Wie BILD letztes Jahr über Corona berichtet hat – Gastbeitrag von BILDBlog

| Analyse | 7. Juni 2021

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Der folgende Text sollte eigentlich im Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste“ des BILDBlogs erscheinen, hat aus Platzgründen aber nicht hineingepasst. Darum freuen wir uns, ihn nun hier bei uns als Gastbeitrag zu veröffentlichen. Auf BILDBlog selbst gibt es ihn natürlich auch.

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Wie BILD über Corona berichtet hat

Gastbeitrag von BILDBlog

Kein Thema hat die Berichterstattung der „Bild“-Medien in der jüngeren Vergangenheit so sehr bestimmt wie die Corona-Pandemie. Aber wie genau sah diese Berichterstattung aus? Wie hat sich die Redaktion positioniert? Was war gut und was schlecht? Schaut man sich an, wie „Bild“ im Jahr 2020 über das Coronavirus berichtet hat, lassen sich neun Phasen erkennen. Diese sind nicht komplett trennscharf, sie überlappen sich teilweise oder laufen parallel.

Die Kennenlernphase (Januar 2020)

Es ist nur eine kurze Meldung, gerade mal 18 Zeilen lang, unauffällig platziert auf Seite 10 neben einem Ratgeberbeitrag, der erklärt, wie die Vorsätze für das neue Jahr „wirklich zu schaffen sind“. Überschrift: „SARS in China ausgebrochen?“

In der chinesischen Großstadt Wuhan ist eine mysteriöse Lungenkrankheit ausgebrochen. Bislang seien 27 Erkrankte identifiziert worden. Laut Experten sei die Ursache der Erkrankung derzeit noch unklar. Das chinesische Parteiorgan „Volkszeitung“ spricht von „schweren Lungenentzündungen“. Beobachter befürchten jedoch, das SARS-Virus könnte die Ursache für die Erkrankung sein. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 2. Januar 2020)

An diesem 2. Januar 2020 schreibt „Bild“ erstmals über das, was sich zur weltweiten Pandemie entwickeln wird.

In den folgenden Tagen passiert erst mal: nichts. Fast drei Wochen dauert es, bis in „Bild“ zum ersten Mal von „Corona“ die Rede ist. Am 22. Januar erscheint ein Artikel über einen „Berliner Professor“, der das „Corona-Virus“ entschlüssele. Gemeint ist der Virologe Christian Drosten. Zu diesem Zeitpunkt gebe es „schon 6 Tote in China“, schreibt die Redaktion auf Seite 6:

Das neue Corona-Lungenvirus breitet sich auf dem asiatischen Kontinent aus.

Die Zahl der Infizierten stieg in China auf 291. Dazu kommen Fälle in Thailand, Japan, Südkorea, Taiwan und sogar in den USA. Sechs Menschen starben bereits.

Noch wird das Risiko einer Ausbreitung auch in Deutschland als gering gewertet. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 22. Januar 2020)

„Bild“ zitiert Drosten mit: „Wir müssen uns in Deutschland darauf vorbereiten, dass es zumindest in Einzelfällen auch zu Einschleppungen der Erkrankung kommt.“

Von nun an geht es ganz schnell, exponentiell sozusagen. Bereits einen Tag später fragt „Bild“: „CORONA-VIRUS – Panikmache oder echte Gefahr für die Welt?“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 23. Januar 2020) Schon jetzt haben die Layouter den Artikel in das Gelb getunkt, das sie traditionell bei Seuchen verwenden (Siehe etwa hier: Quelle und hier: Quelle) und das die Berichterstattung des kommenden Jahres optisch prägen wird. Am 27. Januar sind laut „Bild“ „Europas Flughäfen in Alarm-Bereitschaft“, denn: Das „Corona-Virus breitet sich rasant aus – viele weitere Fälle“. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 27. Januar 2020)

Zwei Tage später dann die erste Corona-Titelseite: „Bundeswehr rettet Deutsche aus der Seuchen-Zone +++ Sondermaschine startet heute nach China +++ Schon vier Corona-Fälle in Deutschland +++ Botschaft organisiert Krisentreffen +++ Ansturm auf Schutzmasken +++ Was Sie jetzt wissen müssen“. Ein „Bild“-Redakteur schreibt im Kommentar: „Keine Panik!“, schließlich gelte: „Fast so schlimm wie ein Virus ist die Angst davor.“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 29. Januar 2020)

***

Die Angst- und Alarmphase (Januar bis März 2020)

Nur einen Tag nach diesem Versuch, die Leserschaft etwas zu beruhigen, titelt „Bild“: „Deutsche China-Rückkehrer auf Isolier-Station – Corona-Angst!“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 30. Januar 2020) Auch einen Tag später: „Corona-Angst – China-Rückkehrer werden HIER isoliert!“ Im Blatt schlägt die Redaktion „Corona-Alarm auf Kreuzfahrtschiff“ und schreibt von der „Sorge um Weltwirtschaft“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 31. Januar 2020) Wiederum einen Tag später steht auf Seite 1: „CORONA-ALARM in Deutschland, Vater und Tochter (5) erkrankt – Hier holen sie die erste Familie ab“. Dazu zeigt „Bild“ ein großes Foto einer (immerhin verpixelten) Familie, die von Menschen in Schutzanzügen in Rettungswagen gebracht wird. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 1. Februar 2020) „Bild am Sonntag“ bietet am Tag darauf eine Übersicht über die „Seuchen der Angst“ der vergangenen Jahre. (Quelle: „Bild am Sonntag“ Printausgabe, 2. Februar 2020)

Auch auf der Bild.de-Startseite herrscht zu dieser Zeit vor allem Verunsicherung, Ungewissheit und Angst: „CORONAVIRUS KAM DIREKT AUS DER SEUCHENZONE“, „VIRUS-ANGST IN DEUTSCHLAND! Apotheken gehen die Schutzmasken aus“, „Schlangen sollen das Coronavirus auf uns übertragen haben“, „Ist es gefährlich, Pakete aus China anzunehmen?“.

