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Putins Gas abdrehen? Wir brauchen die Wärmewende

von | Mrz 4, 2022 | Aktuelles, Ukraine, Umwelt/Klima

Putin dreht das Gas ab? Wir brauchen die Wärmewende

Deutschland ist abhängig von russischem Gas, von Putins Gas. Wir müssen die Abhängigkeit davon beenden mit der Wärmewende. Doch wie machen wir das, ohne zu frieren und wo würde uns das Gas überhaupt fehlen? Ein Faktencheck zur Lage, wie wir klima- und Putinneutral heizen können. Wichtig wären mehr Windkraft, mehr Wärmepumpen, bessere Isolation von Gebäuden und Ausbau von Fernwärme und Biogas. Die Atomkraft wird uns nur begrenzt helfen.

Unsere Abhängigkeit führt zu Schwäche

Die Hälfte unseres Gases kommt aus Russland (Quelle). Das ergibt für uns natürlich eine entsprechende Abhängigkeit. In direkter Konsequenz fallen nun auch die Swift-Sanktionen gegen Russland etwas schwächer aus, zum Beispiel die Gazprom-Bank ist davon ausgenommen (Quelle). Die Bundesregierung will weiterhin die Gasrechnungen bezahlen können. Kandidat für den CDU-Vorsitz, Norbert Röttgen, kritisierte: „Wir finanzieren damit Putins Krieg“.

Putin und seinen Oligarchen hilft das, die Sanktionen zu unterlaufen. Denn auf diesem Weg kommen neue Devisen ins Land. Gleichzeitig eskaliert der Konflikt in der Ukraine von den bisher eingesetzten Sanktionen unbeeindruckt immer weiter. Putins Militär bombardiert gezielt Wohngebiete:

Auch ein Gebäude bei einer Holocaust Gedenkstätte (mehr dazu) in Kyiv wurde beschädigt:

Nun wurde auch ein Journalist von dem Bombardement getötet (Quelle):

Der nächste Schritt auf der Sanktionsliste wäre ein Gasembargo. Das müsste aber gut durchdacht und vorbereitet sein. Es bräuchte eine nationale Kraftanstrengung, um im Sommer die Wärmewende anzuschieben.

Dafür brauchen wir das Gas aktuell:

In der EU wird das meiste Gas für die Beheizung von Gebäuden und industrielle Prozesse benötigt (Quelle):

Laut der Bundesregierung wäre genug Gas in Speichern und Verträgen, um zumindest bis Herbst über die Runden zu kommen (Quelle). Laut dem Think Tank Bruegel müssten dann aber pro Jahr etwa 1000 TWH Gas aus russischen Quellen ersetzt werden (Quelle). Zwar könnten andere Quellen mittelfristig mehr Gas liefern, aber allein durch Import dürfte das Problem nicht vollständig gelöst werden.

Stromversorgung ist nicht das größte Problem

Für die Stromerzeugung in Deutschland wird nur ein relativ kleiner Teil des Gases genutzt.

Ein Glück. Denn: Bis auf Braunkohle sind auch alle anderen Energieträger wie Steinkohle, Öl oder Uran von unsicheren Importen (zu großen Teilen eben auch aus Russland) abhängig (Quelle):

Atomkraft wird ohnehin zu spät kommen

Der Weiterbetrieb von nuklearen Kraftwerken stand zuletzt auch wieder im Raum. Die Frage ist, ob das praktisch gesehen sinnvoll ist. Deutschland hat kaum noch Expertise in diesem Bereich und auch keine Verträge über Brennmaterial. Trotzdem sollte man diese Option durchdenken, der Weiterbetrieb könnte 120 TWH Gas einsparen laut dem Think Tank Bruegel. Allerdings muss man eine wichtige Sache bedenken, die Claudia Kemfert anspricht: “Die 6 Prozent des Stroms, den die restlichen AKW noch produzieren, können wir einfach durch die erneuerbaren Energien ausgleichen, und Wärme kommt von denen gar nicht.” (Quelle)

Der Neubau von Kraftwerken hilft uns dagegen auch gar nichts, es würde viel zu lange dauern, und neue Technologien in diesem Bereich sind nicht marktreif.

Die Situation der Atomkraft in Deutschland haben wir ausführlich in diesem Faktencheck beschrieben. Kurzfassung: Der Atomausstieg ist zu weit fortgeschritten und ein Wiedereinstieg wäre nicht nur nicht rentabel, sondern würde auch zu lange dauern.

Die Fakten zur Atomkraft, die weder Gegner noch Befürworter wahr haben wollen

Lieber Windenergie ausbauen

Besonders wichtig wäre aber bei der Stromversorgung der Ausbau der Windenergie. Der Grund ist: Diese liefert im Winter deutlich mehr Strom als im Sommer. Solar und Windenergie gleichen sich hier gut aus: Wenn weniger Sonne scheint ist der Wind tendenziell stärker (Studie S. 30). Und gerade im Winter wird bei einem Gasausstieg viel Strom benötigt, um damit Wärme zu erzeugen. Windenergie wird allerdings aktuell nur langsam ausgebaut. Grund dafür sind heftig kritisierte Abstandsregeln wie in Bayern. Eine Verdopplung des Ausbautempos könnte analog auch hier etwa 60 TWH Gas einsparen (Daten).

