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Nächster Elon Musk-Doppelfail: Das Drama um Trumps Account

von | Nov 21, 2022 | Aktuelles

Der Vogel und die Abrissbirne

Gastbeitrag von Jan Skudlarek

I came in like a wrecking ball. Ich kam an wie eine Abrissbirne, das sang Miley Cyrus in einem Liebeslied vor fast zehn Jahren. Knapp vier Wochen ist es wiederum her, dass Elon Musk, nach langem Flirt, das soziale Netzwerk Twitter übernahm. Vier Wochen, die sich für Twitternutzer wie eine Ewigkeit anfühlen. Der jetzige CEO enterte das Gebäude zwar nicht halbnackt auf einer riesigen Metallkugel (sondern, ganz persongewordene Memekultur, mit einem Waschbecken-Wortspiel), die Verwüstung ist dennoch unübersehbar. Die Twitter-Belegschaft hat entweder gekündigt oder wurde gefeuert; oder wurde gefeuert und anschließend wieder mit einem dicken Sorry zurückgeworben; oder ist erstmal geblieben, hat abgewartet, und hat dann gekündigt. Wer übrigblieb, durfte mit etwas Programmiercode unterm Arm im Büro antanzen und bekam dann von Gottkaiser Elon Musk bis nach Mitternacht die eigene App mansplaint. Resultat der Aktion war, neben einer Loyalitätsperformance der Restmannschaft, ein Schaubild der grundlegenden App-Struktur, die man sich, denkt der Laie jedenfalls, ja vielleicht anguckt noch bevor man vierundvierzig Milliarden Dollar latzt.

Dann würde man sich vielleicht auch solche Fails sparen:

Erster Fail: Scheinumfrage, um eine beschlossene sache zu legitimieren

Nach mehreren Kündigungswellen, diversen Trollpostings und der vermasselten und vertagten Einführung eines 8-Dollar-Abomodells nun der nächste Coup: Elon „Demokratie“ Musk ließ die Twitter-Nutzer darüber abstimmen, ob Donald Trumps Twitterkonto entsperrt werden sollte! Jener Trump, der – die Älteren erinnern sich – am 6. Januar 2021 seine Wähler animierte, gewaltsam das US-Kapitol zu stürmen und einen Staatsstreich zu versuchen. Mehrere Menschen starben. Jener Trump, der anschließend – in den Augen vieler: zu spät, aber endlich – für das Mobilisieren dieser gewaltsamen Meute dauerhaft von Twitter gesperrt wurde. Jenen Donald Trump, den Beleidiger, den Verschwörungsideologen und den Gewaltaufrufer, will Elon Musk also endlich zurückholen. Äh, natürlich nicht Elon Musk, sondern „das Volk“™. Twitter-Chef Musk wollte lediglich der Geburtshelfer öffentlicher Meinung sein. Vox populi, vox dei.

Die Abstimmung über Trumps Entsperrung endete nach vierundzwanzig Stunden und nach über fünfzehn Millionen Stimmen mit 51,8% für YES und 48,2% für NO. Tada! Interessanterweise ging Musk bei seiner Umfrage vor wie sein, sagen wir es ruhig, Kumpel Trump, nämlich populistisch und verschwörungstheoretisch. Grab ‘em by the poll! Donald Trump weigert sich bekanntlich seit seiner vielfach belegten Wahlniederlage gegen Joe Biden, dieselbige anzuerkennen. Dabei spielt die Wahlfälschungsverschwörungstheorie, er, Trump, sei nach wie vor der eigentliche Präsident und die Demokraten hätten seine zweite Präsidentschaft einfach gestohlen wie ein Taschendieb ein Portemonnaie, eine ganz zentrale Rolle. Wer das anders sieht: Lügner! Fake News! Teil des Systems!

