Mit diesen 5 Taktiken rettest du Freunde aus dem Griff der QAnon-Sekte

| Analyse | 16. September 2020

Wir stellen unsere Artikel und Faktenchecks kostenlos für alle zur Verfügung.
Hilf uns dabei, dass das so bleiben kann.


27.950

Die Gehirnwäsche kann jeden treffen!

Die QAnon-Sekte ist gefährlich. Und sie wächst rasant, auch in Deutschland. Um diese Verschwörungserzählung aus den USA und ihre verblendeten Anhänger:innen zu stoppen, müssen wir allerdings erst einmal verstehen, was dahinter steckt und wie die Gehirnwäsche dieser Sekte funktioniert. Das Märchen hinter dem Verschwörungskult geht so: Eine internationale Kabale aus Satan anbetenden, Kinderblut trinkenden Pädophilen und Kinderschmugglern habe alle Regierungen unterwandert und steuert alle Geschicke. Dazu gehören natürlich Merkel, Grüne und Linke und retten kann uns natürlich nur Trump. Ja, der Mann, der in Sonnenfinsternisse mit bloßen Augen starrt.

Dieser Mann kämpft also angeblich gegen ein geheimes Netzwerk aus pädophilen Politiker:innen und Hollywood-Stars, die angeblich Kinder entführen, foltern und ermorden und aus ihnen ein magisches Mittelchen namens “Adrenochrom” erzeugen, um sich selbst zu verjüngen. Kein Scherz. Weil das ein anonymer, unbekannter Typ auf einem Onlineforum geschrieben hat. Ja, wirklich. Beweise dafür? Keinen einzigen. Die meisten “Ankündigungen”, die dieser Q gemacht hat, haben sich als falsch erwiesen. Er behauptete bereits 2017, dass Hillary Clinton bald festgenommen werde zum Beispiel. Auch alle Ankündigungen der QAnon-Sektenanhänger:innen aus Deutschland lagen stets daneben:

Lockdown-Vorhersage ausgeblieben: 71 Fälle, in denen QAnons daneben lagen

Antisemitismus, Querdenker, AfD

QAnon-Sektenanhänger:innen bezeichnen sich selbst als “Erwachte” oder “Querdenker”, und ihre Gehirnwäsche findet vor allem Online statt. Sie sind eng vernetzt mit der deutschen rechtsextremen Szene und damit auch mit der AfD, und seit Beginn der Corona-Pandemie natürlich auch mit den Pandemie-Leugner:innen und Verschwörungsideologen von Querdenken, mit Xavier Naidoo und Co.

Im Zuge der Pandemie gewinnt die Sekte auch hierzulande viele Anhänger:innen, da die “alternative” Verschwörungsblase über Misstrauen gegen “Mainstreammedien”, dem diffusen Gefühl des Kontrollverlusts und Unzufriedenheit mit der Regierung (und Hassbild Merkel) schnell Anschluss an Rechtsextremismus, Reichsbürger, AfD, Verschwörungsmythen, Esoteriker:innen und Co findet. Wer durch die Pandemie in die “Corona-Querfront” gerutscht ist, ist leichte Beute für Manipulation und Gehirnwäsche.

Corona-Querfront: Einige deiner Freunde könnten demnächst Nazis werden

Das spannende an diesen Verschwörungsmythen ist der Mitmach-Anteil. Sie schreiben “Denke selbst!” oder “Google selbst nach XY”, weil du dir selbst den Youtuber, Telegram-Kanal oder Fake-News-Blog aussuchen sollst, der die Lügen so präsentiert, wie du am besten darauf ansprichst. Und vieles wird mit rhetorischen oder Suggestivfragen formuliert, um vermeintliche Widersprüche erst zu erzeugen, die du selbst dann der “Verschwörung” zuschreiben sollst. Sie geben dir nicht vor, was du zu denken hast. Subtil, wie in einer Sekte, lenken sie deine Gedanken durch Manipulation, Auslassungen und Lügen nur in die Richtung, die sie möchten. Den Rest Gehirnwäsche sollst du selbst machen. Damit du es nicht einmal mehr bemerkst. Sascha Lobo hat das als das “IKEA-Prinzip” bezeichnet (mehr dazu).

Nicht einfach nur auslachen und ignorieren

Wichtig ist, trotz dieser ganzen Lächerlichkeit, die QAnon-Sekte nicht einfach als ein Haufen Spinner abzutun. Auf diese Gehirnwäsche fallen nicht nur “dumme” Menschen herein, oder ungebildete. Es fallen Menschen darauf herein, die geistig völlig gesund sind und höchst intelligent oder gebildet. Auch du bist nicht sicher vor diesen Manipulationen. Der erste Schritt im Kampf gegen Verschwörungsideologien ist zu wissen, dass auch du ihr Opfer werden kannst. Wenn Trump, Naidoo oder die AfD dieser Sekte eine Plattform schaffen, erreicht es aber potentiell Millionen Menschen.

