Ich hab mich „undercover” bei rechten & rechtsextremen Burschenschaften beworben. Sie wussten nicht, dass ich schwarz bin.

| Aktuelles | 15. April 2021

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Reise nach Germania

Nach außen hin geben sich Studentenverbindungen traditionell und elitär, doch was steckt dahinter? Unser Autor tritt kurzerhand selbst in eine Verbindung ein. Ein Porträt einer reaktionären Parallelgesellschaft.

von Leon Enrique Montero

In Deutschland gibt es etwa 1.000 sogenannte Korporationen: Burschenschaften, katholische Verbindungen, Turnerschaften und mehr. Einige von ihnen sind „schlagend“, die Mitglieder fechten also. Die meisten nehmen ausschließlich Männer auf. Nach außen hin wirken die traditionsreichen Bünde wie Monolithen aus einer anderen Zeit. Wenn man in den Medien etwas über Verbindungen liest, sind die Schlagzeilen oft negativ. Exzessiver Trinkzwang, strenge Hierarchien, reaktionäre Werte. Vor allem Burschenschaften wird eine Nähe zum Rechtsextremismus nachgesagt. Doch was geschieht wirklich in den Gründerzeitvillen und Kellerkneipen, in denen sich die Burschen mit den bunten Mützen herumtreiben? Ich möchte mehr über diese Parallelgesellschaft erfahren und trete kurzerhand selbst in eine Studentenverbindung ein.

Die erste Hürde ist dabei die Wahl der richtigen Verbindung

Nur Männer bitte, am besten noch katholisch oder deutsch. Ich bewerbe mich auch bei einigen Bünden im offen rechten Dachverband der Deutschen Burschenschaft (DB), denen der „Ariernachweis” nachgesagt wird. Mitglied könne demnach nur werden, wer „dem deutschen Volkstum” zugehörig sei. Biodeutsche also, die Staatsbürgerschaft alleine reiche nicht aus. Was die Burschenschafter, bei denen ich mich bewerbe, nicht wissen: Ich bin schwarz.

Die Reaktionen auf meine Besuche sind dabei im Schnitt negativ. Bei zwei Burschenschaften wird mir direkt mit Verweis auf meine Herkunft abgesagt: „Auch wenn das jetzt sehr direkt klingt: Sie können bei uns leider kein Mitglied werden.” Der Umstand, dass ich mein ganzes Leben in Deutschland verbracht habe, würde daran nichts ändern. Das sei nichts Persönliches: „Wir würden jetzt zum Beispiel auch keine Asiaten aufnehmen.” Der deutsche Pass allein genüge nicht für eine Mitgliedschaft. Das sei zwar keine direkte Vorgabe des Dachverbands, die Burschenschaft lebe das aber etwas strenger aus. Auch beim nächsten Bund wird direkt auf dieses Abstammungsprinzip verwiesen: „Du kannst bei uns selbstverständlich nicht Mitglied werden und das ist auch gut so.” Wo denn der „farbige” Einschlag bei mir herkommt, werde ich gefragt. Auf meine Antwort heißt es, die Karibik sei “immerhin besser als Afrika”. Einer der Burschen entschuldigt sich dafür, dass ich nicht aufgenommen werden kann.

Bei der „Jungen Alternative“ könne ich es mal probieren, die würden auch Schwarze aufnehmen.

Immerhin sei ich ja ein gutes Beispiel für Integration, für „Assimilation”. Bei der „Jungen Alternative“ könne ich es mal probieren, die würden auch Schwarze aufnehmen. Bei der nächsten Verbindung kommt die Absage erst ein paar Tage nach meinem Besuch. Bei einem anderen Dachverband hätte ich bessere Chancen. Nur eine der Burschenschaften würde mich aufnehmen. Zum Vergleich: Von den sieben Studentenverbindungen außerhalb der Deutschen Burschenschaft, bei denen ich mich im Laufe der Zeit bewerbe, bekomme ich keine einzige Absage.

Auf Anfrage wird mir vom Dachverband erklärt: „Die Deutsche Burschenschaft mischt sich grundsätzlich nicht in die Entscheidungen der Einzelbünde ein. Wie erwähnt ist die Auslegung der Satzung Aufgabe der Einzelbünde.” Demnach sei „die Abstammung hierbei nicht das Alleinmerkmal zur Beurteilung”. Von rassistischen Aufnahmekriterien wisse man nichts: „Da wir uns nicht am Prozess der Mitgliederwerbung der Einzelbünde beteiligen, können wir nicht beurteilen, ob die Hautfarbe oder Ethnie der Grund für einen Abbruch des Bewerbungsverfahrens sind.”

Im Vorfeld wird mir versichert, das hier nicht so viel gesoffen werde wie bei anderen Bünden.

