Schlagstöcke & Pfefferspray in Berlin: Querdenken bekommt immer weniger Zulauf

| Aktuelles | 23. Mai 2021

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„Querdenken“ bekommt immer weniger Zulauf

Gastbeitrag von Paul Gäbler

Die „Querdenken“-Bewegung bekommt immer weniger Zulauf. Für das Pfingstwochenende hatte sich die Gruppe hohe Ziele gesetzt. Drei Tage lang wolle man die Hauptstadt lahmlegen und die Bundesregierung zur sofortigen Beendigung der Corona-Maßnahmen zwingen. 16.000 Menschen wollte man mobilisieren. Doch es kam anders.

Schon am Morgen zeichnete sich ab, dass es ein ruhiger Samstag werden würde. Am Vorabend hatte das Berliner Oberverwaltungsgericht das Demonstrationsverbot für das komplette Pfingstwochenende letztinstanzlich bestätigt. „Querdenken“-Initiatoren wie Nana Domena mobilisierten per Instagram und Telegram aber weiterhin ihre Anhänger:innen, zur Demonstration zu kommen.

Foto: Paul Gäbler

Lage gerät kurzzeitig außer Kontrolle

Die Bundespolizei hatte bereits mehrere Reisebusse aus dem Verkehr gezogen, die unter dem Motto #honkforhope erneut Hunderte Teilnehmende aus allen Bundesländern anfahren ließen. Ein Bus aus Sachsen schaffte es sogar bis vors Brandenburger Tor. Die Polizei verwehrte den Reisenden den Ausstieg. So waren es nur einige Dutzend fundamentalistische Christinnen und Christen, die sich bis zur Mittagsstunde vor dem Brandenburger Tor versammeln. Polizeisprecher Thilo Cablitz beschrieb die Situation als „momentan sehr ruhig“.

Als sich der Pulk im Lauf des Mittags vergrößerte, beschlossen einige der Teilnehmer:innen, sich in die Büsche des Tiergartens zu schlagen – eine altbewährte und häufig genutzte Taktik, um die Einsatzkräfte zu verwirren. Das Areal im Berliner Regierungsviertel mit dem angrenzenden, weitläufigen Park ist für die Polizei schwierig zu verteidigen. Als sich abzeichnete, dass die „Querdenker“ eine neue Demo-Route erzwingen wollen, geriet die Lage kurzzeitig außer Kontrolle.

Schlagstöcke und Pfefferspray

Auf Höhe des Potsdamer Platzes stießen „Querdenken“ und Polizei schließlich aufeinander. Aus mehreren Grüppchen einzelner Versprengter hatte sich rasch ein Tumult gebildet. Die Polizei wirkte überrascht und verlor die Übersicht, bis sie die Teilnehmenden in der Voßstraße kesselte. Vereinzelt kam es zu Übergriffen von Teilnehmenden auf Sicherheitskräfte und Pressevertreter:innen. Schlagstöcke und Pfefferspray wurden eingesetzt. Die Polizei ließ die Demonstration lange gewähren, bis sie begann, einzelne Krawallmacher aus der Menge zu ziehen und die Personalien der Teilnehmenden aufzunehmen.

Zum wiederholten Male wurde die Polizei von den „Querdenker:innen“ überrumpelt. Das scheinbar unkoordinierte Vorgehen, die Weitergabe neuer Marschrouten über Telegram-Gruppen, Streams und Mund-zu-Mund-Propaganda scheint für die Sicherheitskräfte weiter unberechenbar zu sein. Auch für Reporter:innen werden die Demos schnell unübersichtlich, wenn mehrere Protestzüge gleichzeitig loslaufen. Unter diesem Gesichtspunkt geht die scheinbar planlose Taktik der Bewegung weiterhin auf.

Doch wie ist der gestrige Tag für die „Querdenken“-Bewegung einzuschätzen?

Hat die Bewegung ihren Zenit erreicht? Möglicherweise ja. Zumindest reiht sich die heutige Demonstration nahtlos ein in eine Reihe von Rückschlägen und Enttäuschungen aus vergangenen Wochen (Volksverpetzer berichtete). Die Reichweite der Bewegung geht zurück, die Mobilisierung schwächelt. Durch das Ausbleiben der angekündigten Impftoten scheinen viele ihr Vertrauen in die Führungsfiguren der Bewegung zu verlieren. Und als letzter, aber vermutlich relevantester Punkt: die aktuellen Öffnungen von Gastronomie und Gewerbe. Es ist nicht auszuschließen, dass viele der vormals so hochmotivierten Freiheitskämpfer:innen den heutigen Tag lieber im Biergarten als auf der Straße verbracht haben.

Ist die Bewegung damit am Ende? Intern bereitet man sich auf den 1. und 27. August vor, wo man an die großen Erfolge des vorangegangenen Jahres anknüpfen will, als teilweise Zehntausende durch Berlin pilgerten. Ob dies gelingen wird, bleibt abzuwarten. Durch die Impfungen ist es gut möglich, dass bis dahin wieder so etwas wie Normalität einkehren wird und man somit der Bewegung den Wind aus den Segeln nimmt.

Die Gefahr von „Querdenken“ ist noch nicht vorbei

Die Gefahr ist damit allerdings noch nicht vorbei. „Querdenken“ wird sich mit Sicherheit zum Ende der Pandemie in seiner jetzigen Form auflösen. Dafür marschieren hier zu unterschiedliche und sich teilweise widersprechende Gruppierungen mit, die lediglich der Elitenhass eint. Allerdings haben sich hier in den vergangenen Monaten Allianzen gebildet, die in den kommenden Jahren für die Demokratie gefährlich werden können.

Eine Querfront aus Hardcore-Esoteriker:innen, Christ:innen und Faschist:innen – vermutlich hätte dies vor einem Jahr noch niemand für realistisch gehalten. Diese Bande sind nun geknüpft. Wer weiß, wer sich nächstes Jahr miteinander gemein macht?

Zum Thema:

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Autor: Paul Gäbler. Artikelbild: Paul Gäbler

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