Krebs: Der Moment, wenn Jens Spahn einmal Recht hat

Kolumne Schwer verpetzt

image_print

Stimmt, herr Spahn!

Man könnte eine lange Liste an Fettnäpfchen, falschen Aussagen und rechtspopulistischen Sprüchen von Gesundheitsminister Spahn erstellen (Mehr dazu). Das hat natürlich Methode. Spahn hat Ambitionen auf den CDU-Vorsitz und letztlich auf das Kanzleramt, wie man kürzlich ja sehen konnte. Deshalb der ständige Versuch, in den Medien zu sein und im Gespräch zu bleiben. Egal mit womit.

Deshalb sollte man froh sein, wenn Jens Spahn nicht fachfremdelt und bei seiner eigentlichen Aufgabe bleibt: Gesundheit. Diesmal ging es um Krebs. Zunächst hatte er sich etwas weit aus dem Fenster gelehnt, als er vor ein paar Tagen behauptete, Krebs sei in 10-20 Jahren besiegt. Natürlich wollte er seinen Plan hypen, zusammen mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum 60 Millionen Euro in die Krebsforschung zu stecken (Quelle).

Das ist vielleicht etwas optimistisch. Am vielversprechendsten sind derzeit Antikörper-Immuntherapien. Aber die sind aufgrund ihres Aufwands extrem teuer und allein deshalb schon nicht für jedermann. Kritik daran, für Eigen-PR KrebspatientInnen falsche Hoffnungen zu machen? Legitim. Auch dass er nachlegte, und Krebs mit HIV verglich, ist äußerst daneben, weil er hier Äpfel mit Birnen vergleicht. Denn vor Aids kann man sich vergleichsweise leicht schützen.



Krebsvorsorge: Spahn hat recht

Trotz oder wegen dieser Kritik hat sich Spahn dann auf Twitter gestern wieder zum Thema geäußert:

Die Reaktionen wie davor: Kritik. Und vielleicht sind wir alle schon so gewohnt, dass Jens Spahn etwas sagt, und wir ihn dafür kritisieren müssen, dass das jetzt business as usual ist. Aber er hat ausnahmsweise einmal was richtiges gesagt.

Krebs wird durch zig verschiedene Ursachen ausgelöst. UV-Strahlen, Rauchen, Schadstoffe, Alkohol, Fleisch. Er ist aber auch genetisch bedingt und tritt sogar einfach zufällig auf. Weswegen die Krebsforschung auch nicht so unkompliziert ist, wie er das zuvor dargestellt hat oder warum der HIV-Vergleich sehr hinkt.

Aber man kann das Krebs-Risiko senken, und zwar genau mit den Dingen, die Spahn aufgezählt hat. Nicht mehr Rauchen, Sport, gesunde Ernährung und Sonnencreme senken das Krebsrisiko durchaus um 40%-50%. Laut einigen Studien sogar mehr (Mehr dazu). Das ist keine Garantie, dass man keinen Krebs bekommt, klar. Und es gibt auch niemandem die Schuld daran, wenn sein oder ihr Lebensstil nicht so aussieht. Aber es ist „#Prävention“. Und das stimmt.

Einzelbeispiele widerlegen nicht das Statement

Meine Filterblase hat kollektiv heute über Spahns Tweet den Kopf geschüttelt. Mehr als einmal las ich, wie Leute von Freunden, Verwandten oder sich selbst erzählten, die trotz dieser Maßnahmen Krebs bekommen haben. Das ändert aber nichts daran, dass dies krebserzeugende Faktoren sind, die man verhindern kann. Niemand würde doch seinen 100-Jahre alt gewordenen, kettenrauchenden Opa als „Beweis“ bringen, dass Rauchen nicht krebserregend sei.

Ich selbst mache Sport, rauche nicht, trinke nur wenig Alkohol, creme mich an der Sonne regelmäßig ein und ernähre mich sogar komplett fleischfrei. Und habe trotzdem Krebs bekommen. Und bin dann wieder gesund geworden. Aber ich weiß, dass da halt auch Gene und der Zufall mit hineinspielen. Also – und mir tut es fast weh, das zu sagen – Hört auf Jens Spahn.

Das sind die effektivsten Maßnahmen, die ihr tun könnt, um euer Krebsrisiko zu senken. Aber das heißt nicht, dass man nicht trotzdem Krebs kriegen kann. Auch nicht, dass man ansonsten „selbst schuld“ ist. Und das heißt auch nicht, dass Jens Spahn sonst bei vielen Themen daneben liegt. Erst Recht bei Themen, die eigentlich gar nicht zu seinem Aufgabenbereich gehören.

Artikelbild: Olaf Kosinsky (wikiberatung.de) Lizenz: CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons, Screenshot twitter.com

Da du diesen Artikel zu Ende gelesen hast: Möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer oder auf Facebook oder Twitter

Kommentare sind geschlossen, abertrackbacks und Pingbacks sind offen.