Wie man Wutbürger wird: So funktioniert die Gehirnwäsche der AfD

| 3. September 2019

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So funktioniert die Gehirnwäsche der AfD

Viele dürften ihn kennen – den Bekannten oder Verwandten, der neuerdings über die „Lügenpresse“ und „Altparteien“, über „Gutmenschen“ und „Asylbetrüger“, schimpft. Dabei war dieser Mensch doch bisher bloß etwas konservativ, gänzlich unpolitisch, oder einfach unzufrieden, jedenfalls nicht für Hasstiraden gegenüber „Ausländern“ bekannt. Und plötzlich speit er bei Kaffee und Kuchen, voller Überzeugung und Selbstbewusstsein Parolen heraus, die man vor wenigen Jahren nur von echten Skinheads und Neonazis erwartet hätte.

Der Kuchen bleibt im Hals stecken. Die richtigen Worte auch. Fassungslosigkeit und Fragen machen sich breit: Wie kann es sein, dass so viele Menschen plötzlich überzeugt davon sind, die Regierung und die Medien hätten sich gegen „das deutsche Volk“ verschworen? Was soll dieses „deutsche Volk“ überhaupt sein?

Gehöre ich dazu? Möchte ich dazu gehören? Wo kommt all der Hass gegenüber Fremden her? Wie kann man überhaupt jemanden hassen, der einem fremd ist? „Das wird man jawohl noch sagen dürfen“, heißt es dann oft auf Kritik oder Verständnislosigkeit. Und anschließend: „Ich werd´s denen da oben jetzt so richtig zeigen und AfD wählen.“ Häufig begleitet von den Beteuerungen, „nicht rechts“ zu sein und „nichts gegen Ausländer zu haben“, sondern nur die „eigene Meinung“ zu sagen.



Kann man tatsächlich rechts sein, ohne davon zu wissen?

Und unter welchen Bedingungen wird eine fremde Meinung zur eigenen? Um etwas mehr Klarheit zu schaffen, lohnt ein Exkurs in die Kognitionswissenschaften – einer Disziplin, die sich unter anderem mit den Zusammenhängen zwischen Sprache, Denken, Wahrnehmung und Handeln beschäftigt. „Wann immer unser Gehirn Worte und Ideen verarbeitet, aktiviert es dazu Wissen und Sinneszusammenhänge aus vorangegangenen Erfahrungen mit der Welt.

Dazu gehören Bewegungsabläufe, Gefühle, taktile Wahrnehmung, Gerüche, Geschmäcke und vieles mehr“, schreibt die renommierte Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling in ihrem Buch „Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet und daraus Politik macht“. Diese vorangegangenen Erfahrungen können entweder körperlich oder durch Sprache und Kultur erworben werden. Lesen wir also „Welle“, ruft unser Gehirn sämtliche Erfahrungen ab, die wir mit Wellen gesammelt haben – etwa aus dem letzten Sommerurlaub.

Von kühlen, schaumigen Wellen, die einen sanft umspülen, die einen schweben und entspannen lassen. Oder man erinnert sich an Laolawellen im Stadion und an die Begeisterung die einen ergreift, bevor man selbst Teil des Wellenberges wird und an die Erleichterung, nicht seinen Einsatz verpasst zu haben. Erst diese Umwandlung von Schallwellen oder Photonen, in Erinnerungen, Gefühle und Sinneseindrücke, gibt leeren Silben ihren Sinn und macht Worte verständlich.

Die unterbewussten Prozesse

Diese Prozesse geschehen in Sekundenbruchteilen und bleiben größtenteils unbewusst. Wir lesen also „Welle“ und scheinen ohne jeglichen Umweg und ohne Anstrengung zu verstehen, was gemeint ist. Auf diese Weise entstehen Verbindungen in unserem Gehirn, die mit jeder gleichzeitigen Wahrnehmung verschiedener Endrücke gefestigt und schließlich zur Grundlage unseres Denkens, unserer Wahrnehmung und unseres Handelns werden.

