Ist bei Querdenken die Luft raus? Die Pandemie-Leugner in der Krise

| Bericht | 21. Mai 2021

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Querdenken schwächelt

Von Verena R.

Am vergangenen Samstag fand wieder eine „Querdenken“-Demo in Nürnberg statt. Diese wurde groß von den Veranstalter:innen und Redner:innen bei Telegram angekündigt. Doch laut Schätzungen der Polizei nahmen mit ca. 1.200 Demonstrant:innen nur etwa ein Drittel der genehmigten 3.500 an der Demonstration teil (Quelle ).

Nicht nur die Corona-Pandemie jährt sich, auch die Bewegung rund um die Pandemie-Leugner:innen-Szene geht in ein weiteres Jahr. Angekündigt wurde die „Querdenken“-Demo in Nürnberg als eine Art Jubiläum: „Ein Jahr Protest für Grundrechte“. Im Vorfeld hatte die Stadt Nürnberg die Demonstration jedoch verboten, da das Polizeipräsidium Mittelfranken laut dem Amt für Kommunikation und Stadtmarketing der Stadt Nürnberg festgestellt habe, dass: „aufgrund der überregionalen Bewerbung der Veranstaltung, des langen Bewerbungszeitraums, des hohen Aufrufs der Versammlungsankündigung im Netz (bislang mehr als 100 000 Mal), der aktuellen Wirkungsbreite (Anzahl involvierter Kanäle/Gruppen), der bereits im Trailer angekündigten, szenerelevanten Redner und Teilnehmer sowie der erstmaligen Flyerverteilung mit einer deutlich erhöhten Teilnehmeranzahl zu rechnen ist.“ (Quelle).

Dieses Verbot wurde allerdings nach einem Rechtsstreit vom Verwaltungsgericht Ansbach aufgehoben und lediglich der Veranstaltungsort geändert. Gegen die Aufhebung des Verbots hatte sich die Stadt Nürnberg gewehrt, doch auch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (BayVGH) genehmigte die „Querdenken“-Demo mit 3.500 möglichen Teilnehmer:innen für den 15.5.21 in Nürnberg auf dem Volksfestplatz (Quelle).

Es kamen viel weniger als angekündigt

Jedoch wurden die erlaubte Anzahl der Demo-Teilnehmer:innen und die Erwartung der Veranstalter nicht erfüllt. Nach Schätzungen der Polizei nahmen nur 1.200 Menschen an der Demonstration teil. Ein Projekt gegen Rechtsextremismus in Bayern („Endstation Rechts. Bayern“) schätzte die Anzahl sogar nur auf etwa 800 Teilnehmer:innen (Quelle). Dem gegenüber standen 300 Demonstrant:innen der Fahrrad-Gegendemo des Nürnberger „Bündnis Nazistopp“. Die Polizei sei mit mehreren hundert Einsatzkräften vor Ort gewesen und habe u. a. durch umsichtiges und konsequentes Einschreiten zum weitestgehend friedlichen Verlauf beigetragen (Quelle).

Auch für die Redner muss die geringe Teilnehmerzahl eine Enttäuschung gewesen sein. Hat man sich schließlich vorher auf Telegram groß dafür gefeiert, dass das Demo-Verbot gekippt werden konnte und das als großen Sieg verkauft:

Wirkt im Nachhinein peinlich, wenn nach diesem vermeintlichen Triumph die Anhängerscharen ausbleiben und sich kaum jemand für die Demo interessiert. Und nicht nur die Anhänger:innen blieben fern, auch Samuel Eckert, einer der Köpfe der Bewegung, ist trotz Ankündigung nicht erschienen. Über Samuel Eckert und wie er gezielt versucht hat, Jugendliche und Kinder für die „Querdenker“-Bewegung zu rekrutieren, haben wir hier aufgeklärt:

Querdenken: Samuel Eckert rekrutiert Kinder für Propaganda & lockt sie auf Telegram

Ziehen die immer gleichen unerfüllten Versprechen nicht mehr?

Neben Samuel Eckert wurden auch weitere Prominente der Pandemie-Leugner:innen-Szene, wie Michael Ballweg und Markus Haintz, für die Demo in Nürnberg angekündigt. Doch auch das schien die Anhängerschaft nicht motiviert zu haben, die Pandemie-Leugner:innen durch eine Teilnahme an der Demonstration zu unterstützen. Vielleicht sind die „Querdenker:innen“ auch mittlerweile von den immer gleichbleibenden, sich nicht erfüllenden Prophezeiungen und Lügen rund um das Thema Corona gelangweilt?

Auch „Querdenker“-Anwalt Markus Haintz scheint zu bemerken, dass die Bewegung mit ihrer Desinformations-Verbreitung bei Telegram und den Corona-Demonstrationen nichts für sich erreichen konnte. In seiner Rede spricht er davon, dass man sich nicht innerhalb der Telegram-Blase gegenseitig bespaßen solle, sondern mehr Informationen in den Medien streuen müsse. Er habe erkannt, dass man die psychologische Kriegsführung endlich annehmen solle, um voranzukommen. Man solle mehr auf Emotionen und Bilder setzen. Für die Männer heutzutage hatte Haintz keine guten Worte übrig, sei er doch besonders von diesen enttäuscht, da sich Männer in der aktuellen Zeit zu viel vom Staat gefallen lassen würden. Das wäre laut ihm vor 30-40-50 Jahren wahrscheinlich anders gewesen:

… und natürlich Verharmlosung der NS-Zeit

Er war sich auch wieder nicht zu schade, den Nationalsozialismus zu verharmlosen und einige Urteile schlechtzureden, bei denen sich Richter:innen nicht so verhielten, wie er es gerne gehabt hätte. Es gäbe laut ihm keine schlechten Jurist:innen, sondern nur schlechte Richter:innen. Prozesse führe man auch nicht mehr, um Recht zu bekommen und um etwas zu bewegen. Sondern nur, um „Unrecht zu dokumentieren“ und die Verantwortlichen eines Tages zur Rechenschaft zu ziehen. Eine Anspielung auf die Nürnberger Prozesse (Quelle). Auch das nicht unbekannt in „Querdenken“-Kreisen.

