Analyse: „BILD“ wetzt die Messer und schneidet dabei sehr schlecht ab….

| 16. Januar 2020

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Von Tobias Wilke



Als NRW seine erste (!) Gesamtjahresstatistik zu „Straftaten mit Messern“ präsentiert hat, rechnete Innenminister Herbert Reul (CDU) womöglich gar nicht damit, wie sehr die BILD und die Deutsche Polizeigewerkschaft diese zu ihrem eigenen Vorteil massakrieren würden. Weil sie offenbar grundsätzlich von Mord & Totschlag ausgehen, obwohl mehrheitlich ganz andere Delikte erfasst wurden.

Erstaunlich: Zahlen aus NRW, die die „Brisanz des Themas“ und die „Zunahme (sic!) der Gewalt“ belegen sollen. Dabei zitiert die Bild selbst im letzten Satz ihres Artikels zum Thema NRW-Innenminister Reul:

„Es fehlen allerdings die Vergleichsmöglichkeiten, da diese Zahlen erstmals erhoben wurden.“

BILD-Titelseite 16.01

MEHR ODER WENIGER?

Da stellt sich natürlich die Frage: wie berechnet man eigentlich eine solche „Zunahme“ ohne Vergleichswert? Sind es +30%? Oder gar das Doppelte? Man weiß es nicht, vielleicht sind die Zahlen auch deutlich gesunken? Der BILD scheint das vollkommen egal zu sein… „Messer“ das ist ja auch etwas Emotionales. Damit schneidet man keine Gurken oder ein Schweinesteak. Es ist eine Waffe!

Eine (potentielle!) Waffe, die bis 2015 offenbar vollkommen unbekannt war in unseren Breitengraden. Ein Kotelett haben „die Deutschen“ wohl schon immer mit einem Feuerstein zerteilt, dazu finden sich bestimmt beweiskräftige Höhlenmalereien im Neandertal. Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft jedenfalls scheint sich große Sorgen zu machen…. wegen der „Ausländer“. „Ihn beunruhigt der hohe Anteil an Nichtdeutschen und Zuwanderern, überrascht zeigt er sich aber nicht.“, zitiert ihn seine Deutsche Polizeigewerkschaft.

Bei der Gelegenheit eine Frage an die BILD: liegen solche Messer für „Messer am Schreibtisch“-Symbolfotos eigentlich griffbereit in den Redaktionen herum, falls mal wieder ein Themenbild gebraucht wird für Kriminalstatistiken…?

ZAHLEN BITTE!

Statt nach dem nächsten Messer zu suchen, hätte BILD sich diese „Messer-Statistik“ vielleicht einfach mal etwas näher bzw. überhaupt ansehen sollen. Das gleiche gilt natürlich auch für Rainer Wendt. Dann wäre ihr vermeintlich nächstes, großes Ding, der sogenannte „Große Report “ sicherlich deutlich kleiner ausgefallen.

Irgendeine „Zunahme“ von „Angriffen“ oder „Gewalt“ mit Messern ist also wegen fehlender Vorjahresvergleichswerte pure Raterei. Auch wenn die BILD „Die ganze Wahrheit“ verspricht und Rainer Wendt sich womöglich für ein schnittiges Zitat zum Thema den rechten Arm abhacken würde.

Diese erste(!) NRW-Jahresstatistik findet sich noch nicht als Download. Aber bereits Ende August 2019 gab es bereits eine erste „Halbjahresbilanz“ zu „Straftaten mit dem Tatmittel Stichwaffe“ – als Antwort auf eine kleine Anfrage eines AfD-Landtagsabgeordneten (Drucksache 17/7226).

Für jeden einsehbar, der danach sucht. Eine Möglichkeit, die somit durchaus auch die BILD hätte nutzen können. Oder Rainer Wendt. Die Palette von Straftaten, die mit dem „Tatmittel Stichwaffe“ begangen werden können, ist ausgesprochen lang. Bei etlichen von ihnen -mindestens der Hälfte- ist wohl per Definition kein einziger Tropfen Blut geflossen.

KEIN BUTTERFLY, HERR POLIZEI?

Eines der „blutlosen“ Delikte aus dem 1. Halbjahr 2019 betrifft die sogenannten „Straftaten gegen das Waffengesetz“. Immerhin 501 von 3550 Fällen. Da es um Stichwaffen geht, wurden also keine Handgranaten oder Maschinengewehre bei den warum auch immer kontrollierten Personen gefunden. Sondern Messer.

Immer verboten gemäß §42a Waffengesetz in Deutschland sind u.a.:

  • Butterflymesser
  • Faustmesser
  • Fallmesser
  • Springmesser
  • Balisongmesser
  • Frontspringmesser

Wenn sich also Rainer Wendt „Sorgen“ macht wegen der vielen „Ausländer“, die bei einer Kontrolle mit solchen Messern angetroffen werden, sollte er seine Begeisterung für „Racial Profiling“ bei solchen Kontrollen womöglich noch einmal überdenken….

ICH STECH DICH AB UND F*** DEINE MUDDA!

Einen noch deutlich größeren Anteil jener „Attacken“ oder „Gewalttaten“ (BILD) hatten die polizeilich ermittelten Straftatbestände der „Bedrohung“ gem. §241 StGB.

Eine Bedrohung ist selbstverständlich eine sehr ernst zunehmende Straftat. Aber anders als BILD in seiner „Ganzen Wahrheit“ in ihrem „Großen Report“ suggeriert, wurde hier niemand abgestochen. Allein dieser Straftatbestand macht mit 1261 von 3550 Delikten im ersten Halbjahr mehr als ein Drittel (35,5%) dessen aus, was BILD als „Gewalt mit Messern!“ zu verkaufen versucht. Langsam wird es einfach stumpf.

Artikelbild: Roman Samborskyi, shutterstock.com 

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