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Faktencheck: Diese „TIME“-Cover sind dreist gefälscht!

von | Jan 2, 2023 | Faktencheck

Der menschengemachte Klimawandel ist zweifelsohne echt, die Erde erwärmt sich immer weiter, doch teils von der fossilen Lobby bezahlte Lügen kursieren ungebremst. Das hier ist eine Abrechnung mit Klimalügner*innen, die versuchen, das Märchen einer zweiten Eiszeit aus Telegrams auf die Titelbilder der TIME zu faken. Seit Jahren kursiert ein Sharepic, auf dem vermeintliche TIME-Ausgaben aus den 1970ern Jahren abgebildet sind, die vor einer zweiten Eiszeit und dem Abkühlen der Erdoberfläche warnen. Sie sind jeweils entweder gefaked oder irreführend aus dem Kontext gerissen. So sehr müssen Klimawandelleugner*innen lügen, um euch zu manipulieren.

Time: „Das ist ein ziemlich gutes Photoshopping.“

Das gefälschte Bild geistert seit 2013 auf den sozialen Medien und selbst TIME musste zugeben:  „Hut ab vor demjenigen, der das gefälschte Cover erstellt hat. Das ist ein ziemlich gutes Photoshopping.“

Heute lernen wir mal wieder einen Verschwörungsmythos kennen, dessen Quellen absurderweise nicht nur (Spoiler: gefälschte) TIME-Cover sind, sondern (aus dem Kontext gerissene!) wissenschaftliche Arbeiten aus den 1970ern, die schon damals stark umstritten waren, weil sie den möglichen Kühlungseffekt der Luftverschmutzung durch Aerosole behandelten: Kurz, die Cooling-Lüge. Aber eben, DAMALS. 50 Jahre alte Studien, die zudem widerlegt wurden, sind nicht relevant für den aktuellen Forschungsstand.

Auf den Titelbildern der TIME wurde im Kontext des Klimawandels immer nur von steigenden Temperaturen gesprochen. Oder anders ausgedrückt: TIME hat nie eine Eiszeit oder eine Kühlung der Erdtemperatur vorhergesagt, wie euch manche jetzt weiß machen wollen. Werft selbst einen Blick in die Archive. Das Nachrichtenmagazin folgt damit offensichtlich dem überwältigenden Konsens der Wissenschaft:

Screenshot klimafakten.de

Zu behaupten (oder auch nur zu implizieren), der Klimawandel existiere nicht, ist schlichtweg wissenschaftsfeindlicher Humbug. Dieses wiederauferstandene, wissenschaftsfeindliche Schreckensgespenst der Photoshop-Kunst tut jedoch genau das:

Alleine am 21.November wurde dieses gefakte Bild über 3.000 Mal unkritisch geteilt und somit wieder Zweifel an der Legitimität von Wissenschaft und Klimapolitik erfolgreich gestreut.

Doch jetzt mal ganz ehrlich, nicht TIME, sondern die Klimalügner*innen geraten hier peinlicherweise in Erklärungsnot. Warum erst Magazin-Cover fälschen, wenn die Angst vor der Eiszeit angeblich damals so ein großes Ding gewesen sein soll? Sollten sich dann nicht in den Untiefen der Archive des namhaftesten amerikanischen Nachrichtenmagazins zig Ausgaben mit Leitartikeln zur drohenden Eiszeit ausfindig machen lassen? Hm? Massenpanik ließe sich doch gut verkaufen. Man sieht, wie dreist sie falsch liegen, wenn sie ihre einzigen Belege fälschen mussten.

Ich finde nichts zu angeblichen 70er Jahren Eiszeit-Massenpanik, und nein, der nukleare Winter zählt dazu nicht. Das wäre ein Ausnahmezustand, der infolge von Kernwaffenexplosionen hätte eintreten können. Der menschengemachte Klimawandel wiederum ist leider kein Ausnahmezustand, der nur im schlimmsten Fall eintritt, sondern gelebter, unabwendbarer Alltag. Nicht TIME sollte unter Rechtfertigungsdruck stehen, sondern die Klimalügner*innen.