Nachdem ein erster Corona-Ausbruch in Bayern unter Kontrolle zu sein scheint, verschwindet das Virus fast vollständig wieder von der „Bild“-Titelseite. Andere Themen sind wichtiger: „AKK gegen Merkel – Bitterböser Machtkampf“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 11. Februar 2020), „Nach AKK-Abgang – MERZ KÄMPFT UM DIE MACHT IN DER CDU“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 12. Februar 2020), „Deutschlands schlimmste Rentner-Abzocker gefasst!“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 13. Februar 2020) Die Corona-Meldungen, die es nach ganz vorne schaffen, klingen fast schon hoffnungsvoll: „CORONA-Rückkehrer aus Quarantäne entlassen!“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 17. Februar 2020), steht am 17. Februar auf Seite 1.

Eine Woche später ist es mit der Hoffnung allerdings vorbei. Die Schlagzeilen der Woche lauten:

• CORONA-ALARM! Italien riegelt Städte ab
• Minister Spahn schlägt CORONA-ALARM – „Die Epidemie ist in Europa angekommen“
• CORONA-AUSBRUCH im Rentner-Paradies – Deutsche Touristen im Hotel auf Teneriffa gefangen
• CORONA – So schützen Sie sich JETZT!
• Regierung beruft Expertenrunde ein – Der Krisen-Plan gegen Corona
• Corona-Verdacht im Regierungs-Flieger
• Wochenende im Bann von CORONA – Weltgrößte Tourismus-Messe in Berlin abgesagt +++ Konzerte, Fußballspiele auf der Kippe +++ Schon 54 Infizierte +++ Dax rauscht ab +++ Autogramm-Verbot für Bayern-Spieler +++ ERSTER HUND positiv +++ WHO löst „höchste Alarmstufe“ aus +++ BILD sagt, was Sie jetzt beachten müssen (Quelle: „Bild“ Printausgaben, 24. bis 29. Februar 2020, sowie „Bild am Sonntag“, 1. März 2020)

Bei Bild.de ist die Stimmung dieselbe. Obendrauf kommen Fotos von leeren Supermarktregalen und Anleitungen zu „Hamsterkäufen“: „FAMILIENVATER ZEIGT SEINEN VORRATSKELLER – Wegen Corona! Das habe ich für 420 Euro eingekauft“. „Hohe Verkaufszahlen bei Aldi und Lidl – Hamsterkäufe wegen Coronavirus!“ Die „Bild“-Redaktion treibt ihre Leserschaft in die schon teilentleerten Supermärkte: „CORONA-ANGST IN DEUTSCHLAND – Diesen Vorrat brauchen Sie für zehn Tage Quarantäne!“ Und damit es auch schmeckt, erzählt Koch Johann Lafer bei „Bild-TV“: „Das können Sie aus Ihren Corona-Vorräten kochen“ Nur eine Woche später meldet „Bild“: „TAFELN SCHLAGEN ALARM – Wegen Hamstereinkäufen! Weniger Essen für Bedürftige“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 13. März 2020)

Die Redaktion macht (nicht nur) in dieser Zeit aus der Angst der Leser Geld

Sie eröffnet mit fragenden Überschriften teils ganz alltägliche Schreckensszenarien und gibt die Antworten nur hinter der „Bild-plus“-Paywall: „BILD fragte bei Hersteller Hakle nach – Kann Klopapier wirklich knapp werden?“ (Antwort: Nein). Oder: „ITALIEN SCHLIESST ZAPFSÄULEN – Machen auch bei uns die Tankstellen dicht?“ (Antwort: Nein). Und: „Fast 100 Milliarden Euro fehlen – GEHT DEUTSCHLAND PLEITE?“ (Antwort: Nein, „Deutschland kann kaum pleite gehen“). Es scheint „Bild“ nicht darum zu gehen, die Leserschaft ordentlich und gewissenhaft zu informieren, sondern um den Verkauf von Abos: In der „Amazon“-Doku „BILD.Macht.Deutschland?“ sagt Julian Reichelt in einer Redaktionskonferenz mit Blick auf die Corona-Krise: „Es geht darum, dass wir in einer Zeit, in der unsere Auflage morgen um die Hälfte einbrechen kann, eine wirtschaftliche Perspektive haben.“

Wie folgenreich die „Bild“-Berichterstattung in einer derart angespannten Situation sein kann, zeigt sich am 22. März. Im Corona-Liveticker bei Bild.de erscheint eine Meldung zum Ortenau-Klinikum in Offenburg. Überschrift: „Das Klinikum Offenburg sucht händeringend Helfer!“. Im Text steht:

Das Klinikum Offenburg (Baden-Württemberg) ist am Limit – und richtet diesen Appell an die Öffentlichkeit: Dringender Appell an euch!

Wir benötigen im Klinikum Offenburg dringend helfende Hände. Ob mit oder ohne medizinische Erfahrung spielt keine Rolle. Es gibt Bedarf in der Küche, an der Pforte, Essen verteilen, Betten schieben. Und wer medizinische Kenntnisse hat im pflegerischen Bereich.

Wer jemand kennt, der jetzt zum Beispiel in Kurzarbeit ist, bitte melden. PerMail: […] oder telefonisch […].

Die „Bild“-Redaktion nennt eine Mail-Adresse und eine Telefonnummer, die man anschreiben beziehungsweise anrufen soll, wenn man helfen möchte. Nur: Das Klinikum sucht gar nicht „händeringend Helfer“. „Bild“ scheint blindlings aus einer kursierenden WhatsApp-Nachricht abgeschrieben zu haben. Die Redaktion von „Hitradio Ohr“ fragt hingegen mal beim Klinikum nach:

Auf HITRADIO OHR-Anfrage hieß es heute (Sonntag) vom Ortenau Klinikum, das sei wohl Fake News.

Es gebe Überlegungen, ob das irgendwann nötig sei und intern gebe es beim Ortenau Klinikum die Überlegung, ob man sich – wenn sich die Situation verschlechtere – auch an die Öffentlichkeit wende. Das sei aber nur eine Idee und momentan KEIN Aufruf an die Bevölkerung. Beim Klinikum stehe wegen des „Fake-Aufrufs“ das Telefon nicht mehr still.

