Sie trug Maske, es war Rassismus: 17-Jährige krankenhausreif geschlagen

| Faktencheck | 9. Februar 2022


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Faktencheck: 17-Jährige wird rassistisch beschimpft und krankenhausreif geschlagen

Am Samstag, dem 5. Februar, wurde die 17-jährige Dilan an einer Tramhaltestelle in Berlin so brutal zusammengeschlagen, dass sie mit einem Schädelhirntrauma, einem Bauchtrauma und unzähligen weiteren Prellungen und Verletzungen ins Krankenhaus musste. Die Medien berichteten danach, die Situation sei wegen Dilans fehlender Maske eskaliert, betitelten sie teilweise sogar als „Maskenverweigerin“. Auch Desinformationsseiten schlachteten den Vorfall begierig aus, um die Gewalt der „Querdenken“-Bewegung zu relativieren. Dass der Übergriff eindeutig rassistisch motiviert war, musste die 17-Jährige in einem Statement auf Instagram nun selbst klarstellen. Die Polizei korrigierte ebenfalls ihre ursprüngliche Pressemitteilung.

Hier der Beitrag des Opfers auf Instagram:

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Zeitungen berichten über eine „Maskenverweigerin“

Wenn in den letzten Tagen über diesen Vorfall berichtet wurde, war in allen Zeitungen und Online-Medien eigentlich nur die Rede davon, dass einige Männer und Frauen ein Mädchen zusammengeschlagen hätten, weil diese in der Tram keine Maske getragen habe. Seit Dilan ihr Statement auf TikTok und Instagram veröffentlicht hat, wurden die Berichte vager, doch das eindeutig rassistische Motiv der Tat bleibt trotzdem meist eher außen vor. So berichten zum Beispiel manche Medien überhaupt nicht von einem rassistischen Motiv der Täter:innen, relativieren lediglich Dilans Aussage in ihrem Statement und schreiben, dass sie „angeblich“ eine Maske getragen habe. Diese Darstellung wurde von der dpa-Meldung kolportiert und vielfach übernommen.

Auszug bei t-Online, Screenshot via Leon Montero

Polizeibericht Schuld an falschen Medienaussagen?

Im Polizeibericht zu dem Übergriff, der am 6. Februar veröffentlicht wurde und Zeugen des Verbrechens bittet, sich zu melden, steht tatsächlich, dass es zu einem Streit zwischen den Täter:innen und der 17-Jährigen gekommen sei, weil Erstere das Mädchen auf ihre fehlende Mund-Nasen-Bedeckung hingewiesen hätten (Quelle). Was in der Polizeimeldung jedoch nur einen Halbsatz einnimmt, wurde in den Zeitungen, welche den Bericht übernommen hatten, zum Hauptthema. Dass die junge Frau rassistisch beleidigt und körperlich angegriffen wurde, danach sogar ins Krankenhaus musste, fand kaum Beachtung und wurde nur in einem Nebensatz erwähnt.

Was war tatsächlich passiert?

In ihrem Statement widerspricht Dilan den Medienberichten über den Angriff und stellt klar, dass sie in der Tram eine Maske getragen hatte und von einer zugestiegenen Gruppe, die alle keine Maske trugen, rassistisch beleidigt wurde. Unter anderem soll sie auch als „Drecks-Ausländerin“ beschimpft worden sein. Zu diesem Zeitpunkt stand die Masken-Thematik aber noch überhaupt nicht im Raum. Einige Augenblicke später, als die Gruppe es nicht mehr nur bei rassistischen Beleidigungen beließ, sondern Dilan auch körperlich bedrängte, soll sie die Angreifer:innen darauf hingewiesen haben, dass sie doch erstmal ihre Masken aufsetzen sollten, bevor sie weiter mit ihr sprächen.

Am Bahnhof Greifswalder Straße verließen nach ihrer eigenen Schilderung sowohl Dilan als auch die Gruppe von Männern und Frauen die Tram und die Lage eskalierte. Eine Frau aus der Gruppe wollte die 17-Jährige dazu zwingen, ihre Maske wieder aufzusetzen, wobei in diesem Moment niemand mehr an dem Bahnsteig eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen haben sollte. Zu sehen ist dies auch in den Video-Sequenzen, die Dilan in ihr Statement geschnitten hatte. Daraufhin wurde die 17-Jährige von zwei Männern festgehalten und von zwei Frauen brutal auf den Kopf, in den Bauch und in die Beine getreten. Von den umstehenden Zuschauenden ist ihr niemand zu Hilfe gekommen, obwohl sie wohl um Hilfe gerufen und gebettelt hatte. (Quelle: Statement-Video Dilan)

Polizei korrigiert Pressemitteilung

Das Opfer kritisiert jetzt die Medienberichterstattung, die sie als „Maskenverweigerin“ framte. Sie schreibt, dass genau das Gegenteil der Fall war: „In den Medien wird behauptet, dass der Grund ein fehlender Mund-Nasen-Schutz sei, was jedoch nicht der Wahrheit entspricht. Außerdem wäre es ebenso kein Grund zu 6. auf eine minderjährige Person zu gehen und diese zusammenzuschlagen. Zudem ich hinzufügen muss, dass ich die einzige war, die eine Maske getragen hat.“

Zwischenzeitlich veröffentlichte die Polizei eine Korrektur ihrer Pressemitteilung. Sie schreiben:

„Im Rahmen der Sichtung vorhandenen Videomaterials sowie weiterer Ermittlungen, konnte nun festgestellt werden, dass die Jugendliche beim Ein- und Aussteigen aus der Tram eine Mund-Nase-Bedeckung trug und diese lediglich bei dem auf die rassistischen Beleidigungen folgenden Streitgespräch mit den sechs Erwachsenen kurzfristig nach unten gezogen hatte. Die sechs tatverdächtigen Erwachsenen trugen überwiegend keine Mund-Nase-Bedeckungen. Die Ermittlungen dauern an.“

„Querdenker“-Seiten hatten den Vorfall ausgeschlachtet

Eine 17-Jährige als „Maskenverweigerin“ zu bezeichnen und Artikel zu veröffentlichen, die „Querdenker:innen“ direkt in die Karten spielen, obwohl die Meldung wahrscheinlich nur auf einem Missverständnis zwischen dem bzw. der Polizist:in, der/die den Bericht von Dilan aufgenommen hatte und der 17-Jährigen beruht, ist mehr als eine schlechte Kombination. Einschlägige Desinformationsseiten, die sonst regelmäßig die Gewalt und den Hass ihrer Gleichgesinnten leugnen oder verharmlosen, schlachteten die Falschmeldung selbstverständlich hämisch aus und machten die rassistischen Angreifer zu „Masken-Fanatikern“.

Nicht nur, dass allein so ein Angriff große körperliche und seelische Wunden hinterlässt, es ist schlimm, dass der jungen Frau auch nach ihrem Statement wohl nicht geglaubt wird und viele Medien nun „Motiv unklar“ titelten oder den Vorfall zu einem Politikum mit Masken machten, anstatt zu benennen, was einen eindeutigen Namen trägt: Rassismus. Es bleibt zu hoffen, dass sie nun nicht noch als „Märtyrerin“ der „Querdenken“- und Impfgegner-Bewegung herhalten muss, aufgrund eines ursprünglichen, falsch formulierten Polizeiberichts.

Artikelbild: Screenshots

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