Allgemeinmediziner prangert an: Schluss mit Esoterik & Unsinn in unserem Beruf!

| Kommentar | 15. November 2021

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Schluss mit Esoterik & Unsinn in unserem Beruf!

Dieser Beitrag stammt von Dr. Marc Hanefeld, Haus- und Facharzt für Allgemeinmedizin, Anästhesie- Intensiv-, und Notfallmedizin.

Wieso ich diesen Rant an Allgemeinmediziner verfasst habe:

Diese Mail habe ich in die Liste Allgemeinmedizin der DEGAM geschrieben, weil ich denke, dass es einfach Zeit dafür ist, etwas zu verändern. Ralf Reski hat formuliert: „Wer Homöopathie sät, wird Covidioten ernten“.

Das ist genau richtig. Schon lange höre ich aus dem Milieu der Esoterik und Pseudo-Medizin, die nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Interessen (teils wohl auch in gedanklicher Verblendung, was fast gefährlicher ist) von Kollegen angeboten und ausgeübt werden, teilweise äußerst krude Einstellungen zur Pandemie oder auch anderen medizinischen Sachverhalten. Dazu zähle ich Homöopathie: z.B. werden Tierfäkalien so lange verdünnt, dass kein Molekül mehr drin ist. Dann über angebliche Wasser-Erinnerungskräfte konfabulieren, während dieses Wasser ja auf die Globuli aufgesprüht wird und dann verdunstet. Was ein Unsinn!

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Dazu zähle ich Anthroposophie: Krankheitsmodelle erklärt über Konflikte zwischen physischem Körper und „Astral-Körper“, Anwesenheit von Feenwesen. Erfunden von einem Wahrsager. Dazu zählen auch Kinesiologie: Man lege 20 Tablettenschachteln nacheinander auf den Thymus/Halsbereich des liegenden Patienten und teste dann über Muskelspannung im Arm, ob das Medikament passt.

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Ferner zu nennen: Auspendeln, ob ein Patient Krankheit XY hat. All das höre ich von Studierenden aus verschiedenen Praxen.

es werden Lügen und Halbwahrheiten über die COVID-19 Pandemie verbreitet

Genau aus diesen wird dann auch von der Impfung abgeraten, und es werden Lügen und Halbwahrheiten über die COVID-19 Pandemie erzählt. Teilweise wird die Pandemie geleugnet, und es wird auch in diversen Praxen vom Tragen der Maske abgeraten etc. Dies ist auch schon Familienangehörigen von mir passiert, und auch Patient:innen von mir.

Immer wieder höre ich als Arzt, der auch „Fremd-Patienten“ impft, von Patient:innen, die eben solches erlebt haben und deshalb vom eigenen Hausarzt oder der Hausärztin keine Impfung erhalten. Dazu bekomme ich auch täglich zig Mentions (Erwähnungen) auf Twitter, die ich gar nicht alle beantworten oder auch nur lesen kann. Aktuell kommt das Thema hinzu, dass man Probleme bei Terminen für Booster-Impfungen bekommt, weil Kolleg:innen sich strikt an die „sollte“-Regelung der STIKO halten. Dabei wird das aktuelle Infektionsgeschehen nicht beachtet.

Wir leben leider in einem besonders esoterischen Land. Und mein Berufsstand hat durch falsche Toleranz einiges dafür getan, dass sich das manifestiert. Daraus rekrutiert sich eine durchaus relevante Zahl von Impfgegner:innen, „Schulmedizin“-Gegnern (Schulmedizin ist ein Kampfbegriff aus der Nazizeit, der nie verwendet werden sollte!), gefährlich gering ausgebildeten Heilpraktikern etc.

Meiner Meinung nach ist es spätestens mit der COVID-19-Pandemie ganz offensichtlich geworden, dass diese falsche Toleranz Schaden angerichtet hat. Wir müssen uns als Ärzteschaft endlich davon lossagen. Esoterik ist mit dem ärztlichen Beruf und auch mit anderen Heilberufen nicht vereinbar.

