Dieser Versuch der AfD, Migranten zu kriminalisieren, geht nach hinten los

| Analyse | 17. Juli 2020

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von Tobias Wilke

KRAFTKLOPS IM KAROSAKKO

Sie kennen Andreas Mrosek nicht…“den“ Andreas Mrosek? Immerhin ein Bundestagsabgeordneter! Sein Wikipedia-Eintrag ist womöglich eine kleine Hilfe:

„Andreas Mrosek (* 18. Januar 1958 in Dessau) ist ein deutscher Ingenieur, Unternehmer, Kraftsportler und Politiker (AfD, vormals CDU). Er ist seit der Bundestagswahl 2017 Mitglied des 19. Deutschen Bundestages für die AfD und gehörte von 2016 bis 2018 dem Landtag von Sachsen-Anhalt an.“ Quelle: Wikipedia

„AfD, vormals CDU“ – in dieser Preisklasse gibt es ja so einige. Aber unmittelbar vor seinem CDU-Beitritt hatte Mrosek erfolgslos für die rechtsextreme DVU-Abspaltung „Freiheitliche Deutsche Volkspartei“ (FDVP) kandidiert. Danach folgten zwei Insolvenzen als Unternehmer.

Und jetzt? Der ehemalige Deutsche Meister im Bankdrücken in der Gewichtsklasse bis 125kg sitzt für die AfD im Bundestag als Fraktionssprecher für See- und Binnenschifffahrt. Dieser Tausendsassa aus Sachsen-Anhalt scheint seinen Bundestagsfraktionskamerad*innen wohl geradezu prädestiniert, der Polizeilichen Kriminalstatistik die letzten Geheimnisse zu entlocken über Menschen mit Migrationshintergrund:

Quelle: AfD Bundestagsfraktion via Twitter

EIN TWEET, SIE ALLE ZU BLAMIEREN

Versuchen wir doch einfach, wohlwollend zu verstehen, was die AfD-Fraktion im Bundestag mit obigem Tweet überhaupt sagen möchte. Herr Mrosek scheint jedenfalls im Thema zu stecken. Immerhin stellt er solche Anfragen zu Kriminellen mit Migrationshintergrund bereits seit 2013! Der Haken: Die AfD und damit auch Herr Mrosek sitzt erst seit 2017 im Bundestag.

Er hatte diese Anfrage also schon einmal rückwirkend (!) gestellt und das Bundesinnenministerium versuchte wenigstens in seiner Antwort, ihm die banalsten Grundlagen irgendwie zu erklären. Das hat offensichtlich noch immer nicht gefruchtet: Die AfD-Pressemitteilungen zum Thema bleiben selten dämlich.

Problem 1 :

Menschen mit Migrationshintergrund werden in der Kriminalstatistik überhaupt nicht erfasst. Es gibt Deutsche und „Nichtdeutsche“. Grundlage dafür ist das Grundgesetz: „Deutscher ist, (…) wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt“. Egal, ob die Oma in Pirmasens geboren wurde, in Paris, Prag oder Phnom Penh.

Problem 2 :

Was auch immer die AfD gern „Täter“ nennen möchte, die Polizei ermittelt grundsätzlich nur Tatverdächtige. Wer davon womöglich auch „Täter“ sein könnte, entscheiden später Staatsanwaltschaften oder Gerichte, aber nicht die Polizei. Das nennt man „Gewaltenteilung“, doch woher soll ausgerechnet die AfD das wissen?

Problem 3 :

„Personen mit #Migrationshintergrund sowie (sic!) #Asylbewerber“ heißt es in dem AfD-Tweet und der entsprechenden Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion. Da stellt sich doch die Frage: Was glaubt die AfD über Asylbewerber OHNE Migrationshintergrund zu wissen???

Problem 4 :

„Unerlaubter Aufenthalt“ und „Duldung“ müssen überhaupt nichts zu tun haben mit „Asylbewerbern“. Das ist einer dieser Punkte, die die AfD wohl nie begreifen wird und auch gar nicht verstehen möchte: Dazu gehören beispielsweise auch abgelaufene Visa für Student*innen, Arbeitnehmer und Touristen.