Nun ist es eine Sache, dass die Mitarbeiter des Klinikums auch dank „Bild“ auf „rund 1000 Anfragen“ reagieren müssen und damit nicht ihrem eigentlichen Job nachgehen können. Dazu kommt, dass die Meldung in dem Liveticker den Eindruck vermittelt, dass ein Krankenhaus die Situation nicht mehr im Griff hätte und bereits „am Limit“ wäre. Das Ortenau Klinikum sieht sich genötigt, diesem Eindruck entgegenzuwirken. Es veröffentlicht eine Stellungnahme und betont, dass man „bestens ausgestattet“ sei.

Erst nach mehreren Stunden löscht Bild.de die Falschmeldung und schreibt in einer späteren Liveticker-Meldung, dass ein gefälschter Appell des Klinikums Offenburg im Umlauf sei. Die eigene Rolle bei dieser Geschichte bleibt unerwähnt.

Von solchen Fehltritten abgesehen, macht die „Bild“-Redaktion in den ersten Monaten des Jahres 2020 aber gar keinen schlechten Job. Viele Artikel sind stark boulevardesk und emotional aufgeladen; die Berichterstattung ist rückblickend im Umfang und in ihrer Dringlichkeit der Bedrohung und der potenziellen Entwicklung allerdings durchaus angemessen. Selbst „Bild“-Chef Julian Reichelt klingt ungewohnt versöhnlich. Am 9. März kommentiert er:

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass es nicht auf jede Frage eine gute Antwort, nicht für jede Sorge sofortige Beruhigung gibt.

Aber eben auch, dass wir als Land in dieser Situation in bestmöglichen Händen sind: Unsere medizinische Versorgung ist überragend, unsere Ärzte sind pflichtbewusst und engagiert, deutsche Experten und Virologen genießen weltweit einen exzellenten Ruf und die Politik mit Gesundheitsminister Jens Spahn reagiert konsequent, aber besonnen. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 9. März 2020)

Bei einer Person scheinen sich Reichelt und „Bild“ hingegen nicht „in bestmöglichen Händen“ zu fühlen: bei Bundeskanzlerin Angela Merkel.

***

Die Anti-Merkel-Phase (ab Ende Februar 2020, seitdem andauernd)

Am 28. Februar schreibt Bild.de: „Nur Merkel kneift in Sachen Corona-Krise“. Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Österreichs Kanzler Sebastian Kurz, Italiens Premier Guiseppe Conte und US-Präsident Donald Trump mit Reden ihre Bürger beruhigen würden, sei von Angela Merkel nichts zu hören oder zu sehen: „Deutschland in der Corona-Krise. Und wo steckt die Kanzlerin?“ Am 11. März, also zwei Tage nach Julian Reichelts Lobeshymne auf die „bestmöglichen Hände“, in denen sich Deutschland befinde, titelt „Bild“ groß: „Kein Auftritt, keine Rede, keine Führung in der Krise – Die Kanzlerin und das CORONA-CHAOS“. Merkel sei kaum zu sehen und äußere sich zu Corona nur wenig, kommentiert der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Paul Ronzheimer: „Sie lässt die Bevölkerung allein. Dabei müsste sie jetzt Führung zeigen!“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 11. März 2020)

Wie wichtig eine Stellungnahme der Kanzlerin in den entscheidenden Fragen für „Bild“ ist, zeigt sich einen Tag später. Merkel sitzt mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher in einer Pressekonferenz, die anwesenden Journalisten können Fragen stellen. Als erster ist der Leiter des „Bild“-Parlamentsbüros dran. Er fragt, welche Auswirkungen das alles jetzt „auf die Wiesn in Bayern“ habe.

Die TV-Ansprache, die Angela Merkel am 18. März hält und die viele Menschen bewegt (Quellen: SWR, Morgenpost, Der Westen) reicht „Bild“-Chef Julian Reichelt nicht. In einem langen Kommentar schreibt zwar auch er, dass Merkel „den richtigen Ton getroffen“ habe, „doch inmitten emotionaler Appelle zum Ernst der Lage blieb sie der Bevölkerung das Wichtigste schuldig: eine Erklärung, was SIE persönlich in ihrem Amt für die Menschen tun wird.“ Reichelt feuert daraufhin eine lange Reihe von Vorwürfen ab, die als Fragen formuliert sind, in denen er die Kanzlerin attackiert und sich als Kämpfer für all jene inszeniert, „die seit Jahren die Steuerkassen füllen“. Auf dem Spiel stehe „alles, was wir uns seither aufgebaut und erarbeitet haben“. Merkel solle endlich sagen, wie sie den Menschen helfen wolle, „mit dem Geld, das wir alle erarbeitet haben“. Er schreibt Sachen wie:

Wo bleibt das Versprechen der Kanzlerin, dass deutsche Kernindustrien wie der Autobau und die Luftfahrt auch nach der Corona-Krise international wettbewerbsfähig bleiben werden? Wenn am Ende dieser Gesundheitskrise Massenarbeitslosigkeit steht, überlassen wir das Land mit Ansage den Extremisten.

Oder er fragt, wo das Versprechen der Kanzlerin bleibe, „dass China, das aus der selbst verschuldeten Epidemie nun Profit schlagen will, keine deutschen Unternehmen erwerben und keinen Zugang zu deutscher Infrastruktur bekommen wird“. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 19. März 2020) Solche Dinge will er wissen, zu einem Zeitpunkt, an dem man noch nicht mal sicher sagen kann, ob die Wiesn nun stattfinden können oder nicht.