Die Mail/Message an Deutschlands Allgemeinmediziner:

Liebe Liste,

danke an alle Kolleg:innen der Allgemeinmedizin,

  • die die Briefe der „Initiative Familien“ unterschreiben. Eine Initiative, die nachweisbar mit Querdenkern in Verbindung steht und eine Durchseuchungs-Strategie der Kinder befürwortet. Als Familienvater, Elternratsvorsitzender und als ärztlicher Kollege: Pfui! Unerträglich.
  • die die Pandemie leugnen. Dies sollte den sofortigen Approbations-Entzug zur Folge haben.
  • die Unsinn über die Impfung erzählen (exemplarisch: „Lebend-Impfstoff“, „Einbau ins Genom“): Dito. Das ist nicht hinnehmbar. Insbesondere beim historisch best untersuchten Impfstoff der Geschichte der Medizin.
  • die nicht impfen. Danke für die Mehrarbeit, und danke für die vielen Ungeimpften, die dann demnächst die Intensivmedizin (wieder beeinträchtigen), so dass ich meine Patienten dort nicht unterbekomme.
  • die Schwangeren oder Risiko-Patienten z.B. mit Herzerkrankungen erzählen, die Impfung sei zu gefährlich für sie. Ein hanebüchener Unsinn erster Güte. Hier hat auch die STIKO versagt, denn seit dem Frühjahr 2021 ist klar, dass Schwangere ein 30fach höheres Risiko für schwere Verläufe tragen. Wann kam die Impf-Empfehlung? Und gerade Vorerkrankte muss man impfen. Wie oft wird in den deutschen Praxen noch Unsinn darüber erzählt? Danke für nichts!
  • die die dritte Impfung tagegenau nach 6 Monaten machen, obwohl die vierte Welle schon so rollt, dass in Teilen Deutschlands heute schon faktisch Triage betrieben wird – und diese Infektionen fanden vor 3-4 Wochen statt. Dazu ein Screenshot aus einer privaten Nachricht an mich von einem regionalen Schwerpunkt-Versorger vor 1 1/2 Wochen, wobei die Station eigentlich nur 10 COVID-ITS-Betten hat. Bitte nachzählen! Das wird noch mehr!

  • die als Impfgegner auch noch in wissenschaftlichen Fachgesellschaften den Bereich Impfen vertreten. Wie mindestens ein Mitglied der Impfgegner-Sekte „Ärzte für individuelle Impfentscheidungen“, besser bezeichnet als „Ärzte gegen Impfungen“ oder „Ärzte für individuelle Impf-Verhinderung“.

Antiwissenschaftliche Positionen immer wieder aus derselben Ecke

Bezeichnend ist, dass diese antiwissenschaftlichen Dinge immer wieder aus derselben Ecke kommen, nämlich aus der der Homöopathie, Anthroposophie oder von Kolleg:innen, die noch viel absurdere Dinge betreiben, wie Kinsesiologie (ich lege nacheinander 20 Schachteln mit Tabletten auf den Thymus und fühle die Muskelspannung im Arm, um das richtige zu finden, am besten mit unwirksamen Globuli) oder gar Auspendeln.

Es muss Schluss mit so etwas sein. Ich finde es völlig unerträglich, dass unser Berufsstand von solchen Esoteriker:innen öffentlich der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Es muss eine klare Abgrenzung der Medizin von Esoterik geben. Homöopathie, Anthroposophie etc. sind mit dem ärztlichen Beruf nicht vereinbar. Und man muss ehrlich sein: Man toleriert das doch lediglich, weil man die pekuniären Interessen der Betroffenen nicht angreifen möchte. Das ist umso verwerflicher.

Vorsichtshalber: Wer so etwas wie ich fordert, bekommt häufig entgegen gebracht, man definiere damit eigenwillig den Begriff der Wissenschaft. Das ist völliger Unsinn. Wissenschaft definiert sich aus sich selbst heraus, wenngleich sie auch plastischen Weiterentwicklungen unterworfen ist. Wer ernsthaft behaupten möchte, etwa die Homöopathie mit JAHRHUNDERTEN ohne Wirkungsnachweis sei einfach wissenschaftlich unterschätzt, gibt meiner Grundthese damit recht. Mir geht es um die Glaubwürdigkeit unseres Berufs. Diese ist spätestens mit der Pandemie akut in Gefahr geraten.

Mit freundlichen Grüßen

Marc Hanefeld

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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