Nazi-Vergleich: Pandemie-Leugner Anwalt will “Nürnberger Prozesse” – Ein Fall für den Staat?

Damit die Themen nach der Corona-Pandemie nicht ausgehen, wird auch schon mal vor einer „Grüne Hygiene Klima Diktatur“ gewarnt:

„Wer die Grünen wählt, beerdigt die Zukunft in diesem Land und das solltet ihr euren Nachbarn mitteilen“, so Markus Haintz.

Damit reiht sich „Querdenken“ auch in die Grünen-Bash-Fraktion mit ein. Haintz sympathisierte auch offen mit dem Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider, dessen Vorlesungen er im Studium besucht habe (Quelle). Schachtschneider ist Euro-Gegner, steht der AfD nah, kann als rechtsaußen eingestuft werden und hat mit u. a. Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek die Initiative „Ein Prozent für unser Land“ ins Leben gerufen. Diese Initiative wurde gegründet, um die Anti-Asyl-Politik zu vernetzen und unterstützt den asylfeindlichen „Freundeskreis Thüringen/Niedersachsen“. In dieser Gruppe agiert laut der „TAZ“ die Göttinger Hochschulgruppe der AfD-Nachwuchsorganisation „Junge Alternative“ – gemeinsam mit der NPD (Quelle).

„Querdenken“ sucht nach neuen Konzepten

Generell wolle man sich bei „Querdenken“ anders organisieren und mal bis August warten, bis die großen Demos wieder anfangen. Außerdem wies ein anderer Redner darauf hin, dass man neue Konzepte brauche, da man es nicht mehr schaffe, die Polizei auszutricksen (Quelle). Eigeninitiativ sollen die Anhänger sich verhalten und natürlich spenden:

Hier wird bei der „Querdenker“-Demonstration in Nürnberg dazu aufgerufen, dass die Teilnehmer:innen am Infostand spenden sollen, da die Kosten für die Veranstaltung nicht gedeckt seien. Mit Spendengeldern lässt sich so einiges finanzieren. Interessant, dass sich Markus Haintz eine Villa im Wert von 1,1 Million Euro geleistet haben soll. Mehr dazu und was Anonymous Germany über die „Querdenker“-Partei „dieBasis“ herausgefunden hat, könnt ihr hier nachlesen:

Interne Daten der „Querdenker:innen“-Partei „dieBasis“ durch „Anonymous“ geleakt – unsichere Server

Auch Virenleugner Lanka tritt auf

Ein weiterer Redner auf der „Querdenker“-Demo in Nürnberg war Dr. Stefan Lanka, dessen Desinformation von diesem Tag bereits fleißig durch die Telegram-Kanäle der Pandemie-Leugner:innen geschickt wird. Lanka ist bekennender Corona-Leugner und fällt mit seiner Desinformation schon bereits seit Jahren auf. Denn er leugnet auch das Aids-Virus und Masern (Quelle). Öffentlich wird immer wieder betont, dass „Querdenker“ nicht Corona leugnen, sondern nur die Maßnahmen kritisieren würden. Warum dann Dr. Stefan Lanka, der ganz offen das Coronavirus leugnet, eine Plattform geboten wird, sagt einiges über die Haltung der Veranstalter:innen aus. Für sein Statement, dass Viren nur eine Idee seien, bekam er sogar Applaus von den Demonstrant:innen (Quelle ).

Und auch Elijah Tee, ein weiterer Redner aus der Bewegung, machte mit skurrilen Aussagen auf sich aufmerksam. So sprach er bei seiner Rede von den Medien und Hollywood-Filmen, die uns suggeriert hätten, man könne sich in der Zukunft teleportieren und anderen „futuristischen Scheiß“ machen. Das dies ja bislang nicht eingetreten sei. Ja, das scheint er ernst zu meinen:

Ist die Luft raus?

Insgesamt zeigt sich auch bei dieser Veranstaltung der Pandemie-Leugner:innen-Szene, dass die immer wiederkehrenden Desinformations-Inhalte abgespult werden, um die Anhängerschaft bei Laune zu halten. Dies scheint allerdings nicht mehr zu funktionieren, da die Demos immer weniger besucht werden, wie am Beispiel Nürnberg und auch in anderen Städten zu sehen ist. Und auch die Followerschaft auf Telegram sinkt. Der Telegram-Hauptkanal „Querdenken (711 – Stuttgart) – Info-Kanal“ verliert stetig an Abonnent:innen:

Link zum Original

Wahrscheinlich wird der Fokus deswegen mehr auf die Eigeninitiative der Anhängerschaft gelegt. Laut einer Pressemitteilung von „Querdenken 911 Nürnberg“ vom 16.5.21 soll es in der nächsten Zeit keine Demonstrationen mehr geben. Erst im August sei man wieder bei der Großdemo in Berlin mit von der Partie (Quelle).

Autorin: Verena R. Artikelbild: dpa

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