Deutsche Welle verbreitet Unwahrheiten über E-Autos – als „Kommentar“

| Medien | 30. Juli 2020

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Die Deutsche Welle findet, dass sie Unwahrheiten über E-Autos verbreiten darf, solange sie das im Rahmen von Kommentaren tut.

Gastbeitrag von Der Graslutscher

Mit Elektroautos ist es wie mit Sojawürsten: Kaum wird das Gespräch darauf gelenkt, melden sich dutzende selbsternannte Experten zu Wort, die einem ungefragt erklären, warum das eine nicht zu Ende gedachte Idee und damit vollkommen albern ist. Mit dieser Verteidigungshaltung werden früher oder später alle progressiven Menschen konfrontiert, groteske Gespräche auf Grillpartys und Rastplätzen sind die Folge.

Nun ist es eine Sache, ob Onkel Manfred Euch das Soja bzw. das CO2 aus Kohlestrom vorrechnet (während er selbst einen deutlich größeren Impact vor sich herschiebt) oder ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland, namentlich die Deutsche Welle, das tut. Würden die Onkel Manfred alle paar Monate ins Studio einladen, wo er dann vollkommen faktenfrei in die Kamera fabulieren darf, was er in Facebook-Sharepics und der letzten lokalen Druiden-Versammlung gelernt hat, wäre das ein Problem.

Fake News von Thomas Spahn

Onkel Manfred heißt in diesem Fall Thomas Spahn und wer von der Materie auch nur etwas Ahnung hat, dem tut nach 5 Minuten die Großhirnrinde weh angesichts der Kombination aus ziemlicher Ahnungslosigkeit und Selbstüberzeugung. So behauptete er im August 2017, das Stockholmer Umweltforschungsinstituts hätte für die Produktion eines Tesla Model S-Akkus die Emissionen von 17 Tonnen CO2 berechnet. Hat es nicht.

Laut Thomas Spahn ergibt sich für E-Autos nur bei 100% Ökostrom ein Klimavorteil (stimmt nicht), stattdessen, behauptet er im September 2019, würden sie in Deutschland rund 40% Klimakillerstrom tanken. So viel Kohlestrom war 2019 nicht im Netz (30% Kohleanteil) und 2020 wird es noch weniger sein (aktuell 20% Kohlestrom).

Er vergleicht mehrere 1000 Euro teure Autoakkus mit billigen Handyakkus, die weder über ein Lademanagement verfügen noch bei Bedarf gekühlt oder beheizt werden, um Kapazität und Lebensdauer zu erhöhen. Entsprechend schnell verschleißen Handyakkus, was den Vergleich komplett absurd macht. Dass es bereits Akkus gibt, die über 500.000 km Fahrleistung hinter sich haben, weiß er nicht oder verschweigt es bewusst.

Keine Quellen und Strohmannargumente

Die Liste der Falschbehauptungen ließe sich noch deutlich länger fortführen, als es eurer Aufmerksamkeit zuträglich wäre. Auch im Jahr 2020 werden bei der Deutschen Welle für derartig komplexe Themen keine Quellenlinks verwendet. Für die vielen Behauptungen bedient Spahn sich zudem unlauterer Argumentationen wie Strohmannargumenten, indem er z.B. behauptet, Experten würden „inzwischen einräumen, dass auch E-Autos die Umwelt belasten“. Nun haben besagte Experten aber nie das Gegenteil behauptet.

Ist ja auch logisch: Auch Elektroautos bestehen aus mehreren tausend Kilo Metall und Verbundstoffen. Es ist allein daher nicht möglich, die Mobilität von vielen Milliarden Menschen mit jeweils einem Auto pro Mensch nachhaltig zu gestalten. ÖPNV, Rad- und Fußverkehr sind um Größenordnungen nachhaltiger. Die relevante Frage ist hier immer, ob das Elektroauto klimaschonendER ist als das Benzin verbrennende Pendant. Die Antwort darauf fällt recht eindeutig mit ja aus – sofern man sich nicht auf Lobby-Zahlen von ADAC oder IfW beruft, die für ihre irrigen Annahmen von an der Materie forschenden Menschen heftig kritisiert wurden.

Und was sagt die Deutsche Welle dazu?

