Wie Eltern und Kinder mit dem Krieg in der Ukraine umgehen sollten

| Interview | 11. März 2022

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„Kinder spielen Krieg, um besser mit der Angst umzugehen“

Elisabeth Raffauf, Diplom-Psychologin, gilt als Expertin im richtigen Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Sie hat bereits mehrere Fachbücher geschrieben und arbeitet in einer Erziehungsberatungsstelle, sowie in ihrer eigenen Praxis in Köln. Zudem gehört sie zum Beratungsteam der Kindernachrichtensendung „Logo“. Mit dem Volksverpetzer hat sie darüber gesprochen, wie Kinder mit dem Krieg in der Ukraine umgehen und wie Eltern gemeinsam mit ihnen Ängste bekämpfen können.

Volksverpetzer: Frau Raffauf, wie nehmen Kinder den Krieg in der Ukraine wahr?

Elisabeth Raffauf: Für Kinder ist das Gefühl eigentlich so, wie es auch für Erwachsene ist. Es macht uns irgendwie ohnmächtig, weil wir das Gefühl haben, gar nichts tun zu können. Und gleichzeitig macht es uns natürlich auch Angst.

Volksverpetzer: Welche Fragen kommen da bei Kindern auf?

Raffauf: Kinder haben aktuell viele Fragen. Kommt der Krieg jetzt auch zu uns? Wie geht es den Menschen dort? Viele Kinder sind sehr mitfühlend und überlegen sich, wie es den Kindern in der Ukraine geht. Und sie überlegen sich auch – und das ist das Gute – was sie selbst tun können, um aus der Ohnmacht herauszukommen. Auch in der Schule wird viel darüber gesprochen. Viele Kinder unterhalten sich natürlich auch untereinander über die Situation, auf dem Schulhof beispielsweise.

Volksverpetzer: Was wird da so besprochen?

Raffauf: Ein Vater erzählte mir kürzlich, sein Zehnjähriger sei nach Hause gekommen und habe dann erzählt, auf dem Schulhof habe jemand gesagt, den Putin müsse man erschießen. Dem müsse das Gleiche passieren, wie das, was er den Menschen in der Ukraine antut. Und dann hat der Vater gleich gesagt, dass das so nicht geht. Dass Putin vor ein Gericht müsse.

Volksverpetzer: Würden Sie sagen, der Vater hat in dieser Situation richtig reagiert?

Raffauf: Ja und nein. Also denken darf man das. Man darf es auch aussprechen, dass man Putin am liebsten erschießen würde. Und das ist sicher ein Gefühl, das ganz viele Menschen und auch Kinder haben. Politisch korrekt wäre natürlich etwas anderes. Aber die Wut muss ja auch irgendwo hin.

Volksverpetzer: Also ist es wichtig, die Wut und Gefühle der Kindern nicht direkt herunterzuspielen, sondern entsprechenden Raum zu geben?

Raffauf: Genau. Viele Kinder sind aktuell sehr wütend und haben unterschiedlichste Gefühle. Es ist wichtig, diesen Gefühlen Platz zu geben. Man muss verstehen, wie Kinder mit solchen Situationen umgehen.

Volksverpetzer: Können Sie vielleicht ein Beispiel nennen?

Raffauf: Aktuell fragen sich etwa viele Eltern, warum ihre Kinder gerade jetzt Krieg spielen und wie sie damit umgehen sollen. Da geht es nicht darum, Verbote auszusprechen. Es geht erstmal darum, dieses Verhalten zu verstehen. Und das kann man gut, wenn man sich zum Beispiel die Abwehrmechanismen nach Anna Freud anschaut. Sie hat viel mit Kindern gearbeitet und dabei bestimmte Abwehrmechanismen bei Angst herausgestellt. Eine ist die Identifikation mit dem Angreifer. Das heißt, ich werde selbst zum Bösen. Denn dann muss ich nicht mehr so eine Angst davor zu haben. Ich kann sie dann von mir weghalten und damit auch besser verarbeiten.

Volksverpetzer: Wie reagiert man als erwachsene Person auf die Situation?

