Buffalo: Wie das Nazi-Märchen „Großer Austausch“ Terroristen anstiftet

| Aktuelles | 20. Mai 2022

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Wie die Erzählung vom „Großen Austausch“ unter Rechtsterroristen grassiert

Am Samstag tötete ein Attentäter 10 Menschen in einem Supermarkt in Buffalo im Bundesstaat New York. Die Gewalt richtete sich gegen Schwarze Menschen – der Täter bezeichnete sich selbst als Faschist und „White Supremacist“. In einem „Manifest“ bezieht er sich auf den „Großen Austausch“, einer kruden Verschwörungserzählung, die seinen Anschlag legitimieren soll. Was hat es damit auf sich und welche Wirkung hat diese Erzählungen auf rechten Terror?

Am Samstag, 14. Mai attackierte ein 18-jähriger Täter Menschen vor und in einem „Tops“ Supermarkt in Buffalo, New York. Während er alles live streamte, zielte der Schütze in gepanzerter Rüstung mit einem Sturmgewehr auf 13 Menschen, davon 11 Schwarze und zwei Weiße. 10 Menschen starben. In dem von ihm hinterlassenen „Manifest“ erklärt er deutlich die Gründe für seine Tat. Sein wichtigstes Ziel: „So viele Schwarze wie möglich zu töten“ (Quelle). In seinem Schreiben macht er wirre Zusammenhänge zwischen Feminismus, grüner Politik, Kryptowährung, Individualismus und seinem imaginierten Genozid an den „Weißen“. Seine kruden Vorstellungen sind massiv von Rassismus und Antisemitismus durchzogen.

Die Tat wurde monatelang minutiös geplant und akribisch vorbereitet. Der Täter stammt aus Conklin, dreieinhalb Autostunden von Buffalo entfernt. Er suchte sich den Tatort gezielt aus, um möglichst viele Schwarze treffen zu können. Das Geschäft liegt in der East Side, wo der Anteil an Schwarzen Bewohner:innen besonders hoch ist. Eingetroffene Polizeibeamte konnten den Täter überreden, sich zu ergeben. Während Ermittler:innen daran arbeiten, den Tathergang zu rekonstruieren, befindet er sich bereits in Haft.

Täter war polizeibekannt

Gänzlich unbekannt ist der Täter den Behörden nicht: Im Rahmen eines Schulprojekts wurden die Schüler:innen seines Jahrgangs nach ihren Plänen für die Zeit nach dem Abschluss gefragt. Der damals 17-Jährige sagte, er wolle „a murder-suicide“, also einen Selbstmord-Mord begehen. Er behauptete dann zwar, nur gescherzt zu haben, trotzdem ermittelte die Polizei und der Schüler wurde in eine Psychiatrie eingeliefert. Allerdings wurde er nach wenigen Tagen wieder entlassen und verschwand vom Radar der Ermittler:innen (Quelle).

Im Bundesstaat New York gibt es ein sogenanntes „red flag-Gesetz“, nach dem als gefährlich eingestufte Personen gezwungen werden können, ihre Waffen abzugeben. Beim Buffalo-Täter wurde das Gesetz nicht angewandt. Der Grund: Er habe in seiner Morddrohung kein konkretes Ziel genannt. Als der Täter vor einigen Monaten das halbautomatische Gewehr kaufte, das bei der Tat zum Einsatz kam, stand er deshalb auf keiner „red flag-Liste“, die den Kauf hätte verhindern können.

Was ist der „Große Austausch“?

Als einen der Hauptgründe für seinen Anschlag nennt der Täter die „Great Replacement Theory“. Sie ist im deutschsprachigen Raum als „Großer Austausch“ bekannt. Gemeint ist damit der angebliche Plan ominöser Eliten, die dominante Bevölkerung durch eine andere auszutauschen. „Der Große Austausch“ ist eine der Kernideologien der rechtsradikalen Identitären Bewegung, die einen Ersatz der deutschen Bevölkerung durch Geflüchtete befürchtet.

