Das ist der Grund, warum so viele Migranten die AfD wählen

Hintergrund

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Die AfD – eine Partei mit Migrationsvordergrund

Okay okay, es heißt immer, die AfD sei nicht rechts, sie sei nur „besorgt“. Und wolle Deutschland erhalten – so wie früher. Da trifft es sich gut, dass die AfD selbst Mitglieder mit Migrationserfahrung im Bundestag sitzen hat. Mehr noch, dass ausgerechnet die AfD die dritthöchste Quote an Migranten (nach Die Linke und Grüne) im Vergleich zur CDU und SPD im Bundestag aufweist. Dann können die ja gar nicht rechts sein?

Doch, können sie. Sie sind der Wegbereiter für den Hass und die Attacken, die wir mittlerweile nahezu täglich in Chemnitz und anderen (ostdeutschen) Städten zu sehen bekommen. Die AfD hat den Faschismus wieder salonfähig gemacht.



Die AfD – Lieblingspartei der Aussiedler

Schauen wir uns zunächst die hard facts an: Der Mediendienst Integration hat dazu alle im Bundestag vertretenen Parteien befragt und analysiert. Im Vorwort wird deutlich, dass die Übersicht aus verschiedenen Gründen unvollständig ist. Insgesamt kommt der Bundestag auf eine Quote von knapp acht Prozent. In Deutschland hingegen gibt es eine Ausländerquote von 22,5%, der Bundestag ist also nicht wirklich repräsentativ für die deutsche Bevölkerung.

Betrachtet man nun die Namen der AfD genauer, dann fällt auf, dass es sich dabei um auffällig viele „osteuropäische“ bzw. russisch klingende Namen handelt. Es wurden keine Aussagen zu den Nationalitäten getroffen, aber die Sympathie der AfD für Russlanddeutsche, sowie andersrum ist keine Neuigkeit. Die AfD hat Russlanddeutsche gezielt umworben und sich so ihre Nische gesucht und besetzt. Es gibt sogar eine eigens gegründete Initiative „Russlanddeutsche für die AfD“.

Weitere Bestätigung für diese These liefert der Faktenfinder der Tagesschau: „In diversen Artikeln wird die AfD als die „neue Lieblingspartei der Aussiedler“ gehandelt – dem ARD-Magazin Monitor etwa war nach der Landtagswahl in NRW aufgefallen, dass die Partei vor allem dort, wo viele Russlanddeutsche leben, ihre mit Abstand besten Ergebnisse erzielte.“ Im Spiegel kann man nachlesen, dass in Pforzheim (einer Stadt mit einem hohen Migrationsanteil Russlanddeutscher) das Wahlergebnis bei der AfD über 40% betrug. Dort holte die AfD auch ein Direktmandat:

Alternativ hier 8 Minuten aus Frontal21: https://www.zdf.de/politik/frontal-21/russlanddeutsche-neue-heimat-afd-100.html

Identitätsverlust seit Ende der Ära Kohl

Liest man Interviews mit Russlanddeutschen, so äußern sie sich oftmals dahingehend, dass sie „ihr Land nicht mehr wiedererkennen“ wie es damals unter der Ära Kohl war. Sie befürchten einen „Identitätsverlust“ und haben das Gefühl, dass die ganze Stabilität, die sie sich seit Jahren aufgebaut haben, nun bedroht sei.

Es handelt sich hierbei um eine gefühlte Wahrheit, nichts was statistisch belegbar wäre. Dennoch reicht dieses Gefühl aus, um sich nun von der CDU und „dem Kanzler der Einheit“ zu trennen und Zuflucht bei der AfD zu suchen. Der AfD kommen diese Schiffbrüchigen – im Gegensatz zu denen im Mittelmeer – gelegen, um ihr Wählerpotenzial zu vergrößern. Mit antiquirierten Wünschen nach der Währungsreformreform und einem traditionelleren, christlicheren Land besetzen sie genau die Nische, die keine andere Partei so präsent vor sich hergetragen hat.

