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Gegen Sprachverbote: Söder verteidigt Freiheit zu gendern!

von | Mrz 3, 2023 | Aktuelles

Allerorts werden die Rufe nach Gender-Sprechverboten laut. Nun kommt Unterstützung von einer überraschenden Seite: Ausgerechnet der bayrische Ministerpräsident Markus Söder äußerte sich zuletzt prominent gegen Sprechverbote. „In Bayern dürfen die Menschen sagen, was sie wollen“, sagte er im Kontext von Gendern. Und dürfte sich damit zum Hauptfeind eines rechtskonservativen Vereins machen, der sogar vor Gericht für mehr Sprechverbote kämpft.

Das Kreuz mit Söder

Markus Söder ist immer für eine Überraschung gut. Unvergessen seine erste Amtshandlung als Bayerischer Ministerpräsident im April 2018. Damals hat er – trotz Trennung zwischen Kirche und Staat, dies das – die Kreuzpflicht in bayrischen Landesbehörden durchgesetzt. In der Allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden in Bayern heißt es seit dem: 

§ 28 : Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns gut sichtbar ein Kreuz anzubringen.

Wenn Söder heute also davon spricht, dass man sich nicht „Kultur und Sprache diktieren“ lassen würde, dann muss man das doch geradezu als eine 180-Grad-Wende ansehen, oder? Das Kreuz, so viel scheint festzustehen, hängt möglicherweise nicht mehr lange. Zumindest hatte Söder zuletzt getwittert, dass er dagegen sei, wenn man anderen Kultur oder Sprache „diktieren“, oder „verbieten“ möchte.

Söder ist gegen Verbote – oder?

Aber es kommt noch besser. Nun setzt sich Söder offenbar auch lautstark dafür ein, dass Gendern in Bayern und überall sonst erlaubt bleibt. 

„In Bayern dürfen die Menschen sagen, was sie wollen.”

verkündete er auf Twitter. Im gleichen Post sprach er sich auch gegen „Umerziehungsfantasien“ und „Cancel Culture“ aus:

Wir sagen: Danke, Herr Söder! Wir freuen uns mit Ihnen und allen anderen darüber, dass diese leidige Gendern-Diskussion ein für allemal erledigt ist. Sprache ist lebendig und verändert sich, und das Mitdenken und -sagen aller Geschlechter ist ein wichtiger Schritt hin zu Anerkennung, gegenseitigem Respekt und gegen Unterdrückung.

Bisher gibt es quasi keine gesellschaftlichen Bereiche, in denen eine gendergerechte Sprache tatsächlich erzwungen wird und das Nicht-Gendern sanktioniert wird. Dagegen gibt es jede Menge Versuche, insbesondere aus rechtskonservativen Kreisen, das Gendern zu verbieten. Sprich: Anderen Sprache vorzuschreiben und Sprechverbote zu erteilen. Söders Absage an Sprachverbote muss deswegen als starkes und mutiges Signal dafür gesehen werden, dass in Zukunft niemandem mehr verboten wird, so zu gendern, wie die Person will. Ein wirklicher Grund zur Freude!

Sprach-Verbotsinitiative in Hamburg

Tatsächlich wird Söder mit seinem neuen Kampf gegen Genderverbote viel zu tun haben. Initiativen für mehr Gender-Verbote sind nämlich an allen Ecken auf dem Vormarsch.

Aktuelles Beispiel: In Hamburg wurde gerade eine Volksinitiative gestartet. Das Ziel: staatlichen Verwaltungen und Bildungseinrichtungen sollen gezwungen werden, nicht mehr zu gendern. Darüber hinaus soll der Senat auch öffentliche Unternehmen dazu auffordern, dem nachzukommen. Buchstäbliche Sprach-Diktate also. Die CDU unterstützt die Initiative als solche, hat sich aber von homophoben Äußerungen der Initiatorin distanziert. Auch die AfD findet die Initiative super, wovon sich wiederum die Initiative selbst distanzieren möchte.

