Faktencheck: So will dich diese Anti-Klima-Grafik verarschen

Faktencheck Klima

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Diese Grafik nutzt ein paar tricks um dich zu blenden!

Eine Grafik wir seit einigen Tagen im Netz geteilt, die ein paar Zahlentricks verwendet, um zu unterstellen, dass eine Reduktion des CO2-Ausstoßes in Deutschland sinnlos wäre.

Auf den ersten Blick wirkt es wirklich interessant: Der Anteil von CO2 ist so winzig und der Anteil Deutschlands daran noch winziger. Wenn man eben nicht darüber nachdenkt, könnte man zum Schluss kommen, dass eine CO2-Reduktion in Deutschland sinnlos sei. Aber diese Grafik nutzt ein paar fiese Zahlentricks für Anti-Klimaschutz-Propaganda und lässt andere Dinge weg. Also lasst uns „einfach mal darüber nachdenken“.



1. Kleine Anteile, großer einfluss

Die tödliche Dosis von Arsen für einen Menschen mit 100 kg Körpergewicht liegt bei etwa 140 mg. Das sind also etwa 0.00014% des Körpergewichtes. Wie man sieht, können auch sehr kleine Anteile eine große Auswirkung auf ein komplexes System haben. Auch ein „bisschen“ CO2 ist schon höchst relevant. Wegen des Treibhauseffektes. 

Der Treibhauseffekt funktioniert darüber, dass er Licht bestimmter Wellenlängen, welche vom Planeten zurückgestrahlt werden, wieder zurückwirft. Plump formuliert: Der „behält“ Teile der eingestrahlten Sonnenenergie zurück, die ansonsten wieder in den Weltraum gestrahlt worden wären. Und CO2 (und andere) sorgen dafür, dass mehr Wärme auf der Erde bleibt. Klimaerwärmung eben.

NASA, translated by IqRS, redrawn by Christoph S.

Und die Sonne strahlt *sehr viel* Energie am Tag auf die Erde. Das Bild illustriert das ganz gut: Von 341 W/m², die eingestrahlt werden, wird das allermeiste (fast alles!) wieder von der Erde abgegeben. Weniger als 0.5% der Energie verbleiben zunächst im Gesamtsystem des Planeten. Wenn ich nun von dieser riesigen eingestrahlten Energie nur ein kleines, kleines Stückchen da behalte, dann ist das aus unserer Sicht immer noch ziemlich viel.

2. 96% des Co2 stammen nicht aus der umwelt

Die Ansicht, dass 96% des produzierten CO2 aus der Natur stammen würden, ist eine Fehlsuggestion. Zwar stimmt es, dass das von Ozeanen und Wäldern abgegebene CO2 mengenmäßig die menschengemachten Emissionen weit übersteigt – sie sind dort aber jeweils Teil eines CO2-Kreislaufes, der unterm Strich das ganze CO2 wieder in die Natur zurücknimmt.

Will sagen: Der Ozean „emittiert“ vielleicht eine Menge X, er *absorbiert* aber gleichzeitig auch eine Menge, die in der Regel sogar größer als X ist. Bei Vegetation ist es – vorbehaltlich irgendwelcher Waldbrände etc. – das gleiche: Sowohl Ozean, als auch Vegetation sind eigentlich CO2-*Senken*. Sie nehmen mehr auf, als sie abgeben. Der Mensch aber nimmt CO2, welches eigentlich in eingeschlossener Form als fossile Brennstoffe gebunden ist, und setzt das frei – das ist kein Kreislauf, das ist eine einfache Anreicherung (Mehr dazu).

Der Mensch ist also wirklich nicht für das meiste CO2 verantwortlich, das freigesetzt wird. Er ist aber definitiv für einen großen Teil des CO2 verantwortlich, das nicht absorbiert wird und in der Atmosphäre „übrig“ bleibt. Denn von den Rekordwerten an CO2 mit 415 ppm ist der Mensch für 40% verantwortlich:

via Science Alert

3. Deutschland soll das Klima nicht alleine retten

Das Argument, Deutschland wolle alleine das Klima retten, geht am eigentlichen Punkt der Klimaschützer vorbei. Niemand  in Deutschland erwartet, dass wir mit unseren Gesetzesmaßnahmen die globale Erwärmung allein aufhalten können. Es geht um Verantwortung im internationalen Kontext. Jeder muss einen Anteil leisten. Deutschland hat zwar „nur“ 82 Millionen Einwohner und einen vergleichsweise geringen Anteil an den Gesamtausstößen – Deutschland ist aber auch eine wirtschaftliche Weltmacht.