Musk: Meister des Verschwörungsgeschwurbels

Elon Musk steht diesem Verschwörungsdenken in nichts nach. Zeitweise kam es während der 24-stündigen Abstimmung kurz zu Gegenbewegungen durch Menschen, die, kaum vorstellbar, die mögliche Twitter-Rückkehr des modernen Münchhausens, Donald Trump, nur so semigeil fanden. Für Elon Musk klare Sache: Linksgrünversiffte Bot-Armeen greifen seine Umfrage an und voten für „Nein“! Das Ganze sei sogar „impressive to watch“. Der Mechanismus dahinter ist ein altbekannter: Stimmt das Ergebnis meiner Umfrage, Studie oder politischen Wahl mit meinen Standpunkten und meinen Vorurteilen überein, ist alles prima. Wagt es die Realität aber von meinen Vorurteilen, meinen Plänen oder von meinem Wunschdenken abzuweichen, heißt es: Bots! Manipulation! Fälschung! Hundsgemeiner Angriff von Deep State, Antifa und Echsenmenschen! Oder so. Let that sink in!

Jedenfalls hatte Elon Glück und das Volk™ stimmte ab wie erhofft. Team orange, also die Trump-Rückkehrer, gewann. Allerdings: Ich behaupte, die Umfrage von Musk war pure Show. Was er als großflächiges Meinungsbild inszenierte (natürlich unter kompletter Verzerrung der antiken Sentenz „Vox populi, vox dei“), war nicht mehr als populistische Pseudodemokratie. Ähnlich sieht es auch Yoel Roth, ehemaliger oberster Content-Moderator von Twitter, der, wie viele Kollegen, Tage vorher wegen Musk kündigte. Er schrieb bereits einen Tag vor Musks Abstimmung in einem Kommentar in der New York Times, die Entsperrung des Trump-Accounts sei quasi beschlossene Sache. Und eine Twitter-Umfrage ist nicht repräsentativ, nicht allgemein und nicht gleich. Vor allem: Wer soll Elon auch hindern? Immerhin herrscht er ja mittlerweile über Twitter in kompletter Eigenregie-Willkürherrschaft; eine autokratische Tatsache, wegen der auch der ehemalige Teamleiter Roth gekündigt hatte; und etwas, das ihm – und offenbar nicht nur ihm – Sorgen bereitet.

Das peinliche Musk-Trump-Schauspiel – Fail No. 2

Und nun? Erstmal steht ein kleiner weiterer Exodus an. Und zwar all jener, die spätestens jetzt keinen Bock mehr haben auf die Titanicisierung Twitters. Dafür habe ich Verständnis. Ehrlich! Elon Musk tut vieles dafür, jene abzuschrecken, die sein extremistisches und gleichzeitig naives Verständnis von Meinungsfreiheit nicht teilen. Die Abschreckung gilt Werbepartnern und Nutzern gleichermaßen. Hass-Schleuder Trump zukünftig zurück auf Twitter? Na das dürfte die so oder so abspringenden Werbekunden aber freuen! Stand jetzt:

Nicht wenige Werber haben sich in die Rettungsboote begeben, manche sind schon kilometerweit weggerudert, bevor das Schiff untergeht. Musk selber wiederum hat die Rechnung ohne den Wirt, oder, um im Bild zu bleiben: ohne den Ko-Kapitän gemacht. Donald Trump hat nämlich längst seine eigene kleine Titanic. Seine eigene Plattform, Truth Social, die zwar, verglichen mit Twitter, winzig ist; aber sie gehört ihm und nur ihm und dort kann er ungehindert und unmoderiert seinen Unsinn loswerden. Zu Twitter zurückzukehren, sehe er „keinen Grund“, so der Jetzt-Wieder-Präsidentschaftskandidat.

