithäufigsten „wahn“. Bei Grüne und Linke wurde „Gender“ am häufigsten im Zusammenhang mit „paygap“ verwendet. Auch daran sieht man wieder: Die Rechten nutzen die Thematik, um noch mehr negative Stimmung zu verbreiten. Grüne und Linke hingegen sprechen gar nicht über das Gendern, sondern über Geschlechtsunterschiede bei der Bezahlung. Und genau diese unterschiedliche Verwendung des Begriffs mache die Diskussion um Gender so schwierig, halten die Autor:innen des Tagesspiegel-Artikels fest.

Screenshot via Tagesspiegel

Grammatisch falsch Schreiben ist auch nicht verboten

Klar, du musst Gendern nicht mögen, du kannst es ungeschickt, unangenehm finden. Ist völlig in Ordnung, einige unserer Autor:innen Gendern auch nicht deswegen. Du kannst auch der Meinung sein, dass es nun mal nicht der deutschen Rechtschreibung entspricht. Klar. Aber es ist ja auch nicht verboten, wenn jemand grammatikalisch falsch spricht oder schreibt. Warum wird es dann verboten, wenn es jemand absichtlich tut, um inklusiv zu sein? Du kannst all das Denken – für Sprechverbote zu sein ist aber noch einmal was anderes. Echte Freiheit bedeutet, auch zu tolerieren, dass andere etwas machen, was du selbst nicht gut findest. Susanne Messmer von der taz hat das zusammengefasst:

„Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn Zwickauer Lokalpolitiker mit breitestem sächsischen Akzent erklären, man müsse „einen Sprachfehler haben, um das ordentlich aussprechen zu können“, oder meinen, „der Sprecher brauche einen Logopäden“.“

Der Gedanke dahinter ist: Warum wird so sehr auf dem Gendern herumgehackt, wenn wir doch eh alle unterschiedlich sprechen und unterschiedliche Sprachgewohnheiten haben? Redewendungen, die in Norddeutschland alle verstehen, werden in Süddeutschland komisch beäugt und machen keinen Sinn. Und was ist mit dem immerwährenden Kampf zwischen wie und als (Ich bin netter als du / Ich bin netter wie du)? Da sagen auch nicht die einen zu den anderen, dass jemand die deutsche Sprache verhunze, sondern sie akzeptieren die verschiedenen Sprachgewohnheiten.

Und auch das Wort „Sprachverbot“ ist im Zusammenhang mit Gendern – so wie Markus Söder es in diesem Tweet nutzte – ziemlich sinnfrei: Indem man gendert, nimmt man niemandem etwas weg, nein, man gibt wortwörtlich etwas dazu. Es wird schließlich bewusst mehr gesagt als eigentlich nötig. Wie man das als Verbot oder Einschränkung verstehen kann, ist mir wirklich schleierhaft. Bist du für die Freiheit? Dann steh zu deinen Worten und lass sie auch anderen. Gendern musst du nicht gut finden dafür.

Gendern ist Freiheit

Durch das ständige Aufbringen des angeblichen „Gender-Zwangs“ – den es nicht gibt, wie dieser Artikel mehr als deutlich gemacht hat – hat sich der gesellschaftliche Blick auf die Thematik verändert. Zu viele Menschen wurden von rechter Propaganda beeinflusst zu glauben, Gendern sei eine Gefahr und eine Einschränkung der sprachlichen Freiheit. Dabei ist es offensichtlich genau andersherum: Es gibt in immer mehr Bundesländern Verbote zum Gendern. Rechte machen stets Angst vor erfundenen Verboten, um ihre eigenen Verbote durchzubringen. Rechte bedrohen deine Freiheit. Sie lügen dich an. Fall nicht darauf herein.

Schüler:innen, die gendern, bekommen schlechte Noten, nur weil sie sich inklusiv verhalten wollen. Lehrer:innen müssen mit Abmahnungen rechnen, wenn sie in Unterrichtsmaterialien gendern. Nicht binäre Personen werden sprachlich ausgeschlossen, weil öffentliche Einrichtungen sie nicht mehr schriftlich einbeziehen. Über diese Einschränkungen wird öffentlich natürlich nicht so häufig gesprochen. Klar, würde ja auch das rechte Narrativ zerstören, wenn Menschen verstehen, dass es keinen Gender-Zwang, sondern sogar einen Anti-Gender-Zwang gibt.

Dabei sagt sogar die Wissenschaft sagt, dass Gendern ein Ausdruck sprachlicher Freiheit ist. Deswegen: Gendert bitte munter weiter, wenn ihr das möchtet. Oder lasst es halt. Lasst euch nicht von denen den Mund verbieten, die die Wahrheit verdrehen.

Hier noch eine Übersicht, in der ihr genau sehen könnt, welches Bundesland eure Freiheit zu Gendern einschränkt und welches nicht:

Artikelbild: volksverpetzer.de