Alltagsrassismus: Ich kann euch 50 „Einzelfälle“ nennen – Alles „ironisch“ natürlich

Gastkommentar

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Alles keine Rassisten. Alles nur Ironie.

Ich kann euch vielleicht 50 „Einzelfälle“ von Alltagsrassismus nennen. Ich bin von Skins angegriffen, von Schulkameraden gehänselt, vom Nachbarn angespuckt, „Kanake“, „Moruk“ oder einfach „Ali“ genannt worden. Ist mir aber egal, hat mich nur stärker gemacht. Ich könnte erzählen, wie oft ich grundlos von der Polizei angehalten, überprüft und gefilzt wurde. Auch egal. Schon schlimmeres erlebt.

Auch, dass nach 30 Jahren Deutschland immer noch die (spätestens) zweite Frage ist, wo ich eigentlich herkomme, ist mir egal. Hab mich dran gewöhnt. Dass ich komplett verschiedene Reaktionen erhalte, je nachdem, ob ich mich als Perser oder als Iraner vorstelle. Geschenkt. Die eigentlichen Gründe, warum ich mich niemals mit Deutschland identifizieren werde, liegen aber in den Dingen, die mir in meinem direkten, tendenziell linken oder zumindest liberal/aufgeklärten Umfeld passieren.



„Ironischer“ Rassismus

Die Anzahl der geistlosen Bombenlegerwitze und Islamistenseitenhiebe, die sie glauben, machen und verteilen zu können. Weil das ja ironisch gemeint ist, da sie ja keine Rassisten seien. Die geht mittlerweile ins vierstellige. Mein Ernst. Tagtäglich kommt sowas.

Wenn meine italienischen Freunde nach 10 Jahren Deutschland immer noch „er“ und „sie“ verwechseln, oder zu Frauen „Jungs“ sagen, finden meine deutschen Freunde das irgendwie nonchalant, cool und sexy. Wenn meine türkischen Freunde nach 12 old fashioned´s mal Dativ und Akkusativ vertauschen, werden sie belächelt.

Ich werde aufgrund meiner Herkunft für einen Antisemiten gehalten

Ich höre immer wieder antisemitische Sprüche in meinem Umfeld mit einem Augenzwinkern mir gegenüber, weil sie glauben, dass ich ihren dummen Rassismus teile. Schließlich hassen „wir“, „die“ ja bekanntlich auch. Wenn ich von Fremden für einen Italiener gehalten werde, tut mein deutsches Umfeld so, als hätte ich es als Kompliment aufzufassen. Wenn ich für einen Israeli gehalten werde, glaubt es, dass ich beleidigt sein müsste.

Ich war mal auf Tinder mit 3 verschiedenen Namen und den gleichen Bildern. Chiaro, Bobby und Reza. Jetzt ratet mal, bei wem die Matches ausblieben. Neulich las ich einen Artikel in der FAZ, in dem die Perser als „ein Volk von Teppichhändlern“ bezeichnet wurden, womit der Autor das vermeintliche Geschick bei den Atomverhandlungen unterstreichen wollte. In der FAZ! Kein Witz.

Ich könnte ewig fortfahren. Die Eltern meiner Freundinnen, meine Lehrer, Kaufhausdetektive, die Omi im Bus, im Aufzug, im Treppenhaus etc etc. Wirklich ewig. Ich will es nur nicht in die Länge ziehen. Aufmerksamkeitsspanne und so. Das alles ist auch keine Klage. Ich bin kein Opfer. War nie eins, werde nie eins sein.

Nur eine Sache:

Nach 30 Jahren dachte ich, ich kenne Rassismus in all seinen Facetten. Und dann ging ich mit einer Frau aus, die Halbnigerianerin ist. Alles was ich bisher erlebt hatte, war dagegen ein Witz. Erwachsene redeten mit ihr, wie in Rapvideos. „Yo! Yo! N*gger! N*gger!

Sie konnten es endlich sagen. Jetzt kannten sie eine Schwarze. Jetzt waren sie Afroamerikaner. Die Frau kommt aus Köln. Mehr denn je wollten Typen wissen, wie der Sex ist. Einmal gratulierte mir jemand zu der „Gazelle“, als sie kurz den Raum verließ und ich hörte Begriffe, wie „Mohr“ und „N*ger“ aus Mündern von Menschen (Mehrzahl), die für die Süddeutsche und die Zeit schreiben oder bei arte arbeiten. 2015/16. In Berlin. Alles keine Rassisten. Alles nur Ironie.

Wie viel hat dieser Junge bitte noch mit Afrika zu tun?

