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Warum titelt niemand: „AfD-Ergebnis in Offenbach HALBIERT“?

17. März 2026 | Analyse

Warum ist das nicht in den Schlagzeilen: In Offenbach am Main hat die AfD ihr Ergebnis HALBIERT. Wenn sofort "AfD stärkste Kraft!" kommt, wenn sie in einem Wahlkreis knapp mit 25 % auf Platz 1 liegt*, warum werden ihre Niederlagen verschwiegen? Warum sind es nur News, wenn die AfD gewinnt?

In Offenbach halbiert

Das AfD-Ergebnis in Offenbach hat sich halbiert, in nur einem Fünftel aller Gemeinden standen die Rechtsextremisten überhaupt auf dem Stimmzettel. Im Vergleich zu 2016 hat die AfD nur minimal hinzugewonnen. Wenn sie in Büdingen aber mit 25,36 Prozent der Stimmen knapp Platz 1 belegt, titeln die Medien "Erdrutsch" und "AfD-Sieg". Der rechte Flopp in Offenbach bekommt gar keine Aufmerksamkeit. Dort bekam die AfD 3,5 % – ein Minus von 3,8 Prozentpunkten.

Screenshot fnp.de

Natürlich ist die Geschichte in Offenbach nicht so einfach: Dort verlor die AfD nicht (nur), weil sie vom Wähler abgestraft wurde. Dort haben sich die Rechtsextremisten selbst zerlegt. Die frühere Vorsitzende des Offenbacher AfD-Verbands, Christin Thüne, steht seit längerem im offenen Konflikt mit dem hessischen Landesvorstand. Im Oktober 2025 setzte dieser den gesamten Offenbacher Parteivorstand ab. Thüne, die dem rechtsextremen Flügel zuzurechnen ist und 2021 Faschist Björn Höcke nach Offenbach eingeladen hatte, wird nun sogar vorgeworfen, Parteigelder veruntreut zu haben.

Die Kandidatenliste für die Kommunalwahl kam schließlich nur über einen Notvorstand zustande, bei dem neun Landesvorstandsmitglieder anwesend waren, aber niemand aus Thünes Lager, nachdem 19 Mitglieder kurzfristig ihre Mitgliedsrechte und damit das Recht, sich aufstellen zu lassen, entzogen bekamen. Die AfD hat sich in Offenbach selbst zerlegt und damit ihre eigenen Wähler um ihre Stimmen gebracht.

AfD trat nur in einem Fünftel aller Gemeinden überhaupt an!

In Offenbach standen also weitaus weniger Kandidaten auf der Liste, als möglich gewesen wäre, und deshalb sind viele mögliche Stimmen "verpufft". Aber das ist kein Einzelfall. Fokussieren wir uns einmal dezidiert auf die Niederlagen: In Offenbach landete die AfD bei rund 3,5 Prozent mit nur sieben Kandidaten, in Mörfelden-Walldorf bei 2,7 Prozent mit drei Kandidaten, in Erbach trat sie mit gerade einmal zwei Personen an und kam auf 3,7 Prozent. Ähnliche Bilder in Langenselbold, Nidderau und Bad König.

Wer die Zahlen kennt, erkennt ein Bild, das den üblichen Narrativen über die angeblich unaufhaltsame Partei kräftig widerspricht. Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève hat darauf hingewiesen, dass die AfD nur in einem Fünftel der hessischen Gemeinden überhaupt auf dem Stimmzettel stand. Das hat einen schlichten Grund: Die Partei zählt hessenweit nur etwa 4.600 Mitglieder, von denen geschätzt zehn Prozent aktiv sind. Diese dünne Personaldecke reicht für eine flächendeckende Kommunalwahlkampagne schlicht nicht aus. Wo sie antrat, liefen die Kandidatenlisten häufig so kurz, dass der Partei dadurch zusätzliche Mandate durch die Finger glitten.

Ja, diese mageren Ergebnisse sind nicht primär ein Ausdruck von Wählerwillen, sondern ein Symptom organisatorischer Schwäche. Wer nicht genug Leute aufstellt, holt keine Stimmen, weil Unterstützer schlicht keine Möglichkeit haben, ihr Kreuz zu setzen. Eine Partei, die nicht genug Leute aufstellen kann, weil sie nicht genug Personal hat oder tief zerstritten ist, als selbstbewussten Sieger darzustellen, der kurz vor der Machtergreifung stünde, ist aber eben auch irreführend. Diese personelle Schwäche ist auch real. Widerspricht dem Narrativ des "Wir sind das Volk". Aber er wird nicht so berichtet.

