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Greta Thunberg: Bis zu 50% der Hass-Kommentare stammen von Fake Accounts

von | Feb 4, 2019 | Analyse, Social Media, Umwelt/Klima

Hass von Fakes?

In den letzten Tagen wurde medial viel über die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg berichtet. International bekannt wurde sie wegen des von ihr initiieren Schulstreiks für das Klima. Dabei fordern mittlerweile europaweit zehntausende Schüler und Schülerinnen eine konsequente Klimapolitik. Die Prominenz der jungen Aktivistin zog nicht nur Kritik nach sich, sondern darüber hinaus auch überdurchschnittlich viel Hass und Häme in den sozialen Medien.

Greta Thunberg: So viel Schiss haben die Rechten vor einem jungen Mädchen

In den öffentlichen Kommentarspalten wie auch in den geheimen rechten Hetz-Gruppen gleichermaßen wurde sie in den wenigsten Fällen sachlich kritisiert. Neben Verschwörungstheorien, die niedere Motive hinter ihrer Prominenz vermuteten, wurden aufgrund des Alters Missbrauch und Manipulation unterstellt und sie erhielt aufgrund ihres Asperger-Autismus viel ableistische Diskriminierung. Die wenigsten Kommentierenden blieben dabei sachlich, Beleidigungen, Gossensprache, Gewaltfantasien und allgemeiner Hass gab es in großer Menge, wie die Recherche-Gruppe #DieInsider herausfand.



Kritik künstlich aufgebläht?

Einige Mitglieder der Initiative #ichbinhier, die seit Jahren für einen sachlichen und fairen Diskurs in sozialen Medien kämpft, haben jetzt die Kommentarspalten zu Greta Thunberg analysiert. Eine Analyse der Kommentarspalten von 32 Berichten der größten deutschsprachigen Medien auf Facebook zu Greta brachte verdächtige Ergebnisse hervor. Sie analysierten jeweils unter dem Bericht den Kommentar mit den meisten Likes, der Greta kritisierte, insgesamt 32 Kommentare.

Bei einem Drittel dieser Kommentare handelt es sich bei den verantwortlichen Profilen sicher nicht um authentische Facebook-Accounts, sondern um Accounts, die zu Mehrfachprofilen gehören, um Sockenpuppen oder Duplikate. Bei weiteren 20% liegt dieser Verdacht ebenfalls nahe. Somit wurden bis zur Hälfte aller meistgelikten Kommentare, die Greta Thunberg kritisierten, von Fake-Accounts verfasst.

Diese Accounts haben entweder ein Profilbild, das aus dem Netz geklaut wurde, wie die Umkehrsuche ergeben hat, oder sie sind erst in den letzten Wochen erstellt worden. Andere Profile sind schon ein paar Monate älter, stehen aber mangels Profilbild, fehlender üblicher Kommentare bzw. Posts im Verdacht, reine politische Sprachrohre zu sein. Sie und weisen keine “normale” Facebook-Aktivität auf.

Man muss dazu auch wissen, dass die meisten deutschen Facebook User dem Netzwerk schon vor Jahren beigetreten sind (um 2010 herum vor allem): Dass unter den 32 Profilen also fast die Hälfte neuer als 2017 ist, ist extrem verdächtig. Nur wegen eines Katzenbilds als Profilfoto wurde also niemand als nicht authentisch eingestuft, sondern erst nach einer ganzheitlichen Analyse, in der zuerst andere Erklärungen ausgeschlossen werden mussten.

Mehrheit simulieren?

Es macht den Eindruck, dass ein beträchtlicher Teil der Kritik (und des Hasses) also von Accounts stammt, die man erstellt hat, um Meinungen in den Kommentarspalten zu beeinflussen. Die Analyse lässt den Verdacht zu, dass eine kleine Minderheit versucht, durch das “Kapern” der Kommentarspalten eine Mehrheitsmeinung zu simulieren. Und von der Botschaft Gretas mit persönlichen Angriffen abzulenken.

Warum verwendet man dafür Fake Accounts? Erstens kann man mit Fake Accounts bequem andere Menschen beleidigen oder bewusst die Community-Standards von Facebook verletzen. Ohne dass man sich um sein Profil Sorgen machen muss. Wird man gesperrt oder geblockt, hat man in wenigen Minuten ein neues Profil erstellt. Zweitens kann man sich mit Mehrfach-Profilen selbst liken und damit noch mehr Zustimmung simulieren. Und drittens muss man dann nicht mit dem eigenen Namen dafür geradestehen, wenn man als Erwachsener eine 16-jährige beleidigt.

Hetzkampagne gegen Klimaaktivistin

Man kann von Greta Thunberg halten, was man will. Sollte sie das richtige Gesicht für die internationale Klimabewegung sein? Ist sie in ihren jungen Jahren geeignet, so viel Verantwortung zu tragen? Gibt es nicht geeignetere Personen, die einen prominenten Platz für die so wichtigen Botschaften besser nutzen könnten? Oder gar mehr verdient hätten? Darauf zu antworten kann jedem selbst überlassen bleiben.

Doch es ist höchst bedauernswert und erschreckend, dass die gleichen Methoden, die man dazu nutzte, um die Stimmung gegen Schutzsuchende in den letzten Jahren anzuheizen, jetzt gegen KlimaaktivistInnen anwendet, um sie zu diskreditieren. ichbinhier plädiert für eine Diskussionskultur, die auf gegenseitigem Respekt beruht, auch in den Kommentarspalten. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass die Menschen, die auf Facebook kommentieren, echt sind.

Wir brauchen eine anständige Diskussionskultur

#ichbinhier: Online-Redaktionen sind Werkzeug von populistischer Propaganda

Erst kürzlich rief der Verein in einem Offenen Brief die Online-Redaktionen dazu auf, Verantwortung für ihre Kommentarspalten und auch Reichweite zu übernehmen. Diese werden nachweislich regelmäßig dazu missbraucht, ein verzerrtes Bild der vermeintlichen “Öffentlichen Meinung” zu präsentieren. Doch auch Facebook ist hier in der Pflicht. Aktuell sind Kommentarspalten keine demokratischen Sprachrohre, sondern anfällig für Manipulations- und Hasskampagnen. Unter diesen Umständen wird die Relevanz von Facebook für den gesellschaftlichen Diskurs immer kleiner werden, bis das Netzwerk verschwindet.

Vielleicht sollte man weniger darüber diskutieren, ob diese 16-jährige geeignet ist, sich für die Zukunft unseres Planeten einzusetzen. Und mehr darüber, wie man den Klimawandel auch bekämpfen kann.

Autoren: Thomas Laschyk zusammen mit Philip Kreißel (#ichbinhier). Artikelbild: Greta Thunberg, Instagram