Problem 5 :

Die Zahlen. Die Zahlen!!! Dazu später…

Quelle: Antwort des Bundesinnenministeriums auf AfD-Anfrage

DER SOGENANNTE „MIGRATIONSHINTERGRUND“

Zur Erinnerung: Die AfD glaubt offenbar, Menschen mit „Migrationshintergrund“ irgendwelchen Straftaten zuordnen zu können. Obwohl das Bundesinnenministerium schon im Vorjahr erklärte: geht gar nicht. Wer aber sind diese „Menschen mit Migrationshintergrund“ in Deutschland und vor allem: wie viele sind es?

Laut Bundesamt für Statistik (Quelle) lebten Ende 2019 insgesamt 21,2 Millionen „Menschen mit Migrationshintergrund“ in Deutschland, davon (!) 11,2 Millionen Ausländer. Bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Millionen Menschen hat also jeder vierte (25,5%) einen sogenannten „Migrationshintergrund“.

Das heißt: Entweder die Person selbst hat eine andere Staatsangehörigkeit als die deutsche bzw. sie oder mindestens ein Elternteil wurde nicht mit einer deutschen Staatsbürgerschaft geboren. Dieses durchaus willkürliche, statistische Merkmal aus dem Mikrozensus sagt also rein gar nichts darüber aus, seit wie vielen Generationen die Familie in Deutschland lebt.

Der Volksverpetzer hat diese fragwürdige Definition umfassend erläutert:

„Migrationshintergrund“: Ariernachweis Reloaded?

AFD BASHT „BIODEUTSCHE“

Kommen wir zu den Zahlen. Laut AfD haben „Personen mit Migrationshintergrund sowie (sic!) Asylbewerber“ vergangenes Jahr 233.073 Straftaten begangen. Wie bereits vom Bundesinnenministerium festgestellt, ist die AfD schlicht zu unfähig für die Verwendung des Begriffs „Tatverdächtige“.

Korrigieren wir das also nach Vorgaben des Bundesinnenministeriums: Die AfD behauptet, 233.073 Personen mit Migrationshintergrund seien 2019 als Tatverdächtige ermittelt worden. 233.073 Tatverdächtige aus einer Gruppe von 21,2 Millionen Menschen. Das hieße: 1.100 Tatverdächtige unter 100.000 Menschen mit Migrationshintergrund.

In Deutschland leben 83 Millionen Menschen. Abzüglich derer mit Migrationshintergrund also rund 62 Millionen „Biodeutsche“.

Tatverdächtige insgesamt: 2.019.211, laut AfD müsste man davon 233.073 subtrahieren. Übrig blieben 1.786.138 „biodeutsche Tatverdächtige“. Also etwa 2.900 Tatverdächtige unter 100.000 Menschen ohne(!) Migrationshintergrund. Die somit fast dreimal so kriminell wären wie die Gruppe der Personen mit(!) Migrationshintergrund.

Wir wissen selbst, dass das unsinnig ist. Die AfD weiß es wohl nicht.

Quelle: Bundeskriminalamt

DAS WAR NICHT UNSERE IDEE!

Der Shitstorm aus der rechten Bubble ist wieder einmal absehbar. Dabei haben wir nur die Zahlen und Definitionen der AfD mit denen aus der Kriminalstatistik abgeglichen! Wer sich also darüber entrüstet, dass plötzlich „Urdeutsche“ kriminalisiert werden, soll sich bitte bei der AfD beschweren und vielleicht auch gleich eine Anzeige stellen wegen ihrer „Deutschenfeindlichkeit“.

Für diejenigen aber, die sich einfach für das Thema „AfD und Kriminalstatistiken“ interessieren, haben wir hier noch ein paar Artikel aus unserem reichhaltigen Archiv:

Kriminalstatistik: Messer-Martin dreimal so kriminell wie Chorknabe Chalid?

Bei Zuwanderern verzählt, bei Kriminalität verrechnet: Nicht nur Rechte stolpern über BKA-Statistik

Fail: AfD lässt 73,3% rechte Delikte „verschwinden“ & verdoppelt Steigerungsrate bei linken

Ein Armutszeugnis in 19 Zeilen: AfD über die Kriminalstatistik 2019

Artikelbild: pixabay.com, CC0



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