Einer macht es aus „Bild“-Sicht deutlich besser als Angela Merkel. Nachdem Österreichs Kanzler Sebastian Kurz laut „Bild“ „CORONA-KLARTEXT“ gesprochen hat, schreibt die Redaktion sehnsüchtig: „So einen brauchen wir auch!“ Es seien „nur 520 Kilometer zwischen Berlin und Wien. Aber in der Corona-Krise fühlt sich Österreich an wie eine andere Welt“:

Während Kanzlerin Angela Merkel (65, CDU) angeschlagen wirkt, sich mit den Ministerpräsidenten auf keine gemeinsame Linie einigen kann, zeigt Österreichs Kanzler Sebastian Kurz (33) Führungsstärke.

Fast täglich steht er kerzengerade vor den TV-Kameras, präsentiert eine Knallhart-Maßnahme nach der anderen: Kaffeehäuser nur noch bis 15 Uhr geöffnet. Alle nicht dringend benötigten Läden sind geschlossen. Die Ski-Orte St. Anton und Ischgl abgeriegelt. Schulen sind längst dicht.

Kurz zeige: „SO geht der Shutdown eines ganzen Landes!“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 14. März 2020)

Die Idee, Deutschland herunterzufahren, findet bei „Bild“ Unterstützung. In einem „DAS-MEINT-BILD“-Kommentar schreibt die Redaktion, dass „wir beweisen“ müssten, „dass wir nicht nur 82 Millionen Einzelpersonen sind, sondern eine Gemeinschaft“:

Jetzt muss jeder von uns ein Vorbild sein!

Die Politik darf bei harten Maßnahmen gegen das Virus nicht zögern. Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vorübergehend Schulen schließen wollen, dann verdient das die Unterstützung der Bevölkerung. Dies dient unserem Schutz. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 13. März 2020)

Bei „Bild-TV“ warnt ein Arzt: „Deutschland braucht den kompletten Shutdown!“ Am 22. März beschließen die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten tatsächlich umfangreiche Kontaktbeschränkungen. Und die „Bild“-Berichterstattung legt eine bemerkenswerte Kehrtwende hin.

***

Die Wieder-öffnen-Phase (März bis Mai 2020)

Bis hierhin hat „Bild“ wiederholt und eindringlich klargemacht, welche „Angst“ man vor dem Coronavirus haben müsse, wie schrecklich untätig Angela Merkel sei, wie sehr es „unserem Schutz“ diene, wenn beispielsweise die Schulen geschlossen werden, und wie führungsstark Sebastian Kurz „eine Knallhart-Maßnahme nach der anderen“ präsentiere. Nun machen Merkel und ihre Regierung ziemlich genau das, was „Bild“ fordert – und das ist nun auch wieder falsch.

Gerade mal vier Tage nach dem Beschluss zu den Kontaktbeschränkungen, am 26. März, lässt „Bild“ „CORONA-SKEPTIKER FRAGEN: ,Sind Löscharbeiten verheerender als der Brand?“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 26. März 2020) Am 28. März titelt „Bild“ groß: „Riesen-Wirrwarr um Kampf gegen Corona – Maßnahmen lockern oder nicht?“. Im Blatt fragt die Redaktion ungeduldig: „Wann sollen die Corona-Regeln denn nun gelockert werden?“. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 28. März 2020)

Wieder zwei Tage später fragt ein „Bild“-Kolumnist: „WIE LANGE HALTEN WIR DAS DURCH?“ Einen Tag später schreibt er: „Wir hören zu viel auf Virologen!“ Auf der Titelseite derselben Ausgabe ruft die Redaktion einen „nationalen Kraftakt gegen Corona“ aus (als würden Politiker und viele andere Menschen nicht schon seit Wochen kraftakten): „BILD sagt, was SOFORT passieren muss“. Neben der Forderung, dass Kanzlerin Merkel „jeden Tag zum Volk sprechen“ müsse, und dem genialen Einfall, dass ein „neues Wirtschafts-Wunder“ doch ganz praktisch wäre, ist für „Bild“ von besonderer Bedeutung, dass die Fußball-Bundesliga endlich wieder ihren Betrieb aufnehmen dürfen soll. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 31. März 2020) Dieser Wunsch könnte nicht ganz uneigennützig sein: Die Sport-Berichterstattung, und dort speziell die Fußball-Bundesliga, ist für die „Bild“-Medien immens wichtig.

In Österreich rückt Kanzler Kurz von seinen „Knallhart-Maßnahmen“ ab und beschließt, dass ab Mitte April einzelne Läden wieder aufmachen dürfen. Die „Bild“-Redaktion ist erneut hin und weg: „DER KURZ-PLAN – So was wollen wir auch!“ Auf Seite 1 schreibt sie: „NEUSTART NACH CORONA – Ösis machen’s uns vor – Erste Geschäft in Österreich ab 14. April wieder geöffnet – aber Merkel bleibt hart.“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 7. April 2020)

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird deutlich, dass die „Bild“-Berichterstattung vor allem einem Grundsatz folgt: Hauptsache dagegen. Bis zu den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen am 6. Mai schreiben die „Bild“-Medien konsequent gegen die Einschränkungen an: „Kanzlerin, machen Sie unser Land wieder auf!“, fordert „Bild“ am 15. April auf der Titelseite. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 15. April 2020)  Es geht um „Chaos um Corona-Regeln“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 9. April 2020) , die Redaktion lässt einen Chefarzt im Blatt fordern: „MACHT DIE KLINIKEN WIEDER AUF … und zwar FÜR ALLE!“. ((Quelle: „Bild“ Printausgabe, 25. April 2020) Bild.de berichtet über „DIE WUT DER WIRTE“ und schreibt zu möglichen „CORONA-LOCKERUNGEN“: „Merkel will nicht, aber muss!“.