Aufgrund der schieren Anzahl dubioser Beiträge schrieb ein Student des Maschinenwesens aus München Ende Juni 2020 eine Programmbeschwerde an die Sendeanstalt und monierte die Einseitigkeit der Beiträge und dass diese nicht dem Grundsatz der Objektivität entsprächen. Die Antwort der Deutschen Welle war ähnlich irritierend wie die seltsame Berichterstattung zuvor: Bei den Beiträgen handele es sich um Kommentare, die nur die subjektive Sichtweise des Autors Thomas Spahn darstellen. Als Kommentator sei er nicht verpflichtet, wahrheitsgetreu zu berichten. Sollte das das Selbstverständnis einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt sein?

Zunächst sei angemerkt, dass die monierten Beiträge nicht – wie behauptet – alle entsprechend ausgewiesen wurden, zum Beispiel findet sich in diesem Beitrag vom August 2017 an keiner Stelle der Begriff „Kommentar“. Die ZuschauerInnen dürften den Eindruck einer scheinbar objektiven Berichterstattung gewinnen.

Ferner hat es halt wenig mit Journalismus zu tun, einfach jedweden Unsinn niederzuschreiben und das damit zu entschuldigen, dass das Wort „Kommentar“ darüber geklebt ist. Ja, in einem Kommentar kommen subjektive Sichtweisen und persönliche Interpretationen vor, aber auch die sollten sich auf objektiv nachprüfbare Fakten beziehen.

Deutsche Welle bezeichnet Fake News als „Meinung“

So kann Thomas Spahn gerne der Meinung sein, dass E-Autos nicht schön sind oder ihm persönlich zu umständlich. Oder dass er Elon Musk albern findet, fair enough. Er kann aber schlecht der Meinung sein, in Deutschland bestünde der Strommix zu 40% aus Kohlestrom. Ds ist ja keine Geschmacksfrage. Es ist einfach Mumpitz. So als würde ich sagen, dass meiner Meinung nach der Rhein südlich an Sidney vorbeifließt.

Seine Aussagen wirken keinesfalls wie ein persönlicher Kommentar, sondern erwecken den Anschein sorgfältig recherchierte Inhalte, wenn er sagt:

„Das Stockholmer Umweltforschungsinstitut IVL hat jüngst berechnet, dass allein die Produktion des riesigen Akkus eines Tesla S (sic) Elektroautos 17 Tonnen CO2 in die Atmosphäre bläst.“

Klingt das wie eine persönliche Ansicht? Gibt es zu der Frage, was das IVL veröffentlicht hat, mehrere gleichberechtigte Meinungen? Nein, die Aussage ist einfach Quatsch und damit eine Falschbehauptung. Das ist ja keine Frage wie „Sind Dackel besser als Pudel?“ oder „Sind alle Filme von Michael Bay zum wegrennen?“ sondern etwas, das man unabhängig von Emotionen beantworten muss.

Fakes und Fossillobby

So wäre es beispielsweise zulässig, wenn im Tagesthemen-Kommentar die Meinung vertreten würde, dass die Förderung von Elektroautos in Deutschland ein Fehler ist, zum Beispiel weil das Geld eher für Radwege und Schienenverkehr gebraucht wird. Wenn in den Tagesthemen allerdings behauptet wird, die Förderung sei ein Fehler, weil Elektroautos angeblich die deutsche Jugend verschwulen, dann wäre das ziemlich problematisch, weil das eben keine persönliche Meinung mehr ist.

Es gibt einen gewissen Common Ground, auf den wir uns als Gesellschaft verständigen müssen und basierend darauf können wir dann zu unterschiedlichen Meinungen kommen. Wenn die Deutsche Welle meint, diesen Common Ground in Richtung der Fossillobby verschieben zu müssen, ist das genau so fern von Faktentreue wie die Diskursverschiebungen von BILD oder Fox News.

Nur, dass die nicht mit Steuergeldern finanziert werden.

Besonderen Dank an Robin Engelhardt (Twitter). Wenn ihr unseren Gastblogger Graslutscher unterstützen wollt, könnt ihr das hier tun: ►Hier entlang. Artikelbild: Julian Stratenschulte/dpa

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