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Unser Strommix war nie so grün wie diesen Sommer – Bild schimpft ihn „schmutzig“

von | Jun 29, 2023 | Faktencheck

Felix Rupprecht von der Bild hat diesen Monat kein glückliches Händchen beim Versuch, die deutsche Energiewende zu diskreditieren. Erst vorherige Woche wurde versucht, den Atomausstieg als Begründung für gestiegene deutschen Stromimporte ins Spiel zu bringen und damit eine nicht vorhandene Abhängigkeit zu beweisen – blöd nur, dass Deutschland im Sommer immer mehr Strom importiert als im Winter und das meiste davon ohnehin dänischer Windstrom war. Und dann gleich der nächste Fail mit dem Strommix.

Eine neue Woche, ein neuer Versuch: „Dreckschleuder Deutschland – So schmutzig ist unser Strom wirklich“ lautete die Überschrift über einem Artikel, dessen Sinn für Timing an einen Mann erinnert, der im Entenkostüm zu einer Beerdigung geht. Das Boulevardblatt hat sich für seine Story über den ach so schmutzigen Strommix nämlich ausgerechnet einen Zeitpunkt ausgesucht, an dem die Erneuerbaren alte Rekorde geradezu pulverisiert haben:

So grüner Strom wie nie zuvor!

Bislang gab es überhaupt nur 2 Monate, für die der Erneuerbaren-Anteil insgesamt die 60%-Marke erreichen konnte: Februar 2020 (60,8 %) und Februar 2022 (60 %). Die Monate Mai 2023 und Juni 2023 stellen das nun komplett in den Schatten, sie erreichen mit 68,6 % und 68,2 % (vorläufig, der Juni geht ja noch ein paar Tage) nie dagewesene Werte. Diese Steigerungen sind so hoch, dass der Wegfall der Atomkraft damit zumindest für diese Monate komplett kompensiert wird. Oder anders: Trotz Abschaltung der letzten klimafreundlichen Kernkraftwerke im April war der Strommix im Mai und Juni deutlich sauberer, der Anteil des fossilen Stroms sah so aus:

März 2023: 38,6 %
April 2023: 38,2 %
Mai 2023: 31,4 %
Juni 2023: 32,3 % (vorläufig)

Der deutsche Strommix war in den letzten Wochen somit der sauberste, seit in diesem Land Strom erzeugt wird. Und genau zu diesem denkwürdigen Zeitpunkt kommt allen Ernstes die Bild um die Ecke und titelt denkbar unpatriotisch „Dreckschleuder Deutschland“… ? Der Autor begründet das damit, dass wir theoretisch vorübergehend mehr fossile Kraftwerke ans Netz nehmen müssen, wenn wenig Wind und Sonne zur Verfügung stehen:

„wenig Wind- und Sonnenenergie! An solchen Tagen wird in Deutschland vor allem Kohle verstromt“

No shit sherlock! Freuen wir uns gemeinsam auf weitere Perlen des investigativen Felix-Rupprecht-Journalismus und Schlagzeilen wie „Dramatisch gestiegener Einsatz von Lampen nach Sonnenuntergang – ist Deutschlands Bevölkerung plötzlich krankhaft lichtsüchtig?“ oder „Nach Absturz von Hotel in Erdbebenspalte planen Gäste Urlaub um – was steckt hinter der Storno-Welle?“.

BILD: Wenn die Sonne untergeht, ist es dunkel!

Ja, wenn weniger Erneuerbarer Strom im Netz ist, steigt die Leistung aus unseren fossilen Kraftwerken und ggf. der Stromimport aus dem europäischen Ausland. Genau deswegen fordern an einem stabilen Klima interessierte Menschen ja auch einen möglichst schnellen Ausbau der erneuerbaren Technologien: Jede zusätzliche Kilowattstunde Solar- und Windstrom verdrängt eine Kilowattstunde aus einem fossilen Kraftwerk (yeah).