Wie sollte man andere Länder überzeugen, etwas zu unternehmen, wenn man das selbst nicht tut? Man würde uns Heuchelei vorwerfen. Zu Recht. Überhaupt ist der Verweis auf Deutschlands Nichtigkeit nur ein Rechentrick: Wäre die Europäische Union eine statistische Einheit (Wie China oder Indien), wäre sie ein ganz erheblicher Player in dem Spiel. Und wir können Klimapolitik EU-weit regeln.

Außerdem ist es ebenfalls ein Trick, so zu tun, als würden nur die Emissionen von heute gelten. Historisch hat Deutschland einen viel größeren Anteil an den Emissionen. Und immer noch einen doppelt so hohen Pro-Kopf-Ausstoß wie der Weltdurchschnitt (Mehr dazu).

4. Es geht ja nicht nur um co2

Es geht ja nicht nur um CO2, sondern um alle möglichen Klimagase, die aber aus Bequemlichkeitsgründen nur in CO2-Äquivalente umgerechnet werden. Auch damit man einfacher rechnen kann. In so mancher Statistik taucht aber – darauf muss man achten – manchmal tatsächlich nur die CO2-Emission auf, während z.B. Methan vernachlässigt wird. Methan ist 21-mal wirksamer als CO2 was den Treibhauseffekt betrifft. Dieses und andere Gase einfach wegzulassen verzerrt das Problem, um das es geht.

5. Ein „kleiner“ Temperaturanstieg hat schwere Folgen

Das Klimasystem der Erde ist aus unserer (!) Sicht enorm empfindlich. Schon ein „klein“ wirkender Durchschnittsanstieg von – sagen wir – 2°C wäre für unsere Bedürfnisse als Menschen fatal. Und wir haben die Erde jetzt bereits um circa 1,1°C aufgeheizt! Der „natürliche“ Treibhauseffekt hat in der Tat „große“ Auswirkungen: Ohne ihn wäre die Durchschnittstemperatur auf dem Globus etwa bei Minus 18°C, also 35-40° kälter als jetzt (Mehr dazu).

Vor allem würde spätestens dann ein nicht aufzuhaltender Teufelskreis starten: Durch die hohen Temperaturen würde „automatisch“ mehr CO2 freigesetzt werden und der Treibhauseffekt würde sich verselbstständigen und alles noch viel schlimmer machen. Es würde also nicht nur bei den 2°C bleiben. Und das 1° führt jetzt bereits zu Problemen. Deshalb will das Pariser Klimaabkommen den Anstieg ja auf 1,5°C begrenzen.

Um die Erderwärmung mit hoher Wahrscheinlichkeit auf 1.5 Grad zu begrenzen, darf nur noch eine ganz bestimmte Menge CO2 in die Atmosphäre gelangen. Rechnet man auf diese Menge drauf, was wir bisher in die Luft gepustet haben, dann ergibt sich daraus ein Gesamtbudget für die Menschheit. Man kann dann auch ausrechnen, wie viel welches Land sich aus diesem Budget „genommen“ hat. Im Fall von Deutschland stellt man fest, dass wir uns relativ zur Bevölkerung ziemlich ausgiebig am Budget bedient haben – ein Vielfaches mehr als der Rest der Welt. 

Auch stellt man sehr schnell fest, dass unser Budget sehr bald aufgebraucht ist. Nur noch 9 Jahre haben wir beim aktuellen Tempo übrig, danach schreiben wir rote Zahlen. Wir müssen jetzt dringend etwas tun. Und solche Grafiken wie diese sind höchst gefährlich, da sie zum Nichtstun animieren. Lasst euch deshalb nicht verarschen.

Co-Autoren: Patrick Gelhausen, Thomas Laschyk, Philip Kreißel. Gifs: Philip Kreißel. Artikelbild: Red Moccasin, shutterstock.com / Screenshot facebook.com

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