Ich kann auch nicht atmen: Mit George Floyd stirbt auch ein Teil von mir

| Gastkommentar | 29. Mai 2020

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Gastbeitrag von Jasmina Kuhnke

Das Opfer

„Please, I can’t breathe“ – Bitte, ich kann nicht atmen – das sind nicht die Worte eines Menschen, dessen Zeit gekommen ist und der in Frieden seinen letzten Atemzug nimmt. Nein, es sind die Worte von George Floyd, eines 46-jährigen Afroamerikaners aus Minneapolis, dem der letzte Atemzug seines Lebens durch einen weißen Polizisten genommen wurde. George Floyd war unbewaffnet, als der weiße Polizist ihn auf dem Boden fixierte, ihm sein Knie in den Nacken presste.

Es könnte ein Gemälde sein, das die Symbolik des Dominanzverhaltens abbildet. Ein weißer Mann steht über dem Schwarzen Mann. Und tatsächlich wird sich das Bild, wie George Floyd brutal aus dem Leben gerissen wird, um sein Leben bettelnd, unter dem davon unbeeindruckten Polizisten, in die Seele brennen, da der Mord aufgezeichnet und in den sozialen Netzwerken geteilt wurde.

Das Video

„Please, I can’t breathe“ – Bitte, ich kann nicht atmen, wenn ich die Bilder sehe, die zeigen, wie George Floyd stirbt. Er stirbt vor unser aller Augen. Ich kann nicht atmen, wenn ich daran denke, dass das der Alltag von People of Color (PoC) in Amerika ist. Menschen halten gerne an Traditionen fest, und in den USA ist eben, wie das Thanksgivingfest, Rassismus durch Weiße und Polizeigewalt durch weiße Beamt*innen Tradition. Der ermordete George Floyd ist das jüngste Opfer einer Kultur und eines Systems, in dem es der Normalität entspricht, dass Schwarze keinen Schutz durch die Staatsgewalt haben, sondern durch sie den Tod finden.

„Please, I can’t breathe“ – Bitte, ich kann nicht atmen, wenn ich die Bilder des auf dem Boden liegenden, leblosen Körpers von George Floyd betrachte. Ich kann mir das Video nicht ansehen, kann nicht hilflos dabei zusehen, wie ein Mann vor meinen Augen sterben muss. So mancher von euch mag denken, dass das alles zu weit weg ist, es nichts mit uns zu tun hat, wenn irgendwo auf der Welt ein Schwarzer Mann getötet wird.

Unser Bruder

„Please, I can’t breathe“ – Bitte, ich kann nicht atmen. Es schnürt mir die Kehle zu. Ich kann vor Trauer und vor Wut nicht befreit atmen. Ich kann seit Tagen nicht aufatmen, nicht trauern. BPoC auf der ganzen Welt fragen sich seit Jahren, wann die weiße Mehrheitsgesellschaft endlich ihre Schreie hört. Und statt hinzuhören, wenn Brüder und Schwestern sich die Seelen aus dem Leib brüllen, weil ihrem Leben immer weniger Wertigkeit zugesprochen wird als Personen, die der weißen Mehrheitsgesellschaft angehören, versuchten Weiße, diese Schreie mit der Übernahme des Hashtag #BlackLivesMatter und Änderung in #AllLivesMatter zu ersticken.

Weiße empfinden sich durch #BlackLivesMatter und den Ausdruck des Zugehörigkeitsgefühls, das die Bezeichnungen „Bruder“ und „Schwester“ vermitteln, ausgeschlossen. Und ja, es ist wohl nahezu unerträglich für unsere weißen Mitmenschen, weil sie einen Moment nicht die Aufmerksamkeit genießen, welche sie gewohnt sind. Aber Weiße werden nicht Opfer von strukturellem und systematischem Rassismus. Demnach wissen sie nicht, welche Auswirkungen racial profiling auf das Leben von BPoC hat.