„Warum dies geschehen soll, bleibt zumeist unklar, dennoch hat sich die Legende von der ‚Umvolkung‘ oder dem ‚Bevölkerungsaustausch‘ zu einem zentralen Narrativ in rechtsradikalen Kreisen etabliert. Auch die AfD nutzt diese Begriffe mittlerweile regelmäßig gezielt und schürt dadurch Ängste vor verstärkter Zuwanderung“, erklären die Panorama-Reporter:innen vom NDR.

Als „Beweis“ führen Rechtextreme und Verschwörungsideolog:innen gern eine Studie der UN an, die ihre Behauptungen angeblich stützt. Die Studie offenbart aber keinen abstrusen Plan zum „Austausch der Bevölkerung“. Sondern befasst sich lediglich damit, welchen Einfluss Migration auf sinkende Bevölkerungszahlen haben kann. „Die Behauptung, es gebe Pläne der Vereinten Nationen, die Bevölkerung auszutauschen, ist also grob irreführend“, stellen die Panorama-Reporter:innen klar.

Rassismus und Antisemitismus prägen die Erzählung

Hinter diesen rassistischen Verschwörungserzählungen stecken antisemitische Ideologien, nach denen jüdische Familien wie die Rothschilds oder Soros angeblich „Deutschland hassen und vernichten wollen“ (Quelle, ca. 06:50). Nach diesen Vorstellungen ist die Migration eine „Waffe“. Mit dieser soll die deutsche Bevölkerung durch geheime Vorgänge Schritt für Schritt durch Migrant:innen, die in unterirdischen Bunkern und Geheimgängen versteckt sein sollen, ersetzt werden. Verschwörer:innen verbreiten diese Erzählungen massiv. Rechtsextreme schüren die Angst vor einer Invasion. Der rechtspopulistische Autor Akif Pirinçci benannte sein rechtsverschwörerisches Buch „Umvolkung“ nach der „Bevölkerungsaustauschstheorie“.

Hinter dem „Große Austausch“-Quatsch steckt nur die alte NS-Rassenideologie in neuer Form

Der Begriff ist nicht neu, sondern wurde schon im Nationalsozialismus bedient (Quelle). Mehr zum Ursprung der „Großen Austausch-Theorie“ findet ihr hier. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer erklärt, warum dieses Nazi-Märchen vollkommen wahnwitzig ist. „Diese Vorstellung vom ‚Bevölkerungsaustausch‘ würde ja meinen, da sind sehr mächtige Akteure wie Regierungen, wie Verwaltungen, die in der Lage wären, Migration hochgradig zu steuern.“ Dazu müssten Staaten massive Gewalt ausüben, Menschen „verschieben, auf Lastwagen und in Züge stecken und tatsächlich ganze Bevölkerungen von A nach B bringen“, was überhaupt nicht der Fall sei. Die Vorstellung, einer homogenen Bevölkerung, die durch Blut miteinander verwandt und nicht durch Einflüsse von Außen geprägt ist, sei altertümlich und historisch schlicht falsch, so der Experte (Quelle).

Auch Correctiv unterzog der Behauptung vom „Bevölkerungsaustausch“ einen Faktencheck und bestätigte, dass es keinerlei Beweise dafür gibt. Verteidiger:innen des Märchens stützen sich in ihren Zahlen über Deutsche und Nicht-Deutsche nicht auf die Staatsangehörigkeit, sondern auf Biologie. Damit ist diese Lüge eine moderne Version der nationalsozialistischen Rassenideologie.

AfD & Co. verbreiten die Lüge vom „Bevölkerungsaustausch“

Obwohl es keine Beweise für die krude Vorstellung gibt, hält sie sich hartnäckig unter Rechtsextremen, Verschwörungsideolog:innen und Sympathisant:innen. Und verfestigt sich in der Gedankenwelt von Rechtsterroristen, die ihnen zuhören. AfD-Politiker Alexander Gauland verbreitet den rechten Kampfbegriff mit Aussagen wie: „Der Bevölkerungsaustausch in Deutschland läuft auf Hochtouren!“ (Quelle). Mit reichlich apokalyptischen Pathos befürchtet AfD-Faschist Björn Höcke gar einen „Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch“ (Quelle). Er fordert eine „Säuberung“ Deutschlands von „fremden“ Kulturen und benutzt damit ganz bewusst Nazi-Sprech. Den angeblichen Beweis für den „Großen Austausch“ durch die UN-Studie verbreitete AfD-Politikerin Beatrix von Storch.

Quelle: Twitter Screenshot

Um ihre rechten Verschwörungserzählungen zu verschleiern, benutzen Rechtsextreme und Verschwörungsideolog:innen teilweise codierte Begriffe. „Das macht es für die Zivilgesellschaft schwerer, die Absichten des Sprechers zu entlarven, während die angesprochene Zielgruppe sehr genau versteht was gemeint ist“, haben wir in diesem Artikel erklärt. „Beispiele dafür sind: ‚Remigration‘ statt ‚Massendeportationen von Nicht-Weißen‘, Ersetzen der NS-Theorie vom ‚internationalen Finanzjudentum‘ mit ‚George Soros‘“, die Verbreitung der Erzählung über den „Großen Austausch“.

Quelle: Twitter Screenshot

Diese Ideologien werden teilweise massiv verharmlost, zum Beispiel von Hans-Georg-Maaßen, der wenig Berührungsängste zu rechtsextremen Gruppen zu haben scheint. „Self-Made-Ideologie“ treibe „Einzeltäter“ wie der von Halle oder Christchurch zu ihren Gräueltaten, so der ehemalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz (Quelle). „Nichts an dieser Ideologie ist selbstgemacht. Es ist die Sprache der Identitären Bewegung, von Pegida und von weiten Teilen der AfD, die sich mehr und mehr etabliert und Menschen gegen Menschen aufhetzt“, führen wir in diesem Artikel aus.

Nein Maaßen, die Ideologie des Hanau-Terroristen ist nicht „selfmade“ – Sie kommt von AfD & Co

Die Lüge vom „Großen Austausch“ hat viele Anhänger:innen

Auch englischsprachige Medien wie der britische Guardian und die New York Times berichten über den Zusammenhang zwischen rechten Terroranschlägen wie den in Buffalo und der Angst vor dem „Großen Austausch“. „Man findet diese Philosophie nicht mehr nur am Rande des Internets und bei den extremsten Gruppen“, zitiert die Washington Post Milan Obaidi. Dieser ist Professor für Psychologie an der Universität Oslo, der sich mit der Rhetorik der rechtsverschwörerischen Erzählung und der von ihr ausgelösten Gewalt beschäftigt.

„Sie wird zum Mainstream. Man sieht etablierte Politiker in Europa und den USA, die ähnliche Ideen propagieren.“ Die rechtskonservative französische Politikerin Valérie Pécresse bezog sich im Winter auf der Wahlkampftour direkt auf den „Großen Austausch“ (Quelle). Tucker Carlson, meistgesehener Moderator beim Pro-Trump Desinformations-Sender Fox News, verteidigte die Erzählung öffentlich (Quelle).

Diese vielfältigen Verbreitungswege führen zu Stochastischem Terror. Wie jetzt wieder in Buffalo. „Das Konzept geht davon aus, dass sich mit genügend Hetze ein Milieu derart aufheizen lässt, dass es aus diesem heraus beinahe zwangsläufig zu Gewalt und Terror kommt. Zugleich ist es so gut wie unmöglich, diesen neueren Tätertypus im Voraus zu identifizieren“, erklärt Allgäu Rechtsaußen. Täter sind demnach nicht mehr zwangsläufig Mitglieder in einer terroristischen Vereinigung. Sondern lassen sich durch die eine bestimmte Sprache und Sprachmuster gegen andere aufhetzen.