Man sei ja nur ein übergeordnetes Gremium, das sich nicht in die Mitgliedsgewinnung einmische. Ach so. Ich entscheide mich für eine katholische Studentenverbindung, wobei das mit dem Glaube mit zwei Pflichtgottesdiensten im Semester eher klein geschrieben wird. Im Vorfeld wird mir versichert, dass hier nicht so viel gesoffen werde wie bei anderen Bünden. Wir stehen dicht gedrängt auf dem Balkon eines alten Kaufmannshauses. Am heutigen Abend werde ich zusammen mit zwei anderen Jungs in der Verbindung offiziell aufgenommen. Unsere einjährige Probezeit als „Fux“ beginnt. Doch vorher muss ich mein in ein Bierglas getauchtes Fuxenband austrinken. Die Schärpen tragen die Farben der Verbindung. Von unten rufen die Burschen uns zu: „Trink zwei!“. Natürlich trinke ich zwei.

Der Deal: Günstiger Wohnraum für Studenten, finanziert von den Alten Herren, wie sich die Ehemaligen nennen. Dafür verpflichtet man sich, auf Lebenszeit Teil der Verbindung zu bleiben. Während des Studiums in der Aktivitas als Bursch, später dann gegen einen jährlichen Betrag in der Altherrenschaft. Durch diese Seilschaften erhoffen sich die Jungen bessere Chancen auf Praktika und Anstellungen. Irgendwann im Herbst klingelt es nachmittags an der Tür. Vor mir stehen sechs Gestalten im typischen Burschenlook.

Wachsjacken, Chinos, Segelschuhe. Beim sogenannten „Bummeln“ geht man von Verbindung zu Verbindung und trinkt eine ganze Menge Bier. Heute soll ich das auf die harte Tour lernen. Der erste Kasten ist schnell geleert. Wir werfen uns unsere eigenen Wachsjacken über und ziehen gemeinsam durch die Nacht. An meinem ersten Bummelabend werde ich ständig zum Trinken herausgefordert.

Wie die absurden Mengen Alkohol in meinen Magen passen? Kotzen, natürlich.

Wenn ein Bursch die magischen Worte „Bierjunge“ ruft, antwortet man „hängt“. Daraufhin ext man ein Bier gegeneinander. Warum? So sind die Regeln. Generell wird viel geext. „Presssaufen“ nennt sich das. Wie die absurden Mengen Alkohol in meinen Magen passen? Kotzen, natürlich. In der Anfangszeit noch eher unfreiwillig, später kalkuliert. So passt mehr Bier in den Bauch und man wird nicht so schnell besoffen. Viele Verbindungshäuser haben dafür extra ein Speibecken mit Haltegriffen auf der Toilette, auch „Pabst“ genannt. Für mich endet der Abend mit einem mehrtägigen Kater.

Die Vorlesung am nächsten Morgen muss ausfallen. Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum ich mir das antue. Einen aktiven Saufzwang gibt es tatsächlich nicht. Auch die Verbindungen sagen, dass niemand zum Trinken genötigt werde. In der Realität sieht das aber anders aus: Saufen erhöht das Ansehen in der Gruppe und vor anderen Bünden. Trinkt man wenig oder gar nicht, muss man sich dumme Sprüche gefallen lassen. Der Ruf der eigenen Verbindung leidet. Die Burschen möchten das natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Es entsteht ein Klima, in dem exzessiver Alkoholkonsum und Obrigkeitshörigkeit belohnt und individuelles Handeln bestraft wird.

 

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Es gibt Bünde, die das Biertrinken mit Wasser üben, um den Magen zu dehnen

Auch der Politologe Dr. Stephan Peters sieht hinter den Trinkspielen mehr als einen enthemmenden Aspekt: „Wenn ich einen Bierjungen trinke, dann muss ich mich selbst verteidigen. (…) Ich werde von meinem Bund herausgestellt, um gegen den anderen zu trinken. Verliere ich, bin ich eine Pfeife. Von daher gibt es Bünde, die das Biertrinken mit Wasser üben, um den Magen zu dehnen und auch mal einen vierfachen Bierjungen hinzukriegen.“ Dr. Peters war selbst mehrere Jahre in einer katholischen Verbindung aktiv und promovierte mit einer Arbeit über Studentenverbindungen. Bei den Trinkspielen gehe es darum, sich für die Gemeinschaft den Regeln unterzuordnen:

„Die Regeln müssen akzeptiert werden, sonst funktioniert das Ganze ja auch gar nicht. Ich muss bereit sein, mit meinem Körper über die eigenen Grenzen zu gehen.“

Wie auch beim Alkohol geht es um das Einhalten der Sitten und Regeln

Nach meiner Aufnahme als Fux ist das Couleursemester in vollem Gange. Mehrmals in der Woche finden Pflichtveranstaltungen statt. Kneipenabende, Vorträge, Convente. Ich möchte dazugehören, mich beweisen. Das funktioniere nur, so wird es uns Füxen vermittelt, wenn wir uns aktiv einbringen. „An erster Stelle steht das Studium, an zweiter Stelle die Verbindung, alles andere kommt danach“, erzählt mir mein Fuxmajor. Wie auch beim Alkohol geht es um das Einhalten der Sitten und Regeln.

