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Faktencheck: Nein, Greta Thunberg ist gegen Atomkraft

von | Okt 12, 2022 | Aktuelles, Analyse, Medien

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg ist bekannt für ihren wissenschaftsbasierten Kampf gegen die Klimakrise. Ihre Position war von Anfang an der Verweis auf die Empfehlungen des Weltklimarats IPCC. Schon 2019 sorgte ihr Hinweis, dass Atomkraft „ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energie-Lösung“ (laut IPCC) sein könnte, für Aufregung. Damals erklärte Thunberg deutlich, dass sie persönlich GEGEN Atomkraft sei und sie sie für „extrem gefährlich, teuer und Zeitverschwendung“ – mit Verweis auf den IPCC – halte (Quelle).

„Ich persönlich bin gegen die Kernenergie, aber dem IPCC zufolge kann sie ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung sein, vor allem in Ländern und Gebieten, in denen eine umfassende Versorgung mit erneuerbaren Energien nicht möglich ist – auch wenn sie extrem gefährlich, teuer und zeitaufwändig ist.“

Greta Thunberg 2019

Greta: Atomkraft „extrem gefährlich, teuer und zeitverschwendung“

Wer aufgrund massiv vielen Tweets aus dem konservativen, liberalen und auch rechtsextremen Umfeld plötzlich einen gegenteiligen Eindruck erhalten haben sollte, wurde durch eine verzerrte Darstellung und cherry picking hinters Licht geführt. In einem neuen Maischberger-Interview, aus dem im Vorfeld der Sendung Ausschnitte in Social Media gepostet wurden, erklärte Greta Thunberg nämlich ihre – längst bekannte – Position, dass sie bei einer binären Wahl zwischen Kohle und Atomkraft zuerst die Kohle abschalten würde.

„Ich persönlich denke, dass es eine schlechte Idee ist auf Kohle zu setzen, solange die AKWs noch laufen. Aber das ist natürlich eine sehr aufgeheizte Debatte.“ Maischberger: „Aber für das Klima wären die Atomkraftwerke die bessere Wahl, zumindest für diesen Moment?“ Thunberg: „Es kommt darauf an, wenn sie schon laufen glaube ich, dass es ein Fehler wäre, sie abzuschalten und sich der Kohle zuzuwenden.“

Letztes Jahr bezeichnete sie das späte Datum für den Kohleausstieg in Deutschland als „absurd“ (Quelle) und fordert(e) einen viel früheren Kohleausstieg von Deutschland. Vor diesem Hintergrund erklärte sie jetzt buchstäblich, man sollte noch laufende Atomkraftwerke in Deutschland laufen lassen, wenn man stattdessen die Kohlekraftwerke abschaltet. Die allerwenigsten, die Greta Thunberg für ersteres zujubeln oder befürwortend teilen, stimmen ihr aber bei zweitem zu und viele verschweigen es.

Dass Greta für die AKW-Verlängerung gleichzeitig Kohleabschaltung fordert, wird verschwiegen

Die Aussage von Greta Thunberg wird derzeit in den sozialen Medien massiv geteilt, oft verkürzt und teilweise missbraucht. Es wird so getan, als würde sie Atomkraftbefürworter:innen in und um CDU, FDP und auch AfD zur Hilfe eilen, wovon jedoch nicht die Rede sein kann. Die sonst im oft rechtskonservativen Kreisen verhasste Klimaaktivistin ist plötzlich Kronzeugin für Konservative und Liberale? Das Desinformationsmedium Bild, das Greta schon oft verteufelt hat, titelt beispielsweise „Klatsche für Habeck und die Grünen – Greta Thunberg: Deutsche AKW müssen weiterlaufen“. Das hat sie so jedoch nicht gesagt, sondern, dass wenn sie die Wahl zwischen Kohle und Kernkraft hätte, sie Kernkraft weiterbetreiben würde. Sie fordert stattdessen einen viel schnelleren Ausstieg aus der Kohle. Eigentlich eine „Klatsche“ für die meisten, die sie gerade feiern. „Die AKW-Gegnerin Greta Thunberg fordert einen sofortigen Kohleausstieg“ hätte man auch titeln können.

Klatsche für AKW-Fans: Anti-AKW-Greta will deutsche Kohle abschalten (?)