Die „Bild am Sonntag“ titelt am 12. April: „WIR WOLLEN ZU HAUSE BLEIBEN!“ Was erstmal wie eine Forderung nach einer Lockdown-Verlängerung klingt, ist das Gegenteil: „Ein Aufruf von 28 Prominenten über 70“, die anbieten, zu Hause zu bleiben, „damit die Jungen eine Zukunft haben und die Wirtschaft nicht kollabiert“. Oder anders gesagt: Die Alten bleiben drin, damit alle anderen wieder raus und loslegen können. Keine dieser 28 Personen dürfte übrigens bei einer Umsetzung des Plans in einer winzigen Wohnung ohne Balkon festsitzen. Die Wir-wollen-zu-Hause-bleiben-Promis auf der „BamS“-Titelseite sind größtenteils Millionäre und Milliardäre wie Dietmar Hopp, Friede Springer und Hubert Burda. (Quelle: „Bild am Sonntag“ Printausgabe, 12. April 2020)

Personen, die sich nicht auf „Bild“-Linie befinden und sich nicht für Lockerungen, sondern eher für strengere Maßnahmen aussprechen, bekommen von der Redaktion Gegenwind. Auch und gerade Wissenschaftler.

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Die Anti-Drosten-Phase (April bis Mai 2020)

„Schulen und Kitas wegen falscher Corona-Studie dicht“, schreibt „Bild“ am 26. Mai groß auf Seite 1. Im Blatt lautet die Überschrift: „Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“. Es seien „FRAGWÜRDIGE METHODEN“ zum Einsatz gekommen (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 26. Mai 2020) Im Artikel liefert der Autor allerdings keinen einzigen Beleg für die auf der Titelseite hergestellte Kausalität zwischen Studie und geschlossenen Schulen und Kitas. Stattdessen versucht er, die bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen vorgesehenen kritischen Überprüfungen durch andere Wissenschaftler als eine Art Zoff zwischen Forschern darzustellen.

Die „Bild“-Geschichte wird stark kritisiert. Sogar von den Wissenschaftlern, die „Bild“ im Beitrag als Kronzeugen gegen den Virologen Christian Drosten anführt. Sie alle distanzieren sich umgehend von dem Bericht. Einer schreibt bei Twitter, dass er „nicht Teil einer Anti-Drosten-Kampagne sein“ wolle. Ein anderer stellt klar: „Ich wusste nichts von der Anfrage der BILD und distanziere mich von dieser Art Menschen unter Druck zu setzen auf das schärfste.“

Bereits einen Tag zuvor veröffentlicht Christian Drosten bei Twitter einen Screenshot einer Mail des „Bild“-Autors. Dieser wollte, dass der Wissenschaftler Fragen zu seiner Studie beantwortet, und räumte dafür lediglich eine Stunde ein. Drosten schreibt bei Twitter, er habe „Besseres zu tun“. Anfangs ist in dem Screenshot auch die Handynummer des „Bild“-Mitarbeiters zu sehen. Nach Kritik löscht Drosten diesen Tweet wieder und postet die „Bild“-Anfrage noch einmal, diesmal ohne Handynummer.

Das Verhalten von „Bild“ sorgt für größeres Entsetzen – über die Schärfe des Angriffs, den aufgebauten Druck in der Anfrage, das Hochjazzen einer eigentlich vorsichtigen Formulierung des Virologen, das Unverständnis der Redaktion für wissenschaftliche Abläufe und Diskussionen, die falsche Verknüpfung zwischen Drostens Studie und Schulschließungen (Quellen: Georg Streiter, Spiegel, FAZ) Die Medienforscherin Johanna Haberer sagt zur Anti-Drosten-Kampagne von „Bild“: „Der Boulevard lebt von Angst und Unsicherheit. Und natürlich kann man einen Wissenschaftlerkonflikt zu einem persönlichen Kleinkrieg hochkochen. Beim Thema Gesundheit ist das allerdings fahrlässig.

Die „Bild“-Kampagne gegen Christian Drosten läuft zu diesem Zeitpunkt schon einige Wochen. In einer Reihe von Beiträgen wird Drostens Autorität als Wissenschaftler untergraben, die Redaktion arbeitet genüsslich frühere Fehleinschätzungen (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 15. April 2020) heraus, stellt ihn als Einflüsterer dar, macht ihn zum Kollegenschwein. Sie reißt Aussagen aus dem Zusammenhang, verfälscht zeitliche Abläufe und erfindet Behauptungen. Dazu inszeniert sie eine Art Seifenoper: Es gebe einen „Virologen-Clinch um CORONA-STUDIE“ zwischen Hendrik Streeck und Christian Drosten, inklusive „zweiter Runde“. Es ist eine Trivialisierung und Boulevardisierung von Wissenschaft. Die Bild.de-Leser können zum Beispiel abstimmen: „Welchem Virologen vertrauen Sie am meisten?“ Das Ergebnis ist eine Mischung aus Ranking und Quartettspiel mit Angaben zum „Spezialgebiet“, dem Privatleben und dem jeweils „größten Irrtum“

Im Artikel „DREI EXPERTEN, DREI MEINUNGEN – Wie sehr kann man sich auf unsere Virologen verlassen?“ erklärt „Bild“ Drosten Ende April zum „Corona-Flüsterer der Kanzlerin“ und gibt ihm damit etwas Rasputinhaftes Im großen Vertrauen, das Angela Merkel dem Virologen entgegenbringt, und im daraus resultierenden Einfluss Drostens könnte sich der eigentliche Kern der massiven Kritik der „Bild“-Redaktion verstecken: Ihre Anti-Drosten-Kampagne ist im Grunde eine Verlängerung ihrer Anti-Merkel-Kampagne.

Andere Personen, tatsächliche oder vermeintliche Experten, mit denen „Bild“ einer Meinung ist, werden im Vergleich deutlich freundlicher behandelt.