In der Anfangsphase stecke ich viel Zeit ins Verbindungsleben, besuche jede Veranstaltung und gehe oft mit den Bundesbrüdern bummeln. Auch das Bierexen übe ich fleißig. Hobbys, Freunde, Beziehungen? Nebensächlich. Es ist auch nicht weiter schlimm, dass ich bei Trinkabenden gelegentlich nicht bei meinem Namen, sondern als „Fux“ angesprochen werde. „Fux, Feuer!“, „Fux, hol einen Kasten!“ oder „Fux, zeig ein bisschen Respekt vor einem Alten Herrn!“.

„Die sind privat super nett. Man darf mit denen nur nicht über Politik reden.“

So wird man immer wieder auf seinen Rang in der Verbindungshierarchie hingewiesen. Fügt man sich den Sitten nicht, sinkt das Ansehen bei den Bundesbrüdern. Wer oft bei Veranstaltungen fehlt oder seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, muss sich vor dem Convent, der Mitgliederversammlung, verantworten. Durch die strikte Hierarchie und den Korpsgeist wird indirekt Druck auf die einzelnen Mitglieder ausgeübt. Es ist nicht verwunderlich, dass diese autoritären Strukturen mit Konservativismus gut einhergehen. Nach außen hin zeigen sich die katholischen Verbindungen unpolitisch und überparteilich. Zur Hochschulwahl liegen trotzdem die Flyer der CDU-nahen Hochschulgruppe aus. Das „Vaterlandsprinzip” der katholischen Studentenverbindungen äußert sich mal in sarkastischer Monarchieromantik, mal in überschwänglichem Nationalstolz.

Da ist etwa der volltrunkene Bursch, der mit erhobenem Haupt und umgebundener Deutschlandfahne stolz zu Flers Neue Deutsche Welle salutiert. Ein Gemälde von Kaiser Wilhelm II. findet sich auf vielen Verbindungshäusern wieder. Zwei Burschen scherzen vor mir, sie würden demnächst Urlaub in Deutsch-Südwestafrika machen. Zu einer offen rechten Burschenschaft erzählt mir ein älterer Bursch: „Die sind privat super nett. Man darf mit denen nur nicht über Politik reden.“

„Scheiß Ramadan“ flucht ein Korporierter vor mir über Muslime. Wenige Momente später übergibt er sich in den Nachbargarten

Auch in meinem Bund wird rechtsextremer Bummelbesuch empfangen und bewirtet. Das ist zum Glück nicht überall so, in einigen Städten gibt es ein striktes Besuchsverbot von extrem rechten Verbindungen. Problematisches Gedankengut gibt es aber nicht nur bei der Deutschen Burschenschaft. Mit den Worten „Scheiß Ramadan“ flucht ein Korporierter vor mir über Muslime, wenige Momente später übergibt er sich in den Nachbargarten. Ein Fux verwendet mehrmals das N-Wort und fordert mich wieder und wieder zum Trinken heraus. Nachdem einige Burschen antisemitische Karikaturen und SS-Runen in eine Chat-Gruppe schicken, stelle ich einen der Männer zur Rede.

Dieser spielt die Nachrichten herunter. Mir wird davon abgeraten, das Thema offen anzusprechen. Die anderen Burschen würden sich nur über mich lustig machen. Die antisemitischen Inhalte bleiben folgenlos. Trotz der Probleme wäre es gelogen, wenn ich behaupten würde, die Fuxenzeit hätte mir keinen Spaß gemacht. Auch das „Presssaufen“ kann unter Umständen lustig sein, wenn man sich denn darauf einlässt. Ein Bundesbruder meinte einmal zu mir:

„Verbindungen sind wie Freundschaft auf Kommando“

Laut Dr. Stephan Peters ist das eine Marktlücke der Verbindungen: „Man sagt da ‚Wir bieten euch ein Netzwerk an, ein Zimmer und vielleicht auch ein paar Freunde dazu. Ihr müsst gar nichts mehr tun.‘ Das ist schon sehr verlockend.“ Doch in meinen zehn Monaten als Fux zeigt sich, dass die autoritären Strukturen dahinter ein Klima schaffen, in dem angestaubte Werte gefördert und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Der Einfluss der Altherrenschaft macht es kaum möglich, diesen Konsens zu brechen.

„Es sind nun mal die Alten Herren, die ihre Macht ausüben. Natürlich mit dem Ziel, dass die jungen Burschen mit den verschiedenen Ritualen so geformt werden, dass sie später als Alte Herren genau das gleiche tun. Man möchte mit den Brauchtümern innerhalb der Korporation das Konservative, das Autoritäre zementieren“, so der Politologe.

An einem Sommerabend stehen wir vor einem Verbindungshaus, vor uns dreißig Liter Bier, die geleert werden müssen. So richtig Lust auf Alkohol hat heute niemand. Wer sich weigert, wird von einem Burschen zurechtgewiesen: „Du trinkst das jetzt! Das war keine Frage!”. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich den Gedanken habe. Vielleicht schon bei der ersten Runde, oder als wir in einer Reihe stehen, um besagtes Bier ins Gebüsch zu kotzen. Aber an diesem Abend beschließe ich, aus meiner Studentenverbindung auszutreten.

Zum Thema:

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Artikelbild: Leon Enrique Montero (zu seiner Website)

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