Raffauf: Wenn Kinder jetzt so was spielen, dann ist es erstmal gut zu fragen: Was passiert da gerade mit dir? Was machst du da? Vielleicht erklären es die Kinder dann sogar. Wichtig ist, zu signalisieren, dass alle Gefühle gerade in Ordnung sind. Es ist eine Form der Kinder, mit Angst umzugehen und diese Angst sollten Eltern auch sehen. Man kann natürlich schauen, ob andere Formen gefunden werden können, um sie zu verarbeiten. Können wir zum Beispiel ein Plakat malen oder zusammen auf die nächste Demo gehen? Da werden dann Bilder gemalt, die die Menschen in Russland vielleicht auch sehen. Und dann sehen sie, dass wir gegen den Krieg sind. Oder gibt es irgendwelche Spielsachen, die du vielleicht nicht mehr brauchst, und über die sich Kinder freuen, die flüchten mussten und ihre eigenen Spielsachen nicht mitnehmen konnten? Es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten, wie man mit der Situation umgehen kann.

Volksverpetzer: Wie kann man Kindern den Krieg in der Ukraine erklären?

Raffauf: Wenn man mit kleinen Kindern spricht, kann man es vielleicht so erklären: In diesem Krieg ist es so,  dass ein ganz mächtiges Land mit einem sehr mächtigen Präsidenten noch mächtiger und noch größer werden will. Er will sich größer machen, indem er andere klein macht. Und er macht es mit Gewalt. Obwohl er das natürlich nicht darf. Er hat seinen Soldaten befohlen in das kleine Land einzumarschieren und es zu erobern. Das ist etwas, das auch kleine Kinder schon verstehen können.

Volksverpetzer: Sollte die aktuelle Lage für Kinder beschönigt werden?

Raffauf: Nein. Um Beschönigung geht es nicht. Es wird viel über Krieg gesprochen und man sieht auch Bilder. Schon kleine Kinder kriegen mit, dass die Eltern und andere Erwachsene unruhig sind und viel darüber geredet wird. Kleine Kinder wissen nicht, was da genau los ist. Aber sie spüren, dass alle irgendwie aufgeregt und sorgenvoll sind. Und es ist wichtig, das vor den Kindern auch zuzugeben. Also zu sagen „Ja, das stimmt. Ich mache mir auch Sorgen, viele Menschen machen sich auch Sorgen.“ Für die Kinder heißt das ja, dass ihr Gefühl und ihre Antennen richtig sind und sie sich auf sie verlassen können. Das gibt ihnen Sicherheit im Vertrauen auf ihr eigenes Gefühl.

Volksverpetzer: Darf man den Kindern gegenüber auch eigene Ängste offenbaren?

Raffauf: Viele Eltern meinen es gut, wenn sie versuchen, das alles von ihren Kindern fernzuhalten. Aber das Kind nimmt ja auch nonverbale Signale auf. Es merkt: Meine Eltern sind anders als sonst. Gleichzeitig sagen die Eltern: „Es ist nichts.“ Das heißt, die Frage für das Kind ist jetzt: Entweder Mama lügt oder mein Gefühl ist falsch. Und meistens denken sich die Kinder dann, dass Mama ja nicht lügt. Das macht unsicher. Deswegen ist es schon wichtig, dem Kind zu sagen: Ja, das stimmt, deine Wahrnehmung ist richtig, ich mache mir auch Sorgen. Wenn man selbst sehr große Angst hat, ist es gut, das mit anderen Erwachsenen zu teilen und nicht die Kinder damit zu belasten. Und: Grundsätzlich kann man seinem Kind sagen, dass es sich sicher sein kann, dass unsere Politiker und auch wir als Eltern alles tun werden, um uns zu beschützen.

Volksverpetzer: Also realistisch bleiben, aber trotzdem nicht beängstigen?

Raffauf: Genau. Die Kinder wollen ja auch wissen, ob der Krieg zu uns kommt. Und da können wir sagen, dass es sehr, sehr unwahrscheinlich ist. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt kann man das den Kindern guten Gewissens sagen. Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich und alle Politiker tun ganz viel dafür, dass das nicht passiert.

Volksverpetzer: Gibt es eine Faustregel, wie sehr man bei den Gesprächen ins Detail gehen soll?

