WELT mit Fakes über Kriminalität mal wieder Vorlage für Rassismus

| Medien | 22. Juli 2022

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Deutschland zum fünften Jahr in Folge so sicher wie nie

Seit Jahren nutzen Rechtspopulisten, Rechtsextreme und Medien, die deren rassistische Vorurteile gerne schüren, die BKA-Statistik „Polizeiliche Kriminalstatistik“, PKS, um sich Zahlen herauszupicken, Begriffe durcheinander zu werfen oder Zahlen falsch, ohne Kontext oder anderweitig irreführend darzustellen. Um mit den so weitläufig auch in den „Mainstream-Medien“ falschen Darstellungen aufzuräumen möchte ich zu Anfang einige Fakten über Kriminalität vorstellen, die für viele auch Nicht-Rassisten möglicherweise überraschend klingen. Eben weil rassistisches Framing so dominiert.

Auch Gewalt weiter gesunken, auch ausländische Tatverdächtige – seit Jahren

Laut aktueller PKS war 2021 das fünfte Jahr in Folge, in der Deutschland so sicher war seit der Wiedervereinigung nicht und die Anzahl der Straftaten erneut, diesmal um 4,9% gesunken sind. Darunter auch wieder Gewaltkriminalität (Insgesamt: -6,8%; Mord, Tötung und Tötung auf Verlangen: -12,1%; Gefährliche und schwere Körperverletzung: -6,2%). Da wir über Rassismus reden: Nicht-Deutsche Tatverdächtige (Nicht Täter, dazu später mehr) gingen um 3,6% zurück und sog. „Zuwanderer“ (was das eigentlich heißen soll, auch in Kürze) sanken ebenfalls um 3,8%. Die Zahl der Straftaten von sog. „Zuwanderern“ sank sogar am stärksten von allen (um 4,3%, Vergleich deutsche: -1,7%). Nachdem die Zahl für Nicht-Deutsche 2020 bereits um 5,2% und „Zuwanderer“ um 11,4% sank (Quelle), und 2019 -2,0% und -8,9% respektive (Quelle). Ein deutlicher Abwärtstrend seit Jahren, besonders bei „Nicht-Deutschen“ und sog. „Zuwanderern“. Erzählt das mal der AfD.

Ich habe im Titelbild spaßeshalber getitelt „Zuwanderung macht Deutschland sicherer“, weil quasi das Gegenteil der apokalyptischen Vorhersagen von AfD & Co. über Kriminalität, Sicherheit im Kontext der Aufnahme von Asylsuchenden eingetreten ist. Aber natürlich ist das so Quatsch, denn von den zwei Trends so etwas zu schlussfolgern ist Unsinn. Genau wie es Unsinn war, unter umgekehrten Vorzeichen das Gegenteil zu behaupten. Ich finde aber, wir brauchen ganz dringend mehr Schlagzeilen, die die immer noch weit in die Mitte der Gesellschaft etablierten falschen Narrative aufbrechen. Vor diesem Hintergrund können wir uns nun den aktuellen Hintergrund und die rechtspopulistische WELT anschauen.

„WELT“ scheitert an Basics der Polizeiarbeit und Statistik

Die immer unseriöser werdende „WELT“ titelte nun „Gewalt zwischen Deutschen und Zuwanderern geht meist von einer Seite aus“ – und meint damit natürlich die „Zuwanderer“. Trotz seit Jahren insgesamt sinkender Kriminalität, trotz seit Jahren sinkender Gewalt, trotz seit Jahren sinkender Zahl an tatverdächtigen „Zuwanderern“ wird regelrecht verzweifelt durch das Herauspicken eines Details versucht, jene als Täter, gewalttätig und den Aggressor darzustellen. Der WELT-Autor scheitert dabei an Grundlagen der Polizeiarbeit und der Kriminalstatistik, wirft Täter und Tatverdächtige durcheinander, blamiert sich bei der Definition, um wen es eigentlich geht und nutzt gar nicht die richtigen Zahlen.

„WELT“ erfindet eigene Begriffe

Der WELT-Autor scheitert bereits an der Definition der Gruppe, um die es eigentlich geht. Die sog. „Zuwanderer“. Die bereits von der Polizei absurd benannte Gruppe der „Zuwanderer“ sind natürlich keine „Zuwanderer“ im normalen Sprachgebrauch und transportieren schon inhärent dank dem damaligen Innenminister Seehofer rassistische Narrative. Aber „Zuwanderer“ meint NICHT einfach nur Asylsuchende.  in der Definition des BKA gehört auch „unerlaubter Aufenthalt“ dazu – Studenten, Touristen oder Arbeitnehmer und Geschäftsleute, aber auch professionelle Diebesbanden ohne gültige Visa. Kein Fluchtkontext also. Als polizeilich ermittelte Tatverdächtige tauchen diese zwar in der Kategorie „Zuwanderer“ auf, waren jedoch nie „Schutzsuchende“.