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Die Klügste-Köpfe-Phase (ab Mai 2020, seitdem andauernd)

Am 8. Mai, nur zwei Tage nach der Entscheidung der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten, den Lockdown zu beenden, hat „Bild“ im Blatt „Deutschlands klügste Corona-SKEPTIKER“ zusammengetrommelt. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 8. Mai 2020) Sie „KRITISIEREN DIE HARTEN MASSNAHMEN“: Der „Lockdown war ein Riesen-Fehler“. Einer dieser sechs „honorigen Meister ihres Fachs“ ist der Professor Stefan Homburg. Am Tag nach Veröffentlichung des „Bild“-Artikels steht Homburg in Stuttgart auf der Bühne einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen und behauptet, dass die Wissenschaftler, die die Bundesregierung zur Corona-Pandemie zurate zieht, „weitgehend korrumpiert“ seien. Außerdem sagt er, dass er inzwischen besser verstehe, was 1933 bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten passiert sei. Später verschärft er diese Aussage bei Twitter: „Das hier IST 1933.“ Schutzmasken hält Homburg für „Sklaven-Masken, mit denen die Bevölkerung psychisch niedergehalten werden soll“. Er schürt Ängste vor der Corona-Impfung, indem er twittert: „Selbst wenn nur einer von Tausend an oder mit der Impfung stirbt, macht das bei Durchimpfung der deutschen Bevölkerung rund 80.000 Impftote.“ Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass „einer von Tausend an oder mit der Impfung stirbt“. In der Phase-III-Studie des Impfstoffs von Pfizer und BioNTech beispielsweise gab es unter den rund 43.500 Probanden keinen einzigen Todesfall Homburgs verschiedensten Behauptungen wurde in zahlreichen Faktenchecks widersprochen (Quellen: Correctiv, NDR, Uebermedien, Tagesspiegel).

Ein weiterer „honoriger“ Experte ist Klaus-Dieter Zastrow, den die „Bild“-Medien meist als „Hygiene-Papst“ präsentieren Zastrow sagt, die Gefahr einer zweiten Infektionswelle sei „ein Hirngespinst“. Auf der „Bild“-Titelseite vom 6. Mai ist ein Foto von ihm zu sehen, dazu die Überschrift: „Hygiene-Papst sicher – Es wird KEINE zweite Welle geben“. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 6. Mai 2020) Ein paar Monate später kommt die zweite Welle doch. Am 29. September knöpft sich Zastrow Angela Merkel vor. Die Kanzlerin hatte vorgerechnet, dass es in Deutschland bis Weihnachten 2020 bis zu 19.200 Neuinfektionen pro Tag geben könnte. Für Zastrow ist das „purer Alarmismus“, das habe „nichts mit der Realität zu tun.“ Tatsächlich trat das Szenario der Kanzlerin noch viel früher ein als von ihr prognostiziert. Kaum ein anderer Experte kommt zu dieser Zeit in der Corona-Berichterstattung der „Bild“-Medien so häufig zu Wort wie Klaus-Dieter Zastrow.

Neben Homburg, Zastrow und drei weiteren Professoren gehört laut „Bild“ auch eine „Journalistinnen-Legende“ zu den sechs „klügsten Corona-SKEPTIKERN“ des Landes: Patricia Riekel, früher Chefredakteurin des Peoplemagazins „Bunte“. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 8. Mai 2020) „Sie wäre lieber dem schwedischen Weg der Mahnungen statt Verbote gefolgt“, schreibt „Bild“ über Riekel. Es ist keine große Überraschung, dass die Redaktion sie dafür lobend erwähnt.

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Die Oh-wie-schön-ist-Schweden-Phase (Mai bis Dezember 2020)

Monatelang ist Schweden, wo die Corona-Maßnahmen lange Zeit auf Empfehlungen und Freiwilligkeit basieren, für die „Bild“-Redaktion das Nonplusultra. „Mehr Schweden wagen!“, fordert ein „Bild“-Kommentator im Juli. Der Leiter des Ressorts „Meinung“ schreibt im September über „Drei Schweden-Wahrheiten, die niemand hören will“ und berichtet im Oktober: „Deutschland macht dicht, Schweden auf!“ Bei „Bild-TV“ läuft eine Doku über „SCHWEDENS SONDERWEG DURCH DIE CORONA-KRISE“: „,Wir leben hier unser normales Leben weiter“ In der „Bild“-Zeitung gibt es zeitweise sogar eine eigene tägliche Rubrik: „Und wie geht’s SCHWEDEN?“ Am 11. Mai ist dort beispielsweise zu lesen, dass Stars in der Hauptstadt Konzerte gäben, „trotz Corona“:

In Schweden finden wieder vermehrt Kultur-Veranstaltungen mit Publikum statt.

Im Mai werden u. a. Burlesque-Star Dita von Teese und Sänger Randy Newman Auftritte in Stockholm absolvieren.

Ein Künstler jedoch sticht besonders hervor: Black-Sabbath-Gründer Tony Iommi will trotz schwerer Krebserkankung am 15. Mai im „Lilla Cirkus“ in Stockholm spielen.

Vor lauter Begeisterung für die kulturellen Angebote in Schweden scheint die Redaktion die Recherche vergessen zu haben. Dita von Teese gab bereits sechs Wochen zuvor bekannt, dass ihr Auftritt nicht stattfinden kann. Dass das Konzert von Randy Newman wegen der Beschlüsse der schwedischen Regierung abgesagt werden muss, teilte der Veranstalter am 27. April mit. Und dass Tony Iommi aus demselben Grund nicht auftreten kann, wird an dem Tag bekannt, an dem der „Bild“-Artikel erscheint.

Zwischendurch werden bei Bild.de zwar auch die vielen Todesfälle in Schweden erwähnt, in der „Bild“-Zeitung berichtet eine Reporterin, dass Schweden entspannt bleibe, „aber nicht verschont“ . (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 23. April 2020) Der Grundtenor aber ist: Die Schweden machen es besser.

Damit ist spätestens am 17. Dezember Schluss. Die „Bild“-Redaktion zitiert in einem Artikel Schwedens König Carl Gustav:

„Wir haben versagt. Eine große Anzahl von Mitmenschen ist gestorben und das ist fürchterlich. Wir leiden alle darunter. Ich finde es schrecklich angesichts all der verstorbenen Menschen. Und die Traurigkeit und die Frustration, die viele Menschen und Unternehmer plagen, die in den Knien liegen und sogar ihr Geschäft verloren haben. Es war ein schreckliches Jahr.“

Der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven sehe die Schuld „bei den führenden Gesundheitsexperten des Landes“. Eine extra eingesetzte Corona-Kommission erklärt, dass man es nicht geschafft habe, ältere Menschen vor dem Virus zu schützen. Die „Bild“-Redaktion schreibt: „Auf die Bevölkerung heruntergerechnet hat das Land mit rund zehn Millionen Einwohnern damit deutlich mehr Infektionen und Todesfälle gehabt als Deutschland oder der Rest Skandinaviens.“ (Quellen: BILD, BILD2). Der Sehnsuchtsort Schweden verschwindet aus der Berichterstattung.

