„Pandemie geht erst richtig los“: Wie Drosten medial verzerrt dargestellt wird

| Analyse | 24. September 2020

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Drosten verzerrt wiedergegeben

Natürlich speist sich ein Großteil des Hasses gegen den Sars-Coronaviren-Mitentdecker und weltweit führenden Corona-Experten Dr. Drosten aus gezielter Desinformation von Pandemie-Leugnern und Rechtsextremen. Die absurde Lügen und Hetze gegen den Virologen verbreiten, behaupten, seine Doktorarbeit würde nicht existieren (was sie tut), oder dass es irgendeinen Grund gäbe, warum er vor einem Gericht landen sollte. Noch dazu in den USA (mehr dazu). Doch auch die seriösen Medien tragen bisweilen zum Feindbild bei, indem sie seine stets differenzierten und qualifizierten Einschätzungen verkürzt oder überspitzt in Überschriften wiedergeben. So auch bei dem Zitat “Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen” vom Mittwoch.

In einem Interview mit dem ZDF stellte Dr. Drosten jetzt aber klar, dass das „Pandemie geht erst richtig los“-Zitat schon knapp zwei Monate alt ist. “Das kommt aus einem Interview, das ich mit einem sehr weiten Zeitrahmen gespannt vor sechs, acht Wochen geführt habe – und das heute veröffentlicht worden ist”, sagte Drosten. Es sei ein “sehr langes und grundsätzliches Interview gewesen”, aus der Perspektive im Sommer. Außerdem ging es um eine weltweite Betrachtung.

Derzeit “keinen Grund, sich spezielle Sorgen zu machen”

“Hier geht es nicht darum zu warnen vor der nächsten Woche oder so was, sondern es geht um eine weltweite Perspektive und weltweit geht es tatsächlich jetzt richtig los”, stellt Drosten klar. Deutschland sei derzeit in einer Sonderstellung. “Aus der heutigen Einschätzung gibt es für die kommende Woche keinen Grund, sich spezielle Sorgen zu machen.” Aber Dr. Drosten spricht sich auch dagegen aus, nur so kurzfristig zu denken. “Wir müssen uns das auch für Deutschland vorstellen, dass das so kommen kann und wahrscheinlich wird, wie in den Nachbarländern.”

Natürlich handelt es sich bei den Meldungen in der seriösen Presse nicht wirklich um gezielte Desinformation, wie man sie bei den Medien am rechten Rand findet. Dennoch führt derart überspitzte und verkürzte Darstellungen der Positionen Drostens wie die „Pandemie geht erst richtig los“-Aussage, dass Drosten-Hater und rechte Politiker:innen gegen den Virologen hetzen, um vor ihren realitätsfernen Publikum zu punkten.

Drosten-Hate auch durch mediale Verkürzung angestachelt

Es ist leider Fakt, dass sich die Mehrheit der Menschen in den meisten Bereichen lediglich über Überschriften und Sharepics informiert. Es ist journalistisch und wirtschaftlich zwar eine Notwendigkeit, auf nur wenige Zeichen eine interessant klingende Schlagzeile zu reduzieren, aber die mediale Debatte und die Meinungsbildung erfolgt oftmals nur darüber. Nicht jedes Medium missbraucht das bewusst, wie beispielsweise das Boulevard-Blatt BILD. Dennoch können auch so unbeabsichtigt Schlagzeilen produziert werden, deren mediale Wahrnehmung fast nicht von Fake News zu unterscheiden sind.

Hört man sich den Podcast Dr. Drostens an, oder seine Interviews, wird schnell klar, dass Drosten mit Abstand nicht so eindimensional und undifferenziert argumentiert, wie er in Teilen der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Durch die Filter der Schlagzeilen geht diese ganze Differenzierung jedoch verloren. Natürlich aber auch durch bewusste Hetze von rechten Rand. Drosten macht keine Prophezeiungen, sondern gibt stets nur differenzierte Einschätzungen aufgrund der aktuellen Sachlage. Einschätzungen, die sich durch neue Erkenntnisse auch anpassen.

In der medialen Wahrnehmung, besonders unter Pandemie-Leugnern kommt jedoch nur noch ein Zerrbild dieser Einschätzungen an. Drosten ändere ständig seine Meinung, oder läge dauernd falsch, ist das, was am Ende bei einigen ankommt. Natürlich ist es auch deren Schuld, dass sie sich bewusst nicht ausgewogen informieren und professionelle Betrüger:innen und Medien vom rechten Rand konsumieren, die ihnen nur ihre vorgefertigte Meinung zufüttern. Aber ein Zitat zu verbreiten wie „Pandemie geht erst richtig los“, das Wochen alt ist und sich nicht auf die aktuelle Lage bezieht, füttert letztlich auch die Flammen des unsachlichen Diskurses.

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Artikelbild: Screenshot zdf.com

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