Fake-Bilder sollen Stimmung gegen 9-Euro-Ticket machen

| Faktencheck | 7. Juni 2022

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Fake-Bilder machen Stimmung gegen 9-Euro-Ticket

Seit dem 1. Juni 2022 kann man das 9-Euro-Ticket deutschlandweit im Regionalverkehr nutzen. Besonders in aller Munde war es jedoch am Wochenende zu Pfingsten, als aus dem Meme der Reise nach Sylt so ein klein wenig Realität wurde. Viele nutzten das 9-Euro-Ticket – und das verlängerte Wochenende – um wirklich nach Sylt zu fahren und den Internet-Spaß Wirklichkeit werden zu lassen. Darunter auch 50 bis 80 Punks, die natürlich für gute Medienbilder und besonders in der Klatschpresse für etwas Aufregung sorgten.

In Wirklichkeit ist nicht viel mehr passiert, als auf den paar Bildern zu sehen war. Sylts Bürgermeister sagte, die Insel sei nur „punktuell“ (punk intended?) voller, die Situation sei entspannt. Die Polizei betont, die Lage sei ruhig, in der Nach habe es keine größeren Einsätze gegeben. Das schlimmste, was passiert war: Die Gruppe sei mal „ein wenig laut gewesen“, aber auch das sei nichts Besonderes (Quelle). Das hinderte natürlich gewisse Medien nicht daran, regelrecht Panik verbreiten zu lassen, besonders am rechtsradikalen Rand. So bauschte die inoffizielle Parteizeitung der AfD die 50- 80 Punks auf Sylt gar zum „Failed State“ auf (weil ein anderes, rechtsradikales Medium mit einer Londoner Briefkastenfirma und u.a. Verbindungen zur AfD-Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern als „ausländisches Medium“ darüber berichtet habe). Das Ziel ist klar: Punks als „Linksextreme“ stilisieren und Stimmung gegen das 9-Euro-Ticket machen.

Fake-Bilder gegen 9-Euro-Ticket

In diesem Kontext verbreiten sich viele Fakes zu Sylt und dem 9-Euro-Ticket. Man klaut Bilder von vermüllten Zügen aus dem Internet und behauptet, sie seien aktuell. Mehrere viral gegangene Tweets und Beiträge behaupten, diese definitiv älteren Bilder eines vermüllten und zerstörten Zuges seien eine Regionalbahn nach Sylt gewesen.

Diese Bilder sind definitiv nicht in Folge des 9-Euro-Ticket entstanden. Die ältesten Bilder, die wir nach kurzer Recherche finden konnten datierten auf dem 15. Mai 2022 und sollen angeblich nach einem Fußballspiel entstanden sein. Auch das mag falsch sein und die Bilder älter, es ist jedoch nachgewiesen, dass sie aus einem Zeitraum vor dem 9-Euro-Ticket stammen.

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Die Bilder scheinen jedoch wirklich aus dem Mai zu sein, zumindest hat ein anderer Account am gleichen Tag die gleiche Szene aus einer anderen Perspektive fotografiert und ebenfalls Fußballfans verantwortlich gemacht.

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Auch ein Anwalt aus dem „Querdenken“-Umfeld teilte ein manipuliertes und veraltetes Bild, das überfüllte Züge zum 9-Euro-Ticket zeigen sollte. Für ihn relevant war eine mit Photoshop gefälschte Bahnanzeige, auf der angeblich stand „Mit 9-Euro-Ticket Putin stoppen!“. Das bezeichnete er als „Staatspropaganda wie in China“.

Dabei ist es offensichtlich eine Fotomontage und das Bild ist mindestens 11 Jahre alt. Es wurde schon für einen Bericht über einen überfüllten Zug in Münster genutzt – aus dem Jahr 2011 (Quelle).

Nebenbei zeigt es auch deutlich, dass massiv überfüllte Züge an Feiertagen kein neues Phänomen sind und nicht Folge des 9-Euro-Tickets. Überfüllte Züge an Feiertagen sind Alltag. Abgesehen davon, dass das 9-Euro-Ticket ja ohnehin nicht für IC(E)-Züge gilt.

Warum Stimmungsmache gegen 9-Euro-Ticket?

Es gibt mehrere Erklärungen, warum Stimmung gegen das verbilligte Ticket gemacht wird. Aus rechtsextremer Perspektive können damit alte Vorurteile geschürt werden gegen „Geringverdiener“ und „Linksextreme“. Außerdem passt Schlechtreden einer Maßnahme, die die Beliebtheit des ÖPNV und Zugverkehrs zeigen könnte, gut in die Pro-Auto- und Anti-Klimaschutz-Einstellungen. Auch wenn überfüllte Züge – die durch die Fakes der Rechten ja als längst vorhandenes Problem belegt werden – doch eher ein Argument FÜR mehr Investition in die Bahn sind. Eine Bahn, der die CSU-Verkehrsminister in den vergangenen Jahren Millionen Euro für Fernstraßen und Fluggesellschaften zweckentfremdet haben (Quelle).

Generell erklärt ist der Hype, die Memes und die aufgebauschte Berichterstattung natürlich eine gute „Story“, die sich verkauft, auch wenn außer ein paar dutzend Punks auf Sylt bisher nichts Besonderes passiert ist. Nicht einmal, ob es eine vermehrte Auslastung gab, lässt sich ohne empirische Daten sagen. Dass an Pfingsten – oder bei Reisen nach Sylt – Züge überfüllt sind, ist nun wirklich nicht neu.

Man kennt es:

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Artikelbild: shutterstock.com / Screenshots

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