Grundsätzlich muss man aber bedenken: Viele der Gaskraftwerke sind auch über Fernwärme zusätzlich zur Stromproduktion für die Wärmeproduktion notwendig. Dadurch ist klar, dass man zumindest einige davon sowieso erstmal weiter betreiben werden muss.

Wärmewende als nationale Kraftanstrengung

Viel wichtiger ist aber die Wärmeversorgung der Bevölkerung. Selbst industrielle Prozesse könnte man zur Not bei extremem Mangel für ein paar Tage herunterfahren, auch wenn das extrem teuer wäre. Die Wärmeversorgung in Wohngebieten lässt sich aber sehr schwer einfach abstellen.

Zur Wärmeversorgung mit Gas gibt es aktuell zwei sinnvolle Alternativen: Wärmepumpen und Fernwärme. Die werden aber noch nicht ausgenutzt: Selbst in Neubauten werden oft immer noch Gasheizungen eingebaut – obwohl Alternativen längst dank staatlicher Förderung ähnlich preisgünstig sind:

Wärmepumpen gegen Putin

Wärmepumpen entziehen der Umgebung (der Erde oder der Luft) Wärme und pumpen sie ins Haus. Das funktioniert dank Druckunterschieden auch bei extrem niedrigen Temperaturen. Praktisch wie ein Kühlschrank – nur andersherum. Besonders gut geeignet sind gut isolierte Gebäude, aber moderne Systeme werden immer leistungsfähiger. Pufferspeicher ermöglichen, dass die Pumpen zu besonders günstigen Zeitpunkten laufen, beispielsweise, wenn es draußen warm ist.

Wärmepumpen sind sehr effizient, da sie Umgebungsenergie nutzen (wirkt im Winter kontraintuitiv, ist aber so). Sie verbrauchen dadurch deutlich weniger Energie (Strom) als reine Gasheizungen – und sparen dadurch gegenüber fossilen Heizungen Gas, selbst wenn der Strom aus dem Gaskraftwerk kommt.

Weil Wärmepumpen dann besser funktionieren, macht es gleich doppelt Sinn Gebäude auch zu isolieren und damit zusätzlich Energie zu sparen. Es ist also sehr sinnvoll diesen Sommer so viele ältere Gebäude wie möglich zu isolieren, und neuere mit Wärmepumpen auszustatten. Vor allem sollten wir aufhören Gasheizungen einzubauen. Das ist übrigens auch eine Maßnahme, die ihr unter Umständen sogar selbst in die Hand nehmen könnt. Staatliche Förderungen gibt es unter anderem hier beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle: Fördermöglichkeiten. Auch Warmwasser ist in Deutschland noch sehr auf Gas angewiesen. Solarthermie bietet hier einen Ausweg und wird ebenfalls staatlich gefördert (Quelle).

Klima- und Putinneutral

Greenpeace – und damit seine über 600.000 Fördermitglieder – hat einen Report finanziert, der weitere Möglichkeiten erläutert, die Wärmeversorgung in Deutschland klima- und Putinneutral zu machen (Report). Der Bericht fordert einen Ausbau von Fernwärme, so soll die Abwärme von Rechenzentren oder Industriebetrieben genutzt werden, um damit ein Fernwärmenetz zu speisen. Eine kurzfristige Möglichkeit liegt auch im Ausbau von Biogas. Laut Claudia Kemfert lassen sich hier die Kapazitäten kurzfristig deutlich erhöhen:

Die International Energy Agency hat auch einen 10-Punkte Plan vorgeschlagen, um die europäische Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren (Quelle):

Deutsche Ingenieure vs. fossile Oligarchen

Bis zum Herbst reichen die Reserven noch. Bis dahin wäre es mit der richtigen Priorisierung und der Abdeckung durch andere Gasimporte möglich, einen reibungslosen Übergang in die Wärmewende zu ermöglichen. Wichtig wären mehr Windkraft, mehr Wärmepumpen, bessere Isolation von Gebäuden und Ausbau von Fernwärme und Biogas.

Die Diskussion um Atomkraft hingegen lenkt eher von den wichtigeren Punkten ab. Sollte es möglich sein, sie im Winter weiter zu betreiben, wäre das zwar eine gewisse Ergänzung, aber wir sollten nicht zu viel Zeit und Energie auf die Debatte und die Idee verwenden. Zumindest für Deutschland ist dieser Zug abgefahren. Der wichtigste Punkt ist ohnehin die Wärme.

Dafür braucht es den Einsatz der zigtausenden Handwerker:innen und Ingenieur:innen, die das Land zu bieten hat. Die Politik muss deren Arbeit unterstützen und sicherstellen, dass ein schneller Ausbau nicht an Regulierungen scheitert. Wenn alle zusammenhelfen, hat Deutschland die Fähigkeit, sich unabhängig zu machen von Putins Oligarchen und seinem Krieg. Und nebenbei längst überfällige Schritte für den Kampf gegen die Klimakrise umzusetzen.

Artikelbild: rawf8

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