Verzerrte BILD-Berichterstattung: Das wahre Geschenk für Extremist:innen

| Medien | 23. April 2021

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Verzerrte BILD-Berichterstattung: ein wahres Geschenk für Extremist:innen

Von Larena Klöckner

Keine Fakten, dafür aber schlechtes Framing und Geschwurbel: Mit nur wenigen Zeilen macht Reichelt nicht nur Extremist:innen, sondern auch Pandemieleugner:innen, Verschwörungserzähler:innen und Freund:innen des schlechten Journalismus ein Geschenk. Die Rede ist von Julian Reichelts neustem Paradebeispiel, wie Journalismus nicht funktioniert und wie BILD mit falschen Inhalten Hass und Hetze schürt. Schon die ersten Sätze des am 21.04.2021 veröffentlichen Kommentars erinnern eher an Populismus statt Journalismus (Quelle).

Denn laut Reichelt ist es nun soweit: Alle werden eingesperrt. Zumindest alle in Deutschland lebenden Bürger:innen, während Engländer:innen – zumindest seiner nicht nachvollziehbaren Logik nach – Narr:innenfreiheiten genießen können. Das macht Reichelt wütend – in bekannter Trotzigkeit. Doch auch durch Sturheit und Wut wird keine Wahrheit daraus, wenn man unvergleichbare Dinge in einen Topf schmeißt. Dies scheint der BILD und Herrn Reichelt nur leider nicht bewusst zu sein.

England ist nicht Deutschland, lieber Herr Reichelt

Was die anderen haben, will ich auch. Oder um es in Reichelt-Manier zu sagen: Während in England die Pubs öffnen, sperrt die deutsche Regierung Menschen ein. Dieser Vergleich hinkt jedoch nicht nur, sondern schafft bewusst eine dramatische Verzerrung der Situation. Denn England ist nicht Deutschland. Englands Corona-Maßnahmen sind nicht mit denen hierzulande vergleichbar. Es hat Gründe, warum in Großbritannien wieder in Pubs angestoßen werden kann: harte, monatelange Lockdowns und eine Bevölkerung, von der bereits fast die Hälfte ihre erste Impfung bekommen hat (Quelle).

So findet aktuell ein erstes Aufatmen bei den Engländer:innen statt. ein Aufatmen nach harten Lockdowns und einer Corona-Todeszahl, die mit 127.577 Toten (Stand: 21.04.2021) die höchste Europas ist (Quelle). Wenn in diesem Kontext von Lockdowns die Rede ist, muss jedoch zu den in Deutschland stattfindenden Maßnahmen unterschieden werden. Premierminister Boris Johnson hatte erst Anfang des Jahres einen erneuten Lockdown in Kraft gesetzt: Das Haus durfte nur bei wenigen Ausnahmen verlassen werden, die Schulen blieben dicht, Haare wurden nicht geschnitten – über zwei Monate lang. Erst Anfang März wurden die Schulen wieder geöffnet.

Keine Lockerungen, kein ständiges Öffnen, um dann doch wieder zu schließen. Im Gegensatz zu Deutschland sind Englands Corona-Maßnahmen konsequenter. Länger als drei Monate stand das öffentliche Leben größtenteils still. Die Konsequenz scheint sich ausgezahlt zu haben, wirft man einen Blick auf die Zahlen der Neuinfektionen. So liegt die 7-Tage-Inzidenz in Großbritannien derzeit bei 24,3 Neuinfektionen, in England bei 23,8 (Quelle). In Deutschland ist die Anzahl der Neuinfizierten innerhalb einer Woche mehr als rund sieben Mal höher, die Inzidenz liegt derzeit bei 164 (Quelle). Es sind diese Zahlen, die Reichelt nicht gekannt oder – was leider viel wahrscheinlicher ist – bewusst ignoriert hat. Populistische Hetze verbreitet sich nun mal auch besser, wenn man keine Fakten berücksichtigt.

Impfungen verringern das Ansteckungsrisiko – auch in England

So wundert es nun vermutlich auch niemanden mehr, dass Reichelt auch in Bezug auf die Anzahl der Impfungen keine Vergleichbarkeit der Länder hergestellt hat. Seit Anfang Dezember wird in England geimpft. Mittlerweile haben mit rund 32 Millionen Menschen fast die Hälfte aller Einwohner:innen ihre erste Impfung erhalten, laut der Nachrichtenagentur AFP haben 7,2 Millionen (Stand: 22.04.2021) bereits den vollständigen Impfschutz (Quelle).

Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben in Deutschland lediglich 18.496.378 Menschen – also rund 22 Prozent aller Einwohner:innen (Stand: 23.04.2021) – mindestens ihre Erstimpfung erhalten (Quelle). Immerhin 5.790.531 Personen haben hierzulande vollständigen Impfschutz, was sieben Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Deutschland hängt mit dem Impfen also deutlich hinterher. Eine Öffnung in England scheint auch vor diesem Aspekt nachvollziehbar – ebenso wie die nicht stattfindenden Öffnungen in Deutschland.

Natürlich ist das Impfvorgehen der Bundesregierung durchaus zu kritisieren. Der von Reichelt angeführte Punkt, Deutschland habe zu wenig Impfstoff bestellt, hinkt jedoch genauso wie seine anderen Vorwürfe. So ist nämlich nicht allein Deutschland für die Beschaffung der Impfstoffe zuständig gewesen, da diese durch die EU erfolgte (Quelle). Reichelt scheint auch an dieser Stelle das Merkel-Bashing über die richtige Adressierung Verantwortlicher zu stellen.

Wenn alle es schaffen, schafft es auch die Polizei

„Keinem Polizisten kann man erklären, wie er dieses schreckliche Gesetz wirksam durchsetzen soll“, schreibt Reichelt am Ende seines Klagelieds. Doch wenn Eltern es schaffen, ihre Kinder im Homeoffice zu betreuen, der eigenen Arbeit nachzugehen, Care-Arbeit zu leisten und sich an Vorschriften und Gesetze zu halten, während sie gleichzeitig ihren Kindern die aktuelle Situation erklären – dann schaffen es auch Polizist:innen, den Überblick zu behalten.

„Sollen sie Ehepaare, die in lauer Frühlingsnacht gemeinsam spazieren gehen wollen, zurück in die Wohnung tragen?“, fragt Reichelt – scheinbar besorgt um die Bandscheiben der Polizist:innen – abschließend. Auch an dieser Stelle kann Entwarnung gegeben werden: Niemand muss getragen werden, niemand muss tragen. Denn es reicht vollkommen aus, wenn die Polizei darauf hinweist, dass auch schöne laue Frühlingsnächte wunderbar von zu Hause aus genossen werden können.

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Autorin: Larena Klöckner. Artikelbild: monticello

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