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„Crash-Prophet“ Markus Krall blamiert sich mit gefälschter Klima-Grafik 

von | Jan 9, 2023 | Faktencheck

Wenn es nach uns ginge, würden wir ja wirklich gerne aufhören zu wiederholen, was ohnehin glasklar und unumstößlich bewiesen ist, nämlich, dass der Klimawandel menschengemacht und real ist. Aber dank einiger ziemlich lauter marktradikaler Rechter, die euch etwas anderes verkaufen wollen, hören wir uns mittlerweile an wie eine gesprungene Platte. So kursierte kürzlich eine gefälschte Klimakurve der globalen Temperaturentwicklung der letzten 9.500 Jahre auf Twitter. Sie wurde unter anderem von keinem Geringeren als dem rechten „Crash-Propheten“ Markus Krall in Umlauf gebracht.

Quelle: Screenshot Twitter, Bearbeitung Volksverpetzer

Gehen den Klimaleugner*innen die Ideen aus, wie sie noch den menschengemachten Klimawandel abstreiten können? In einer Welt, die von einer Umweltkatastrophe in die nächste schlittert, haben sie es nicht leicht. Aber sie sind nicht allein in ihrem Kampf gegen die unbequeme Wahrheit. Es erklären sich doch genug rechte und wissenschaftsfeindliche Milliardäre wie August von Finck bereit, ihre Schmutzkampagnen finanziell zu unterstützen. Wieso dann zu so einem billigen Trick wie diesen greifen?

Dreister FAKE: Die Kurve endet schon 1885!

Alles der Reihe nach: Die in der Grafik angezeigten Klimadaten stammen aus der Tiefe des grönländischen Eisschildes. Die Kurve ist das Ergebnis eines Bohrkerns und stellt eben NICHT die Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur der letzten 9.500 Jahre dar, wie die verfälschte, auf Twitter kursierende Version uns aufdrehen will. Das peinlichste an dem Ganzen ist, wir mussten nicht lange recherchieren, um das Fake zu entlarven, sondern nur heranzoomen:

Der Zeitstrahl endet schon im Jahr 1885 – also genau dann, als der menschengemachte Klimawandel erst so richtig losging. Die Klimawandel-Leugner wollten genau den aber damit widerlegen. Zufall? Nein, natürlich nicht, aber auch kein Genietrick. Die gefakte Klimakurve soll belegen, dass es wohl schon „fast immer wärmer“ war als jetzt. Blöd nur, dass „Jetzt“, also alles zwischen 1885 und 2023 gar nicht abgebildet ist. Aber es schaut niemand so genau hin. Oder etwa doch?

1997 veröffentlichte der Geologe Richard B Alley im Rahmen des Greenland Ice Sheets Project 2, Daten, die durch Gewinnung von Eisbohrkernen in Grönland erhoben worden. So sieht das Original aus:

Diese Messungen helfen, die klimatischen Verhältnisse der Vergangenheit zu rekonstruieren, um die aktuellen klimatischen Entwicklungen besser zu verstehen. Ein Zusammenhang, der gerne missverstanden und falsch heruntergebrochen wird auf: „Die Eisschichten schmolzen schon vor Jahrtausenden wiederholt ab, der aktuelle Klimawandel ist keine Krise.“

Klimaleugner drangsalieren Forschende

Warum die Schlussfolgerung aus der Grafik, die Klimakrise sei nicht menschengemacht, Unsinn ist, erklärte der Geologe Alley bereits 2010 in einem Artikel des „Dot Earth“-Blogs der „New York Times“:

Zunächst einmal kann keine einzelne Temperaturaufzeichnung von irgendwoher die globale Erwärmung beweisen oder widerlegen, da die Temperatur eine lokale Aufzeichnung ist und ein Ort nicht die ganze Welt ist.

Alley muss bis heute immer wieder öffentlich gegen den Missbrauch seiner Forschungsergebnisse durch Klima-Leugner*innen angehen. Seine Forschungsdaten werden seit nun fast zwei Jahrzehnten fehlinterpretiert und für irreführende Fake-Klimakurven missbraucht. Und das, obwohl gleich der erste Satz seines 2004 erschienen wissenschaftlichen Aufsatzes „Implications of increased Greenland surface melt under global-warming scenarios“ ziemlich unmissverständlich ist: „The scientific evidence of an anthropogenic impact on global climate is mounting, with continued global warming throughout the 21st century almost certain.“ Klimawandel ist menschengemacht. Boom.

Klimakurven zu fälschen, scheint ein richtiger Trend zu sein, wie der Klimaforscher Stefan Rahmstorf jüngst auf Twitter erklärt:

Oder mit den Worten dieses Twitter-Nutzers:

Quelle: Screenshot twitter.com

Ja, diese Passstraße war davor tatsächlich 2000 Jahre lang unter ewigem Eis verborgen. Das jetzt nur mysteriöserweise geschmolzen ist, weil es so warm ist. Woran das nur liegen könnte?

WARUM MARKUS KRALL SO SCHAMLOS DEN KLIMAWANDEL LEUGNET

Wer ist dieser verstrahlte Geisterfahrer Markus Krall? Und was haben Normalsterbliche wie Markus Krall davon, eine Umweltkrise zu leugnen, die sie genauso betreffen wird wie alle anderen? 

