Die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sagte letzte Woche in der Bundespressekonferenz die Unwahrheit, als sie leugnete, ihr Ex-Arbeitgeber Westenergie sei im Gasgeschäft. Die Tagesschau hat diesen Fake einfach geglaubt und weiterverbreitet. Und erst nach Nachfragen viele Tage gebraucht, um ihn zu korrigieren. Warum fällt es der Tagesschau offenbar so schwer, auch offensichtliche Fakes der Regierung zu erkennen und zu benennen?
Katherina Reiche war in der Gaslobby tätig
Am 22. April war Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zu Gast in der Bundespressekonferenz, und gegen Ende der Fragerunde wollte Tilo Jung wissen, ob sie es ausschließe, nach ihrer Zeit in der Bundesregierung wieder in der fossilen Energiebranche zu arbeiten. Reiche umging die Antwort: Sie mache sich heute keine Sorgen um zukünftige Tätigkeiten. Jung hakte nach: Das sei doch eine relevante Frage, sie sei schließlich früher in der Gaslobby tätig gewesen. Was Reiche darauf entgegnete, ist eine glatte Falschaussage:
"Ich weise das zurück. Ich war nie in der Gaslobby tätig. Ich habe für ein Unternehmen gearbeitet, das Stromleitungen gebaut hat und an der Energiewende gearbeitet hat. […] Das Geschäftsfeld der Westenergie umfasst kein Gasgeschäft. Das ist falsch und die Behauptung, die Sie aufstellen, wird auch nicht richtiger, wenn Sie sie konstant wiederholen."

Das Pikante an dieser sehr selbstbewusst vorgetragenen Belehrung: Die Unwahrheit wird auch nicht wahrer, wenn Frau Reiche sie konstant wiederholt. Reiche war von 2020 bis 2025 Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer hundertprozentigen E.ON-Tochter, die laut der Pressemitteilung zum eigenen Unternehmensstart "180.000 km Strom-, 24.000 km Gas-, 5.000 km Wasser- und 10.000 km Breitbandnetze" betreibt. Die hundertprozentige Tochter Westnetz GmbH bezeichnet sich auf der eigenen Website ausdrücklich als "Strom- und Gasverteilnetzbetreiber im Westen Deutschlands".
2022 flossen 64 Milliarden Kilowattstunden Gas durch das Netz der Westenergie-Gruppe. Reiche behauptet also über das Unternehmen, dem sie bis vor wenigen Monaten als Chefin vorstand, sein Geschäftsfeld umfasse kein Gas, obwohl es eines der größten Gasverteilnetze des Landes betreibt. LobbyControl hatte schon bei ihrer Berufung zur Ministerin explizit vor Interessenkonflikten gewarnt. Das ist eine Falschaussage. Fake News. Man könnte es auch Lüge nennen. Das besonders brisant, weil Reiche vorgeworfen wird, die Gaslobby um Argumente für Gaskraftwerke gebeten zu haben. Auch wird Reiche seit einigen Wochen von Kommunikationsagenturen beraten - eine davon gehört mehrheitlich dem Finanzinvestor KKR, einem der größten globalen Investoren in der Fossilindustrie.

Der Reiche-Fake ist schnell widerlegt worden
Mehrere Medien ordneten die Aussage in den Tagen danach auch prompt als das ein, was sie ist. Tilo Jung postete den Ausschnitt selbst und nannte es "gelogen", t-online titelte "Falschaussage", n-tv zitierte zumindest eine Richtigstellung von Abgeordnetenwatch, wie Übermedien exzellent zusammenfasste. Anders die Tagesschau. Dort hieß der Artikel "Reiche fordert Reformen und weist Kritik zurück", Reiches Position wurde unwidersprochen wiedergegeben: Sie habe für ein Unternehmen gearbeitet, das an der Energiewende mitwirke und Solaranlagen und Windparks angeschlossen habe. Der Text endete mit Reiches Originalsatz und der Falschaussage: "Das Geschäftsfeld der Westenergie umfasst kein Gasgeschäft" – ohne jede Einordnung.

Ein Tagesschau-Leser würde bei diesem He-said-she-said-Journalismus nie erfahren, dass Reiche die Unwahrheit gesagt hatte. Wahrheit und Lüge stehen "neutral" nebeneinander. Und das stand dort auch sehr lange. Und so schwer wäre es ja nicht gewesen, das selbst herauszufinden. Oder in anderen Medien zu lesen, die das ja auch überprüft haben. Und aufgefallen ist das offenbar nicht der Redaktion selbst, sondern erst, als Übermedien fast eine Woche später anfragte.
Der zuständige Redakteur mit dem Fachgebiet Wirtschaft und Energie räumte gegenüber Übermedien ein, er habe die Aussage "nicht ausreichend überprüft". Bis zum Nachtrag dauerte es dann noch ein paar Stunden, weil die Tagesschau erst Westenergie anfragen wollte – und als Antwort im Wesentlichen das bekam, was ohnehin auf der Unternehmenswebsite steht. Bemerkenswerter ist, dass Überschrift und Framing – Reiche "weist Kritik zurück" – bis heute unverändert online stehen. Auch im aktualisierten Text wird nicht benannt, dass die Ministerin eine Falschaussage getätigt hat. Im Korrekturhinweis steht immerhin, dass es einen Widerspruch zwischen Reiches Aussage und der Realität gibt.

