Ein Paradebeispiel wie die AfD über Kriminalität lügt & ihre Wähler täuscht

Diese Grafik ist Fakenews

„Lügenpresse oder ein gezieltes Zerrbild“ fragt AfD-Politiker Matthias Niebel auf Twitter. Um seine Frage zu beantworten: Das, was er da fabriziert hat und behauptet, ist beides.

Er schreibt: „Die @tagesschau berichtete über 609 Angriffe auf Flüchtlinge im letzten halben Jahr. Dass 2018 aber 46.336 Deutsche von Flüchtlingen angegriffen wurden, war der Redaktion noch nie ein Wort wert. #Lügenpresse oder ein gezieltes Zerrbild?“

Es ist ein Paradebeispiel für die Lügen und Propaganda der in großen Teilen rechtsextremen Partei, denn an dieser Darstellung stimmt beinahe gar nichts. Dröseln wir die Falschdarstellungen einmal auf.



1.) Angriffe auf flüchtlinge

Es stimmt, im ersten Halbjahr 2019 wurden 609 Angriffe auf Flüchtlinge gezählt, darüber berichtete auch die Tagesschau. Dabei handelt es sich um politisch motivierte Straftaten gegen Schutzsuchende, um Hasskriminalität, die von Beleidigung und Volksverhetzung bis zu Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung reicht. Hinzu kommen 60 Angriffe auf Flüchtlingsheime und 42 Attacken gegen Hilfsorganisationen und ehrenamtliche Helfer. Dabei seien 102 Menschen verletzt worden, darunter sieben Kinder.

2.) Die 23.000 sind erfunden

Die dem gegenübergestellte Zahl von 23.000 Angriffen von Flüchtlingen ist hingegen vollkommen falsch und eine dreiste Lüge. Man könnte sie auch völlig frei erfunden bezeichnen, jedoch konnten wir die Logikfehler und -sprünge, die nötig waren, um auf diese Zahl zu kommen, identifizieren. Dies ist keine offizielle Zahl und wird nirgendwo geführt. Vermutlich ist es die gerundete und halbierte Zahl der im Tweet erwähnten 46.336 „Angriffe von Flüchtlingen auf Deutsche“ aus dem Jahr 2018. Es ist reine Spekulation und absolut unvergleichbar, einfach die Zahl für 2018 zu halbieren. Denn es ist ein völlig unterschiedliches Jahr. Und es handelt sich auch nicht ausschließlich um Straftaten aus dem Jahr 2018, später dazu mehr.

Abgesehen davon handelt es sich bei der Zahl von 46.336 überhaupt nicht um „Angriffe von Flüchtlingen auf Deutsche“. Wie man in dem entsprechenden BKA-Bericht (Seite 52) nachlesen kann, wurden 2018 46.336 Deutsche Opfer einer Straftat, bei der mindestens ein Zuwanderer als Tatverdächtiger ermittelt werden konnte. Mit „Zuwanderer“ ist jedoch nicht zwingend ein Schutzsuchender oder Migrant gemeint, hier mehr dazu.

Zu beachten ist hier, dass es sich einmal um verschiedene Delikte handelt und dass die Opferzahlen größer sein können als die Anzahl der Taten, da zu einer Tat mehrere Opfer ermittelt werden können. Diese Zahlen sind dennoch überhaupt nicht miteinander zu vergleichen, da es sich nicht um Hasskriminalität handelt. Demnach wurden 2018  8.455 „Zuwanderer“ Opfer einer Straftat, die durch einen Deutschen verübt wurde. Wie viele davon Gewalttaten waren, ist aber leider unbekannt. Aufgrund vieler Schwächen der Statistik wurden aber zum Beispiel höchstens 20 Deutsche Opfer eines vollendeten Tötungsdelikts, bei welcher mindestens ein „Zuwanderer“ tatverdächtig war. Mehr dazu:

Falsch: 2018 wurden NICHT 230 Deutsche durch „Zuwanderer“ getötet

3.) Wer „verschweigt“ was?

Dass die Tagesschau nicht über „Angriffe von Flüchtlingen auf Deutsche“ im ersten Halbjahr 2019 berichtet hat, liegt also daran dass erstens solche Zahlen gar nicht vorliegen und zweitens dass die Straftaten, die die AfD hier anführt, gar nicht mit den 609 Fällen von Hasskriminalität vergleichbar sind. Man müsste dem gegenüber die Hasskriminalität von Schutzsuchenden gegenüber Deutschen stellen – Ein Form von politischer Kriminalität, die es gar nicht gibt, auch wenn die AfD etwas anderes erzählt.

