Emcke: Wie dich BILD über ihre Rede belügt – und viele Medien die Lüge abschreiben

| Wahlkampf | 13. Juni 2021

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Ihr sollt gezielt manipuliert werden

Am gestrigen Samstag haben wir beim Volksverpetzer uns mal einen freien Tag genommen, was bitter nötig ist bei den täglich neu gestreuten Fake News im Netz. Aber die Desinformation schläft nie. Und gestern ging eine neue Lüge über die Grünen viral. Ja, Lüge. Und ein orchestrierter Shitstorm. Autorin und Publizistin Carolin Emcke habe in einer Gastrede auf dem Bundesparteitag der Grünen Klimaforscher mit Juden verglichen. Das klingt natürlich äußerst schlecht, aber zum Glück stimmt es gar nicht. Mein erster Gedanke beim Lesen dieser Schlagzeile war auch Kopfschütteln und sogar etwas Freude. Denn ein Juden/Holocaust-Vergleich ist eigentlich immer unangebracht und verbietet sich. Und ich dachte, endlich könnte ich auch mal was an den Grünen kritisieren. Bei der vielen gezielten Desinformation gegen diese Partei, die wir hier regelmäßig zerlegen, halten uns die Leute schon für parteiisch.

Aber zum Glück habe ich keinen Tweet anlässlich von Emcke abgesetzt, dass Vergleiche mit Juden grundsätzlich nicht angebracht sind, unabhängig davon, wer sie macht. Denn das wäre zwar richtig, ich wäre damit aber auf eine Desinformations-Kampagne der BILD (und WELT) hereingefallen. Ohne es zu wissen. Und das ist das perfide: Die gezielte Desinformationskampagne des Axel-Springer-Verlags hat Auswirkungen auf viele weitere Medien, die immer noch viel zu oft auf deren Framing und Verzerrungen hereinfallen und sie abschreiben. Auch hier. Die Empörung in den Medien gestern unter Hashtag Emcke war groß, natürlich besonders von Rechts. Aber sie sind alle wieder mal auf eine Lüge der BILD hereingefallen. Hier die ganze Geschichte, in der unsere (sozialen) Medien wieder mal versagt haben.

Emcke beklagt in ihrer Rede das Verdrehen von Aussagen (wie ironisch)

Der Satz „Emcke vergleicht Klimaforscher mit Juden“ ist so ganz einfach falsch. Das sieht man selbst, wenn man den entsprechenden Satz liest. Doch wer diesen Fake glauben will, der sieht darin ja, dass „Klimaforscher“ und „Juden“ in einem Satz vorkommen und könnte aufgrund des Framings immer noch glauben, dass es richtig ist. Denn der Trick hinter dieser Lüge ist es, den Kontext (wie so oft) wegzulassen und es völlig neu zu kontextualisieren. Die ganze Rede ist hier im SPIEGEL-Artikel, da kann sich jede:r selbst davon überzeugen, aber hier die Zusammenfassung:

Ihr ging es darum, dass Hetze, rechte Fake News und antiwissenschaftliches Denken immer mehr Einfluss gewinnen. Und dank der gezielten Arbeit von Populist:innen: „Die soziale Spaltung, die sie zu bedauern behaupten, ist ihre tiefste politische Sehnsucht.“ Sie beklagte – im Nachhinein extrem ironisch – wie gewisse Akteur:innen gezielt im Netz Dinge verzerren. Sie erklärte, dass die sozialen Medien nur noch mit Fragmenten verbreiten, die mit Vorurteilen aufgeladen seien und dadurch Desinformation entstünde, die den „legitimatorischen Kern einer Demokratie“ untergräbt. „Aber in der Gegenwart ist die öffentliche Kommunikation faktisch privatisiert und in die ungefilterte Macht der Plattformökonomie überführt worden, die kein Interesse an der Unterscheidung von richtig und falsch hat.“

Die BILD hat sich davon offenbar angesprochen gefühlt und wollte beweisen, wie recht Emcke doch hat. Emcke erklärte nämlich, dass die Ziele der Fake News und des Hasses ziemlich austauschbar sein können und dass es keine Rolle spielt, wen es trifft. Denn in einer Demokratie treffe es alle. Und dann sagt sie die Sätze, die BILD & Co. aus dem Kontext reißen: „Die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden bleiben. Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feminist:innen oder die Virolog:innen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscher.“