Markus Krall warb öffentlich für die AFD und ist bekannt für „extrem rechte Positionen“ und düstere Börsenprognosen, was ihm den Beinamen „Crash-Prophet“ eingebracht hatte. Ausgerechnet die Klima-Apokalypse sagt er hingegen nicht voraus. Die liegt wohl nicht an der CO-reichen Luft, die Krall einatmet.

Er wettert nicht nur auf Youtube und Twitter, sondern auch in seinem Spiegel-Bestseller-„Sachbuch“ Bürgerliche Revolution gegen die üblichen Feindbilder libertärer und rechter Ökonomen: Sozialsystem, Demokratie, Europäische Zentralbank. Das „Sachbuch“ steht aus gutem Grund in Anführungszeichen. Die Literaturliste im Quellenverzeichnis von Kralls Buchhit fällt spärlich aus: Nur 12 Bücher, 3 davon hat er selbst geschrieben. Onlinequellen sind fast ausschließlich von Wikipedia.

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Markus Krall, selbst ernannter Retter Europas und Unternehmensberater, wurde 2021 vom verstorbenen Degussa-Eigner August von Finck junior zum Geschäftsführer des Gold-Unternehmens Degussa ernannt und prompt von Fincks Sohn wieder entlassen. Über August von Finck Junior könnten wir nun richtig aus dem Nähkästchen plaudern. Die spielen nämlich eine wichtige Rolle in unserem extensiven Beitrag über Lobbyisten und Spender hinter dem Neonazi-Netzwerk der AfD:

Gedankenspiele von Klimawandelleugnung bis tief in den Rechtsextremismus

Dieses Rabbithole ist tief und es deckt sämtliche Verschwörungsmythen und reaktionäre bis hin zu rechtsextremen Weltbildern ab. Diese pseudo-intellektuelle Rhetorik verschleiert dabei nur selten demokratiefeindliches Gedankengut. Am deutlichsten wird das in diesem „Gedankenspiel“, das Markus Krall hier – natürlich bei der rechtsextremen AfD – zum Besten gibt:

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Mit anderen Worten: Krall fordert eine Reform des Wahlrechts, bei der jeder Wähler zwischen der Ausübung seines Wahlrechts und dem Empfang staatlicher Hilfen wählen muss. Arbeitssuchende dürfen dann also nicht wählen, quasi. Also eine Forderung nach dem Ende davon, dass alle frei und unabhängig wählen dürfen. Total demokratisch, oder?

Das ist nun also der Mann, der diese Fake-Grafik auf Twitter postete. Und übrigens auch schamlos darüber lügt, was auf seiner Grafik wirklich zu sehen ist. Selbst auf kritische Anmerkungen versucht Krall Dinge zu leugnen, die jeder mit eigenen Augen selbst sehen kann. Wenn schön Lügen verbreiten, dann dreist bleiben?

Screenshot Twitter.com

Die wissenschaftsfeindliche Leugnung des Klimawandels, die sich als Ruf nach (marktwirtschaftlicher) Freiheit maskiert, spielt vor allem CO2-intensiven Konzernen in die Hände. Zur rechten Gesinnung von Krall passt es zudem, alles Globale zu verteufeln, vor allem den Weltklimarat. Der steht in Kralls verschwurbeltem Denken unter dem Verdacht, von ominösen Eliten gelenkt zu werden, die sich den Klimawandel zur Machterhaltung ausgedacht hätten. Dabei ist der Einzige, der beim Verbreiten von ausgedachten Dingen erwischt wurde, hier gerade Krall.

Es ist auch ein Weltbild mit stark antisemitischen Untertönen. Der Landesbeauftragte gegen Antisemitismus in Baden-Württemberg, Michael Blume, sieht in Äußerungen Kralls zum „Kulturmarxismus“ einen „Brückenschlag“ zwischen christlichem Fundamentalismus und Antisemitismus, mit dem „der Goldverkäufer“ Markus Krall „politik- und geldbezogene Interessen“ miteinander verbinde.

Fazit: Hinter Klima-Fakes verbergen sich oft rechte Ideologien

Die wichtige Lektion aus diesem Artikel ist, dass sich hinter solchen lächerlichen Klima-Fakes oft ein Weltbild verbirgt, das nicht nur wissenschaftsfeindlich, sondern ideologisch ziemlich rechts aufgeladen ist. Denn wie gesagt: Es ist in der Regel nicht sonderlich schwer, diese Fakes zu widerlegen. Hier war es sogar absurd simpel und man muss einfach nur reinzoomen. Doch man darf sich davon nicht irritieren lassen. Das Weltbild dahinter ist ein extrem zerstörerisches. Besonders die Gefahren von Marktradikalismus und marktförmigem Extremismus werden nach wie vor in der gesellschaftlichen Debatte unterschätzt.

Denn natürlich laufen die Stränge der klimaleugnenden Bubble immer wieder rechtsaußen zusammen. Nehmt die Fakes, die pseudowissenschaftlichen Buch- und Online-Publikationen und Hate-Rants von denjenigen, die mit dreisten Lügen den Klimawandel leugnen, nicht hin, sondern solidarisiert euch mit Klimaaktivist*innen und Forscher*innen und teilt die Wahrheit.

Artikelbild: Screenshot, Canva