Das kann daran liegen, dass die AfD zutiefst rückständig ist. Während alle anderen Parteien sich der Transformation Deutschlands in ein multikulturelles und weltoffenes Land schon längst bewusst sind und sich den wirklichen Herausforderungen stellen, vor denen unser Land derzeit steht. Es muss sich aktiv Gedanken gemacht werden über: frühkindliche Bildung, Armutsvermeidung, Teilhabe am Arbeitsmarkt, aber auch am kulturellen Leben und des Weiteren brauchen Menschen Sicherheit. Sicherheit für ihre Rente, für ihre Familien, für ihre Vergangenheit in einem Kriegsland.

Die AfD – Heimat und Sicherheit bei subjektiver Instabilität

Die AfD nimmt sich nun dieser Menschen an. Russlanddeutsche Migranten die von der Politik jahrelang vergessen bzw. nicht berücksichtigt wurden. Niemand ist aktiv auf die Russlanddeutschen zugegangen und hat sie nach ihren Bedürfnissen gefragt oder sie aktiv gefördert. Sie waren sich selbst überlassen. Das führte dazu, dass sie sich innerhalb ihres Kulturkreises abgeschottet und eigene Netzwerke und Strukturen aufgebaut haben.

Sie agierten nach innen, um sich und ihrem Kreis etwas aufzubauen und in Deutschland anzukommen. Dieselbe Situation gibt es übrigens auch bei Kurden und anderen arabischstämmigen Leuten. Ein Kommentar unter dem Volksverpetzer-Artikel zur Migrationsquote der AfD-Bundestagsfraktion regte an, dass Russlanddeutsche „weiß“ seien und daher in der Bevölkerung akzeptierter seien. Die „jetzigen Migranten“ hingegen fallen optisch bereits durch dunklere Haar- und Hautfarbe auf und werden daher schneller als „störend“ oder „fremd“ wahrgenommen.

Es ist eine Frage der Vorurteile. Die AfD hat sich dieser Zielgruppe angenommen und ist aktiv auf die Russlanddeutschen zugegangen. Ein cleverer Schachzug, wenn man sich vor Augen hält, dass bei den wahlberechtigen Russlanddeutschen bislang die höchste Nichtwählerquote zu verzeichnen war. Mit der Bundestagswahl 2017 hat sich das geändert, die AfD hat es geschafft, einen Großteil der Nichtwähler zu mobilisieren und bisherige CDU-Wähler unter den Russlanddeutschen zur AfD abzuwerben.

Grafik: Welt.de

Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article168989573/Welche-Parteien-die-meisten-Stimmen-an-die-AfD-verloren.html#cs-lazy-picture-placeholder-01c4eedaca.png, abgerufen am 29.08.2018

Die AfD – der Zeit zurück

Die AfD hat für alle tatsächlichen Probleme der Wahlberechtigten Deutschlands keine Lösung (siehe ZDF Sommerinterview). Sie schwelgt lieber in der Vergangenheit und wünscht sich ein idealisiertes Deutschland zurück, welches nicht wirklich ideal war. Zu viele Menschen waren damals abgehängt, für zu viele Menschen gab es keine wirklichen Hilfen. Es gab keine Integrationskurse für Russlanddeutsche, geschweige denn flächendeckende Sprachkurse oder erleichterte Chancen in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen.

Russlanddeutsche wurden in baufälligen Baracken einkaserniert und mussten sich von dort heraus alles selbst erarbeiten. Integration musste in Eigenleistung gestemmt werden. Viele damalige Russlanddeutsche haben sich nun mit harter Arbeit „etwas aufgebaut“ in Deutschland. Mit bewusst gesetztem Framing der AfD zu Sozialwohnungen bzw. Häusern, die in der ersten Zeit gezielt nur für Geflüchtete genutzt werden, gießen sie Öl in das Feuer des „wir hatten damals auch nichts, wieso steckt man denen nun alles in den Arsch?“. Die Debatte, die die AfD bzw. ihre Wählerschaft mit dem Rest der Bevölkerung führt, nennt sich Sozialneid.