Und wenn QAnons von einer “Industrie, die Kinder foltert und mordet” spricht, und sogar erneut nie eingetretene Prophezeiungen macht, dass imaginierte Kinder vor einem magischen Kult “befreit” werden, dann geben sie diesem Verschwörungsmärchen noch zusätzlich unnötig Prominenz und Autorität. Übrigens: Zufall, dass alle “bösen” Mitglieder des “Tiefen-Staat”-Kults immer politische Gegner von Trump sind und rechte Feindbilder bestätigen? Lustig, wie sowas immer aufgeht. Fast so, als seien sie extra für diese Zielgruppe konstruiert worden…

Viele Menschen sind anfällig für die Vorstellung, dass es “geheime Pläne” von “den Mächtigen” gäbe. Die Vorstellung, dass Menschen mit Macht alles unter Kontrolle haben, erzeugt paradoxerweise bei diesen Menschen ein Gefühl der Beruhigung. Die bösen Mächte sind zwar böse, aber nicht hilflos. Diese Vorstellung macht viel mehr Angst.

“Laut einer YouGov-Studie glauben in Deutschland knapp 20 Prozent, dass es einen geheimen Plan gibt, dass Muslime nach Deutschland einwandern.”, erklärt Pia Lamberty, die gemeinsam mit Katharina Nocun das Buch “Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” geschrieben hat. Das Buch erschien am 29. Mai im Quadriga-Verlag. Der Nährboden ist also groß, und dass es nicht nur bei über WhatsApp geteilten Märchen und Verschwörungsmythen bleibt, hat man leider schon öfter gesehen.

QANON UND RECHTER TERROR

Das “Pizza-Gate” in den USA führte schon dazu, dass ein Mann mit einem AR-15 Gewehr eine Pizzeria in den USA stürmte, weil man ihm einredete, dort seien missbrauchte Kinder durch die Clintons festgehalten (Link). Im März 2019 soll ein Mann einen Mafiaboss umgebracht haben, weil er glaubte, er sei Teil des “tiefen Staates”. Das FBI warnt auch vor der Terrorgefahr durch “QAnon” (Quelle). Kein Wunder, wenn jemand ernsthaft glaubt, dass tausende Kinder gefoltert werden und keiner davon weiß, dass dieser versucht, diese zu befreien.

Auch der rechtsextreme Terrorist von Hanau, der 9 Menschen tötete, glaubte an diesen Verschwörungsmythos (Quelle). Der rechtsextreme Terrorist von Halle glaubte auch an eine “jüdische Weltverschwörung”, weshalb er ein Massaker in der Synagoge anrichten wollte – und zwei Menschen erschoss (Quelle). Da das in den Köpfen dieser Menschen alles so unglaublich logisch wirkt, und der größtmögliche Schrecken (gefolterte Kinder, geheime Mächte, böse Pläne) mit der vermeintlichen Übermacht (“Sie” kontrollieren ALLES, keiner weiß Bescheid) gepaart wird, ist die Gewaltbereitschaft sehr hoch.

Was tun gegen die QAnon-Sekte?

Verschwende nicht deine Zeit damit, mit diesen fremden, gehirngewaschenen Sektenanhänger:innen zu diskutieren. In unmoderierten Kommentarspalten ist es vielleicht wichtig, gegen organisierte Angriffe zu mobilisieren, aber dazu später mehr. Wenn “Erwachte” Links oder Lügen verbreiten, sparst du dir wahrscheinlich viel Zeit und Nerven, wenn du diese blockierst und ihren Märchen keine Plattform bietest. Steck sie in die Fake-News-Quarantäne und unterbreche Q-ontaktketten quasi. Aber wenn dir im persönlichen Umfeld Freunde, Bekannte oder Verwandte begegnen, die anfangen, Bausteine dieser Mythen zu glauben oder zu verbreiten, kannst du noch etwas erreichen.

Solange diese Personen noch nicht völlig einer Gehirnwäsche durch Clickbait-Titel, manipulierte Bilder, aus dem Kontext gerissene Zitate und pseudo-aufklärerische Videos unterlegen sind, kannst du sie als ihnen nahestehende Person vielleicht noch vor den Klauen dieser Sekte retten. Wichtig ist zu wissen, dass rechtzeitig ein wenig kritische Fragen viel bewegen können. Die “Q Drops”, die Bausteine der Märchen, funktionieren wie eine Droge. Sie fühlen sich als Teil einer elitären Gruppe. Mit diesen 5 Schritten kannst du ihnen helfen, nicht süchtig zu werden.