Aber auch in den größeren Städten, wo die AfD zumindest vollständige Listen einreichte, blieb sie unterdurchschnittlich: In Marburg 7,75 Prozent, in Gießen 7,66 Prozent, in Darmstadt 9,05 Prozent, in Frankfurt laut Trendwahl rund 9,1 Prozent.

Der (Schein)Erfolg im Vergleich zu 2016

Und noch ein Kontext verdient Erwähnung, der in der aktuellen Berichterstattung gerne unter den Tisch fällt. Wenn heute davon die Rede ist, die AfD habe ihr Ergebnis "verdoppelt", dann bezieht sich das auf das Jahr 2021, als die Partei im Tief steckte und einen ihrer schlechtesten Wahlgänge überhaupt erlebte.

Blickt man auf 2016 zurück, lag die AfD in Hessen hessenweit bei 13,2 Prozent, in einigen Landkreisen erreichte sie damals bereits bis zu 22 Prozent, während die NPD vereinzelt sogar bis zu 17 Prozent holte. Gemessen an diesem Ausgangspunkt ist der aktuelle "Siegeszug" deutlich weniger spektakulär, als ihn viele Titelzeilen erscheinen lassen wollen.

Warum titelt keiner "AfD in Offenbach halbiert"? Nun ja, dafür gibt es eine gute Erklärung: die Mini-Wahlliste und die internen Streitigkeiten. Aber es macht die Wahlschlappe nicht weniger real, oder? Der "AfD-Sieg" in zum Beispiel Büdingen ist ja auch real - auch wenn er ein falsches Bild vermittelt, wenn dort die AfD gerade einmal 25,4% erhielt und nur knapp gewann. Büdingen ist jetzt keine "AfD-Hochburg", wenn knapp 75 % nicht die Rechtsextremisten gewählt haben.

Screenshot https://www.hessenschau.de/

Beide Darstellungen wären in ihrer eigenen Weise irreführend, wenn man nur die jeweiligen Schlagzeilen liest und den Kontext nicht kennt.

UPDATE 18.3.: Vorläufiges Endergebnis. Büdingen DOCH KEIN AfD-Sieg!

Nachtrag vom 18.3. 8:00: Das vorläufige amtliche Endergebnis zeigt umso mehr unsere Kritik daran, (voreilig) von "AfD-Siegen" zu titeln. Denn am Ende war jener Sieg eben doch nicht "real" - bei der Auszählung zog die CDU noch an den Rechtsextremisten deutlich vorbei. Die AfD fiel gar auf Platz 3. Der knappe "Sieg" im Trend, der vielfach berichtet wurde, war gar keiner. Das bekommt aber keiner mit. Die Nachricht vom "AfD-Sieg" ist aber in der Welt.

Screenshot https://votemanager-da.ekom21cdn.de/

Wir bleiben aber noch beim Update: Wir haben den Vergleich zum viel kleineren Anstieg des AfD-Ergebnisses zu 2016 erwähnt, aber Vergleiche mit Landtagswahl 2023 (18,4%) und Bundestagswahl 2025 (17,8%) zeigen ebenfalls relative Verluste zur jetzigen Kommunalwahl: AfD: 15,9%.

Wie berichteten die Medien über die AfD-Ergebnisse bei der Wahl in Hessen?

Das alles hat offensichtlich einen relevanten Einfluss auf die Ergebnisse der Kommunalwahl in Hessen. Enttäuschte Wähler, die ihrer Partei keine Stimmen geben können, verlorene Stimmen: Das wäre doch mindestens ein paar Schlagzeilen wert, oder?

Nicht, wenn man am Wahlabend und am Tag danach in die Berichterstattung schaut. Ob hessenschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Deutschlandfunk, Oberhessische Presse – überall drehen sich Überschriften mit AfD-Bezug um ihre Stärke: "Meilenstein", "Etablierung", "Wahlerfolg", "Siege", "Hochburgen", "AfD zufrieden". Dass es solche Schlagzeilen gibt, kann man den Redaktionen schlecht vorwerfen. Sie bringen Klicks und sind ein wahrer Teil der Ergebnisse – aber eben nur ein Teil! Doch selbst wenn man explizit nach den verlorenen Stimmen der AfD sucht, findet man nahezu keine Schlagzeilen dazu.