Und klar, auch in einem erneuerbaren Rekordmonat gibt es Zeiten, in denen der Strommix hohe fossile Anteile enthält, aber das ist allen in der Energiewirtschaft vollkommen klar. Wollen wir Erfolge messen, müssen wir die Durchschnittswerte über Monate und Jahre betrachten. Das Aufhängen an statistischen Ausreißern hat den gleichen Neuigkeitswert als wenn die Agrarverbände eine Rekord-Kartoffelernte vermelden und die Bild-Redaktion sich infolgedessen beim Hof von Bauer Willi einfindet, dem ein paar Wildschweine den Acker ruiniert haben. Schlagzeile: So kaputt sind Deutschlands Kartoffeläcker! ERNTE IN GEFAHR! (aber halt nur die von Bauer Willi).

Der eigentliche Plan von Rupprecht war vermutlich tatsächlich, sich auf ganze Monate zu beziehen, denn im Artikel erscheint ein Screenshot aus der App „Electricity Maps“, der angeblich Monatswerte miteinander vergleicht. Diese App kommt grundsätzlich gerne bei der Anti-Erneuerbaren-Lobby zum Einsatz.

„Am Freitag“? Und wie war es den Rest der Woche, mh?

So dreist manipuliert euch bild

Dort lassen sich schnell bunte Vergleichsbildchen erstellen, die das angebliche Scheitern der deutschen Energiewende zeigen sollen, indem einzelne Tage oder sogar nur Stundenwerte miteinander verglichen werden. Ich verweise hier noch mal auf den Hof von Bauer Willi, der in der Gesamtbetrachtung ähnlich relevant ist. Hinzu kommt, dass die App mit groben Schätzwerten arbeitet und für alle deutschen Kohlekraftwerke recht hohe 1150 Gramm CO₂/kWh berechnet. Deutsche Steinkohlekraft ist in der Regel aber effizienter.

Aber selbst wenn man die App als Grundlage nehmen wollte, so scheitert die Bild an der Bedienung und verwechselt den Wert eines Tages mit dem eines Monats. Ein Fehler, den man aufgrund der grottigen Bedienung der App schon mal machen kann, nur wäre allen Menschen mit einem Funken Kompetenz sofort aufgefallen, dass ein so hoher Wert schlecht zu den aktuellen EE-Rekordwerten passt. 472 Gramm CO₂ soll eine Kilowattstunde da zwischen dem 19.05.2023 Und dem 19.06.2023 emittiert haben?

Wow, so einen schlechten Wert hatten wir auf Jahresbasis zuletzt 2018, und jetzt sollen wir den wieder ausgerechnet in den Monaten mit den höchsten jemals gemessenen Erneuerbaren-Raten in Deutschland haben? Wer auch nur einen Funken Ahnung vom Thema hat, hätte sich hier gewundert, wie das zusammenpassen soll. Aber hey, nicht jede Redaktion hat Geld für gute Leute und der Bild fehlt ja laut eigener Aussage sogar Personal, das die Funktion einer Wärmepumpe verstanden hat.

Weitere Lügen und irreführendes Framing

So behauptete sie in besagtem Artikel auch nicht wahrheitsgemäß Folgendes:

„In den letzten 30 Tagen verursachte eine Kilowattstunde Strom in Deutschland 472 Gramm Treibhausgase (CO₂). Schlechter stand nur Polen da (789 Gramm), das die Klima-Ziele der EU nur leidlich akzeptiert und vor allem auf die Verstromung der eigenen Kohle setzt.“

Schönes Framing, liebe Bild, aber tatsächlich war der deutsche Strommix im Mai 2023 mit 331 Gramm CO₂/kWh klimafreundlicher als der Mix der EU-Länder Polen, Tschechien, Irland, Bulgarien, Griechenland und Zypern. Das war laut eurer eigenen Quelle Electricity Maps der Fall (Electricity Maps mag keine Direktlinks, Ihr müsst erst links unten auf „12 Monate“ klicken, um die Monatswerte zu sehen) und der Juni wird voraussichtlich ähnlich aussehen.

Tatsächlich fiel vielen Twitter-Usern auf, was für einen Bock Felix Rupprecht da geschossen hatte und so ließ die Bild in einem unerwarteten Anflug von Selbstreflektion die Aussage mit den 30 Tagen ändern in:

“Deutschland hatte vergangenes Woche vorübergehend den dreckigsten Strommix in der ganzen EU – nach Polen!”.

Was jetzt der schmutzigste Moment ist, war vor 5 Jahren noch Durchschnitt!

