Hetze führt zu Terror wie Hanau: Die AfD ist der politische Arm des Rechtsterrorismus

| Analyse | 20. Februar 2020

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Die Sprache der Neuen Rechten ist stochastischer Terrorismus

Die AfD und die Neuen Rechten versuchen sich damit rauszureden, dass der Täter von Hanau doch geistig gestört war. Das wirre Manifest klingt wirklich sehr nach paranoider Schizophrenie. Doch ob der Täter geistig zurechnungsfähig war oder nicht, spielt letztlich bei der Frage nach der Kausalität eine untergeordnete Rolle. Denn AfD und Co. müssen damit rechnen, dass sich unter ihrem Millionenpublikum auch geistig verwirrte Menschen befinden, die auf Horrorszenarien und Entmenschlichungen der Sprache stärker reagieren als andere – und danach handeln. 

Auch viele islamistische Attentäter waren “Lone Wolfs”, oft mit psychischen Problemen (Quelle) und ohne “echte” Kontakte zu Terrornetzwerken (Quelle), sie hatten oft nur über Internetportale oberflächlichen Kontakt zu Hasspredigern, waren dazu drogenabhängig und hatten keine Ahnung von islamischer Lehre (z.B. Quelle). Aber würde man deshalb den islamistischen Online-Hasspredigern einfach so einen Persilschein ausstellen und sie von jeder Verantwortung frei sprechen? Natürlich nicht!

Der Stochastische Terrorismus

Es handelt sich hier um eine neue Art von Kausalität: Den stochastischen Terrorismus (Quelle). Heißt: Diese Attentäter werden nicht mehr durch Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zum Terroristen, sondern Hetzreden und Hassprediger sind online Millionen Menschen zugänglich und sorgen dafür, dass regelmäßig dafür anfälligen Menschen die Sicherungen durchbrennen und sie als “Lone Wolfs” Terrorakte begehen. 

“it will look like an individual killer obeying their own disturbance, their own nature or character or conscious beliefs — but their actions will nonetheless be an effect of the larger structure, an assured product of the mesh that holds us all.” (Quelle)

Zuerst beschrieben wurde der Begriff in einem Blogpost auf “Dailykos.com”, mittlerweile wird er Begriff auch in akademischer Literatur verwendet (Quelle) und auf Online-Hetzer wie Anwar al-Awlaki and Alex Jones (Infowars) angewendet (Quelle): Hetzer erreichen ein Millionenpublikum, und mit den richtigen Hassbotschaften kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sich davon einer berufen fühlt, selbst zur Waffe zu greifen. Der Hetzer als stochastischer Terrorist kann hinterher sagen: “nobody could have predicted he would do that” – das hätte doch niemand vorhersehen können, dass der das macht. 

Doch das ist nicht ganz richtig. Wir wissen ziemlich genau, welche Sprache Gewalt wahrscheinlicher macht. Dazu zählt die Sprache der Neuen Rechten. Oder wie Marina Weisband es sagt: „Es wird nur solange radikalisiert, bis die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, wächst“:

Worte führen zu Taten

Das Harvard Projekt “Dangerous Speech” – “gefährliche Sprache” – untersuchte über Jahre, welche Sprache dazu führt, dass es zu Gewalt gegen Minderheiten bis hin zu Genoziden kommt. Dabei fielen bestimmte Sprachmuster auf, die immer wieder vorkommen. Wichtig ist hierbei zu bemerken, dass es sich nicht notwendigerweise um illegale oder auf den ersten Blick gefährliche Sprache handelt, sondern diese Sprache ist oft sogar von der Meinungsfreiheit gedeckt. 

In der AfD werden diese Grenzen des Sagbaren verschoben. Dinge, die noch vor ein paar Jahren als unerhört galten, sind bei der AfD normal und salonfähig. Diese Strategien verwenden sie dabei:

Dehumanisierung

Das ist Vergleich einer Gruppe von Menschen mit Tieren, als “Welle” oder “Masse” oder Menschen reduzieren auf ein “Problem”. Die AfD verwendet solche Sprache regelmäßig, z.B. 

  • „Am Besten das Pack zurück nach Afrika prügeln” Dieter Görnert, AfD (Quelle)
  • „Gesindel“ und „Schleiereulen“ Jens Maier (Quelle)
  • „Wir riefen Gastarbeiter, bekamen aber Gesindel.” Nikolaus Fest, AfD (Quelle)

Accusation in a mirror – Spiegelverkehrte Anklage:

Die realen Machtverhältnisse werden geleugnet und umgedreht: Die verfolgte Gruppe sind jetzt “die Bösen” während die Verfolger sich als Opfer inszenieren. Dies wird besonders deutlich, wenn sich die AfD als Opfer von Migration und den Eliten inszeniert, während ihre Anhänger*innen beinahe täglich Angriffe auf Minderheiten durchführen (Quelle). Der verwundbare Flüchtlingsstatus der Migrant*innen wird völlig ausgeblendet und politisch motivierte Gewalt der eigenen Anhänger*innen gegen Unschuldige (z.B. Frauen und Kinder) wird relativiert mit Verweisen auf die Kriminalität Einzelner.