Journalist Tobias Wilke, der zu diesen Themen regelmäßig auch für Volksverpetzer schreibt, stellt fest, dass der WELT-Autor im Text seinen Quatsch-Begriff „Asylzuwanderer“ verwendet, den er sich selbst ausgedacht hat. Wilke liefert gleich ein Beispiel mit: „Für den Status „unerlaubter Aufenthalt“ reichen abgelaufene, fehlende bzw. ungültige Touristen- oder Studentenvisa, selbst EU-Bürger:innen können dazu zählen.“ (Quelle)

Screenshot via Wilke

An dieser falschen Definition – in Kombination mit der irreführenden Bezeichnung „Zuwanderer“ krankt also die Statistik grundsätzlich bereits und noch viel mehr nach dem sie durch das irreführende Framing der „WELT“ durchlaufen ist.

Sorry, „WELT“, es geht nicht nur um Gewalt

Ein weiterer Fehler des „WELT“-Autors: Er spricht ausschließlich von „Gewalt“ und „Gewalt-Kriminalität“, dabei betrifft auch bei dieser BKA-Definition nicht nur Gewalttaten, sondern sämtliche Delikte mit einer kriminalstatistischen Opfererfassung „O“ im BKA-Straftatenkatalog, wie Wilke erklärt.

Screenshot, Hervorhebung: Tobias Wilke

Wie auch das die Statistik verzerrt hat Wilke in der Vergangenheit bereits für Volksverpetzer beschrieben. Meistens ist der Fall relevant für von den Innenministerien aufgebauschte Zahlen zu Gewalt gegen Polizist:innen. Selbst per Definition gewaltfreier „Widerstand“ gegen die Polizei – §113 StGB – ist per BKA-Definition ohne Gewalt (sonst wird es automatisch zu §114 StGB). Wird aber trotzdem von der BKA als „Gewalt“ gezählt. Widerstandsdelikte z.B. bei Abschiebungen werden also automatisch als „Gewalt“ (gegen die Polizei) gezählt und wandern in diese Statistik. „Wenn sich ein Geflüchteter z.B. am Türrahmen festhält, zählen alle Beamten, die ihn überwältigen als ‚Opfer'“, erklärt Wilke.

BKA-Statistik macht gewalttätige Beamte zu Opfern & ihre Opfer zu Tätern

Hier pfuscht natürlich bereits die Polizei, aber ein guter Journalist sollte die – längst bekannten und weitläufig von den meisten Medien ignorierten – irreführenden Darstellungen der Behörden hinterfragen, nicht übernehmen.

„Täter“, sind nicht „Tatverdächtige“

Das Nächste Problem im „WELT“-Text schreibt in den ersten drei Absätzen fälschlicherweise von „Tätern“, nicht in Wirklichkeit „Tatverdächtigen“. Erst später im Text wechselt der Autor plötzlich wieder auf das richtige „Tatverdächtige“.

Und das ist keine Spitzfindigkeit, wie auch Tobias Wilke erklärt. Denn bei einem „Täter“ gäbe es eine aufgeklärte und verurteile Straftat, ein „Tatverdächtiger“ ist – nur ein VERDACHT, wie der Name schon sagt. Irreführend und falsch ist auch die Behauptung, solche Fälle seien „polizeilich aufgeklärt“. Wird ein Tatverdächtiger ermittelt ist die Tat alles andere als „aufgeklärt“. Hier kolportiert der „WELT“-Autor wieder verzerrende Polizei-Praktiken, um sein gewünschtes Narrativ weiter zu basteln.

Zwei Faktoren sind hier relevant: Zum einen gibt es das längst bekannte Phänomen der „Überbewertung“ der Polizei. Diese nimmt Straftaten regelmäßig schlimmer auf, als sie am Ende abgeurteilt werden. „Beispielsweise bleiben von Delikten, die von der Polizei noch als „versuchter Mord“ erfasst wurden, vor Gericht häufig nur „Gefährliche Körperverletzungen“ übrig“, schreibt Wilke. Ein Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung wird von der Polizei zum Beispiel als Tötungsdelikt erfasst.