Wie Axel-Springer-Medien lügen …

Noch mal zum Mitschreiben: Carolin Emcke zählt auf, gegen wen sich (rechte) Fake News richten: Jüd:innen, Kosmpolit:innen, Feminist:innen und Virolog:innen. Und dann erklärt sie, dass es (im Wahlkampf und in Zukunft) auch um Klimaforscher:innen gehen wird. Findet jemand hier einen Juden-, oder gar Holocaust-Vergleich? Ich nicht. Das ist die Lüge. Es geht NICHT um das Dritte Reich. Sondern um moderne antisemitische Verschwörungsmythen. Dass in sozialen Medien antisemitisch gegen Juden gehetzt wird, ist ja wahr. Ebenso wie gegen viele andere Feindbilder gehetzt wird, oft werden diese in einen Topf geworfen und oft bedienen dieselben Gruppen diese Feindbilder. Das ist faktisch korrekt. Emcke parallelisiert die Methoden der Hetze gegen verschiedene Gruppen. Nicht deren Leid. Und vom Holocaust spricht sie auf gar keinen Fall. Mit Antisemitismus kennt sie sich übrigens aus (mehr dazu).

Und zuerst die BILD, dann die WELT (beides Axel-Springer-Medien) machen daraus genau das, wovor Emcke gewarnt hat: Sie reißen das Zitat aus dem Kontext und schreiben es damit (teilweise sogar buchstäblich) um:

„Wie bitte“, lügt weiter die BILD im Artikel über die Rede: „Gegen Klimaforscher wird genauso gehetzt wie einst (und auch heute noch) gegen Juden?“ Das ist glatt gelogen. Die Klammer und das „verfolgte“ hat BILD dazu erfunden. Denn Emcke hat nicht über „verfolgte“ Juden gesprochen, also nicht über das Dritte Reich und den Holocaust. Genau daran soll die Zielgruppe allerdings denken. Es ist klar, dass Emcke über heutige Juden spricht, über den (strukturellen) Antisemitismus, über die antisemitischen Verschwörungsmythen. Das perverse: Damit ist BILD eigentlich genau diejenige, die Antisemitismus verharmlost. Wer den heutigen Antisemitismus bagatellisiert und leugnet, dass Juden von Rechtsextremen gemeinsam mit Feminist:innen und Klimaaktivist:innen zur Zielscheibe werden, macht sich schuldig und sorgt für die wahre „Entgleisung“.

WELT verändert Zitat sinnentstellend

Die WELT, das Schwesterblatt, das auch immer mehr zur deutschen Fox-News abdriftet in Sachen gezielter Desinformation mit politischer Agenda (mehr dazu, mehr dazu), tadelt Emcke herablassend über die Dinge, die man ihr fälschlicherweise unterstellt. Und im (Plus-)Artikel „Carolin Emckes unverzeihliche Dummheit“ (Link) wird ihr Zitat sogar (absichtlich?) entstellt, damit es wohl besser in die falsche Darstellung hineinpasst. Bis zum Erscheinen unseres Artikel stand es immer noch falsch da. Das „nicht mehr“ unterstellt auch den Rückbezug auf das Dritte Reich, der dazu erfunden wurde. Ist das eine „unverzeihliche Dummheit“ der WELT oder schon das bewusste Anlügen der Leserschaft?

… und wie der Rest abschreibt

Die Lügen-Kampagne, losgetreten von BILD und WELT wird dann fleißig abgeschrieben von anderen Medien. t-Online schreibt ebenfalls irreführend „Rede auf Grünen-Parteitag: Rednerin vergleicht Klimaforscher mit Juden“, der Tagesspiegel schreibt in der Kolumne von Martenstein „Wie Carolin Emcke die Juden benutzt“ und viele mehr, die das Framing und die Kritik daran behandeln, als wäre es kein fabrizierter Skandal. Die Union, die in diesem Wahlkampf bereits mit schmutzigen Angriffen auf die Grünen negativ aufgefallen ist (mehr dazu), springt auch auf diesen Fake-Zug auf (oder fällt darauf herein):

„Das Leid vieler verfolgter, ermordeter und ausgegrenzter Juden, Antisemitismus wird hier für die Klimafrage ausgenutzt, und Klimaforscher werden stigmatisiert?“, fragte Landwirtschaftsministerin Klöckner, CDU, auf Twitter. Auch CDU-Generalsekretär Ziemiak: „Das ist eine unglaubliche + geschichtsvergessene Entgleisung auf dem Parteitag der @Die_Gruenen“ [sic]. Beide Tweets sind immer noch online. Ziemiak forderte eine Erklärung von Grünen-Chefin Baerbock, während er eigentlich selbst derjenige ist, der sich entschuldigen sollte. [Ergänzung 16.06.: Ziemiak hat den Tweet gelöscht und die Vorwürfe zurückgezogen, mehr dazu]

Und befeuert von Union und Axel-Springer-Medien und der offenbar faulen (oder gleichgültigen) Medienlandschaft, die die Lügen reproduziert, brach natürlich der typische (rechte) Shitstorm los. Viele derjenigen, die die Grünen unbedingt hassen wollen und offenbar Gründe dafür suchen, sahen sich wieder bestätigt. Und die wenigsten werden mitbekommen (oder sich dafür interessieren), dass sie (schon wieder) angelogen wurden. Weil sie angelogen werden wollen. Weil es in ihr Feind- und Weltbild passt. Und vielleicht können diese Gruppen dann eine Kanzlerschaft mit solchen schmutzigen Mitteln verhindern. Tragischerweise ist es genau das, was Emcke in ihrer Rede beklagt hatte. Genau die Mechanismen, vor denen sie gewarnt hat.