  • „Brennende Flüchtlingsheime sind kein Akt der Aggression.“ Sandro Hersel, AfD (Quelle)
  • „Ganz großer Teil der Wehrmachtsoldaten [waren] nicht Täter, sondern Opfer.” Julian Schmidt (Quelle)

“Unsere Frauen werden angegriffen”

Besonders effektiv ist dieses Narrativ, wenn die Frauen möglichst jung sind. Ein starker Fokus auf dieses Narrativ löst enorme Schutzimpulse aus, um die “Reinheit” der eigenen Gruppe zu schützen. Das sieht man an der AfD auch sehr gut, die sich praktisch nie um Gewalt gegen Frauen kümmert, wenn sie von weißen Männern ausgeht (Sie verlachen #Metoo etc.), aber jeden Fall über Wochen ausschlachtet, in dem als “Ausländer” konstruierte Menschen solche Verbrechen begehen. Siehe zum Beispiel diesen Fall:

Zwei Frauen ermordet: Die AfD will dir diese Messer-Morde verschweigen

  • “Frauen und Mädchen werden in den letzten Jahren durch die unkontrollierte Zuwanderung aus frauenverachtenden Kulturen immer häufiger Opfer von schweren Straftaten wie Vergewaltigung und Mord” Christina Baum, AfD (Quelle)
  • IB-Kampagne “Kandelistüberall”
  • David Berger zu einer KIKA-Doku: “Wurde Malvina von Diaa vergewaltigt?” (Quelle)

kodierte Sprache:

Um die wahren Ziele des Sprechenden zu verbergen, verwendet er Codeworter. Das macht es für die Zivilgesellschaft schwerer die Absichten des Sprechers zu entlarven, während die angesprochene Zielgruppe sehr genau versteht was gemeint ist. Beispiele dafür sind: “Remigration” statt “Massendeportationen von Nicht-Weißen”, Ersetzen der NS-Theorie vom “internationalen Finanzjudentum” mit “George Soros” , oder die antisemitische Verschwörungstheorie “Der große Austausch”, auf die sich dann letztlich auch mehrere Attentäter (Quelle, Quelle) bezogen.

  • “Leitkulturorgie nach den kulturmarxistischen Merkelpartys” Donalphonso (Quelle, Erklärung)
  • “[Gauland] warnte vor einem vermeintlichen „Bevölkerungsaustausch“ Gauland (Quelle)
  • „bevorstehenden Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch“ Höcke (Quelle)
  • “[Es] wird ein groß angelegtes Remigrationsprojekt notwendig sein.” bei dem man nicht um eine “Politik der ‚wohltemperierten Grausamkeit” herumkomme. (Quelle)
  • „Die Pläne für einen Massenaustausch der Bevölkerung sind längst geschrieben.“ Beatrix von Storch (Quelle).

Kontamination:

Die Minderheit wird als “Verschmutzung” des Landes dargestellt, die AfD zum Beispiel blickt verklärend und nostalgisch auf eine angebliche Zeit zurück, in der “alles” in Deutschland noch “in Ordnung” war, und meint damit natürlich eine Zeit ohne Nicht-Weiße. Dem Begriff der “Islamisierung” schwingt immer auch eine Verschmutzung der “reinen deutschen (Leit)Kultur” mit. 

  • “Mit Blick auf  unsere kulturellen  Werte und historischen Prägungen gilt aber auch, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört.” CDU Sachsen-Anhalt (Quelle)
  • “Und da hat mein Freund Dr. Gauland 100-prozentig Recht – solche Menschen müssen wir selbstverständlich entsorgen” Bystron (Quelle)
  • “Überhaupt, ihre Bescheidenheit, nur diese eine Person entsorgen zu wollen, erscheint mir hier ausnahmsweise unangebracht.” Meuthen (Quelle)
  • “Die Weißen und die Schwarzen setzten sich vor ihrer Amerikanisierung aus mehreren hochdifferenzierten Völkern mit eigenen Identitäten zusammen. Jetzt sind sie in einer Masse aufgegangen. Diesen Abstieg sollten wir Europäer vermeiden und die Völker bewahren.” Höcke (Quelle)
  • “die deutsche Volksgemeinschaft sei krank und leide „unter einem Befall von Schmarotzern und Parasiten“, welche dem deutschen Volk „das Fleisch von den Knochen fressen“ wollten” (Quelle).