Schauen wir uns aber mal konkret an, wo und wie gefälscht wurde:

„The big Freeze“ während der Ölkrise: wichtiger Kontext weggelassen!

Das erste Titelbild der Times mit der Überschrift „The Big Freeze“ ist tatsächlich echt und stammt vom Dezember 1973. Ihr findet es im Archiv mit Veröffentlichungsdatum 03.12.1973. Doch um den Klimawandel ging es hier gar nicht. Sondern um die sogenannte Erste Ölpreiskrise. Die wurde durch den Jom-Kippur-Krieg und ein darauf Folgendes Embargo ausgelöst. Das war übrigens auch das Jahr, in dem aus dem selben Grund für einige Sonntage bundesweites Fahrverbot verhängt wurde. „The Big Freeze“ war also damals wirklich eine Schlagzeile, allerdings aus geopolitischen Gründen, die erstaunliche Parallelen zur aktuellen Energiepreiskrise aufweisen. Um den Fakte zu enttarnen, müsst ihr auch gar nicht lang recherchieren. Ihr könnt einfach selbst in dieser Ausgabe ab Seite 29 nachlesen.

Wetter mit Klima verwechselt: Auch der zweite „Big Freeze“ hat keinen Kontext

Im zweiten gezeigten Deckblatt geht es um einen besonders kalten Winter in Nordamerika. Der Winter 1976/77 war in einigen Gebieten der USA sogar der kälteste seit Beginn der Aufzeichnungen. Doch dabei muss man immer im Blick behalten: Wetter und Klima sind nicht dasselbe! Einzelne besonders kalte Winter wie der von 1976/77 widerlegen dabei nicht den quasi 100%igen Konsens der Wissenschaft dazu, dass Klimawandel existiert. Und genau dieser wichtige Kontext fehlt auch im zweiten Titelbild der TIME (welches lustigerweise ebenfalls den Titel „The Big Freeze“ hat).

Würde man sich übrigens die Mühe machen und die entsprechende TIME-Story nachlesen, dann könnte man das sich auch leicht selbst erschließen. Die Kategorie, in der der Artikel erschien: „Weather“. Nicht „Climate“.

Screenshot time.com

Photoshop-Pinguinbild ist fake und steht für die Gefahren des Klimawandels

Für alle Pinguin-Fans kommen jetzt eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die schlechte Nachricht: Der süße Vogel war gar nicht auf der TIME-Startseite. Zumindest nicht im Jahr 1977. Jep, die Jahresangabe und das Titelbild sind einfach eine dreiste Lüge. Doch die gute Nachricht ist: Ein Titelbild der TIME mit Pinguin gibt es sehr wohl. Allerdings aus dem April 2007. Und fürs gute Gewissen: Es unterstützt sogar den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel.

Das wird auch recht schnell deutlich, wenn man sich das Titelbild im Original anschaut. Denn ja, der Fake ist technisch nicht schlecht gemacht, wie auch die TIME zugibt. Doch es ist und bleibt ein Photoshop-Fake. Im Original lautet die Bildunterschrift: „The Global Warming Survival-Guide. 51 Things You Can Do to Make a Difference.“ Aber das passte den Klimawandelleugner:innen natürlich nicht so gut. Armer Pinguin.

Screenshot time.com

1979: Zweite Ölpreiskrise, zweites Titelbild ohne Kontext

Die Aufmerksamen unter den Leser:innen werden es bemerkt haben: Wir sprachen vorhin, im Kontext des Titelbildes von 1973, von der „Ersten Ölpreiskrise“. Es gab also entsprechend auch noch eine zweite Ölpreiskrise. Diese kam im Jahr 1979 mit der Islamischen Revolution. Als eine Folge der Revolution im Öl-Exportland Iran stieg der Ölpreis enorm an. Der historisch Ölpreis pro Barrel lässt sich zum Beispiel bei macrotrends.net verfolgen:

Screenshot macrotrends.net

In diesem Kontext ist auch das vierte TIME-Titelbild zu verstehen. Denn es stammt vom 24. Dezember 1979 und trägt die Schlagzeile „The Cooling of America“. Schaut man genau hin, sieht man oben rechts sogar die Anmerkung „A Challenge to Khomeini“. Und der war ja nun bekanntermaßen kein Klimaforscher. Denn natürlich geht es hier wieder nicht um den Klimawandel, sondern um die geopolitischen Auswirkungen der Ereignisse im Iran. Eigentlich ziemlich nachvollziehbar im Winter 2022. Doch die Hintergründe erfährt man eben erst, wenn man mal auf Seite 48 der TIME-Ausgabe nachliest.