Raffauf: Man braucht Fingerspitzengefühl für sein Kind. Es kommt ja auch drauf an. Manche Kinder sind sehr pfiffig. Sie wissen, wo die Ukraine liegt und auch was die Nato ist und sie wollen sich durch Informationen auch Sicherheit verschaffen. Die können wir ihnen geben. Natürlich ist es nicht gut, etwas in blutrünstigen Worten zu erklären. Und es ist wichtig, nicht mit kleinen Kindern die Tagesschau zu schauen, sondern zu warten, bis sie im Bett sind. Und wenn sie älter sind, kann man Kindernachrichten schauen und das begleiten. Auch wenn Kinder fragen oder erzählen, dass der Krieg in der Schule Thema war, hat man ja das Thema auf den Tisch und kann es aufgreifen. Wenn man sich nicht sicher ist, ob die Kinder darüber sprechen möchten, kann man sie natürlich fragen. Und nicht unbedingt Vorträge halten. Manche Kinder möchten nur eine kurze Antwort und dann auch wieder etwas anderes machen.

Volksverpetzer: Ab wann sollte man das mit den Kindern schauen?

Raffauf: Das ist sehr individuell. Also wenn die Kinder nicht informiert werden wollen und mir das signalisieren, dann müssen sie auch gar nicht informiert werden. Aber wenn man dann merkt, dass sie Infos brauchen, dann ist es gut, diese kindgerechten Nachrichten zu hören oder zu schauen und zu begleiten, aber eben nicht die Erwachsenennachrichten.

Volksverpetzer: Was tun, wenn ich merke, dass mein Kind wirklich große Angst hat?

Raffauf: Die Angst ist ja in dem Fall auch mit der Ohnmacht gepaart, dem Gefühl nichts tun zu können, ausgeliefert zu sein. Sobald man aus dieser Angst Ohnmacht macht und rauskommt, geht es einem schon besser. Und wenn wir jetzt nichts für die Flüchtlinge tun können und nicht auf die Straße gehen können, dann können wir vielleicht auch was für uns tun und uns ablenken. Vielleicht können wir auf den Spielplatz gehen und eine Runde Tischtennis spielen oder ein Eis essen gehen. Das Thema braucht einen Platz. Aber das Thema darf auch nicht so beherrschend sein. Den ganzen Tag Handy und Nachrichten konsumieren zieht uns alle runter. Groß und klein. Und es ist auch wichtig darüber zu sprechen. Dann kriegt das seinen Platz und man macht dann auch wieder etwas anderes.

Volksverpetzer: Schauen wir uns noch die Jugendlichen an. Es kursieren ja auch gerade in sozialen Netzwerken wie TikTok viele Falschinformationen. Wie kann man damit umgehen, wenn sie irgendwie ankommen und sagen: „Mama, ich habe gehört, dass Putin das alles tun darf.

Raffauf: Ja, das ist nicht so einfach. Die Kinder brauchen natürlich Medienbegleitung. Ich habe immer das Gefühl, wir lernen von den Kindern die technischen Fertigkeiten und die brauchen aber von uns die inhaltliche Begleitung. Und dann kann man zusammen schauen: Wo kommt denn die Nachricht her? Was gibt es da sonst noch für Nachrichten? Welche sind denn seriös und welche kann man nicht so gut glauben? Das ist eine Begleitung, die natürlich Zeit kostet, aber sie ist super wichtig.

Faktenchecks: Putins False-Flag Fake News über die Ukraine

Volksverpetzer: Wie ist die Situation an den Schulen? Da wird das ja vermutlich auch mit den mit den Kindern besprochen. Ist das auch schon in Grundschulklassen ein Thema?

Raffauf: Die Kinder haben das dort schon als Thema. Und es gibt ja wirklich schon kleine Kinder, die da schon einiges mitbekommen haben. Deswegen ist es wichtig, das in der Schule aufzugreifen und zu begleiten. Natürlich auch immer mit der Frage: Wo steht ihr, was wollt ihr wissen? Also nicht überstülpen, sondern immer auch abholen. Sozusagen schauen, wo die Kinder gerade stehen. Und natürlich ist das in der Schulklasse natürlich nicht bei allen gleich, sondern sehr unterschiedlich. Das macht es den Lehrern natürlich nicht unbedingt leicht. Aber es ist wichtig, darüber zu sprechen und auch zu schauen, wie das Thema gut eingebunden werden kann. Ich war heute in einer Grundschule und dort haben die Kinder Friedenszeichen mit der ukrainischen Flagge gemalt und darauf Sätze geschrieben: Wie „Stoppt den Krieg“ oder „Putin hör auf“. Die werden jetzt in die Fenster gehängt.

Volksverpetzer: Vielen Dank für das Gespräch!

Artikelbild: Da Antipina

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