In dem Aufruf der Initiative heißt es, in Hamburger Behörden würde aktuell „nach Lust und Laune“ gegendert werden. Ja, wo kämen wir denn da hin, wenn alle so sprechen würden, wie sie wollen! Wenn es alle Freiheit genießen würden und „Leben und leben lassen!“ Es soll also ein Verbot her, und zwar schleunigst. In dem Aufruf heißt es völlig ohne nachvollziehbare Erklärung:

„Gendersprache ist sexistisch und menschenfeindlich. Sie verletzt die grundgesetzlich geschützte Würde des Menschen und dürfte sich deshalb als verfassungswidrig erweisen.“

Die Hauptinitiatorin, das überrascht wenig, ist übrigens Gastautorin bei dem rechtskonservativen Blog Achse des Guten.

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Eine gendergerechte Sprache „verwischt klares Denken“ heißt es weiter. Was auch immer das heißen soll. Außerdem würden sprachbehinderte Menschen und Menschen, deren Muttersprache nicht deutsch ist, benachteiligt. Sagt ausgerechnet eine Initiative, die dieses extrem eingängige und intuitive Logo gewählt hat und deren komplette Social-Media-Strategie darin besteht, sich über sprachlich nicht einwandfreie Schriftstücke lustig zu machen. Man spürt die argumentative Aufrichtigkeit regelrecht.

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Klage gegen freies Sprechen auch in Berlin

Ein anderer Vorstoß wird aktuell auch in Berlin unternommen. Dort hat ein Vater vorm Verwaltungsgericht Klage gegen das Land Berlin eingereicht. Der Grund: Lehrer:innen würden in Texten an die Eltern sowie in Aufgabenstellungen der Schüler:innen gendern. Und, Gott bewahre, zum Teil sogar in der gesprochenen Sprache den Glottisschlag anwenden, um zu verdeutlichen, dass alle Geschlechter gemeint sind. 

Das verbindende Element zwischen der Hamburger Initiative und der Klage des Vaters ist ein Verein, der sich ganz dem aktivistischen und ideologischen Kampf gegen das Gendern verschrieben zu haben scheint: der Verein deutsche Sprache. Der Verein unterstützt die Klage des Vaters finanziell. Die Initiatorin der Hamburger Initiative ist Vorstandsmitglied

Verein Deutscher Sprache: Hauptaktivist in Sachen Sprechverbote

Wir haben bereits ausführlich über den Verein geschrieben und aufgezeigt, dass der Verein in seiner Darstellung und Zielsetzung typische rechtspopulistische Argumentationsmuster erfüllt:

Der Vorsitzende des Vereins, Walter Krämer, spricht mit Blick auf eine Sprache, die alle Menschen mit erwähnt, von  „Sprachterror –, mit dem eine verbohrte Ideologenclique ganze Stadtverwaltungen und Universitäten überzieht“. Die Verwendung des Begriffs „Ideologenclique“ ist hier klassisches rechtspopulistisches antisemitisches Dog Whistling. Der gute Mann ist außerdem aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil die angefangen hat zu gendern. Nichts gegen Kirchenaustritte, beim besten Willen nicht – aber hätte es dafür in den vergangenen Jahren nicht den einen oder anderen besseren Grund gegeben, als das Gendern? Ist der angebliche Missbrauch von Sprache durch ein kleines Sternchen wichtiger als der faktische Missbrauch von Menschen, inklusive der jahrelangen Vertuschung dieses Missbrauchs?

Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt und hat laut Selbstdarstellung auf der Website über 36.000 Mitglieder. Man trete dafür ein, dass “Deutsch nicht zu einem Feierabenddialekt verkommt, sondern als Sprache von Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft erhalten bleibt.”