Ja, vorübergehend war das so, aber halt nur vorübergehend. Der Witz ist: Dieser per Cherrypicking herausgegriffene Wert war noch vor 5 Jahren der Jahresdurchschnitt in unserem Land und jetzt ist es im Juni einer der punktuell schlechtesten Werte des kompletten Monats. Das zeigt: Es geht in die richtige Richtung. Alternativ könnte ich auch einen statistischen Ausreißer in positiv verweisen und einen Artikel darüber schreiben, dass der Wert am 26.06.2023 um 18 Uhr von viel besser war, sogar besser als der der Slowakei, Slowenien, Italien, Lettland, Kroatien, Portugal usw. (aber das ist wieder Bauer-Willi-Logik):

Grundsätzlich sind diese Ländervergleiche aber ohnehin wenig aussagekräftig, denn sie berücksichtigen nicht, von wo ein Land kommt und wie sich der Strommix zuletzt verändert hat. Deutschlands Strommix war noch vor 20 Jahren viel klimaschädlicher als heute und konnte dank Ausbau der Erneuerbaren deutlich verbessert werden.

Aber auch in der korrigierten Fassung des Bild-Artikels steht immer noch ziemlich sinnbefreites Zeug drin. Kostprobe: Rupprecht zitiert Fatih Birol, den Chef der IEA, mit den Worten. „Deutschland sollte nicht glauben, russisches Gas und die Kernkraft auf Dauer durch Kohle ersetzen zu können“.

Äh, Deutschland ersetzt langfristig gesehen weder Kernkraft noch Gaskraft mit Kohle

Manche Journalisten kommen auf die verrückte Idee, Aussagen einzuordnen. Andere übernehmen sie einfach. Ja, danke lieber Felix für diesen bestimmt lieb gemeinten, aber auch sehr überflüssigen Rat. Deutschland ersetzt langfristig gesehen weder Kernkraft noch Gaskraft mit Kohlekraft. Die in den letzten 20 Jahren abgeschaltete Kernkraft wurde bilanziell komplett durch Erneuerbare ersetzt:

Erdgas lässt sich schon aus praktischen Gründen nur bedingt durch Kohle ersetzen, weil die Kohlekraftwerke dafür nicht flexibel genug sind. Es gab nur auf dem Höhepunkt der Energiekrise eine leichte Tendenz in Richtung von mehr Kohleverstromung, aber das ist lange vorbei. Die Kohleverstromung ist jetzt gerade auf einem historischen Tief angekommen, nur noch unterboten von der Lockdown-Zeit während der Corona-Pandemie.

Rupprecht schwurbelt weiter:

„Nicht etwa Gasheizungen und Verbrennermotoren sind hauptsächlich für die Verfehlung unserer Klima-Ziele verantwortlich, sondern der schmutzige Mix unserer Energie-Produktion.“

BILD argumentiert gegen Dinge, die niemand behauptet

Das ist ein Strohmannargument, denn es hat niemand behauptet, Gasheizungen oder Verbrenner-PKW seien die Hauptursache für unsere Emissionen. Der entscheidende Punkt ist: Auch wenn die Bild das nicht wahrhaben will, hat sich der Stromsektor schon stark gewandelt und ist auf einem guten Weg, das noch zu beschleunigen. Währenddessen verharren die Emissionen aus Verkehr und Gebäudesektor auf hohem Niveau und waren 2021 für 34 % der deutschen Emissionen verantwortlich.

Wir können unsere Klimaziele aber nur einhalten, wenn alle Sektoren Emissionen reduzieren. Sonst agieren wir wie ein Reinigungsdienst, der erst mal nur die mit Abstand dreckigste Toilette sauber gemacht hat und dem Kunden jetzt erklärt, dass die Bremsspuren in den anderen Toiletten ja viel kleiner seien (Viel Glück beim Formulieren der Rechnung).

Der Artikel endet, wie er begonnen hat: mit Unsinn:

„Der Erneuerbaren-Ausbau ist nach dem Kernkraft-Ausstieg wichtiger als je zuvor. Die von der Bundesregierung anvisierte Verdreifachung des Tempos ist allerdings in weiter Ferne.