Ich stehe auch nicht auf Erdogan, ich gebe Özil aber recht, wenn er sich fragt, warum er Deutschtürke ist, Podolski und Klose aber nicht Deutschpolen. Warum ist der Sohn des weißen GI’s Deutscher, der Sohn des schwarzen GI’s aber „Afrodeutscher“? Ich meine, wie viel hat dieser Junge bitte noch mit Afrika zu tun? Und warum ist Deutschrusse normal, Frankodeutscher oder Italodeutscher aber nicht?

Was ich also feststelle, ist nicht nur der stumpfe, direkte Rassismus der AfD, der Skins oder des Schrebergartenvereins, der ja zumindest sowas wie ehrlich ist. Was ich erlebe, sind auch die Abstufungen auf der Multikultiliste beim Bildungsbürgertum. Ganz oben stehen die Imperialmächte und der geilere Süden. Brasilien, Argentinien, Italien, Kolumbien, Frankreich, USA, England. Dann kommen sie selbst.

Als Perser stehe ich ungefähr hier (Ich bin Arier, meine Eltern Ärzte, der Shah war großartig. Kulturnation. Die gesamte westliche Zivilisation fußt auf blablabla. Geld hab ich bestimmt auch.) Im Mittelfeld stehen die harmlosen Länder. Japan, Indien, Kanada, Australien etc. Darunter kommt Afrika. (Geile Körper, süsse Babies, aber arm und dumm.)

Als Iraner stehe ich ungefähr hier. (Ich bin Schiite, trage ein Messer, mein Vater schlägt meine Mutter. Beide können nicht lesen, aber wenigstens bin ich kein Araber.) Die Araber stehen nämlich ganz unten, zusammen mit den Türken, den Afghanen und den Pakistanis. Und jetzt sag mir auch nur einer, dem sei nicht so.

Autor: Behzad Karim-Khani, Artikelbild: pixabay.com, CC0

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  1. Jens sagt

    Passt. Die Leute beschweren sich dann tw. noch, dass man das nicht komisch findet.

  2. Carsten sagt

    Ich empfinde das alles als richtig, was Ihr schreibt, und leider auch normal.

    Der Rassismus im Alltag ist definitiv vorhanden, und ich muss angesichts der aktuellen Situation, und das sage ich ganz ehrlich, aufpassen nicht selbst rassistische Äußerungen von mir zu geben.
    Zu klein ist inzwischen die Spanne zwischen Höflichkeit und Rassismus.
    Man weiß ja inzwischen garnicht mehr, was man sagen darf, und was nicht.
    Das ist mir zu blöd, inzwischen.

    Es muss doch möglich sein, den oder die Gesprächspartnerin auf die offensichtliche dunkle Hautfarbe anzusprechen, ohne gleich als Rassist zu gelten? Darf ich denn meinen Kohlepechschwarzen Arbeitskollegen nicht mehr fragen, woher er diese Hautfarbe hat?
    ER IST NUNMAL SCHWARZ! SICHTBAR!
    Also soll ich das ignorieren, um nicht als Rassist zu gelten oder darf ich mit ihm drüber reden?

    Das ist doch kein Rassismus, es ist ein Interesse an dem Menschen, der mir da gegenüber steht.
    Er kommt aus Afrika, und als Afroamerikaner möchte er nicht bezeichnet werden. Das hat er mir gesagt.
    Damit war es für mich auch rum.
    Aber ich darf doch bitte fragen, warum der schwedische Kollege blond ist, warum der Franzose so dunkle Haare hat und warum zum Teufel der Afrikaner so schwarz ist.
    Weil mich der MENSCH interessiert und weil ich über den alles wissen möchte.

    Und es gibt durchaus neugierige Menschen wie mich, die einfach die Hautfarbe hinnehmen und NUR wissen wollen: Wo kommt das her?
    „Mann, Du bist aber verdammt schwarz.“
    “ Jo ich komm aus Afrika.“
    „Cool. Hast Du schonmal nen Motor montiert?“
    „Ja, hab ich schon oft gemacht.“
    „Prima, hau rein. Ich mach ne Grillparty am Wochenende, magst Du mitmachen?“
    „Nein. Schwein ist Tabu. Ich Moslem, weißt Du?“
    „Kein Problem, gibt nur Rind. Alles Helal.“
    „Komme.“

    Es muss erlaubt bleiben, das Offensichtliche anzusprechen. Der/Die sieht nun mal so aus, da gibt es nix dran zu sagen.
    UND verdammt nochmal: Meine 3-jährige Nichte WIRD dich definitiv fragen, warum Du schwarz bist. Die ist aber mit ihren 3 Jahren keine Rassistin, die will nur das offensichtliche wissen. WO IST DAS VERDAMMTE PROBLEM?
    Rassistisch wird es erst und NUR dann, wenn man das mit negativen Eigenschaften und Vorurteilen verknüpft.

