Liebe Presse, wer gegen Nazis demonstriert, ist nicht gleich „links“!

Kolumne Schwer verpetzt

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Über Framing der Medien

Die Situation in Chemnitz ist eskaliert. Nach dem tragischen Mord und der darauffolgenden Menschenjagd durch Nazis (Was ist passiert?) kam es gestern noch einmal zu einer weiteren Steigerung. Bei einer vorgeblichen „Trauerfeier“ der Rechtsextremen kam es zu fremdenfeindlichen und verfassungswidrigen Äußerungen, Hitergrüßen und Ausschreitungen. Die Polizei konnte den rechten Mob nicht aufhalten.

SPD-Innenexperte Burkhard Lischka sprach von einem Mob, der seine „Gewaltfantasien von bürgerkriegsähnlichen Zuständen auf unsere Straßen“ tragen wollte. Der Polizeisprecher räumte ein, nicht genug Personal gehabt zu haben. So kam es zu mindestens sechs Verletzten, und Angriffen auf „nicht-deutsch“ aussehende Menschen. Doch die Gewalt ging natürlich nur von den Rechtsextremen aus.



Richtig berichten

Welcher Berichterstatter den Fehler macht, sei es aus Unwissen oder aus falschen Vorstellungen einer „neutralen“ Berichterstattung, und von „linken und rechten Demonstraten“ spricht, macht einen großen Fehler. Zum einen: Der rechtsextreme und menschenjagende Mob waren keine „Demonstranten“, sondern Nazis. Die Menschenleben und unseren Rechtsstaat angreifen.

Und wer sich gegen Rechtsextreme stellt und ausspricht, ist nicht zwangsläufig „links“: Sich gegen Fremdenfeindlichkeit und für den Rechtstaat einzusetzen sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Außerdem verurteilte die Gegendemo schließlich auch den Mord. Wer dagegen protestieren wollte, hätte sich nicht zu den Nazis stellen müssen.

Wer den Fehler macht und ein Framing (Was ist Framing?) verwendet, das die Menschenhasser als legitimen Protest darstellt oder die Gegendemonstranten als gleichwertige Extremisten, verharmlost entweder rechte Gewalt oder diskreditiert den absolut wichtigen Protest dagegen.

Sich gegen Faschismus zu stellen, ist nicht nur selbstverständlich, sondern absolut notwendig

Hitlergrüße, Gewalt und Ausschreitungen disqualifizieren jegliche Ansprüche, „protestiert“ oder „getrauert“ gewollt zu haben. Niemand, der nicht für diese Pogromstimmung einstehen möchte, muss sich zwangsläufig politisch „links“ verorten. Dazu reicht es, für Demokratie und Rechtsstaat zu stehen. Wenn es als „linke“ Position dargestellt wird, gegen Nazis zu sein, werden sich sonst alle diejenigen, die sich für „mittig“ halten, irgendwann denken, sie dürften sich nicht gegen Faschismus aussprechen, weil dies sonst nicht „politisch neutral“ sein sollte.

Das ist fatal. Den Faschismus unterstützt man nicht nur, indem man sich ihm anschließt und Ausländer jagt. Nur eine Minderheit in diesem Land denkt wirklich geschlossen rechtsradikal. Aber wenn die Mehrheit schweigt, oder aus falscher Toleranz die Rechtsextremen gewähren lässt, werden sie die Grundfeste unserer Demokratie erodieren. Im Namen der Toleranz darf man Intolerante nicht tolerieren, so paradox das auch klingen mag. (Siehe Toleranz-Paradox) Genau so ist es doch schon einmal passiert.

PolitikerInnen und WählerInnen sind auch nur Menschen. Und wenn diese in der Presse ein Framing lesen, das beide Seiten des Protest sprachlich auf eine Ebene stellt, werden sie dies auch irgendwann glauben. Deswegen müssen sich die Journalisten ihrer Verantwortung bewusst werden. Viele haben es auch richtig gemacht, ich will das auch gar nicht leugnen. Aber an alle andere: Passt auf! In euren Händen liegt vielleicht die Zukunft unserer Demokratie.

Artikelbild: Screenshots

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% S Kommentare
  1. Roland Grüter sagt

    Keiner spricht vom getöteten Mann und seinen Freunden, Eltern usw. Denen gilt anscheinend keine Empathie. Oder gilt die Empathie eher den Angreifern und Mördern?

  2. Herrmann Void sagt

    Im Umkehrschluss hieße dass, das demonstrieren gegen asylfordernde Mörder auch nicht „rechts“ ist und auch nichts mit „Nazis“ zu tun hat. Ich denke, mit seiner Logik ist der Herr Onlineaktivist, was auch immer das sein mag, ein wenig zu kurz gesprungen.

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