Sozialneiddebatte

Menschen die damals selbst wenig hatten, treten nun nach unten, um den „neuen Neuen“ genauso wenig zuzugestehen, wie es ihnen damals zugestanden wurde. Anstatt sich auf die wahren Werte Deutschlands zu besinnen und sich gemeinsam zu solidarisieren, formiert sich ein „Wir gegen die“-Widerstand. Anstatt für die Menschenwürde, die ihnen damals oftmals selbst nicht zugestanden wurde, kämpfen sie nun dafür, dass es anderen Menschen genauso schlecht ergehen soll.

Lieber noch, dass sie gar nicht erst nach Deutschland kommen, weil sie ihnen womöglich etwas wegnehmen könnten. Diese Angst ist in Teilen nachvollziehbar, immerhin mussten sie über viele Jahre mit oft mehr als einem Job hart dafür kämpfen. Eventuell ist es auch der Frust, weil man sie bis heute nicht als „echte Deutsche“ anerkennt und sie immer noch als „die Russen“ bezeichnet. Sie blenden dabei jedoch aus, dass die derzeitige Migration für Deutschland auch Chancen bietet – auch für sie.

Im Baubereich boomt es derzeit an allen Ecken und Enden. Mehr Bürger bedeuten mehr Nahrungsmittelbedarf, mehr Einzelhandel, insgesamt mehr Konsum. Es werden mehr Fachkräfte in sämtlichen Bereichen (primärer, sekundärer und tertiärer Arbeitsmarkt) benötigt und der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt. Damit einhergehend steigen die Beschäftigungsquote, sowie die Chance, besser über sein Gehalt verhandeln zu können.

Dank der Flüchtlinge geht es uns besser

Zu berücksichtigen sind selbstverständlich der mangelnde Wohnraum. Vor allem im bezahlbaren Segment und die in manchen Kommunen nicht ausreichenden Kapazitäten in Kindertagesstätten und Schulen, sowie dem Ganztagsangebot. Genau dafür könnten wir den Geflüchteten aber dankbar sein.

Ohne diese Form der Migration seit 2015 wäre in den Kommunen gar kein so massiver Handlungsdruck aufgebaut worden. Der soziale Wohnungsbau stagnierte in den Jahren zuvor, der Ausbau der Kita-Plätze fand nur im nötigsten Rahmen des Rechtsanspruches statt, ALG II-Sätze wurden damals auch nicht bis ins Unendliche erhöht. Und sinnvolle präventive Maßnahmen wie Sprachkurse und Arbeitsmarktintegration fanden nicht flächendeckend statt.

All dies hat sich nun geändert und es geht uns tatsächlich besser als jemals zuvor. Auch nicht-Migranten bekommen nun etwas von einem gewachsenen Sozialstaat ab. Deutschland fängt endlich damit an, die Fehler der Vergangenheit im Bereich Soziales auszubessern. Es wäre also deutlich sinnvoller, den Parteien dafür ihre Anerkennung mit Hilfe der Wählerstimme zu zeigen. Als eine Partei zu unterstützen, die all die Errungenschaften der letzten Jahre in Bezug auf ein besseres gesellschaftliches Miteinander wieder zerstört.

„Früher war selbst früher alles besser.“ – vielleicht wäre dies der einzig sinnvolle Wahlplakat-Spruch für die AfD? Mit der AfD ist nämlich genau nichts besser geworden.

Chemnitz: Wie Nazis mit Falschmeldungen Pogromstimmung erzeugt haben

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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1 Kommentar
  1. Franz Schröteler sagt

    Hallo Frau Rammert,
    Ihrem Text nach würde ich Sie eher politisch links einordnen. Ich selber bin eher rechts und habe, obwohl ich mit vielen Ansichten der AFD nicht einverstanden bin, diese doch gewählt. Ich finde Ihre Ansichten sehr interessant, ein These kann ich jedoch absolut nicht nachvollziehen-Dank der Flüchtlinge geht es uns besser- weil diese Druck auf den Sozialstaat machen. Nach dieser Logik könnte ich mir auch mehr Verkehrstote wünschen damit mehr Geld in die Verkehssicherheit gesteckt wird. Und noch etwas: Irgendjemand muss den Sozialstaat bezahlen. Von nix kommt nix.
    Gruss Franz Schröteler

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