Das “Aha-High”: Wie Verschwörungstheorien die Gehirne unserer Freunde hacken

1. Gehe auf diese Personen zu

Sei offen für ihre Einstellungen, tu so, als seist du neugierig. Frag sie, wie sie darauf gestoßen sind, welche Seiten oder Personen sie darauf gebracht haben und warum sie das ernst nehmen. Finde Gemeinsamkeiten, Erfahrungen oder Interessen, damit die Person dich ernster nimmt. Das ist wichtig, denn es wird die Person daran erinnern, wer sie war, bevor sie in die Klauen der Sekte geriet. Die Diskussion (am besten offline!) soll positiv und freundlich verlaufen. Sie wurden dazu indoktriniert, an gesichtslose, satanistische Kinderschmuggler zu glauben, deshalb sollst du ganz natürlich und normal wirken und nicht den Vorurteilen entsprechen, die sie gehört haben.

2. Verurteile nicht

Beleidige die Person nicht und mach dich nicht über ihren Glauben lustig. Dann wird sie einfach dicht machen und dich in eine Schublade einordnen, aus der du nicht mehr heraus kommst. Tu so, als seist du ehrlich interessiert, woran die Person glaubt. Nutze im Gegensatz zu uns nicht Begriffe wie “Gehirnwäsche” oder “Verschwörungstheorie”. Denn auch wenn es wichtig ist, dass es klar ist, dass es sich darum handelt, wird es in einem persönlichen Gespräch abschrecken. Die Person wird dich als “Schlafschaf” abstempeln oder schlimmer und sich wieder neue Bestätigung in der nächstbesten Telegram-Gruppe holen.

3. Appelliere an ihre Integrität, Vernunft und Bewusstsein

Weise stets darauf hin, dass eine wahre Information auch bei kritischer Betrachtung und kritischem Hinterfragen Stand halten sollte. Und dass niemand massiv lügen und manipulieren müsste, wenn er das Recht auf seiner Seite hätte. Betone wie wichtig Recherche ist, einschließlich der Sachen, die Kritiker:innen und ehemalige QAnon-Sektenmitglieder jetzt darüber sagen. Weise darauf hin, dass sich nur bei Gläubigen “informieren” einseitiges Informieren ist und dass sie sich doch vielseitig informieren müssten und alle Meldungen kritisch hinterfragen, natürlich auch die in ihren Telegram-Kanälen und auf Sharepics.

4. Schlage alternative Informationsquellen vor

Versuche, auf “alternative” Quellen hinzuweisen. Die Medienlandschaft ist äußerst breit aufgestellt und hat auch seriöse Medien abseits der “Mainstreammedien”, falls das hilft. Sprecht über Forschung in der Psychologie, Studien, besonders darüber, wie das Gehirn funktioniert und wie man es medial manipulieren kann, insbesondere bei den Strategien, die QAnon nutzt. Beispielsweise wie sie Bewegungen wie Corona oder den wichtigen Kampf gegen Kinderhandel unterwandern. Bücher darüber, wie Kulte funktionieren sind nützlich.

5. Forme ein Team an Vertrauten

Du bist nur eine Person. Du kannst und wirst nicht alleine Verschwörungsmythen bekämpfen können. Deswegen versuche es nicht und mach dir keine Sorgen, wenn es nicht klappt. Uns steht eine ganze Community an Sektenanhänger:innen gegenüber. Aber wir sind auch nicht allein. Um kritisches Denken und unabhängige Entscheidungsfindung zu unterstützen, sprich mit anderen Freunden und Familienmitgliedern der Person. Ermutige sie, diese Tipps ebenfalls zu befolgen und mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Jede Zeit, die sie mit normalen Menschen verbringt, entfernt sie von der QAnon-Sekte.

In Social Media kannst du dich mit Gruppen wie #ichbinhier vernetzen, die gegen Hass und Verschwörungsmythen vorgehen und sich geschlossen gegen Angriffe in den Kommentarspalten organisieren. Finde Gruppen in Facebook und Co, die über Verschwörungsmythen aufklären. Vernetze dich. Bleib kritisch, lass dich nicht dazu ein, mit Verblendeten öffentlich und alleine in Kommentarspalten zu diskutieren und nutze deine Energie lieber sinnvoller in Teams oder bei Freunden und Verwandten, wo du größere Erfolgschancen hast. Und keine Sorge: Es ist letztlich nicht deine Aufgabe, gegen diesen ganzen Unsinn anzukämpfen, wenn du nicht willst.

Das ist unsere Aufgabe 😉 .

Inspiriert von diesem Artikel bei nbcnews.com. Artikelbild: geogif

Hey, möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Komm in unseren Telegram Kanal und verpasst keine News mehr von uns (Link).  Oder besuche unseren Shop und unterstütze uns mit dem Kauf von T-Shirts, Tassen und Taschen, hier entlang.


Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI: