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Musk versprach Freiheit – wir bekamen nur extrem rechte Propaganda

von | Dez 12, 2022 | Aktuelles

Dank Musk: Rechte Fake-News-Schleudern gewinnen auf Twitter Oberhand

Elon Musks selbsternannter ‚Kampf für die Redefreiheit in Amerika‘ ist in vollem Gange. Doch leider scheint Musks Auffassung von Redefreiheit in eine ähnliche Richtung wie die von Donald Trumps zu gehen. Er wurde wegen seiner Anstiftung zu einem Putschversuch im Januar 2021 auf Twitter gesperrt und dann von Musk wieder zugelassen. Er ist eine von vielen extrem rechten Figuren, für die Twitter plötzlich ein Safe Space zu werden verspricht. Was das konkret bedeutet? Twitter hebt die Account-Sperre hunderter rechtsextremer User auf, sie gewinnen an Reichweite und haben offenbar Einfluss darauf, dass antifaschistische oder linke Accounts gesperrt werden. Tolle „Redefreiheit“ also.

Quelle: Screenshot Twitter

rechtsextreme Republikaner gewinnen tausende Follower

Noch nicht einmal zwei Monate sind vergangen, seit Musk Twitter nach monatelangem Hin und Her gekauft hat. Offenbar Zeit genug, um erste Ergebnisse seiner Bemühungen zu sehen: Eine Grafik der Washington Post verdeutlicht nun nämlich, dass die Twitter-Profile extrem rechter Politiker:innen viel mehr Aufmerksamkeit erlangen, seit Musk die Plattform übernommen hat. Und dazu muss man bedenken, dass der Twitter-Algorithmus bereits vor Musks Übernahme rechte Stimmen bevorzugt hat. Während also viele republikanische Kongressabgeordnete hunderttausende Follower gewannen, verloren links-liberale Politiker:innen der Demokratischen Partei mehrere zehntausend. Im Durchschnitt beläuft sich der Gewinn der Republikaner:innen auf 8000 Follower, der Verlust der Demokrat:innen auf die Hälfte dessen. Der Gewinn der Rechten wird womöglich von Twitter-Usern bedingt, die sich aus Begeisterung über Musks Vorhaben extra neu registriert haben.

Quelle: washingtonpost.com

Und hier geht es nicht um konservative Stimmen oder dergleichen, sondern um astreine Neonazis und Antisemit:innen.

Kaum hatte er Twitter übernommen, explodiert dort die Leugnung des menschengemachten Klimawandels. Auch Hassrede hat ungeahnte Ausmaße in Twitter angenommen, sagen Experten.

Musk teilt mehrfach rechtsradikale Symbole, Kampfbegriffe und Codes

Die steigende Follower-Zahl Rechter sorgt für eine weitere Reichweite, ergo eine größere Bühne für rechtsextreme Ideologien. Dazu trägt neben seinen Führungsentscheidungen auch Musks Twitter-Account selbst bei. Denn der gibt rechtsextremen Usern dieser Tage das Gefühl, einer von ihnen zu sein. Mehrmals teilt Musk vermeintlich versehentlich Inhalte, die in der Szene als antisemitische sowie rechtsextreme Kodierungen gelten. So antwortet er auf einen Tweet, zu dem er keinerlei Verbindung hatte: „Ich frage mich, wie die Erde in 88 Millionen Jahren aussehen wird.“ Ob es Musk bewusst ist oder nicht: 88 ist ein weitläufig bekannter Code für ‚Heil Hitler‘, den viele von seinen Followern auch genauso verstanden.

Wenig später griff Musk zu einem antisemitischen Trope. Einem jüdischen pensionierten Oberstleutnant entgegnete er auf dessen Kritik an Musks Twitter-Management, dass er sowohl eine „Puppe“, als auch ein „Puppenspieler“ sei. Die Darstellung eines Juden als allmächtiger Strippenzieher, der Ereignisse manipuliert, ist eine bekannte antisemitische Kodierung. Auch hier gilt: Selbst wenn Musk sich hier nicht direkt und offen antisemitisch äußert, gibt er Antisemit:innen auf seiner Plattform mit einem solchen Tweet ein klares Zeichen. Und ganz nebenbei hält er antisemitische Stereotype aufrecht.

