Drostens Doktorarbeit erst seit 2020 verfügbar? Was wirklich dahinter steckt

| Corona-Fake | 16. Oktober 2020

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Drostens Doktorarbeit erst seit 2020 verfügbar?

Natürlich gibt es für vernünftige Menschen keinen einzigen Grund, die Existenz von Drostens Doktorarbeit anzuzweifeln. Drosten-Hasser und verschwörungsideologische Pandemie-Leugner:innen versuchen aber seit Monaten, irgendetwas zu finden, um Drosten als Symbol für die große Mehrheit der vernünftigen Wissenschaftler:innen zu diffamieren. Daran sieht man übrigens, wie wenig echte Argumente diese wahnhafte Bewegung hat und mit welchen schmutzigen Tricks sie spielt, wenn sie sogar die Existenz von Drostens Doktorarbeit anzweifeln muss.

Bereits im Juli verbreiteten sich Sharepics mit dem Inhalt, die Doktorarbeit von Dr. Drosten sei angeblich „nicht auffindbar“. Die Intention dahinter natürlich: Die international extrem hohe Reputation des Corona-Experten zu diffamieren und zu unterstellen, die Doktorarbeit sei gefälscht, existiere gar nicht oder dergleichen.

Auch der Schwindel-Arzt und immer radikalere Verschwörungsideologe Bodo Schiffmann, dessen wilde Thesen rund um Corona schon zigfach widerlegt wurden (hier, hier oder hier) und der inzwischen mit Nazis gemeinsame Sache macht, stellte sich allen Ernstes hin und fragte „WO ist die Doktorarbeit?“ [sic] in einem Youtube-Video. Die Logik: Weil die Doktorarbeit nicht kostenlos im Internet zu finden sei, könnte sie ja gefälscht sein.

Wir haben ihre Existenz bewiesen, dann mussten sie etwas anderes finden

Wir beim Volksverpetzer konnten aber die Existenz von Drostens Doktorarbeit nachweisen: Wir haben sie einfach ausgeliehen und siehe da – sie existiert. Wer hätte es gedacht, außer alle Vernünftigen?

Sorry, Aluhüte: Wo die Doktorarbeit von Drosten ist? Hier: Wir haben sie ausgeliehen

Wir haben Drostens Doktorarbeit sogar hier abgefilmt:

Doch weil Pandemie-Leugner nicht wirklich an einem sachlichen Diskurs interessiert sind und nur vorgaukeln, mit Fakten argumentieren zu wollen, brachten sie einen Propaganda-move, den man “moving the goalpost” nennt. Dabei handelt es sich um einen logischen Fehlschluss: Nachdem die erste Behauptung widerlegt wurde, suchen sie einen *anderen* Grund, um das Gegenüber (in dem Fall Drostens Doktorarbeit) zu diskreditieren und so zu tun, als seien sie die ganze Zeit im Recht.

Erst seit 2020 verfügbar?

Jetzt taten sie plötzlich so, als sei es nie ihre Behauptung gewesen, die Arbeit würde nicht existieren, jetzt erfanden sie eine ganze Verschwörung, um zu erklären, warum die Doktorarbeit “plötzlich” aufgetaucht sei. Achtung: Wenn deine Ausreden, warum deine Behauptungen doch irgendwie wahr sein könnten, immer komplizierter werden, ohne dass du Belege liefern kannst, betreibst du Verschwörungserzählungen. Aber hier fanden die Pandemie-Leugner tatsächlich ein Indiz: Drostens Doktorarbeit ist wirklich erst seit 2020 ausleihbar.

Für betrügerische Verschwörungsideologen reicht das Indiz natürlich aus, um jetzt eine Verschwörung zu spinnen. Und auch die Erklärung, was der echte Grund dafür ist, wird sie nicht überzeugen, aber vielleicht helfen die echten Fakten den noch Vernünftigen weiter: Der Plagiatsgutachter Dr. Stefan Weber hat sich die Arbeit auf seinem Blog “Plagiatsgutachten” genauer angeschaut und festgestellt, dass die Signatur von Drostens Doktorarbeit D 126/1286 und D 126/1342 aufweist. Was heißt, dass es sich um einen Datensatz handelt, der erst 2020 angelegt wurde. Auch das PDF mit dem Inhaltsverzeichnis wurde 2020 angelegt (Link).

