Reitschuster-Fail: Kinder sterben natürlich nicht an „Spike-Proteinen von Geimpften“

| Corona-Fake | 6. Juli 2021

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Gastbeitrag von @berlinermedizin & Dr. Janosch Priebe @dr.jap_

Nein, Kinder sterben nicht wegen Spike-Proteinen

Auf der Fake-News-Seite Reitschuster.de wurden Leser:innen wieder mal gehörig verarscht: Eine angebliche „Studie“ verbreitet Lügen über Spike-Proteine von Geimpften und tote Kinder. Alles frei erfunden. Es ist keine Studie und das Institut erklärt, dass der Autor nie für sie gearbeitet hat. Aber der Reihe nach.

Christian Euler veröffentlichte vor Kurzem auf der Internetseite von Boris Reitschuster einen Artikel, dessen Titel „Kinder können an Spike-Proteinen von Geimpften sterben“ lautet.

Screenshot Reitschuster.de

Außerdem schreibt er, dass die Impfung nicht nur Auswirkungen auf Geimpfte, sondern auch auf ungeimpfte Personen habe.

Als Quelle für diese Behauptung verlinkt Euler ein Dokument (Quelle), das hinsichtlich der Formatierung den Eindruck erweckt, ein Preprint zu sein. Preprints sind in einem Fachjournal eingereichte und grundsätzlich als interessant befundene, aber von Expertinnen und Experten noch nicht überprüfte Studien. Das Dokument ist im Internet jedoch nicht auffindbar, weswegen es sich auch um KEIN offizielles Preprint handeln dürfte. Der Leser wird hier durch das Layout bewusst in die Irre geführt.

Autor der zitierten Studie nicht am KIT tätig

In dieser „Studie“ jedenfalls ist Herve Seligmann vom KIT als Autor und Mitarbeiter des Instituts angegeben (Quelle). Auf Nachfrage beim KIT stellte sich jedoch heraus, dass Herr Seligmann weder beim Institut als Mitarbeiter tätig ist oder war, noch dass das Preprint am KIT verfasst wurde. Wie die Autoren des Artikels nachträglich hinzugefügt haben, sollte Herr Seligmann zwischenzeitlich eine Zusammenarbeit mit dem KIT aufnehmen, zu welcher es bis dato jedoch nicht gekommen war und laut Angaben des KIT auch nicht kommen wird.

Screenshot Reitschuster.de

Davon abgesehen weist die verlinkte Studie methodische Mängel auf, darunter die Behauptung, Geimpfte würden Spike-Proteine ausscheiden. Dies stellt eine reine, bisher unbelegte Spekulation dar und ist mit seinen dargelegten Daten nicht wissenschaftlich nachweisbar. Auch dass die Mortalität bei Kindern steigt, widerspricht jener Quelle, welche Seligmann verwendete. Die Mortalität ist zuletzt sogar gesunken (Quelle).

Des Weiteren ist eine Übertragung der Spike-Proteine sehr unwahrscheinlich, denn anders als herkömmliche Lebendimpfstoffe enthalten die COVID19-Impfungen keine Mikroorganismen, sondern lediglich modifizierte Gene, die für die Synthese der Spike-Proteine verantwortlich sind (5). Im Gegensatz zu den normalen Spike-Proteinen sind die des Impfstoffs außerdem so verändert, dass sie durch einen sogenannten Lipidanker membrangebunden sind (Quelle, Quelle).

Für Nicht-Medizinerinnen und -Mediziner

Die Spike-Proteine, die durch die COVID19-Impfung produziert werden, sind auf der Zellwand der Muskelzellen befestigt (Quelle, Quelle, Quelle).

Bildquelle

Auf diese Art werden die Spike-Proteine dem Immunsystem präsentiert. Das Immunsystem wiederum reagiert unter anderem mit zytotoxischen T-Zellen, die die Zellen töten, die die Spike-Proteine präsentieren (Quelle).

Nein, Spike Proteine sind auch nicht „zytotoxisch“

In dem Artikel wird außerdem behauptet, dass die Spike-Proteine zytotoxisch wären und Ursache für mögliche Impfkomplikationen sind. Auch diese Behauptung widerspricht der wissenschaftlichen Datenlage. Die Behauptung stammt von einer Publikation von Samuel A. Theuerkauf et al., die bei COVID19-Erkrankten ein unkontrolliertes Zellsterben beobachtet haben (Quelle). Die Schlussfolgerung ist also: Weil es bei der COVID19-Infektion passieren kann, kann es auch bei Impfung passieren. Diese Schlussfolgerung ist allerdings falsch.

Nicht nur, weil das Paul-Ehrlich-Institut die Impfkampagne streng überwacht und es bei millionenfacher Anwendung bemerkt worden wäre (Quelle), sondern auch weil, wie weiter oben beschrieben, die Spike-Proteine nicht in der Lage sind, an Rezeptoren zu binden (Quelle). Der Impfstoff soll genau vor diesem unkontrollierten Zellsterben schützen, und es nicht verursachen.

Fazit: Reitschuster zum x-ten Mal beim Betrügen erwischt

Grundsätzlich können wir jeder Leserin und jedem Leser empfehlen, bei reißerischen Überschriften und panikmachenden Artikeln besonders vorsichtig zu sein und die genannten Informationen kritisch zu hinterfragen. Informieren und aufklären kann man auch sachlich – ohne mit den Emotionen der Lesenden zu spielen. Auch die Behauptung, dass ein Kleinkind zwei Tage nach der Impfung der Mutter gestorben sei, wird als Tatsachenbehauptung dargestellt.

Als Quelle hierfür wird die US-amerikanische Datenbank genannt, die alle Ereignisse im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung aufzeichnet. Es handelt sich hier erstmal nur um Verdachtsfälle. Natürlich werden diese Verdachtsfälle genauestens untersucht, um seltene mögliche Nebenwirkungen zu erfassen und in die Risiko-Nutzen-Abwägung einzubeziehen. Diese Verdachtsfälle sind also keine bestätigten Fälle. Auch hier werden auf Grundlage von Spekulationen Tatsachenbehauptungen gemacht (Quelle).

Desinformationsverbreiter Reitschuster verkauft seinen Fans erneut Panikmache.

Quellen:

(1) http://www.nakim.org/israel-forums/download.php?id=851

(2) https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps

(3) https://blogs.sciencemag.org/pipeline/archives/2021/05/04/spike-protein-behavior

(4) https://www.cdc.gov/coronavirus/2019-ncov/vaccines/different-vaccines/mrna.html

(5) https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/nejmoa2034577

(6) https://www.cell.com/iscience/pdf/S2589-0042(21)00138-3.pdf

(7) https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/newsroom/dossiers/sicherheitsberichte/sicherheitsbericht-27-12-bis-31-05-21.pdf?__blob=publicationFile&v=6

(8) https://www.cdc.gov/vaccinesafety/ensuringsafety/monitoring/vaers/index.html 

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Artikelbild: Stokkete, shutterstock.com

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