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Die China-soll-zahlen-Phase (ab April 2020, seitdem andauernd)

Ein anderes Land steht von Beginn an am entgegengesetzten Ende der „Bild“-Beliebtheitsskala: China. Schon früh schreiben die „Bild“-Medien vom „China-Virus“.(Quellen: BILD, BILD2, BILD3) Mitte April veröffentlicht „Bild“ eine große Rechnung: „WAS CHINA UNS JETZT SCHON SCHULDET“. Allein für die deutsche Tourismusbranche veranschlagt die Redaktion „24 Mrd. Euro Umsatz-Minus“ in zwei Monaten. Für den Einzelhandel schlägt sie „1,15 Mrd. Euro entgangene Umsätze pro Tag“ obendrauf. Außerdem noch „55 Mrd. Euro für Pandemiebekämpfung“, „10 Mrd. Euro mindestens für Kurzarbeit“ und so weiter. In der „Amazon“-Doku über „Bild“ ist die Redaktionskonferenz zu sehen, in der diese Rechnung geplant wird. Einigen Mitarbeitern scheint die Aktion unangenehm zu sein.

Noch am Tag der Veröffentlichung schreibt eine Sprecherin der chinesischen Botschaft in Berlin einen offenen Brief an Julian Reichelt: „Mit einigem Befremden habe ich heute Ihre Berichterstattung zur Corona-Pandemie im Allgemeinen und zu der vermeintlichen Schuld Chinas daran im Besonderen verfolgt.“ Sie betrachte es als „ziemlich schlechten Stil“, ein Land für eine Pandemie verantwortlich zu machen, „unter der die ganze Welt zu leiden hat und dann auch noch eine explizite Rechnung angeblicher chinesischer Schulden an Deutschland zu präsentieren“. Reichelt antwortet prompt – mit einem offenen Brief an Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping. Er spricht sein Schreiben auch vor laufender „Bild-TV“-Kamera ein. Das Video erscheint mit chinesischen Untertiteln und auch auf Englisch. Die Resonanz ist riesig. In einer erneuten Redaktionskonferenz zeigt Reichelt per Beamer sichtlich stolz, dass auch Donald Trumps Sohn seinen Videokommentar bei Twitter verbreitet habe, und erzählt dazu sichtlich noch stolzer, dass das wiederum auch der Vater retweetet habe.

Im September präsentiert Bild.de eine „chinesische Forscherin“, die angeblich das liefert, was es bräuchte, damit China womöglich wirklich zur Rechenschaft gezogen wird:

Ist das Coronavirus von Menschenhand gemacht? Dr. Li-Meng Yan sagt: Ja! „Es kommt aus dem Labor in Wuhan. Die Genomsequenz ist wie ein menschlicher Fingerabdruck.“

In der Überschrift zitiert die Redaktion die Chinesin: „Das Corona-Virus kommt aus dem Labor“. Das habe die chinesische Führung aber erfolgreich vertuscht, sagt die Frau. Und:

In Hongkong habe außerdem jemand ihre Erkenntnisse von ihrem Computer gelöscht, sagte Dr. Li-Meng Yan der „Daily Mail“. Die Beweise bleibt sie bis heute schuldig. Sie wolle diese aber noch vorlegen, so Yan.

Einen Tag später ist es schon so weit. Bild.de berichtet: „Forscherin zeigt ihr Beweismaterial“. Im Artikel steht:

„Das Virus kommt aus dem Labor.“ Eine chinesische Virologin, die lange an der Uni Hongkong arbeitete und das neuartige Coronavirus eigenen Angaben zufolge seit Ende 2019 erforschte, bestätigt mit dieser Aussage, was viele Menschen schon lange glauben.

Jetzt hat Dr. Li-Meng Yan mit drei weiteren Forschern eine wissenschaftliche Arbeit („Paper“) vorgelegt, die sogar zeigen soll, wie das Virus hergestellt wurde.

Die Redaktion ergänzt noch: „BILD übersetzt prägnante Aussagen ins Deutsche. Es liegt allerdings noch keine Prüfung von Dr. Li-Meng Yans Arbeit durch unabhängige Wissenschaftler vor.“

Das US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“ hilft dabei. Es bittet mehrere Wissenschaftler, sich das Paper anzuschauen. Deren Urteil ist verheerend: Li-Meng Yan liefere keine neuen Informationen, sie stelle mehrere unbelegte Behauptungen auf, ihre wissenschaftliche Argumentation sei schwach. Dem Preprint-Bericht könne in dieser Form keinerlei Glaubwürdigkeit verliehen werden, sagt einer der Wissenschaftler.

Die „Bild“-Redaktion reagiert auf den „Newsweek“-Text und ergänzt in ihrem Artikel: „Mehrere Wissenschaftler widersprechen der Forscherin, kritisieren die Aussagen als Verschwörungstheorien.“ Der erste Artikel zum Thema („Das Corona-Virus kommt aus dem Labor“) ist unverändert online.

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Die Nicht-wieder-schließen-Phase (ab Mai 2020, seitdem andauernd)

Mit Blick auf die Situation in Deutschland haben sich die „Bild“-Medien inzwischen offenkundig auf eine Richtung festgelegt: Sie kämpfen gegen die Corona-Maßnahmen. Die Mittel scheinen dabei egal zu sein.

Dem Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery legt Bild.de im September ein erfundenes Zitat in den Mund: „Weltärzte-Chef Montgomery bei Anne Will – »Grundrechtseinschränkung, eine Maske zu tragen!«“ Das hat der frühere Präsident der Bundesärztekammer bei seinem Fernsehauftritt jedoch nie gesagt. Tatsächlich spricht sich Montgomery dort für das Tragen von Masken aus. Er fragt: „Ist es eine Grundrechtseinschränkung, sich eine Maske aufsetzen zu müssen?“ Und erklärt dann, dass selbst ein „feuchter Lappen vor dem Gesicht“ zumindest „die anderen schützen kann“. Den Artikel hat die „Bild“-Redaktion später gelöscht.

Sie ist augenscheinlich bemüht, die Corona-Maßnahmen als willkürlich oder aberwitzig darzustellen. Bei Auftritten des Zaubererduos „Ehrlich Brothers“ beispielsweise herrscht laut Bild.de-Schlagzeile der „Corona-Irrsinn“. Hinter der „Bild-plus“-Paywall klingt die Geschichte schon gar nicht mehr so irrsinnig: „In Düsseldorf durften die Brüder vor 2500 Fans auftreten. In Köln hingegen sorgten gestiegene Infektionszahlen einen Tag vor dem Event am Sonntag für die Absage der Stadt.“ Der zuvor festgelegte Grenzwert bei der Sieben-Tage-Inzidenz wurde in Köln überschritten. In Düsseldorf nicht. In Düsseldorf durften die „Ehrlich Brothers“ auftreten. In Köln nicht.

Am 18. September titelt „Bild“: „Härtere Corona-Regeln in der Kirche als im Puff – Singen verboten, aber Sex ist erlaubt!“ Die erkennbare Idee hinter dem Artikel: Dinge vergleichen, die möglichst wenig miteinander zu tun haben, deren Kombination aber im Bestfall für Kopfschütteln und Unmut sorgt. Der Autor versucht es so (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 18. September 2020):

Die Gefahr, abends nach dem Schwimmen von nassen Haaren auf dem Fahrrad krank zu werden, dürfte bei knapp 100 Prozent liegen. Die Gefahr, Corona zu bekommen, liegt im niedrigen einstelligen Bereich, aber die Berliner Bäderbetriebe haben die Benutzung der elektrischen Haartrockner unterbunden – die Aerosole.

Es ist eigentlich allgemein bekannt (Quellen: SZ, SR) dass niemand allein durch nasse Haare krank wird, erst recht nicht zu „knapp 100 Prozent“. Durch Aerosole kann man hingegen durchaus krank werden. Überschrieben ist der Artikel mit: „Diesen Corona-Irrsinn versteht niemand mehr“. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 18. September 2020)

Oder man will es nicht verstehen. Nur einen Tag später erscheint bei Bild.de ein Kommentar, der die Corona-Regeln als „absurd“ bezeichnet. Es geht um Bilder und Situationen, die die Maßnahmen hervorrufen und „die wir unseren Kindern nicht erklären können.“ Zum Beispiel:

Warum müssen Kinder auf dem Schulhof Maske tragen, im Unterricht dann aber im Klassenzimmer nicht mehr?

Kein Kind, das vorher gelernt hat, wie wichtig Vernunft als Grundlage von Entscheidungen ist, kann das verstehen (Quelle).

Man könnte den Kindern die Überlegung hinter dieser Regelung erklären. In Schleswig-Holstein etwa ist es das sogenannte Kohortenprinzip:

Das Kohortenprinzip sichert einen regulären Schulbetrieb. Durch die Definition von Gruppen in fester Zusammensetzung (Kohorten) lassen sich im Infektionsfall die Kontakte und Infektionswege wirksam nachverfolgen. Damit wird angestrebt, dass sich Quarantänebestimmungen im Infektionsfall nicht auf die gesamte Schule auswirken, sondern nur auf die Kohorten, innerhalb derer ein Infektionsrisiko bestanden haben könnte.

Innerhalb der Kohorte verzichte man „auf Abstandsregeln und das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen“. Daher keine Masken im Klassenzimmer. Auf dem Schulhof hingegen schon, damit sich die verschiedenen Kohorten nicht gegenseitig infizieren.

So geht es – nahtlos an die Kritik von „Deutschlands klügsten Corona-SKEPTIKERN“ anknüpfend – monatelang gegen mögliche Einschränkungen und Schließungen: „Top-Virologe Streeck kritisiert Corona-Maßnahmen – Deutschland ist zu schnell in den Lockdown gegangen!“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 11. Juni 2020) „Top-Lungenarzt fordert – Deutschland kann mehr Infektionen zulassen“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 11. September 2020), „WIE TÖDLICH IST DAS VIRUS WIRKLICH? Amtsarzt vergleicht Corona mit Grippe und Hitzewelle“. ((Quelle: „Bild“ Printausgabe, 1. Oktober 2020) „STERBEN mehr Menschen am Lockdown als an Corona?“(Quelle: „Bild“ Printausgabe, 28. September 2020) „EXPERTE WARNT – Mehr Tote durch Lockdown als durch Corona“ (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 28. September 2020), „So tödlich ist der Lockdown“.(Quelle: „Bild“ Printausgabe, 21. Oktober 2020) Im Dezember berichtet Bild.de auf der Startseite von „30 000 Neuinfektionen in Deutschland“. Das seien „NEUE HÖCHSTWERTE“. Direkt daneben ärgert sich die Redaktion über den „PSYCHO-KRIEG gegen Weihnachtseinkäufe“, weil Politiker „immer dramatischer“ vor dem dicht gedrängten Geschenkeshopping warnen.

Trotz aller Bemühungen der „Bild“-Redaktion beschließen Kanzlerin und Ministerpräsidenten im Oktober erst einen sogenannten „Lockdown light“ und im Dezember einen harten Lockdown. Am Ende des Jahres, am 31. Dezember, lautet die große Schlagzeile auf der „Bild“-Titelseite „Kanzlerin, so darf es 2021 NICHT weitergehen!“. (Quelle: „Bild“ Printausgabe, 31. Dezember 2020) In der Berichterstattung der „Bild“-Medien geht es genau so weiter.

Artikelbild: chrisdorney

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