Interview mit Jasmina Kuhnke: Die Quattromilf, vor der Nazis Angst haben

| 4. November 2019

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“Was haben die Nazis schon zu erzählen, was wir 1933 nicht schon gehört haben?”

Jasmina Kuhnke ist Autorin, Comedyautorin – und vierfache Mutter, weshalb sie sich auch die Quattromilf nennt. Sie legt sich lautstark mit Rechtsextremen und Rassisten an, bekommt dafür viel Zuspruch, aber auch viel Gegenwind. Mit uns spricht sie darüber, wie sie Rassismus erlebt und damit umgeht und dass wir nur alle gemeinsam den Rassisten und Faschisten rund um die AfD Einhalt gebieten können.

VVP: Liebe Jasmina! Du bist stets laut gegen Faschisten und Rassisten. Was ist deine Motivation?

Ich sehe es als meine Bürgerpflicht, mich laut gegen Faschismus und Rassismus zu stellen. Wir alle haben zu lange und viel zu laut geschwiegen. Wohin das Schweigen unserer Gesellschaft geführt hat, wurde 1933 deutlich und wohin es uns jetzt führt, zeigen die NSU-Attentate, der Amoklauf von Halle. Fälle wie der von Walter Lübcke und viele mehr. Wenn wir uns hinter feigem Schweigen verstecken, werden uns die Faschisten übertönen. Und während die Gesellschaft noch glaubt, sie müsste sich der Sache in gesittetem Ton, im Stuhlkreis der Talkshows, das Gebrüll von Rechts anhören, hängen Menschen wie ich, Teile dieser Gesellschaft, bereits an den Bäumen eurer Vorgärten.



VVP: Wie sind die typischen Reaktionen auf deine antirassistischen Aussagen?

„Aber die Antifa!“ ist eine gern benutzte Phrase, auf die ich schon nicht mehr eingehe, da sie jedweder Grundlage entbehrt. Oftmals ist es aber die Infragestellung oder auch die Relativierung, die als Stilmittel von meiner Kernaussage abzulenken versucht. Wenn ich beispielsweise einen Erfahrungsbericht teile, so wie dass ich als 9-Jährige von einem Neonazi überfallen wurde, so wird das als Einzelfall und der Neonazi als Einzeltäter deklariert. Vielleicht entspringt diese Reaktion dem Wunsch, dass unsere Gesellschaft sicher ist vor solchen Übergriffen – ein Schönreden. Der Umgang mit Parteien wie der AfD, der Glaube, sie hätten eine Daseinsberechtigung in der bürgerlichen Mitte, ist eine Verklärung der Tatsachen. Es gibt da auch nichts zu Beschönigen: Wir haben ein großes Problem mit Rassismus in Deutschland und es ist an jedem von uns dieses zu lösen!

VVP: Wie gehst du als Privatperson damit um?

Man kann private und öffentliche Person in dem Fall nur schwerlich voneinander trennen. Ich kann meine Hautfarbe nicht ablegen und somit den Hass, der mir teilweise entgegenschlägt einfach abschütteln. Ich führe die Diskussionen, die ich online führe, auch im Alltag – beim Einkauf oder in der Stammkneipe um die Ecke. Von Angesicht zu Angesicht ist es aber oftmals so, dass die Leute eher verstehen und begreifen, als hinter den heimischen PCs in irgendwelchen Foren. Ich habe nie geschwiegen, was es mir als jungem Menschen nicht unbedingt leichter gemacht hat. Heute kann ich mit dem Wind, der mir von Rechts entgegenweht, gut umgehen, auch wenn das bedeutet, dass ich mitunter Todesdrohungen erhalte. Aber ich weigere mich, Angst vor Faschisten zu haben. Das hier ist auch mein Land und dafür stehe ich ein, mit sehr vielen Menschen, die hinter mir und unserer Demokratie stehen.

VVP: Seit wann erlebst du das so?

