Kritik an FridaysForFuture-Flashmob im Bundestag: Ihr müsst euch nicht rechtfertigen!

Kolumne Schwer verpetzt

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Flashmob fürs klima

AktivistInnen von FridaysForFuture haben gestern am Ende der Veranstaltung im Bundestag „Jugend und Parlament“, an der etwa 300 Jugendliche teilnahmen  – also nicht während einer (regulären) Sitzung – ein Banner entrollt mit der Aufschrift „Eure Klimapolitik = Katastrophe“ und sich auf den Boden gelegt, um sich „tot zu stellen“. Ein anderer Jugendlicher entriss ihnen das Plakat, was sie nicht daran hinderte, die Aktion durchzuziehen. Bundestagspräsident Schäuble blieb ruhig und erklärte nur, dass die AktivistInnen bis zur nächsten offiziellen Sitzung im Bundestag nicht mehr da sein sollten.

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Kritik an der Aktion

Für die Bewegung war es das einmalige Ziel, ihre Botschaft medienwirksam in die Welt zu tragen. Und direkt in den Bundestag – etwas, das immer schon gefordert wird.

Jetzt wird die Aktion im Bundestag scharf kritisiert. Bereits während der Aktion gab es viele Buhrufe, andere Jugendliche kritisierten, dass „die Würde des hohen Hauses gestört“ werde. Ein Großteil der Jugendlichen solle gegen diese Aktion gewesen sein. Auch ein Sympathisant der Aktion, der nicht teilgenommen hat, sah das skeptisch: „‚Fridays for Future‘ muss auch nicht immer neue Mittel finden, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie sollen einfach freitags demonstrieren und dadurch sichtbar bleiben.“ (Hier). Die Junge Union rief den AktivistInnen gar „Schämt euch!“ zu.

Es ist die gleiche Leier wie immer: Man redet nur darüber, ob die Aktion gerechtfertigt war oder überzogen. Die Jugendlichen werden als extrem abgetan und ihre Aktionen als „zu viel“. Aber wir hatten das alles doch schon? Wir sollten aufhören, uns dafür zu rechtfertigen, warum wir auf die Klimakrise aufmerksam machen. Aufhören, ständig darüber zu diskutieren, wie man „richtig“ Aufmerksamkeit erregt. Denn diese Debatte werden wir sonst nie beenden.

Ablenkungen vom Thema

Wenn man mit den Jugendlichen spricht, die die Aktion veranstaltet haben, wird schnell klar: Sie haben sich viel dabei gedacht. Sie haben extra keine Sitzung des „echten“ Bundestags gewählt, sondern die von „Jugend und Parlament“. Und extra bis zum Ende der letzten Debatte gewartet, um die Veranstaltung nicht zu stören. Sie haben Parolen und Rufe absichtlich unterlassen, ebenso wie Gewalt oder Widerstand. Das Plakat haben sie sich anstandslos entreißen lassen. Sie haben alles dafür getan, dass es eine friedliche und demokratische Aktion wird.

Wir müssen uns klar werden: Es gibt keine Form der Aktion, die nicht kritisiert worden wäre. Nicht überzogen wäre es nur, wenn sie ruhig sitzen geblieben wären. Und eben nicht auf das Problem aufmerksam gemacht hätten. Wer sagt, sie sollen eben weiter demonstrieren, das reicht doch, hat wohl vergessen, wie viel die Klimastreiks kritisiert werden.

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Sie sollen doch zur Schule gehen, oder streiken, wenn keine Schule ist (was sie auch die ganze Zeit machen!). Dann würde man sie ernst nehmen. Wenn man das bis zu seinem logischen Ende verfolgt, dann sollen die Kinder und Jugendlichen nicht streiken, keine Aktionen machen und einfach nur still und leise im eigenen Zimmer protestieren. Oh, selbst wenn sie das machen und sich dabei filmen und das bei Youtube hochladen, hagelt es Kritik:

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FridaysForFuture hat einfach Recht

Und wer meint, demokratische Meinungen werden an der Wahlurne getroffen: Viele davon dürfen noch nicht wählen. Oder erst in zwei Jahren. Bis dahin wird das Problem nicht warten. Unsere Klimaziele für 2020 verpassen wir bereits garantiert. Und zwar deutlich. Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, müssen wir bereits 2035 deutschlandweit klimaneutral sein. Und um das zu schaffen, hätten wir schon vorgestern handeln müssen.

Lasst euch nicht damit ablenken, darüber zu diskutieren, wie Protest im Bundestag oder anderswo richtig gemacht wird. Ziviler Ungehorsam ist immer unangenehm und ungemütlich. Das war er auch schon immer und das muss er auch sein. Natürlich heißt das nicht, das alles erlaubt ist, im Gegenteil, aber wer diese Aktionen kritisiert, soll entweder bessere Vorschläge bringen oder dafür sorgen, dass etwas getan wird, dass die Forderungen gehört werden. Oder zugeben, dass er sie nicht ernst nimmt.

Und die Schüler*innen haben einfach Recht. Über 26.800 Wissenschaftler*innen haben eine Erklärung unterschrieben, die FridaysForFuture-Demos zu unterstützen. Sie haben auch hier eine lange Liste an Fakten und Studien aufgelistet, die das untermauern. Und wisst ihr was? Die Demos gibt es nicht aus Spaß, sondern eben weil die junge Generation sieht, dass so eine große Diskrepanz zwischen dem Konsens in der Wissenschaft herrscht und dem, was die Bundesregierung macht. Nicht die Experten unterstützen die Schüler, die Schüler unterstützen eigentlich die Experten.

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Menschen sterben wegen des Klimawandels, das ist bewiesen

Es gibt hunderte, gar tausende Studien und Berichte, die die Existenz und die Ausmaße des menschengemachten Klimawandels beweisen. Wer das jetzt noch nicht akzeptiert, dem kann man auch nicht mehr helfen. Aber bereits heute sterben Menschen wegen des Klimawandels. Exakt diese Aussage konnte man bisher nicht so eindeutig treffen, aber hier eine Studie, von der du vielleicht noch nicht gehört hast und die so deutlich war, dass sie sogar die Wissenschaftler selbst überraschte.

Eine Studie über die Hitzewelle in Japan im Juli 2018 zeigt, dass es fast unmöglich ist, dass diese Hitzewelle entstanden wäre, wenn es nicht den Klimawandel gegeben hätte. Dabei sind 1032 Menschen gestorben. Und es ist fast ausgeschlossen, dass der Grund ein anderer war als die Erwärmung des Klimas. Es ist die erste Studie, die es so eindeutig nachweist, dass so ein tödliches Wetterphänomen nicht ohne den Klimawandel hätte stattfinden können. Heute sterben bereits Menschen. In Nordindien sind die Temperaturen auch derzeit bereits bei über 50° C. Und auch hier gibt es Tote.

Wenn es nach der Politik der derzeitigen Regierung geht, ist Deutschland erst nach 2100 klimaneutral. Keine Übertreibung, sondern nachgewiesen. Bis dahin hat sich das Klima um 2° oder 3° erwärmt, statt bisher „nur“ um ein Grad. Die Folgen sind unvorhersehbar. Klimakatastrophen in ungeahntem Ausmaß, hunderte Millionen Klimaflüchtlinge. Wir können natürlich darüber diskutieren, ob ein Flashmob am Ende einer nicht essentiellen Bundestagsveranstaltung jetzt ok war oder nicht. Oder wir realisieren, dass die Botschaft auf dem Transparent wahr ist und machen etwas dagegen: „Eure Klimapolitik = Katastrophe!“

Artikelbild: Screenshot phoenix.de

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