Vor allem rassistische Sprache von Politikern führt hier zu einem Ermutigungseffekt eigene Vorurteile und Hass auf Minderheiten offener zur Schau zu stellen und danach zu handeln (Quelle).

Teile solcher Sprache sind bereits verboten (Volksverhetzung, üble Nachrede, etc.), aber Dangerous Speech ist oft subtil und unscheinbar und kann nicht ohne weiteres allein durch Verbote bekämpft werden, ohne zu tief in die Meinungsfreiheit einzuschneiden.

Es gibt also dutzendfache Belege dafür, dass die Sprache der AfD und der Neuen Rechten gefährliche Sprache ist und somit zu stochastischem Terror führt. Der Terrorist von Hanau hat lediglich die neurechte Theorie vom Großen Austausch zu Ende gedacht und kam zum Schluss, dass die logische Konsequenz in der Vernichtung aller Nicht-Deutschen bestehen müsse, etwas das viele Neurechte nur deshalb nicht laut aussprechen, weil es sie „zu früh“ entlarven würde. Das lässt erahnen, was uns bevorstehen würde, wenn wir den politischen Wahnsinn in Deutschland an die Macht lassen. 

Wir stehen zwischen der Neuen Rechten und dem Genozid

Politiker*innen aller Parteien müssen sich also stärker engagieren und sich gegenseitig verantwortlich halten, um Dangerous Speech zu vermeiden. Dazu gehört logischerweise eine konsequente Ausgrenzung und Verurteilung der AfD und neurechter Sprache. Eine solche Ausdrucksweise darf in Deutschland nie wieder auch nur den Hauch von Legitimität und Zustimmung verspüren. Es geht um unser aller Sicherheit.

Wir dürfen unsere Politiker*innen damit aber nicht allein lassen. Wir müssen der Neuen Rechten jeden Tag aufs neue vor Augen führen, dass sie nicht die Mehrheit sind, dass ihre Art zu sprechen von uns verurteilt wird. Und wir müssen aufstehen und schreien, wenn Medien ihre Sprache übernehmen. Gleichzeitig müssen wir verhindern, dass Einzelne in der Gesellschaft sich isolieren und weiter radikalisieren, dass psychische Erkrankungen nicht erkannt werden. Das ist ein sehr schwerer Spagat. Wir müssen der Sprache der AfD mit konsequentem Abscheu begegnen, aber nicht dem Menschen, der zusätzlich zu seiner Menschlichkeit auch AfD-Wähler ist.

Youtube hinkt hinterher

Während Facebook das Konzept der “Dangerous Speech” schon in Teilen in seine Gemeinschaftsstandards integriert hat, hinkt Youtube hier deutlich hinterher. Doch auch auf Facebook kommt es regelmäßig zu Hetzorgien in geschlossenen Gruppen, wie wir schon sehr oft dokumentiert haben. Studien legen nahe, dass hetzerische Inhalte in den sozialen Medien einen Einfluss auf Gewaltbereitschaft haben (Quelle).

Der Attentäter von Hanau hat verschiedene Videos auf Youtube als “Quellen” für seine vollkommen absurden Verschwörungstheorien angegeben. Youtube schlägt einem bei Klicks auf die entsprechenden Links sofort weitere solcher Videos vor (Quelle) und so ist es kaum verwunderlich, wie jemand, der von den intelligenten Algorithmen der Plattform abhängig gemacht wird (Quelle) und psychisch für solche Theorien anfällig ist, sich ein absurdes Weltbild aneignet, welches früher oder später mit “stochastischer Gewissheit” Menschen zu Terroristen macht. Auch eine KI oder ein soziales Netzwerk kann also ein stochastischer Terrorist sein. Gefährdet ein Algorithmus die liberale Demokratie wäre es denkbar Plattformen, die solche Empfehlungsalgorithmen einsetzen, ganz vom Netz zu nehmen, sollten sie das Problem nicht in den Griff bekommen.

Werbetreibende sollten es sich wirklich zweimal überlegen, ob sie ein solches Geschäftsmodell finanziell untersützen wollen. Das gleiche gilt für die Unterstützung von rechtsextremen Online-Portalen, die sich oft über Werbeeinblendungen von Unternehmen finanzieren, aber auch bekannte Crowdfunding-Optionen wie Paypal nutzen, deren Marken sicherlich nicht mit den dort gezeigten Inhalten in Verbindungen gebracht werden wollen.

Stochastischer Terrorismus ist eine Bedrohung für die liberale Demokratie. Wie wir damit umgehen, wird entscheiden, ob sich die Gewalt eindämmen lässt.



Artikelbild: Ollyy, shutterstock.com

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