    Wenn ich also den südländisch aussehenden Menschen vor mir frage, woher er stammt, dann ist das kein Rassismus, sondern einfach nur ein Interesse an dem Menschen und seiner Geschichte.
    Tolle Gespräche sind die Folge.
    Wenn ich aufgrund meines (Und des von euch beschriebenen) Verhaltens als Rassist gelte, dann muss ich ehrlich sagen: Ich habe als Rassist tolle und wertvolle Freunde gefunden und lade sie jedes Jahr zum Geburtstag ein.
    Schwarze, weisse, kunterbunte. Und da sind sogar Flüchtlinge dabei.

    Gruß

  3. Carsten sagt

    „He, warum bist du so schwarz? Hast Du zu lang am Feuer gesessen?“

    Wenn ich das sage, bin ich Rassist.
    Wenn meine 3-Jährige Nichte das sagt, ist sie süß.

    Da muss ich doch fragen, wo die Grenze ist.
    Wenn ich frage, ist es Neugier. Erst dann, wenn ich Menschen benachteilige, erst DANN ist es Rassismus.

    Darf man nicht vergessen.

  4. christian sagt

    Carsten,
    wie weiß bist Du? Wieviel kannst Du einschätzen davon, wie es von der ‚anderen‘ Seite her aussieht, von aber auch wirklich JEDEM aus welchem Interesse auch immer VOR ALLEM oder NUR auf das eine angesprochen zu werden, als wäre es nicht nur das erste, was auffällt (denn das tut es, keiner sagt etwas dagegen, denn dass es so auffällt, ist Teil des Problems), sondern das wichtigste. Außerdem ist es tatsächlich irgendwann fast ein bisschen egal, warum wer fragt, die netten Nachfragen gehen unter in der Reduktion auf die Hautfarbe, den Akzent, die irgendwie identifizierte Andersartigkeit. Dass es interessant ist und sich tolle Gespräche daraus ergeben, klar. Dass das Gespräch darüber beginnt, nicht so klar. Erstmal, und das würdest Du auch sagen, da bin ich sicher, sind wir alle Menschen. Du empfindest Dich nicht als Rassisten, weil Du gut oder so gut von den andersartigen Menschen denkst wie von den gleichen. Dass sie anders auf Dich wirken, ist nicht wirklich das Problem, Andersartigkeit fällt halt auf. Dass die Kategorie Hautfarbe oder Akzent oder eben sonst welche Auffälligkeit aber so wichtig ist, schon. Und dann kommen die damit verbundenen Vorurteile bei sehr vielen eben dazu. Es geht nicht ums Ignorieren, sondern um die Begegnung mit dem Menschen, nicht mit dessen Eigenschaften, von denen die oder die als wichtiger gelten als andere. Und das ist zu einem großen Teil eher struktureller als persönlicher Rassismus. Aber auch der muss in persönlichen Situationen umgesetzt werden, und das tust Du mit der Frage eben auch; ungewollt und unbewusst. Dass Du Dich mit dieser Wortstärke in diesem Forum äußerst, ist sogar noch etwas schwieriger: Dir muss doch auffallen, dass der Satz „Man weiß nicht mehr, was man sagen soll“ ein rechter Satz ist: Meinungsfreiheit im Bereich von potentiellem Rassismus einzufordern, heißt nicht nur, gegen eine vielleicht vorhandene abstrakte politische Korrektheit zu kämpfen, sondern gegen Betroffenheit im Einzelnen. Und da geht es wirklich rein gar nicht um Höflichkeit.

  5. MRS.A sagt

    Danke Christian zu deinem Kommentar.Es ist genauso wie du sagst.Dieser Artikel hat mir aus der Seele gesprochen.Ich lebe in einer internationalen Ehe.Was wir uns schon alles anhören mussten ist wirklich unglaublich.Wir sind es leid dass es ständig thematisiert wird auf der anderen Seite bin ich mittlerweile knallhart wenn schon wieder ein Kommentar kommt und reagiere sofort.
    Zu Carsten kann ich nur sage:Die Fragen nach der Herkunft machen mürbe und es ist eigentlich eine Privatangelegenheit,die ständige Reduktion auf Äusserlichkeiten nervt und ist extrem verletzend.

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