Allerdings dürfe es sich hierbei, wie bei so vielem von Musk und Trump, lediglich um ein Schauspiel handeln. Drama, Drama, Drama! Dass der Narzisst Trump das Angebot des Narzissten Musk ausschlägt, seinen 72-Millionen-Follower-Account zurück zu erlangen oder zumindest zusätzlich zum anderen Hasskanal parallel zu bespielen – im Grunde kaum vorstellbar. Vor allem aber gilt bei Trump das, was man dem Kreml nachsagt: „Glaube nichts, bis es der Kreml dementiert hat.“ Allein dass Trump etwas sagt, muss nichts bedeuten. Sein Wort zählt nichts. Mehr noch, es gilt das Gegenteilprinzip: Ein Dementi des chronischen Lügners Trump ist einer Zusage näher als einer Absage. Cheftroll-Trollchef Elon Musk dürfte die Absage sogar recht sein. Ziert sich Trump, bleibt der Spannungsbogen aufrecht.

Problemkind Elon werden wir so schnell nicht los

Für uns Nutzer heißen die jetzigen Entwicklungen wohl vor allem: Wir müssen weiterhin mit etwas Unsicherheit und einer durchaus nervigen Elon-Diskursdominanz zurechtkommen. So sehr der Twitterchef nervt: Er wird, allein durch den strukturellen Umbau Twitters, weiter ein Thema bleiben. Wobei Elon Musk, eine interessante Beobachtung nebenbei, als klassischer Troll zu klassifizieren ist. Er provoziert, beleidigt, will Aufmerksamkeit und tut alles dafür, dass andere Trolle sein Ego hofieren (was auch mit fremdschämiger Unterwerfung regelmäßig geschieht). Allerdings ist Elon der allererste Troll, dem die Plattform gehört, auf der er trollt. Das ist ein Novum. Der Sinn dahinter erschließt sich allerdings noch nicht ganz. Immerhin wird es Werbekunden nur weiter abschrecken, wenn der reichste Mann der Welt, der Twitter-Obervogel Elon Musk, sich aufführt wie ein gehässiger Fünfzehnjähriger auf Reddit.

Fazit: Keine Panik, abwarten und Tee trinken

Ist das das Ende von Twitter? Da möchte ich nur sagen: Totgesagte leben länger. Wir alle, also wir nicht-libertären Nicht-Bots, die Twitter bevölkern und die Plattform als ihre digitale Stammkneipe empfinden: Wir brauchen momentan Nerven wie Stahlseile. Es ist stressig. Es nervt. Elon nervt! Aber muss man deswegen Twitter verlassen? Sind wir alle bald auf Mastodon? Ist dies der Untergang von Twitter? Die Antworten hierauf lauten Nein, Nein und Nein. (Anmerkung der Redaktion: Naja, der Volksverpetzer ist schon auf Mastodon.) Ja, die Kneipe hat einen neuen Besitzer und Ja, Deko und Getränkekarte haben sich etwas geändert. Und ja, da hinten in der Ecke prügeln sich anscheinend zwei Typen und anstatt sie sofort rauszuwerfen, schaut der neue Besitzer erst einen Moment interessiert zu.

Aber auch unsere alte Stammkneipe, die nun einen neuen Besitzer hat, unterliegt deutschen Gesetzen. Und vor allem: Elon ist nicht die Plattform. Wir sind die Plattform. Die Nutzerinnen. Sie gehört uns und nur uns! Ohne Nutzer ist ein soziales Netzwerk nur wie leere Tunnel, wie menschenleere Marktplätze. Eine Partyeinladung zu einer Party, zu der keiner kommt. Daher plädiere ich dafür, dass wir entspannt bleiben, abwarten, Tee trinken, meinetwegen auch Tee mit Schuss oder Glühwein. Der erste stressige Elon-Monat ist bald um und, wenn wir ehrlich sind, wird Twitter schlimmstenfalls Musks persönliche Titanic werden, nicht unsere. Und auch Miley Cyrus wusste schon damals:

„I came in like a wrecking ball
Yeah, I just closed my eyes and swung
Left me crashing in a blazing fall
All you ever did was wreck me“

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Jan Skudlarek. Er ist promovierter Philosoph und sein Buch „Wahrheit und Verschwörung“ (2019) erschien bei Reclam. Twittert hier.

Artikelbild: Shutterstock/canva. Sorry für das Titelbild, unsere Grafikerin ist diese Woche nicht da, wir geben unser Bestes.