Lange Warteschlange vor der Notaufnahme in Lissabon wegen Corona-Überfüllung?

| Corona-Fake | 1. Februar 2021

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Lange Warteschlange vor der Notaufnahme in Lissabon – Was dahinter steckt

In den sozialen Medien kursiert derzeit eine kurze Aufnahme von circa 30 Rettungswagen mit Blaulicht, die vor dem Krankenhaus Santa Maria in Lissabon, Portugal stehen. Es soll die dramatische Corona-Situation in Portugal zeigen, die überfüllten Intensivstationen und die Triage, die vor dem Krankenhaus quasi zu sehen sei.

Und die Corona-Situation in Portugal ist wirklich dramatisch. Am Wochenende erreichten Deutschland Informationen darüber, dass in den Krankenhäusern Portugals nur noch sieben freie Intensivbetten zur Behandlung von Covid-19-Patient:innen zur Verfügung stünden. Ja, sieben.

Nur noch sieben freie Intensivbetten

Hintergrund: die Mutante B.1.1.7 verbreitet sich in Portugal rasant und zeichnet sich unter anderem nicht nur durch einen drastischeren Krankheitsverlauf, sondern auch dadurch aus, dass sie deutlich infektiöser ist. Die derzeitige Inzidenz in Portugal liegt bei 840 pro 100.000 Einwohner:innen. Solch hohe Zahlen hat aktuell kein anderes europäisches Land. Sie sind damit auch weltweit einsame Spitzenreiter. Die Zahl der Neuinfektionen pro 24 Stunden liegt bei circa 12.000 (Quelle). Für ein Land mit einer Bevölkerung von gerade einmal 10 Millionen Menschen (Deutschland: 83 Millionen, ähnliche Anzahl von Neuinfektionen) eine Katastrophe. Zum Vergleich: Bei uns wären das fast 100.000 Neuinfektionen an einem Tag.

Portugal hat für Corona-Patient:innen 850 Betten reserviert, die anderen 420 verfügbaren Betten seien „für andere Erkrankungen“ vorgehalten. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Großteil – verschiedene Quellen sprechen von bis zu 70% – des Personals selbst an Covid-19 erkrankt sei (Quelle).

Richtig ist, dass in den staatlichen (!) Krankenhäusern nur noch sieben freie Betten zur Verfügung standen, die privaten Kliniken ihre Stationen jedoch nicht für die allgemeine Bevölkerung öffnen wollten. 

Bundeswehr schickt Personal und Hilfslieferungen

Grundsätzlich ist die Lage in Portugal derzeit so dramatisch, dass die Regierung direkte Hilfe durch die Bundeswehr bei der Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer angefordert haben soll. Diese entsandte bereits am Wochenende medizinisches Fachpersonal, sowie Material zur Bekämpfung der Pandemie für mindestens drei Wochen nach Portugal. Laut Spiegel handele es sich dabei um 27 Ärzt:innen und Sanitäter:innen. Feldbetten und Beatmungsgeräte werden schnellstmöglich ebenfalls mit der Luftwaffe nach Portugal geliefert.

Während Österreich bereits Patient:innen aus Portugal aufnimmt, um sie zu behandeln, sei dies für Deutschland nach derzeitigem Stand noch nicht geplant.

Das Video zeigt aber Protest gegen Versorgungssituation

Laut Information des ‚Observador‘, einer portugiesischen Zeitung, sei der Stau der Krankenwagen vor dem Krankenhaus in Lissabon aber eine „spontane Demonstration“ der portugiesischen Feuerwehr gewesen. Und nicht ausschließlich wegen der Überfüllung. Rui Ramada da Silva von der portugiesischen Feuerwehr erklärt, dass der Protest keinen besonderen Anlass habe und auf die Tatsache zurückzuführen sei, dass die betroffenen Feuerwehrleute „mehrere Stunden ohne Essen warteten“. Und um Einlass in die Notaufnahme bitten mussten.

Diese Situation, dass Rettungskräfte teils stundenlang vor den Aufnahmen warten mussten und dabei keine Versorgung erhielten, sei bereits öfter vorgekommen. Die Rettungskräfte seien nun aber mit ihrer Geduld am Ende, daher der spontane Protest.

Laut Ramada da Silva handele es sich dabei um eine Realität, die nicht nur den Kranken, sondern auch dem Rest der Bevölkerung schade: „Wenn wir dort gefangen sind, können wir andere Notfälle in der Bevölkerung nicht mehr aufsuchen und dort nicht helfen“.

Observador konnte beobachten, dass in der Zwischenzeit ein logistisches Hilfsfahrzeug der Feuerwehr im Distrikt Lissabon mobilisiert wurde, welches die notwendige Nahrungsmittelunterstützung bereitstellte (Quelle).

Klinik hat uns eine STellungnahme gegeben: Nur 15% „echte“ notfälle

Das Krankenhaus de Santa Maria gab dazu eine Erklärung ab, dass der Großteil der Patient:innen, die in den Krankenwagen draußen warten würden, gar nicht aus ihrem Einzugsbereich stammen. In einer Anfrage von Volksverpetzer erklärten sie uns:

“70% der Patienten, die heute [Mittwoch] in die Urgência de Santa Maria gebracht werden, stammen aus den Zuständigkeiten anderer Krankenhäuser.”

Weiterhin erklären sie, dass von allen mit dem Krankenwagen transportierten Patient:innen „nur 15% als Notfall eingestuft werden“, während die restlichen 85% mit niedrigerer Priorität eingestuft wurden. Dieses Verhältnis stelle eine „vermeidbare Belastung“ dar, da „der Ort der Versorgung für diese [nicht dringenden] Situationen das Gesundheitszentrum (so etwas wie ein medizinisches Versorgungszentrum, Arztpraxis, Anm. d. Red.) ist, das diese Patienten speziell unterstützt“.

Die Bevölkerung sei aufgefordert, “Krankenwagentransporte nur in berechtigten Situationen zu nutzen oder bei leichten Symptomen zum Gesundheitszentrum zu gehen“. Ziel sei, dass sich die Krankenhausressourcen “in einer Situation großer Überlastung” auf die Behandlung der am schwersten kranken Patient:innen konzentrieren können. Gleichzeitig würden sie jedoch auch ihre Behandlungsplätze von 33 auf 51 ausweiten, dies dauere aber noch bis zum Wochenende.

Fazit: Corona-Katastrophe in Portugal, aber Video zeigt nicht die Situation

Die Corona-Situation in Portugal und auch Lissabon ist wirklich dramatisch, eben auch wegen der neuen Mutation. Das Video von wartenden Krankenwagen vor einem Krankenhaus in Lissabon ist jedoch größtenteils nicht die Folge davon. Echte Notfälle werden noch behandelt, ein großer Teil der Fahrzeuge sei aus Protest angerückt. Hier ist das Problem eher die Verteilung der Patient:innen und nicht die Überlastung, auch wenn staatliche Krankenhäuser wirklich am Limit sind.

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Artikelbild: Screenshot

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