Man kann hieraus also definitiv keine Befürwortung von Kernkraft herauslesen, und ihre bisherigen Statements sind auch eindeutig. Politiker:innen und viele in den sozialen Medien vereinnahmen Thunberg nun jedoch und nutzen sie als Gotcha-Moment gegen Anti-AKW-Aktivist:innen. Das ist aber so oft irreführend und falsch. Beispiele hier zu sehen von Markus Söder, Christian Lindner, Paul Ziemiak, Marco Buschmann, der rechtsradikale Ex-Bild Chef Redakteur Julian Reichelt und die rechtsextreme Alice Weidel, die ihre Aussage unterschiedlich teilen.

Insbesondere die Beiträge der deutlichen Klimaschutz-Gegner:innen wie Weidel oder Reichelt sind natürlich unehrlich. Wird sie sonst doch als „Göre“ aus dieser Richtung beschimpft und werden alle anderen Aussagen – selbst in dem konkret zitierten Abschnitt, wie das Abschalten der Kohle – definitiv abgelehnt. Auch die bekannte Ablehnung der Atomkraft von Greta Thunberg wird bewusst verschwiegen.

Die Zeit der Atomkraft in Deutschland ist vorbei

Anfang des Jahres argumentierte FDP-Chef Lindner übrigens noch, wieso aus marktwirtschaftlichen Gründen eine Verlängerung der Atomkraft keinen Sinn ergebe:

Natürlich hat die Situation mit dem Ukrainekrieg sich seit dem verändert. Hier noch einmal klarstellen: Von einem wissenschaftlichen Standpunkt ist klar, dass Atomkraft keine Lösung für die Klimakrise ist. Sie dauert zu lange, bringt zu wenig, ist zu teuer und trägt zu viele Unsicherheiten. Jetzt noch neue Atommeiler Bauen ist wirtschaftlich und physikalisch völlig sinnlos. Wir empfehlen dringend unseren Faktencheck, der Pro- und Kontra beleuchtet hat:

Lediglich der vorübergehende Weiterbetrieb bereits bestehender AKW könnte als Übergangslösung sinnvoll sein, zumindest solange, bis man aus der Kohle und Gas ausgestiegen ist. Die Argumente der Laufzeitverlängerung haben wir hier analysiert:

Den Fehler, aus der Atomkraft auszusteigen, bevor man aus Kohle und Gas aussteigt wurde schpn 2001 und 2011 gemacht. Die Betreiber haben lange auf den finalen Ausstieg 2022 hin gewirtschaftet, das kann Habeck nicht wegzaubern. Deshalb ist der Atomausstieg in Deutschland auch viel zu weit vorangeschritten. Nach 20 Jahren sind wir buchstäblich 2 Monate vor dem Ende der Atomkraft. Die Debatte in letzter Sekunde ist absurd.

Ein (sehr kurzfristiges) Weiterlaufen der wenigen AKW mag unter Umständen sinnvoll sein, ist im Jahr 2022 aber so spät, dass es fast nichts mehr bringt. Der viel größere Fehler – den auch Greta Thunberg bei all denjenigen kritisiert, die sie jetzt feiern – liegt darin, den Ausbau der Erneuerbaren bisher und auch weiterhin massiv gebremst zu haben.

Sie ist gegen Atomkraft und gegen Co2

Viele derjenigen, die Greta Thunberg jetzt feiern, zitieren sie nicht vollständig und stellen ihre Position zur Atomkraft verkürzt dar. Durch ein aus dem Kontext gerissenen Satz wird Stimmung für eine für Deutschland fast sinnlose Debatte um Atomkraft gemacht, während Greta Thunbergs sonstige Forderungen – wie die akut gemachte zur Abschaltung der Kohlekraft – geflissentlich ignoriert werden.

Der Wissenschaftler Stefan Holzau, wirft „Heuchelei“ vor und stimmt zu: „Dann lasst die AKWs von mir aus laufen.“ Aber nur gegen einen „massiven“ Ausbau Erneuerbarer Energien, Abschaffung der Abstandsregeln für Windräder und Subventionen für fossile Energieträger, Tempolimit, „Ernährungswende, Mobilitätswende“ und Kerosinsteuer.

Denn es geht nicht darum, eine Technologie, die in Deutschland fast nicht mehr existiert, am Leben zu erhalten, sondern um das Klima zu retten und unsere Energie zu sichern. Er schließt damit ab: „Fordert Greta alles auch!“ Entweder man hört auf Greta – die sich nur auf den Weltklimarat bezieht – oder eben nicht. Sich einseitig herauspicken und verkürzen, was sie fordert, ist allerdings nur Populismus.

Autoren: Thomas Laschyk, Andreas Bergholz Artikelbild: Liv Oeian, Screenshot