Was wollen die klimaleugner:innen mit dem Eiszeit-Märchen erreichen?

Es ist die alte Leier, die hier bedient wird. Von wegen: „Wissenschaftler*innen wissen auch nicht, was sie wollen, mal (vor 50 Jahren) behaupten sie das, nun jenes. Misstraut ihnen!“ Das geht nicht nur uns als Wissenschaft-Fans auf die Nerven, sondern auch der TIME, die seit Jahren gegen solche Fake-News vorgeht. Eine mühselige Aufgabe: 2013 erschien dieser Artikel zum ersten, 2019 zum zweiten Mal im US-amerikanischen Nachrichtenmagazin.

Screenshot times.de

Das “Did Not” lese ich mittlerweile als entnervten Verzweiflungsschrei des Autors und Sprachrohrs der TIME. Es wird sich vehement gegen ein falsches Framing gewehrt. Wer die Falschmeldung streut, TIME leugnete die Erderwärmung, fährt genau diese Strategie, nämlich Rechtfertigungsdruck zu erzeugen. Heißt, die TIME muss wiederholt verneinen, jemals die Eiszeit prophezeit zu haben. Das Problem ist, wir sind kognitiv NICHT dazu imstande, NICHT-Anweisungen zu verarbeiten. Wir sind auf Bejahungen programmiert, denn Bilder, die in unserem Gehirn entstehen, sind nun mal da. Beim Lesen der Headline “Eine Ausgabe der TIME prophezeite die Eiszeit NICHT” kommt in der linken Gehirnhälfte zwar die Botschaft logisch korrekt an. Doch die rechte Hälfte, zuständig für emotionale und visuelle Reize, malt sich derweil munter eine medial prophezeite Eiszeit aus. Ging euch auch so, oder? 

Fazit: Wenn ihr Fakten wollt, schaut auf die Wissenschaft, nicht aufs gefälschte Titelbild

Schauen wir zum Abschluss lieber noch mal auf die Fakten:

Zwischen den 1940ern bis Mitte der 1970er sanken die Durchschnittstemperaturen und manche Wissenschaftler*innen spekulierten über die Möglichkeit einer “globalen Abkühlung”. Eine der Quellen für dieses Narrativ war möglicherweise eine Arbeit von Stephen Schneider aus dem Jahr 1971, damals Klimaforscher am Goddard Space Flight Center der NASA in Maryland, USA. Er erkannte, dass ein Teil dieser Abkühlung auf die zunehmende Luftverschmutzung (Ruß und Aerosole, winzige in der Luft schwebende Partikel) zurückzuführen war, die die Menge der in die Atmosphäre eindringenden Sonnenenergie verringerte. Diese Idee schaffte es jedoch weder auf das Titelbild des TIME-Magazins, noch gehörte sie zu den führenden wissenschaftlichen Theorien ihrer Zeit.

Die erwärmende Wirkung von CO2 war schon seit über einem Jahrhundert bekannt, und neue Forschungsergebnisse aus den 1970er Jahren zeigten, dass die Erwärmung durch CO2 die durch Aerosole verursachte Abkühlung mehr als ausgleichen würde. Und so ist es  ja auch gekommen. Eine Studie aus dem Jahr 2008, die mit dem Mythos der „globalen Abkühlung“ aus den 1970er Jahren aufräumte, ergab, dass die meisten von Expert*Innen begutachteten Forschungsarbeiten zwischen 1965 und 1979 eine globale Erwärmung und nicht eine Abkühlung vorhersagen. 

Lasst euch nicht von Fake-News-Schleudern und ihren Strategien verunsichern. Hört auf die Wissenschaft, insbesondere auf den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand! 

Bildquelle: Screenshot twitter.com / canva.com