Hier wird eine Relativierung vorgenommen und „gewöhnliche“ Kriminalität von „Zuwanderern“ mit Hasskriminalität von größtenteils Rechtsextremen verglichen. Man kann höchstens die Fälle „Täter Zuwanderer-Opfer Deutsch“ mit „Täter Deutsch-Opfer Zuwanderer“ vergleichen, dies ist jedoch ebenfalls fruchtlos, weil es nicht genau so viele „Zuwanderer“ gibt in Deutschland wie Deutsche. Beachten muss man auch, dass bei 29% aller Straftaten mit tatverdächtigen Zuwanderern das Opfer ebenfalls Asylbewerber/Flüchtling war, bei 45% Deutsche.

Vorsätzliche Tötungsdelikte spielen sich „zu über 90 Prozent unter Flüchtlingen oder sonstigen Nichtdeutschen“ ab. Bei gefährlichen oder schweren Körperverletzungen sind es 75 Prozent. Darüber hat die Tagesschau berichtet. Schauen wir uns aber hingegen die  Hasskriminalität der PMK 2018 an:

Grafik von Frank Stollberg

Darunter fallen allerdings auch Propagandadelikte, also speziell die Gewalttaten der politisch motivierten Hasskriminalität:

Grafik von Frank Stollberg

Wie viele davon auf Menschen fallen, die unter die Definition „Zuwanderer“ fallen, ist unklar. Auch wenn die AfD das anders sieht: „Zuwanderer“/“Flüchtling“ ist keine extremistische Ideologie. Im Gegensatz zu Rechtsextremismus, wie man ihn in der AfD zahlreich findet (Mehr dazu). Darüber hinaus ist die Kriminalität insgesamt 2018 zurück gegangen, zum zweiten Mal in Folge. Und ist auf den niedrigsten Stand seit 1992 gesunken. Weitere AfD-Mythen und Denkfehler zu Kriminalität haben wir hier aufgeschlüsselt.

Kriminalität: Wie jedes Gespräch mit einem AfD-Wähler abläuft

Zahlenspielchen mit schlechten Statistiken

Die AfD hat hier also mehrfach nicht vergleichbare Zahlen unzulässig extrapoliert und willkürlich gegenübergestellt. Dabei greift sie ohnehin auf eine Statistik und Zahlen zurück, die mehrfach unzuverlässig sind, da sie schwammige Definitionen von „Zuwanderern“ verwenden, die sich über die Jahre hinweg auch noch geändert haben oder veränderte Definitionen von Strafbeständen wie bei den Sexualdelikten. Mehr dazu:

Kriminalstatistik: Messer-Martin dreimal so kriminell wie Chorknabe Chalid?

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Hinzu kommt noch, dass es eine Ausgangsstatistik ist, die nur abgeschlossene Fälle enthält, wie prominent den Anschlag auf den Breitscheidplatz Dezember 2016. Ja, für die Zahlen von 2018. Die Zahlen werden dadurch nahezu nutzlos, um qualitative Aussagen über die Kriminalitätsentwicklung zu fällen.

Bei Zuwanderern verzählt, bei Kriminalität verrechnet: Nicht nur Rechte stolpern über BKA-Statistik

 

Zusätzlich zu diesen Schwächen vergleicht die AfD nicht nur Äpfel mit Birnen, sondern macht eine statistisch völlig unzulässige Schätzung. Das alles wird darüber hinaus mit manipulativer Sprache und einer Verschwörungstheorie garniert. Dass darüber nicht berichtet wurde, wird einer Verschwörung zugeschoben, anstatt der Tatsache, dass diese Zahlen quasi erfunden sind.

Letztlich will die AfD davon abgelenken, wie sehr die eigene Hetze zu Kriminalität und Straftaten im Bereich der Hasskriminalität führt und durch völlig andere und falsche Zahlen relativieren. Die abschließende Frage „Lügenpresse oder ein gezieltes Zerrbild“ ist reinste Manipulation, da beide Optionen das Gleiche bedeuten. Und ironischerweise viel besser auf die eigene Grafik zutreffen.

Artikelbild: Red Moccasin, shutterstock.com

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