Screenshot Tobias Wilke

Im BKA-Lagebild steht (fast schon versehentlich) der Hinweis, dass diese „Überbewertung“ bei „Zuwanderern“ wohl massiv der Fall ist. Bei „Zuwanderern“ liegt die Quote „vollendeter“ Tötungsdelikte bei nur 18,9%. Insgesamt ist sie aber mehr als doppelt so hoch: 43%.

Screenshot Tobias Wilke

Diese Zahlen stellen alle einen VERDACHT dar, auch der Polizei. Hier füttern Vorurteile wieder Vorurteile: Es gibt per Definition Racial Profiling, auch Vorurteile unter Beamt:innen, die sicherlich auch einen Faktor spielen.

Rassismus-Vorlage mit verzerrten und herausgepickten Zahlen

Nach dem unkritischen Weiterverbreiten von verzerrenden Zahlen, dem Verwenden falscher Definitionen für „Zuwanderer“, „Opfer“ und „Gewalt“ garniert der „WELT“-Autor dann seinen Artikel noch mit name dropping von „Clans“ und einem rechtspopulistischen Geraune, dass man so leicht die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten könne. Was denn vermeintliche „Clans“ mit der Statistik von „Zuwanderern“ zu tun haben können, weiß nur der „WELT“-Autor selbst. Es zeigt sich jedoch deutlich, dass hier wohl nur rassistische Vorurteile und Schlagworte zusammengerührt werden und mit dem Herauspicken eines Details aus der PKS negativ gegenüber Geflüchteten geframed werden soll.

Am Ende toppt der „WELT“-Autor noch mit dem Hinweis, dass Nichtdeutsche „überrepräsentiert“ seien und wiederholt schon wieder einen rassistischen Mythos, und macht das AfD-Bullshit-Bingo komplett. Mit Zahlen aus anderen Jahren haben wir das Problem der „Überproportionalität“ hier bereits erklärt. Aber eine (unvollständige) Kurzerklärung: Es handelt sich hier um eine falsche Zahlenspielerei. „Nichtdeutsche“ sind zum Beispiel zum großen Teil einfach EU-Ausländer, die zu uns pendeln oder Urlaub machen und damit die Zahlen massiv verzerren. Nicht umsonst ist eine der größten Gruppen bei „Tatverdächtigenseite mindestens ein Nichtdeutscher, Opferseite mindestens ein Deutscher“ POLNISCH (Quelle). Man hätte meinen können, die WELT müsse nicht (ihre!!) jahrealten rechte Falschdarstellungen 2022 noch reproduzieren.

Kriminalstatistik: Messer-Martin dreimal so kriminell wie Chorknabe Chalid?

Auch aus den oben genannten Gründen (zu „Zuwanderer“ zählen nicht nur Geflüchtete, sondern auch „unerlaubter Aufenthalt“ von allen Nicht-Deutschen) ist auch der repräsentative „Anteil“ der „Zuwanderer“ völliger Unsinn. Die einzigen, wo man das genau berechnen kann sind diejenigen mit anerkanntem Schutzstatus in Deutschland (bei den anderen wissen wir nicht, wie viele es gibt). Und die sind UNTERproportional kriminell gewesen.

Falsche, verzerrte Zahlen, falsche Definitionen, ganz viele rassistische Vorurteile

Am Ende des Textes voller falscher Darstellungen, Zahlen und Definitionen und dem Framing und name dropping vieler rassistischer Klischees erwähnt der Autor noch prominente Einzelfälle, um die AfD-Hass-Vorlage noch gut auszuschmücken und ordentlich die Hetze gegen „Asylzuwanderer“ perfekt zu machen. Eine bessere Vorlage hätten sich die Rassisten und Rechtsextremisten gar nicht wünschen können. Dankbar wird es aufgenommen und in der Blase der AfD auch ordentlich geteilt. Die WELT freut sich wohl wieder mal über Klicks aus ihrer offenbaren Zielgruppe, wo sie schön neben rechtsradikalen Magazinen als Quelle und Begründung für rechtsradikale Forderungen genannt werden darf.

 

Nach dem Lesen des Artikels müssen die von mir eingangs aufgezählten Fakten absurd vorkommen. So funktioniert eben Verzerrung und Framing. Bei der WELT findet sich ein ordentliches Framing und eine wahrheitstreuere Darstellung der PKS und Kriminalität nur dank DPA-Pressemeldung. Aber vermutlich geben mit den Fakten in den Vordergrund gestellten nun mal weniger Klicks in der anvisierten rechtspopulistischen und rechtsextremen Bubble. Schade, WELT.

Zum Thema:

Bei Zuwanderern verzählt, bei Kriminalität verrechnet: Nicht nur Rechte stolpern über BKA-Statistik

Artikelbild: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa / Screenshots

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