Diese Dogwhistles haben methode

Und als ob das noch nicht genug wäre, postete Musk dann auch noch das Bild eines rechtsextremen Trolls und Rassist:innen, der in der Vergangenheit Bedauern darüber geäußert hatte, dass Trump nicht deutlicher wie Hitler gewesen sei. Als er darauf hingewiesen wurde, wer auf dem Bild zu sehen war, löschte Musk es von seinem Account. Nur um wenige Stunden später ein Pepe the Frog Meme zu teilen, das seit Jahren ebenfalls fleißig für rassistische und antisemitische Memes missbraucht wird. Der Vizepräsident des Center on Extremism der Anti-Defamation League, Oren Segal, hat VICE gegenüber klar gemacht, dass Musk bewusst sein dürfte, was er mit seinen Tweets auslöst.

Spätestens die Antworten auf seine Posts sollten ihm deutlich machen, dass er rechte Symbole und Kodierungen teilt. „Und wenn er das weiß, dann sollte man meinen, dass er vielleicht aufhören möchte, wenn er diese Art von Inhalten nicht unterstützt“, so Segal. Doch bisher hat Musk nicht aufgehört. Stattdessen stehen jegliche seiner Twitter-Entscheidungen seit dem Kauf auf rechts.

Twitter ist ganz offen für rechtsradikales Gedankengut

Besonders problematisch ist dabei die Wiederherstellung von zuvor gesperrten Accounts mit extremen Inhalten. Insgesamt hat die Plattform seit Musks Übernahme über 62.000 ehemals gesperrten Profilen erneut Zugang gewährt. Besonders prominent inszenierte Musk die Entsperrung von Donald Trumps Twitter-Konto. Dieser wurde im Januar 2021 gesperrt, nachdem er – wie inzwischen von einem Sonderausschuss in den Anhörungen zum Sturm auf das Kapitol in Washington bestätigt – den Aufstand anstiftete, anfeuerte und mit den Demokratiefeinden sympathisierte.

Damals startete Musk eine dubiose Twitter-Umfrage, um seine offenbar bereits getroffene Entscheidung der Rückkehr Trumps zu legitimieren. Solange die Umfrage nach seinem Gusto verlief, war alles palletti. Doch als die Stimmen gegen Trumps Rückkehr zu Twitter kurze Zeit überwogen, waren natürlich „Bots“ und „Wahlfälschung“ schuld. Ähnlich wie in Trumps Augen schon 2020 bei seiner Wahlniederlage gegen Joe Biden. Wir berichteten:

Darüber hinaus hat Twitter zuletzt einige rechtsradikale User wiederhergestellt. Diese sprechen sich seither offenbar ohne Angst vor Konsequenzen durch Twitter für Genozide an nicht-weißen ethnischen Gruppen aus und beglückwünschen Massenmörder. Laut Twitter: kein Verstoß gegen die Richtlinien der Plattform.

Wird Twitter der neue „Safe Space“ für Rechte?

Doch die Macht der Rechten wird im Vergleich zu antifaschistischen Stimmen noch stärker. Denn nachdem rechte Aktivist:innen Musk dazu aufforderten, antifaschistische Profile zu sperren und Internet-Trolle unzählige falsche Beschwerden abgaben, kam Twitter dem nach. So schreibt ein ehemaliges Mitglied des Stadtrats von Los Angeles auf Twitter: „Twitter bringt Menschen zum Schweigen, die Extremismus, rechtsradikale Gewalt und Polizeimissbrauch in LA dokumentieren […] – während Twitter Leute wieder einstellt, die Rassismus fördern und zu Anti-Trans-Gewalt aufrufen.“

Während ungerechtfertigte Beschwerden über antifaschistische Accounts also innerhalb kürzester Zeit zur Suspendierung derer führen, scheint der Kampf gegen rechtsradikale, faschistische Profile schier unmöglich. Gegebenenfalls nicht weiter verwunderlich, bei einem Chef, der öffentlich mit rechten Symbolen, rechtsextremen Verschwörungsmythen und Kodierungen kokettiert. Das Vorgehen Musks gibt Rechtsextremen und Demokratiefeinden Auftrieb, ob Musk ihre Ideologie ganz oder teilweise teilt oder nicht. Sie fühlen sich von ihm unterstützt und halten Twitter für ihren neuen Safe Space, der er ganz offensichtlich auch ist. Währenddessen wird er für alle anderen Menschen zum bedrohlichen Ort, auf dem Minderheiten öffentlich bedroht und laut Anwalt Jun nicht mal mehr Abbildungen von sexuellem Kindesmissbrauch entfernt werden. Für Musk ist unterdessen die größte Gefahr für die Menschheit der „woke mind virus“.

Ansonsten hat Elon am Sonntag im echten Leben gehört, was man wirklich von ihm hält.

Artikelbild: Canva/Screenshot