Die Siege werden skandalisiert, die Niederlagen versteckt

Geschrieben wird über die Schwächen der AfD auf Kommunalebene ab und zu schon. Das Interview der hessenschau mit Politikwissenschaftlerin Dorothée de Néve beschäftigt sich unter anderem genau mit dem, was die Erfolge der AfD einschränkt. Der Titel "Gewinner, Verlierer und was das Trendergebnis bedeutet" ist allerdings völlig nichtssagend, die verlorenen AfD-Stimmen werden erst im dritten Satz des Teasers erwähnt. Dabei sollte "AfD" doch ein gutes Reizwort für die Google-Suche sein? Ebenso bei den "5 Trends bei der Kommunalwahl": Die richtige Analyse, versteckt an Platz 2 einer allgemein betitelten Aufzählung.

Über die Schwächen der AfD schreiben auch andere Medien, doch aus den Überschriften lässt sich kaum herauslesen. "Expertin: Kommunalpolitisches AfD-Profil bleibt abzuwarten" titelt die Zeit über einer dpa-Meldung, in der es auch um frustrierte Wähler geht. Wäre das nicht eine Schlagzeile wert gewesen?

Die Frankfurter Rundschau hebt sich zumindest damit hervor, dass sie im Laufe der Auszählung titelte "Ergebnisse der Kommunalwahl Hessen in Bewegung – AfD verliert Hochburgen". Zu den verschenkten Stimmen findet sich aber auch hier keine Überschrift.

Screenshot facebook.com

Ausgerechnet der rechtsradikale Fake-News-Blog Apollo News bewarb seinen Wahl-Ticker zwischenzeitlich mit den zu kurzen Wahllisten der AfD, welche sie Stimmen gekostet hatten, was aber auch nicht lange anhielt.

Die AfD wird gewählt, aber keiner will sich für sie engagieren

Es ist auch nicht so, dass die zu kurzen Wahllisten den Journalisten vor Ort nicht aufgefallen wären. Vor der Wahl gab es Berichterstattung darüber, auch in den Regionen, in denen die AfD nicht antrat, wurde darüber geschrieben. Nur bei den Wahlergebnissen, für die diese Informationen äußerst wichtig sind, scheint es nicht mehr schlagzeilen-relevant zu sein.

Es scheint eine systematische Unterbewertung des Fakts zu geben, dass die AfD zwar hohe Wahlergebnisse einfährt, aber überhaupt nicht die Strukturen hat, um den Erwartungen gerecht zu werden. Weil ihre Anhänger sie zwar wählen, sich aber nicht politisch für sie engagieren wollen.

Wo es in den Medien zur Sprache kommt, wird es am Rande verhandelt und nicht darauf getitelt. n-tv verweist in einer dpa-Meldung sogar darauf, dass das Statistische Landesamt Zahlen zu den landesweit größten und kleinsten Stimmanteilen bestimmter Parteien veröffentlicht – und nennt dann nur die Gemeinden mit den stärksten AfD-Ergebnissen.

AfD-Erfolge klicken besser

"Meilenstein", "Etablierung", "Wahlerfolg", "Siege" ist das Vokabular, das den Ton setzt. Dass es solche Schlagzeilen gibt, kann man den Redaktionen kaum vorwerfen. Sie bringen Klicks und bilden einen wahren Teil der Ergebnisse ab. Aber eben nur einen Teil. Der Fakt, dass die AfD systematisch Stimmen verschenkt, weil ihre Mitglieder keine ausreichenden Listen zustande bekommen, wird am Rande verhandelt und nie getitelt. Es wird stets erwähnt, aber irgendwo unter "5 Trends bei der Kommunalwahl in Hessen" oder am Ende der Artikel. Dass sie schon einmal fast so stark war – vor 10 Jahren! – das wird fast vollständig vergessen. Das ist kein Versagen einer einzelnen Redaktion, das ist ein Muster, das in seiner Summe ein Narrativ bestärkt. Ein falsches.

Dahinter steckt vor allem ein gut erforschter psychologischer Effekt: der Negativity Bias. Bedrohliches, Schlechtes, Gefährliches zieht Aufmerksamkeit auf sich – und die AfD als wachsende rechtsextreme Kraft ist eine reale Bedrohung, die Aufmerksamkeit verdient. Das findet sich in vielen Aspekten – Studien haben sogar gezeigt, dass das ZDF viel mehr über Einbrüche an der Börse berichtet, als über Anstiege.