[…]

Klar ist aber auch: Eine Energie-Politik, die rein auf Sonne und Wind vertraut, wird immer wieder auf viel Kohle zurückgreifen müssen. Und so lange wir bei den Ausbau-Zahlen für Wind und Sonne hinterherhinken, bleibt unser Strommix DAS Klima-Problem des Landes.”

Beklagt sich da ein Bild-Mitarbeiter, dass der Erneuerbaren-Ausbau zu langsam geht? Wow. Das Medium, das Überschriften wie „Stoppt den Wahnwitz Wind- und Solarkraft”, „Windkraft zerstört unsere schöne Heimat” und „Dieser Windpark wird mit Diesel betrieben” jahrelang Ängste und Wut auf eine Technologie geschürt hat, beklagt jetzt den mangelnden Ausbau derselben.

Hier wird sogar direkt in „BILD“ der Klimawandel geleugnet, erst 10 Jahre her!

Ja, der Strommix ist eines der größten Klimaprobleme des Landes und die Bild selbst hat einen großen Anteil daran, indem sie über Jahrzehnte Desinformation betrieben hat. Sprengt die Bild morgen das örtliche Klärwerk in die Luft und beschwert sich dann über den Gestank?

Bild lügt und heuchelt

Und nein, niemand hat vor, rein auf Sonne und Wind zu vertrauen. Im Mix der Zukunft kommt Strom aus Wind-, Sonnen- und Wasserkraft, Biomasse, Geothermie und Speichern. Könnte man wissen, wenn man sich auch nur eine Sekunde mit der Materie beschäftigt hätte?

Vermutlich weiß aber selbst Felix Rupprecht besser Bescheid als es hier den Anschein hat. Viel wahrscheinlicher als Unvermögen ist Kampagnen-Journalismus, damit Leute wie Jens Spahn irgendeinen die Menschen verunsichernden Blödsinn auf Twitter retweeten kann (was er mit Artikeln von Rupprecht sehr gerne macht).

Im Gegenteil: BILD hat die Aufgabe, die Bevölkerung systematisch zu belügen. Nicht vergessen, dass BILD und WELT zum Axel-Springer-Verlag gehören, der auch zu Teilen KKR gehört, eines der weltweit größten private equity Firmen, die noch in fossile Energie investieren. Ihr lest hier direkt die Propaganda der fossilen Industrie.

Das ist doppelt gefährlich: Dieses Verhalten bremst eines der wichtigsten Projekte der Menschheit (die Energiewende) aus und verängstigt Menschen, die sich dann in die Ecke gedrängt fühlen und extreme Parteien wählen, um es denen da oben mal so richtig zu zeigen.

Das größte Hindernis für die Energiewende? Lügen-Schleudern wie „BILD“

Das Schöne an der Energiewende ist, dass wir alle technischen Mittel dafür längst haben, wir müssen sie nur einsetzen. Das größte Hindernis sind Desinformation, aufgewiegelte Menschen und gesellschaftliche Spaltung. Das Bremsen dieses unfassbar wichtigen Vorhabens nur für eine Machtstellung innerhalb der CDU dürfte eine der destruktivsten und gemessen am entstehenden Leid auch niederträchtigsten Verhaltensweisen sein.

Dass die Bild den Artikel etwas korrigiert hat, macht die Sache kaum besser, denn die falsche Botschaft wurde längst von Jens Spahn und anderen verbreitet und ordentlich geteilt. Die Korrektur hingegen dürfte kaum jemand mitbekommen haben, und genau das wird mutmaßlich auch die Absicht der ganzen Aktion gewesen sein.

Bild und die Unionsleute streuen hier nach wie vor Misstrauen, das uns teuer zu stehen kommt. Mit jeder verhinderten Windkraftanlage und jeder nicht installierten Solarzelle ist unsere Gesellschaft und Wirtschaft weniger konkurrenzfähig. Allein gemessen an den enormen Ausgaben für fossile Energieimporte, 140 Milliarden € im letzten Jahr (130 Mrd. € Erdgas und Rohöl + 10 Mrd. € Steinkohle), die ohne jahrelange Kampagnen gegen Erneuerbare geringer ausgefallen wären, dürfte es kaum ein wirtschaftsschädlicheres Medium als die Bild geben.

Dass der energiepolitische Sprecher der Union ein Teil dieser Kampagne ist, lässt tief blicken.

Artikelbild: canva.com/ Screenshot bild.de