Völlig normal: Alle jemals geschriebenen Arbeiten in die Bibliothek zu packen würde den Rahmen sprengen

Die viel logischere Erklärung, als dass Drosten nur eine Marionette von höheren Mächten sei, der nie eine Doktorarbeit hatte, die schnell im Nachhinein gefälscht werden musste, weil ein paar Leute auf Telegram die weltweite, Milliarden Euro schwere Verschwörung aufzudecken drohten, ist natürlich, dass es völlig normal ist, dass man nicht alle Doktorarbeiten aller Student:innen aller Zeiten in einer Bibliothek vorrätig haben kann. Oder muss. Journalist Dr. Markus Kühbacher fragte auch nach:

Ein Pressesprecher der Uni Frankfurt a. M. hat daraufhin erklärt: Dr. Drosten habe die Ergebnisse seiner Dissertation zunächst in drei Zeitschriftenaufsätzen auf Englisch und mit Ko-Autor:innen vorab veröffentlicht (Wie völlig üblich in der Wissenschaft). Zusätzlich hat er seine 122-Seiten lange, deutschsprachige Promotionsschrift verfasst. Deshalb sei laut § 12 der damaligen Promotionsordnung das Veröffentlichungsgebot bereits erfüllt gewesen. Das heißt: Er habe bereits veröffentlicht, weshalb es keinen Bedarf gab, die deutsche Promotionsschrift noch mal extra zu veröffentlichen.

Man kann die damals veröffentlichten Aufsätze von Drosten übrigens einfach selbst suchen und finden (Link). Man sieht, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse schon damals veröffentlicht waren. Was in der Doktorarbeit steht ist also nicht erst 2020 aufgetaucht.  Man kann HIER übrigens auch alle seine (hunderte) Forschungsarbeiten finden. Und dass er zehntausendfach zitiert worden ist. Auch alles Fake? Stecken alle Wissenschaftler:innen seit 20 Jahren unter einer Decke? Oder ist er einfach wirklich der Experte, der er ist?

Die deutsche Schrift nochmal zu veröffentlichen und in der Bibliothek anzulegen, dafür gab es damals kein öffentliches Interesse (mehr dazu). Wie wir von einem Mitarbeiter der Universitätsbibliothek erfuhren, möchte man sich natürlich den Aufwand sparen, Arbeiten ausleihbar zu machen, die eh keiner ausleihen wird. Im Jahr 2020 wurden auch Doktorarbeiten erst aufgenommen, die schon 1901 veröffentlicht wurden. Unsere Kolleg:innen von Mimikama haben das in ihrem Faktencheck auch festgestellt.

Fazit: Einfache Erklärung

Als die Corona-Pandemie losging und Drosten Prominenz erlangte, beschloss die Universität, die leicht beschädigten Exemplare der Arbeit zu scannen und Neudrucke herzustellen, wovon zwei in Frankfurt ausleihbar gewesen sind. Eine davon hielten wir in Händen. Zwei weitere gibt es an der Deutschen Nationalbibliothek. Es ist eine simple Erklärung und völlig logisch. Natürlich wird das die Pandemie-Leugner nicht davon abhalten, das einfach nicht zu glauben. Denn sie hassen Drosten ohnehin schon, sie suchen nur Gründe, um ihn zu diffamieren.

Das ist der Trick: Sie suchen vermeintliche Indizien oder Unstimmigkeiten (oder erfinden sie selbst), und erzählen ihre Verschwörungserzählung drum herum, um diese zu erklären. Echte Beweise bleiben sie einem jedoch immer schuldig. Es reicht aber, denn es gibt genug Leute, die das gerne glauben wollen. Und da ist ihnen jede Ausrede recht. Wer schon vorher eine Meinung aufgrund von Emotionen gefällt hat, lässt sich nicht von Fakten überzeugen. Auch würde es nicht den überwältigen Konsens der Wissenschaft ändert, wenn irgendetwas mit Drosten nicht stimmen würde. Wir hoffen aber, dass diese viel logischere Erklärung und die Fakten die vernünftigen überzeugen.

Artikelbild: Michael Kappeler/dpa

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