Russische Propaganda: Nein, auch auf Riems gibt es keine „Biowaffenlabore“

| Faktencheck | 5. April 2022


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Faktencheck: Biowaffenlabore in Deutschland, Riems

von Pauline Reinhardt

Die russische Propaganda läuft insbesondere seit der Invasion der Ukraine auf Hochtouren. Ein altbewährte Propaganda-Behauptung, die der Ablenkung dient, ist das Unterstellen, Biolabore zu betreiben, die gefährliche Waffen herstellen würden. Mythen über Biowaffenlabore in der Ukraine wurden von Russland, aber auch China in letzter Zeit gestreut. Unter anderem soll es so ein „Biowaffenlabor“ auch in Deutschland, in Riems gegeben haben. Das ist natürlich Fake.

Russland & China streuen Mythos über US-Biolabore in der Ukraine ohne Belege

Der russische UN-Botschafter Wassili Alexejewitsch Nebensja hat Anfang März bei einem Treffen des UN-Sicherheitsrates behauptet, ukrainische Labore würden zu Biowaffen forschen. Unter anderem seien 140 Container mit Parasiten von Fledermäusen verschickt worden, deren Verbleib unbekannt sei. Das ist aber falsch: Die Parasiten sind innerhalb eines ukrainisch-deutschen Forschungsprojektes zum Friedrich-Loeffler-Institut auf Riems gesendet worden, wo sie sicher verwahrt werden. Sie können aufgrund der Anreicherung mit Ethanol nicht als Biowaffen eingesetzt werden.

Das Treffen des UN-Sicherheitsrates wurde zum ersten Mal am 11. März 2022 ausgestrahlt. Darin behauptet der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja, ukrainische Labore würden – unterstützt von den USA – zu Biowaffen forschen. Er springt in seiner Rede zwischen verschiedenen Behauptungen hin und her, vermischt sie mit der Biowaffenentwicklung der japanischen Armee in den 1940er Jahren. Nebensja erzählt unter anderem, ein Biolabor in der Ukraine habe 140 Container mit Fledermausparasiten verschickt.

Nur Teile der Behauptungen stimmen

Es sei nicht bekannt, wo das gefährliche Material sich nun befinden würde. Er vermutet, die Parasiten könnten sich in Europa verbreiten. Es bestünde ein sehr hohes Risiko, dass sie gestohlen und für terroristische Zwecke verwendet oder auf dem Schwarzmarkt verkauft werden könnten (Quelle, Wassili Alexejewitsch Nebensjas Redebeitrag beginnt ab 17:52).

Screenshot: Wassili Nebensja beim Treffen des UN-Sicherheitsrates

Nur ein Teil seiner Behauptung stimmt: Seit 2020 haben ukrainische Forscher:innen in Charkiw 140 Flöhe, Zecken und Fliegen von Fledermäusen aus der östlichen Ukraine gesammelt, in Ethanol getaucht und verschickt. Allerdings ist der Verbleib der Parasiten sehr wohl bekannt. Die Proben wurden im Rahmen einer ukrainisch-deutschen Zusammenarbeit nach Deutschland gesendet, zum Friedrich-Loeffler-Institut auf Riems (Quelle).

Riems ist eine vorpommerische Ostseeinsel, die zwischen Rügen und dem Festland liegt. Sie ist eher unbekannt, kein Urlaubsziel. Denn: Im Friedrich-Loeffler-Institut in Riems wird zu Tiergesundheit geforscht, beispielsweise anhand von Viren. Deswegen sind große Teile der Insel Sperrgebiete (Quelle).

 

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Wie konnte der Fake entstehen?

Zunächst sind russische Fake News zu Biowaffen nichts Neues – bereits 2018 verbreiteten russische Medien Fake News zu US-finanzierten Biowaffenlaboren in Georgien (Quelle). Gerade zu Zeiten der Coronapandemie sind Behauptungen zu Biowaffen überall beliebt geworden, so kursiert nach wie vor die nicht belegte These, in Wuhan seien Coronaviren im Labor entwickelt worden (Quelle). Auch Nebensja beginnt seine wirre Rede beim Treffen des UN-Sicherheitsrates mit einem Verweis auf die Pandemie: Diese habe gezeigt, wie vulnerabel die Menschheit sei, wenn es um biologische Bedrohungen gehe – damit schürt er Angst.

Kurz vor der Sitzung veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium eine Vereinbarung zwischen den Forscher:innen in Charkiw und Cornelia Silaghi vom Friedrich-Loeffler-Institut auf Riems. Was damit bewiesen werden soll, ist unklar. Ebenso, wie das Ministerium an diese Informationen gelangen konnte (Quelle). Es scheint sich um einen Versuch zu handeln, die eigenen Behauptungen mit Dokumenten zu untermauern. Ebenso könnte die Veröffentlichung der Vereinbarung als Drohung gelesen werden; um zu zeigen, dass man Zugriff zu vertraulichen Daten hat.

Anschlussmöglichkeiten an andere Fake News

Die Fake News von der Biowaffenforschung auf Riems lassen sich gut an andere Behauptungen anschließen. Im April 2021 betitelte der Reiseblog Travelbook Riems als „gefährlichste Insel Deutschlands“ (Quelle). Die Beschreibungen der strengen Sicherheitsmaßnahmen wecken das Interesse: Alles, was unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschieht, insbesondere mit unsichtbaren Viren und Bakterien, kann Misstrauen erzeugen, das schnell zur Generierung von Fake News führt.

So war die Insel Riems schon im Dezember 2021 auf diversen Fake-News-Websiten ohne Impressum Thema. Genau genommen – natürlich – die Verbindungen des Forschungsinstituts zur Bill and Melinda Gates-Stiftung – bekanntlich ein Lieblingsthema von Querdenker:innen.

Was außerdem Fake News nähren kann: Auf der Insel Riems wurde tatsächlich zu Biokampfstoffen geforscht – im Nationalsozialismus. Damals wurden Forschungen zu einem für Rinder tödlichen Maul- und Klauenseuchenerreger angestellt, der allerdings keine Anwendung im Zweiten Weltkrieg fand (Quelle).

Reaktionen

Die falschen Behauptungen des russischen UN-Botschafters wurden von russischen Medien sowie vom extrem unseriösen US-amerikanischen Sender Fox News aufgegriffen (Quelle). Sie schüren das falsche Narrativ, es handele sich bei dem Krieg gegen die Ukraine nicht um einen Angriffskrieg, sondern um Verteidigung. Wie die US-amerikanische UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield in der Sitzung des UN-Sicherheitsrates warnte: Solche Fake News können von Russland verwendet werden, um den eigenen Gebrauch biologischer Waffen zu rechtfertigen (Quelle).

Das Friedrich-Loeffler-Institut Riems hat auf die Vorwürfe reagiert. In einem Artikel des renommierten Science Magazin wird die deutsche Forscherin Cornelia Silaghi zitiert. Sie koordiniert die Zusammenarbeit mit den Forscher:innen in Charkiw.

Silaghi wisse genau, wo die Parasiten seien – in ihrem Gefrierschrank. Außerdem widerspricht sie der Behauptung, man könne die Parasiten als Biowaffe einsetzen. Das Ethanol, das für die Tötung und Erhaltung der Parasiten genutzt werde, sorge auch dafür, dass keine Krankheitserreger verbreitet werden können. Nur das Genmaterial der Flöhe, Zecken und Fliegen sei zugänglich.

Und was den ganzen Verschwörungslügen noch mehr widerspricht: Unterstützung aus den USA habe es bei diesem Projekt nicht gegeben (Quelle).

Fazit: Russland versucht jetzt auch deutsche Biowaffenlabore zu erfinden

Der russische UN-Botschafter Wassili Alexejewitsch Nebensja hat Anfang März bei einem Treffen des UN-Sicherheitsrates gelogen, ukrainische Labore würden mit Unterstützung der USA in Deutschland, Riems, zu Biowaffen forschen. Ein zuvor vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichtes Dokument beweist tatsächlich, dass es eine Vereinbarung zwischen Forscher:innen in Charkiw und dem Friedrich-Loeffler-Institut auf der Ostseeinsel Riems gab.

Nebensja lügt jedoch, der Verbleib von 140 Containern mit Fledermausparasiten sei unbekannt. Richtig ist: Die Parasiten sind innerhalb des ukrainisch-deutschen Forschungsprojektes nach Riems gesendet worden, wo sie sicher verwahrt werden. Sie können dank des Zusatzes von Ethanol nicht als Biowaffen eingesetzt werden, außerdem gibt es keine Unterstützung des Projektes durch US-amerikanische Gelder. Wieder einmal wurden russische offizielle beim Lügen und dem Verbreiten von wahrheitswidriger Propaganda erwischt.

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