AfD-Politiker:innen und Akteur:innen aus diesem Umfeld haben diese Sprache salonfähig gemacht und müssen als Mitverantwortliche für rechte Anschläge betrachtet werden. Sie entmenschlichen bestimmte Gruppen, betreiben fortwährend eine Täter-Opfer-Umkehr, betrachten die deutsche Gesellschaft als „kontaminiert“ und verbreiten Lügen-Ideologien wie die vom „Großen Austausch“. Die Sprache der AfD und der neuen Rechten muss als gefährlich gesehen werden (mehr dazu). Sie führt im Endeffekt zu Stochastischem Terror – und wozu dieser führt, hat das letzte Wochenende auf grausame Art gezeigt.

Hetze führt zu Terror wie Hanau: Die AfD ist der politische Arm des Rechtsterrorismus

Rechtsterroristen inspirieren sich gegenseitig

Der Buffalo-Täter benennt den Attentäter von Christchurch als wichtigste Inspiration für seine Gräueltat. Im neuseeländischen Christchurch tötete ein Mann im März 2019 ebenfalls aus rassistischen Motiven, nannte sein „Manifest“ „The Great Replacement“ im direkt Bezug zur „Theorie des Großen Austauschs“. Weil er glaubte, die „weiße Bevölkerung“ in Neuseeland werde von migrierenden „Fremden“ bedroht, ermordete er 51 Menschen und verletzte 50 weitere an zwei Moscheen (mehr dazu).

6 Dinge, die der Christchurch-Terrorist mit AfD & Co. gemeinsam hat

Der Massenmord gilt als die Tat mit den meisten Todesopfern in Neuseelands Kriminalgeschichte. Große Teile des „Manifests“ plagiierte der Buffalo-Täter für seine eigene Schrift (Quelle). Ähnlich wie bei anderen Rechtsterroristen geht auch der Buffalo-Täter von einer „weißen Rasse“ aus – nach seiner Vorstellung Menschen von christlich-europäischer Abstammung – die angeblich durch Nicht-Weiße, „replacers“ ersetzt würde. Er heroisiert seine eigene Tat als Kampf gegen einen „weißen Genozid“.

Auch Deutsche, rechtsextreme  Täter sprechen vom „Großen Austausch“

Auch der Attentäter von Hanau ließ sich von der „Theorie des Bevölkerungsaustauschs“ inspirieren, bezieht sich indirekt darauf wenn er seine Tat als „Doppelschlag gegen die Geheimorganisation und gegen die Degeneration unseres Volkes“ bezeichnet. Im letzten Satz seines 24-seitigen Schreibens mahnt er: „Schaut euch in Zukunft genau an, wer das Volk ist“ (Quelle).

Auf ähnliche Weise nahm sich der 16-Jährigen aus Essen, dessen Anschlag auf zwei Schulen vor rund einer Woche vereitelt werden konnte, andere Rechtsterroristen zum Vorbild. Er nannte unter anderem den norwegischen Massenmörder Anders Breivik als Inspirationsquelle. Der islamfeindliche Rechtsterrorist tötete 2011 77 Menschen in der norwegischen Hauptstadt Oslo und auf der Insel Utøya. Auch der Jugendliche aus Essen hinterließ ein Schreiben, in dem er Hitler zitiert und die Gründe für seine versuchte Tat erläutert. Sich indirekt auf den „Großen Austausch“ beziehend, erklärt er, er sah sich „gezwungen, ein Zeichen zu setzen wegen des Untergangs der weißen Rasse.“ (Quelle).

Wenige Tage nach dem Massaker von Buffalo hielt die neurechte Online-Zeitschrift „Junge Freiheit“ den richtigen Moment für gekommen, die Theorie vom „Bevölkerungsaustausch“, die auch Ungarns Regierungschef Orbán kolportiert, nochmal ganz groß rauszubringen:

 

Artikelbild: Andrew Harnik/AP/dpa

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