Problematischer sind Begriffe, die abstrakt und somit nicht unmittelbar durch Sinnesreize erfahrbar sind. „Migration“ ist so ein Wort. Das Verständnis eines solchen Begriffes kann von Person zu Person stark variieren: Denkt der eine zuerst an seine freundlichen Nachbarn aus der Türkei, die ihn gerne einladen und mit leckerem Essen verwöhnen, kann der andere nicht auf persönlichen Erfahrungen mit Migranten zurückgreifen, weil er beispielsweise in einer ostdeutschen Provinz aufgewachsen ist.

Was ihm bleibt sind Erfahrungen mit Sprache und Kultur. Er denkt an „Migrationsflut“, „Flüchtlingswelle“ oder „Messermigration“. An Worte, die in den sozialen Medien, unter Freunden und in den Massenmedien zirkulieren. Worte, die absichtlich in Umlauf gebracht werden, um zu verunsichern.

Der Drahtzieher hinter der AfD & der rechtsextreme Plan zur Machtergreifung

Sein Gehirn erzeugt Angst, Bedrohung, Schmerz und Hass

Er will sich verteidigen und sucht einen Ausweg aus der empfundenen Ohnmacht. Dann ist dort diese Partei, die ihm verspricht, etwas gegen die vermeintliche Bedrohung zu unternehmen. Die seine Ängste und Unsicherheiten aufgreift, sie kanalisiert und verstärkt, indem sie sie in eine große Verschwörung einbettet. Plötzlich muss sich der „besorgte Bürger“ nicht nur vor „den Ausländern“ fürchten, sondern außerdem vor „der Lügenpresse“, den „Gutmenschen“ und den „Altparteien“.

Denn sie alle haben es ja angeblich auf ihn, seine Identität und sein „deutsches Volk“ abgesehen. Sie wollen ihn, seine Kinder und Enkelkinder vernichten. Der Wutbürger ist empört, wie konnten sie ihm die Wahrheit so lange vorenthalten? Der Wutbürger informiert sich über Facebook, Twitter und sonstige Medien – natürlich nicht über Medien, die Teil des „links-grünen Mainstreams“ sind, sondern über alternative Medien.

Dort schmeißt man ihm die immer gleichen Phrasen, Wortpaare und Theorien um die Ohren. „Da muss doch etwas dran sein“, denkt sich der Wutbürger und dringt immer tiefer in den Verschwörungssumpf vor, bis er schließlich nicht mehr selbstständig herauskommt. Die Phrasen, Begriffe und Theorien sind zu seinen eigenen geworden, weil keinem Gedanken die Idee käme, außerhalb der festgetrampelten Pfade in seinem Gehirn zu gehen.

gefangen im verschwörungssumpf

Sie werden zur Grundlage und unüberwindbaren Mauer seines Denkens, seiner Wahrnehmung und seines Handelns. Der Wutbürger ist isoliert von Nachrichten und Ideen außerhalb seines Lagers. Dort fühlt er sich verstanden, weil alle seine Sprache sprechen. Weil ihn keiner kritisiert, wenn er „seine Meinung“ vertritt. Er wählt nun AfD, hetzt zunächst online gegen die „Lügenpresse“ und „Altparteien“, gegen „Gutmenschen“ und „Asylbetrüger“.

Er wird selbst zum Propagandagehilfen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Schließlich hetzt er ganz offen unter Freunden, Bekannten und beim Kaffeetrinken innerhalb der Familie. Wer ihn kritisiert, wird zu den Verschwörern gezählt und zukünftig gemieden. Letztendlich ist der Wutbürger nicht nur geistig, sondern auch räumlich von jedem isoliert, der nicht mit ihm im Verschwörungssumpf steckt.

Die AfD wiederum freut sich über jeden, der im eigens angelegten Sumpf stecken bleibt, die ihm eingeflößten Propagandawörter in den Wald brüllt und nach Stöckchen der Demagogen greift, die selbst im Sumpf stecken.

Gastbeitrag von “Nazifresser”. Artikelbild: Matthias Wehnert, shutterstock.com

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