Die Erzählung vom AfD-Sieg ist einseitig

Das Problem ist nicht, dass über AfD-Erfolge berichtet wird. Das Problem ist, dass die Berichterstattung so einseitig ist, dass ein systematisch verzerrtes Bild entsteht. Schlagzeilen – die fast ausschließlich die Wahrnehmung beeinflussen –, die sich fast ausschließlich auf die Siege der AfD konzentrieren und ihre strukturellen Schwächen ignorieren, helfen der AfD damit ungewollt. Sie stärken das Narrativ der Unaufhaltsamkeit. Und ein Narrativ, das Menschen glauben lässt, gegen die AfD sei ohnehin kein Kraut gewachsen, ist das giftigste Wahlkampfmittel, das eine Partei haben kann. Die AfD möchte auch, dass das wahr ist. Sie erzählt das selbst auch!

Dabei darf man die anderen Aspekte nicht außer Acht lassen. Es geht nicht darum, die realen Zugewinne der AfD zu leugnen. Sie sind real. Die Gefahr eines aufsteigenden Faschismus ist real. Aber das heißt nicht, dass er zwangsläufig kommen wird. Panikmache ist keine nüchterne Analyse. Wer vor Angst gelähmt ist, ist nicht fähig, sich zu wehren. Und wichtig ist: Es ist noch nicht zu spät. Jetzt ist noch die Gelegenheit, die AfD abzuwenden. Und genau dafür ist es wichtig zu sehen, dass sie weder unaufhaltsam noch unbesiegbar ist.

Denn was ist die AfD in Wirklichkeit? Sie wird von den mächtigsten Menschen und Staaten der Welt unterstützt, von den reichsten, von vielen Milliardären. Ihr wird viel Aufmerksamkeit und Medienmacht gekauft. Eine brandneue Analyse zeigt, dass die Mehrheit der Pro-AfD-Beiträge auf Tiktok zum Beispiel aus Nigeria stammt.

Der Scheinriese AfD

Aber wenn es drauf ankommt, in den Kommunen und Städten, hat sie enorme Probleme, Leute zu finden, die für sie antreten. In der Kommunalwahl in Bayern vor kurzem war das kaum anders: In nur 47 Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern stellte die AfD einen eigenen Bürgermeisterkandidaten auf. In Erlangen hatte sie so schlechtes Personal, sie stellte vier Vorbestrafte und insgesamt mindestens acht Personen auf, die Ärger mit dem Gesetz hatten. Am Ende verschenkten sie sogar einen Sitz an die Grünen:

Das widerspricht fundamental dem Narrativ des "Wir sind das Volk". Eine Partei, die das Volk angeblich hinter sich hat, sollte keine Mühe haben, in jeder Gemeinde eine Handvoll Kandidaten zu finden. Die große Mehrheit der Deutschen ist gegen die AfD. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie groß die Ablehnung ist – eben weil sie nicht so in den Fokus rückt.

Das "Volk" ist gegen die AfD

Zwei der größten Protestwellen in der Geschichte der Bundesrepublik richteten sich direkt gegen Rechtsextremismus und gegen diese Partei – die Anti-Rechts-Proteste von 2024 und 2025, wobei 2024 mit Abstand die größte Protestwelle aller Zeiten war! Diese Menschen sind nicht weg. Diese Proteste haben Wirkung gezeigt. Sie haben die AfD gebremst. Und in den Umfragen stagniert die Partei seit einem Jahr wieder. Das ist kein Zufall, das ist der Beweis, dass gesellschaftlicher Widerstand auch funktioniert.

Die Frage ist also nicht, ob die AfD aufgehalten werden kann. Die Frage ist, ob wir uns von einem Medienbild einschüchtern lassen, das nur ihre Stärken zeigt und ihre Schwächen ausblendet. Die AfD kann nur gewinnen, wenn wir sie lassen. Ihr Sieg ist nicht ausgemacht, im Gegenteil. Das dürfen wir nicht vergessen. Das müssen wir auch verstehen und kommunizieren. Die AfD spricht selbst sehr vollmundig davon, dass es ihr Schicksal ist, die Macht zu ergreifen. Nicht weil es wahr ist, sondern weil es ihr hilft, wenn genug Menschen das glauben und aufgeben. Das dürfen wir nicht zulassen. Dazu ist es wichtig zu verstehen, warum sie doch verliert. Und daraus lernen.

Artikelbild: Igor Link, shutterstock.com Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.

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