Hört endlich auf, BILD und WELT zu vertrauen – und abzuschreiben!

Die Axel-Springer-Medien sind keine ausschließlich seriösen Medien (mehr), sondern haben immer und immer wieder gezeigt, dass sie eine politische Agenda forcieren wollen, bestimmte Feindbilder und Narrative bedienen wollen und dazu nicht davor zurückschrecken, zu lügen, zu fälschen, auszulassen, zu verzerren und irreführend zu framen. Gerade wenn es gegen die Grünen geht. Da erscheinen viele Artikel über den Lebenslauf von Baerbock bei WELT, und soweit ich sehen kann keiner über Laschets Lebenslauf, der ebenfalls Unstimmigkeiten aufwies (mehr dazu). Unterschiedliche Standards sind bei diesen Medien noch harmlos, aber das Verdrehen der Wahrheit, um gezielt die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen, ist das wirklich perfide.

Das sollten die anderen Journalist:innen und die Öffentlichkeit endlich lernen. Wenn BILD oder WELT mit einer Schlagzeile kommen, die die immer gleichen Feindbilder bedient, lieber erstmal abwarten, kritisch bleiben. Irgendwas kann wieder mal durchaus nicht stimmen, aus dem Kontext gerissen sein oder verschwiegen worden sein. Es passiert viel zu oft, als dass man es als unschuldige Fehler abtun kann. Macht lieber Faktenchecks, als die Fake News dieser Desinformations-Verbreiter:innen abzuschreiben!

Das anzusprechen und festzustellen, muss endlich möglich sein. Wenn diejenigen, die ehrlich guten Journalismus machen wollen und diejenigen, die Hetze und Fake News bekämpfen wollen, nicht anprangern, wer sich wieder und wieder schuldig macht in dieser Hinsicht, überlässt das Feld denjenigen, die schamlos zu allen Mitteln greifen, um die Öffentlichkeit zu manipulieren. Der erste Eindruck ist alles, was heute zählt.

Fazit: Die Lüge über Emcke wird eine von vielen

Emcke hat nicht Klimaforscher:innen mit Juden verglichen. Sie hat die „Kritik“, die Fake News und die Hetze gegen (heutige) Juden, die antisemitischen Verschwörungsmythen, mit den Fake News und der Hetze gegen Klimaforscher:innen unter anderen gemeinsam aufgezählt. Sie erklärt, dass Fehlinformation gerade im Wahlkampf jeden treffen werde: Das Objekt, „auf das sich dann der empörte Protest richtet, ist so austauschbar wie mutwillig“. Ihre Aufzählung ist kein Vergleich, sondern eine Liste an Zielen des Hasses und der Lügen. Sie sagt, dass oft die Gleichen gegen Juden hetzen, die auch gegen Klimaforscher:innen hetzen.

Und WELT und BILD, wieder mal gemeinsam mit der rechtsextremen Filterblase, in denen sehr vieler dieser Antisemit:innen stecken, reißen das Zitat aus dem Kontext und schreiben es teilweise sogar buchstäblich um, um wieder mal fiktive Kritik an den Grünen zu fabrizieren. Es ist völlig egal, dass es gelogen ist. Denn die Aufklärung wird viel weniger und nicht die gleichen Menschen erreichen wie diejenigen, die die Lüge gesehen und geglaubt und weiterverbreitet haben. Es reiht sich ein in eine langen Reihe an Fake News, Lügen und künstlichen Skandalen, die genug Deutsche manipulieren sollen, damit die Grünen nicht zu stark werden.

Das ist kein Journalismus, das ist Propaganda. Das hat Emcke ja gesagt. Das ist genau das, was sie mit ihrer Rede sagen wollte! Deswegen will sie sich wohl laut Spiegel nicht wiederholen: „Jeder, der sich die Mühe macht, die gesamte Rede anzuschauen, weiß die Inhalte einzuordnen.“ (Quelle). Das macht aber keine:r mehr. Und genau das ist das Problem.

Ergänzung: Die WELT hat das fehlerhafte Zitat inzwischen angepasst, behauptet dabei allerdings immer noch, dass es den Sinn nicht verändert habe. Das ist falsch, denn das „nicht mehr“ impliziert einen Rückbezug auf den Holocaust, den WELT Emcke immer noch zu Unrecht andichtet. 

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Artikelbild: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

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