Ein Gefühl dafür, was damit gemeint sein könnte, bekommt man, wenn man durch die Liste bekannter Mitglieder scrollt, die mit Zitaten vorgestellt werden. Die strotzt nicht nur von Antifeminismus und Nationalismus; zu finden sind auch eine Reihe von Leuten, die in der Vergangenheit durch rassistische, rechtsradikale oder antisemitische Aussagen und Positionen aufgefallen sind, wie etwa Boris Palmer, Vera Langenfeld, Henryk Broder, Matthias Matussek und Max Otte. Dazu kommt noch eine Reihe von Adeligen, und fertig ist die völlig unbedenkliche Mischung.

Unsere Lieblingszitate

Eberhard Görner (Drehbuch- und Buchautor, Dramaturg und Regisseur)

„Jede Sprache ist für den Menschen eine Brücke zu Gott! Denn wenn Gott den Menschen als Menschen erschaffen hatte, so war ihm ja so gut die Sprache als der aufrechte Gang anerschaffen, schreibt Goethe dazu und fährt fort: War der Mensch göttlichen Ursprungs, so war es ja auch die Sprache selbst, und war der Mensch, in dem Umkreis der Natur betrachtet, ein natürliches Wesen, so war die Sprache gleichfalls natürlich. Darum muss die Sprache, auch unsere deutsche, behütet und geschützt werden, denn sie ist Ausdruck einer hohen Kultur, ohne die unsere Welt ärmer wäre.“ [sic]

Dr. Elvira Grözinger (Literaturwissenschaftlerin und Publizistin, Mitglied des Internationalen Präsidiums der Wissenschaftlerorganisation Scholars for Peace in the Middle East und stellv. Vorsitzende der deutschen SPME-Sektion)

„Die aktuelle Verhunzung des Deutschen kommt für mich fast einer Körperverletzung gleich.“

Eberhard Schöck (†) (erfolgreicher Unternehmer, Stifter des Kulturpreises Deutsche Sprache)

„Die uns fehlende Nationalidentität hat auch zu einer Gleichgültigkeit gegenüber unserer Sprache geführt.“

Prof. Dr. Edgar Weiler (Jurist, Vorsitzender des Kuratoriums der deutschen Pop-Stiftung e. V.)

„Die Sprache ist ein Teil der Seele eines Volkes. Gezielter Sprachverfall ist geplanter Seelenmord.“

Prof. Dr. Detlef H. Rost, Psychologe und Begründer des Marburger Hochbegabtenprojekts

„Gendersternchen, Genderdoppelpunkt, Genderunterstrich usw. vergewaltigen die deutsche Schriftsprache.“

Vergewaltigung, Körperverletzung, Seelenmord

Okay, zusammengefasst: Dass Sprache sich wie schon seit Jahrtausenden verändert, ist wahlweise Vergewaltigung, Körperverletzung oder Seelenmord. Die Deutschen sollen mal wieder stolz sein dürfen auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, immerhin gehören sie zu einer hohen Kultur, die bewahrt werden muss. Und überhaupt fehlt es ihnen an Nationalidentität und Kampfgeist.

Kleiner Funfact am Rande: Auf der Liste stehen 104 Männer – und nur 17 Frauen.

Wir sind gespannt, was wir vom „Verein deutsche Sprache“ in Zukunft noch erwarten dürfen. Vermutlich jede Menge Einsatz für „Sprechverbote“, „Umerziehungsfantasien“ und anderen zu diktieren, wie sie zu sprechen haben. Und freuen uns, mit Markus Söder einen so prominenten Verfechter der Sprachfreiheit im Kampf gegen Verbote von Gendern zu haben! Er wird die Dinge, die er gesagt hat, doch genau so meinen und nicht einfach Desinformation, Populismus und inhaltsleeres Gerede verbreitet haben und heuchlerisch mit Kampfbegriffen um sich geworden haben, die er kein bisschen so meint, oder?

Artikelbild: Peter Kneffel/dpa