Dazu kann ich den von Christian Bangel ins Leben gerufenen #Baseballschlaegerjahre empfehlen. Da wird aus Erfahrungsberichten deutlich, dass die Entnazifizierung kläglich gescheitert ist. Vor allem in den 90er und 00er Jahren wurde es einfach ignoriert, dass Rassismus immer noch gesellschaftlich verankert ist. Meine ganze Kindheit und Jugend ist geprägt von Rassismus. Heute gibt es die Möglichkeit, die eigenen Geschichten öffentlich über Netzwerke und Twitter zu teilen, so dass man feststellen kann, dass es eben kein Einzelschicksal ist. Durch Multiplikatoren wie der AfD erlebe ich heute aber eben leider auch, dass es als Ausübung der Meinungsfreiheit deklariert wird, wenn man rassistische und faschistische Narrative in die Welt plärrt.

Foto: Marvin Ruppert

VVP: Was wünscht du dir, wie sich andere (weiße) Nicht-Rassist*innen verhalten sollen in solchen Situationen, aber auch allgemein?

Hört euren Mitmenschen zu! Steht für sie ein! Denkt nicht, das betrifft euch alles nicht. Rassismus und Faschismus geht uns alle etwas an. Nur gemeinsam können wir es schaffen, dem Vormarsch der Rechten Einhalt zu gebieten. Grenzt uns nicht aus, denn wir, Kinder der Gastarbeiterfamilien, der Migrantinnen, LGBTQ, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, sind ein Teil von euch. Ohne uns werdet ihr nicht gegen Hitlers Erben ankommen und ebenso zum Opfer dieser!

VVP: Erlebst du positive Diskriminierung? Wenn ja, wie gehst du damit um?

Natürlich, das passiert häufig. Da ich mir dessen bewusst bin, dass nicht unbedingt Argwohn oder etwa Böses dahinter steckt, kläre ich die Menschen freundlich auf. Wenn sie das allerdings Abwinken und einer Empfindlichkeit zuschreiben, hilft mir durchaus meine Schlagfertigkeit und so kann der Spieß dann recht schnell umgedreht werden und die Person sieht sich mit ähnlich strukturierten Vorurteilen konfrontiert. Da hilft der Beruf als Satire- und Comedyautorin mir persönlich ungemein.

VVP: Du schreibst gerade ein Buch, was ist dazu dein Ansporn?

Das stimmt, das Buch ist eines meiner aktuellen Projekte. Auch wenn ich nie geschwiegen habe, so habe ich doch vieles mit mir selbst ausgemacht. Heute denke ich, dass es der bessere Weg ist, meine Erfahrungen mit Gewalt, die eben auch vielmals rassistisch motiviert waren, zu teilen. Das Buch beschreibt meinen Weg, den eines afrodeutschenserbokroatischen Mädchens, zu der Frau, die ich heute bin. Mein Ansporn ist es, vor allem Opfern von Gewalttaten zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und sie nicht aus falscher Scham schweigen sollten. Ich hätte in vielen Situationen meines Lebens nicht geglaubt, dem Hass oder der Gewalt und den Umständen lebend zu entkommen. Und ich bin immer noch hier und stelle mich dem Hass entgegen.

VVP: Hat sich der öffentliche Umgang mit Rassismus in den letzten Jahren verbessert/verschlechtert? Was sind deine Befürchtungen für die Zukunft/deine Ängste? (Hoffst du, dass du mal nicht mehr wegen Rassismus-Erfahrungen interviewt werden musst…)

Mit Rassismus, mit Faschismus darf nicht umgegangen werden. Ich halte es für falsch Abgeordnete der AfD in Talkshows einzuladen oder Kolumnen in deutschen Tageszeitungen zu vergeben. Das hinterlässt den fälschlichen Eindruck, dass Rechts einen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft hat. Hat es nicht! Statt die zu Wort kommen zu lassen, sollte man Opfern Gehör verschaffen. Was haben die Faschisten auch schon zu erzählen, was wir 1933 nicht schon gehört haben? Als Markus Frohnmaier, AfD Politiker, Mitglied des deutschen Bundestages und Sprecher von Alice Weidel, mich kürzlich in seinen Podcast einlud, verneinte ich dies mit den Worten, dass ich nicht mit Faschisten rede. Keinen Millimeter! Und daran werde ich mich auch weiterhin halten und das solltet ihr auch, denn dann müssen vielleicht Interviews wie dieses hier nicht mehr geführt werden. Und bei den langen, ausschweifenden Antworten, die ich hier gegeben habe ist das dann im Sinne aller!

Artikelbild: Marvin Ruppert

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