Nicht dein Freund und Helfer

Sie wissen nicht, wie es ist, wenn der Polizist nicht dein Freund und Helfer, sondern dein potenzieller Mörder ist. Sie wissen es nicht, weil sie nicht zuhören wollen. Weil sie sich dann eingestehen müssten, dass sie ein Teil des Systems sind und es eben auch nur durch sie so funktionieren kann. Und mal ganz ehrlich, es ist ja so viel bequemer, das Privileg zu genießen, in Sicherheit und Frieden leben zu dürfen.

Das ist nur einer der Gründe, weshalb George Floyd mein Bruder war. Und weshalb Schwarze in den USA und auch in Deutschland solidarisch zueinander stehen und lauter aufschreien denn je, weil wir alle dieselben Erfahrungen teilen, wir in Angst leben und jede*r von uns da auf dem Boden liegend „Please, I can’t breathe“ stöhnen und vom rassistischen System ermordet werden kann. Mit George Floyd, jedem Bruder und jeder Schwester, die wegen rassistisch motivierter Morde stirbt, stirbt auch ein Teil von jedem von uns. „Our blood is a million stories!“

Mein Vater

„Please, I can’t breathe“ – Bitte, ich kann nicht atmen, weil die Bilder meines Schwarzen Bruders George Floyd mich nicht nur irgendwie treffen, sie betreffen mich. Es stirbt wieder einmal ein Teil von mir, wie so viele Male. Ich weiß, ich weiß, für viele klingt das, als würde ich meine Gefühle zu dem Mord an einem Fremden zu wichtig nehmen. Wenn du eine dieser Personen bist, gehörst du wahrscheinlich der weißen Mehrheitsgesellschaft an und denkst, das alles hat nichts mit dir zu tun. Aber du irrst.

Erst durch deine Ignoranz und dein Wegsehen ist der Mord an uns Schwarzen durch Rassismus möglich. Und ja, viele Kommentare, die ich unter meinen Beileids- und Trauerbekundungen gelesen habe, haben mir kurz die Luft zum Atmen genommen. „Please, I can’t breathe“ – Bitte, ich kann nicht atmen, weil die Bilder von dem sterbenden George Floyd die Bilder in einer Schublade meines Herzens öffnen, die ich eigentlich gewissenhaft verschlossen hatte. Die Bilder von meinem Vater, einem Senegalesen, der mit 28 Jahren in Deutschland in Haft verstarb.

Seine Geschichte, sowie die des Asylbewerbers Oury Jalloh aus Sierra Leone, dem Kameruner William Tonou-Mbobda, dem Nigerianer Achidi John und Laye-Alama Condé, die alle in Polizeigewahrsam verstarben, werden nicht gehört. Sonst würde nicht argumentiert werden, dass die Umstände für Schwarze in Deutschland nicht vergleichbar mit denen in den Staaten sei. Ab wie vielen Opfern haben wir eurer Meinung nach die Berechtigung, wütend und laut „Please, I can’t breathe“ zu schreien?

Die Täter

„Please, I can´t breathe“ – Bitte, ich kann nicht atmen. Wenn ihr als weiße Gesellschaft wegseht, wenn BPoC euch sagen, dass ihnen die Luft ausgeht, macht ihr euch mitschuldig. Dann seid ihr Teil des rassistischen Systems, welches, mit dem Knie in den Nacken seiner Opfer gestemmt, stolz seine Dominanz präsentiert. So wie in den USA alle, die dieses strukturell rassistische System unterstützen, eine Mitschuld am Tod von George Floyd tragen.

George Floyd

„Please, I can’t breathe“ – Bitte, ich kann nicht atmen. Ich kann nicht beschreiben, wie sehr es mich schmerzt, dass es für dich zu spät ist und dass das die letzten Worte sind, die du jemals gesprochen hast. Es schmerzt mich so sehr, dass du sterben musstest, um gehört zu werden. Wir werden deine letzten Worte nie vergessen. Und mit unseren Stimmen dafür sorgen, dass sie überall gehört werden.

Ruhe in Frieden, George Floyd, mein Bruder!

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