Warum tut sich die Tagesschau so schwer, Fakes der Regierung zu faktenchecken?
Es ist nicht das erste Mal, dass mir aufgefallen ist, dass die Tagesschau offenbar eher gutgläubig zu sein scheint, was Aussagen betrifft, die von der Regierung kommen. Bei der Vorstellung der PKS 2025 letzte Woche verbreitete man dort auch einen Fehler des BKA einfach weiter, den man leicht selbst hätte erkennen können.
Abgesehen davon, dass sie den durchaus deutlichen Rückgang der Straftaten um "fast sechs Prozent", wie sie es selbst schreibt, seltsamerweise als "leichten Rückgang" in der Überschrift verharmlost, war auch gleich der erste Satz nicht richtig: "Erstmals seit 2022 ist die Zahl der erfassten Straftaten in Deutschland zurückgegangen" stand bei der Tagesschau zunächst. Bereits 2024 gingen jedoch die Straftaten zurück.

Fehler vom BKA abgeschrieben
Als jemand, der sich sehr intensiv mit den Zahlen der PKS auseinandergesetzt hat und wie sie (bewusst verzerrt) medial diskutiert werden, fiel mir das sofort ärgerlich ins Auge, noch dazu, weil es gleich der erste Satz war. Aber bei der Tagesschau erwartet man doch auch, dass dort Leute berichten, die sich auskennen, oder? Ich kontaktierte die Tagesschau einfach selbst, da ihr der Fehler auch Stunden später offenbar nicht auffiel, und einen Tag später erhielt ich die Antwort:
"Wir haben uns bei der Meldung auch auf einen Link vom BKA bezogen. Nach Nachfrage beim BKA ist dieser entsprechend angepasst. Entsprechend haben wir auch unsere Meldung angepasst."
Ich wollte seinerzeit nicht zu wütend reagieren, da Fehler ja passieren können, aber mich irritiert im Kontext der neuen Reiche-Fake News jetzt doch das Muster, dass (Falsch)Aussagen aus der Regierung offenbar weniger strikt hinterfragt werden, als sie sollten. Es ist ja halb so wild, dass der Fehler beim BKA lag (die es auch besser wissen sollte!), und man den einfach abgeschrieben hat. Aber warum schreibt man eigentlich (blind) von der BKA ab, anstatt die Zahlen selbst zu hinterfragen? Oder sie sich einfach selbst anzuschauen und zu beurteilen, selbst wenn das BKA einen Fehler macht? Macht die Tagesschau nicht unabhängigen Journalismus, oder muss man stets bei der Regierung oder Behörden nachfragen, was man schreiben soll oder was richtig ist?
Die Regierung muss kritischer hinterfragt werden
Es sind ja nicht nur (harmlose) Einzelfälle. Das Problem reicht weit über diesen einen Vorgang hinaus. Mitglieder dieser Bundesregierung fallen regelmäßig mit Fake News auf. Reiche steht ohnehin seit Wochen wegen ihres lockeren Umgangs mit den Fakten in der Kritik. Erst kürzlich verbreitete sie in einem FAZ-Gastbeitrag mehrere irreführende Behauptungen über die Energiewende. Friedrich Merz scheut nicht vor Fake News zurück, etwa als er erfundene Geschichten über vermeintlich kriminelle Syrer in Umlauf brachte, oder bei seiner berüchtigten Stadtbild-Aussage.
Innenminister Alexander Dobrindt manipulierte beim Verfassungsschutzbericht letztes Jahr ebenfalls Grafiken und verbreitete politisch motivierte Falschaussagen. Die Tagesschau ordnete das seinerzeit auch nicht ein, sondern wiederholte quasi die PR des Ministeriums. Diese Regierung verbreitet die Unwahrheit mit einer Selbstverständlichkeit, die journalistisch nicht zu unterlaufen ist, indem man Pressekonferenzen einfach nur transkribiert. Im Gegenteil sogar: Bei Merz' Stadtbild-Rassismus manipulierte das ZDF selbst eine Umfrage, die den Kanzler entgegen der Tatsachen in Schutz nahm.
Unabhängiger Journalismus oder Regierungs-PR?
Ich glaube ich bilde mir nicht ein, dass man sich ausgerechnet bei Aussagen aus der Regierung offenbar weniger Sorgen macht, dass sie falsch sein könnten. Wenn in der Tagesschau eine derart plump nachprüfbare Falschaussage ungeprüft durchwinkt – und viele Tage falsch stehen lässt –, dann liegt das Problem entweder bei Überforderung und schwindenden Recherchekapazitäten. Oder einfach daran, dass Redaktionen schlicht noch nicht in einer Realität angekommen sind, in der auch Bundesminister auf der BPK direkt die Unwahrheit sagen. Beides schlecht.
Und es ist auch ein Problem, wenn man dann eine Richtigstellung, die auch in vielen Medien war, nicht mitbekommen zu haben scheint. Oder sie nicht für wichtig genug zu hält, um sich zu korrigieren. Was ebenfalls beides problematisch wäre, wie Übermedien feststellt. Der DJV warnt seit Jahren davor, Polizeiberichte nicht kritisch zu hinterfragen. In Zeiten von Rechtsextremisten und Verschwörungsideologen, die pausenlos die Regierung mit jeder Menge Lügen delegitimieren, ist man ja froh, wenn Medien Aussagen der Regierung sachlich behandeln. Aber in einer Zeit, in der auch in der Regierung immer mehr die Fake News Einzug halten, dann offenbar zu glauben, man kann Pressemitteilungen einfach abschreiben, ist einfach kein guter Journalismus. Sondern Regierungs-PR.
Das Mindeste, was der ÖRR der Demokratie schuldet, ist, offensichtliche Falschaussagen auch von Regierungsmitgliedern nicht zu reproduzieren. Und zu lernen, dass man auch selbstständig Fake News erkennen und benennen kann
Artikelbild: Screenshot youtube.com/bundeswirtschaftsministerium, Screenshot tagesschau.de. Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.
