Was Medien beim Berichten zur Ukraine falsch machen

| Aktuelles | 27. Februar 2022


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Was Medien beim Berichten zur Ukraine falsch machen

Von Melina Borčak

Es ist passiert. Der Krieg in der Ostukraine wurde auf das ganze Land erweitert. Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, sagte der verstorbene US-Senator Hiram Johnson. Deshalb: Eine Analyse der bisheriger, typischer Fehler in der Berichterstattung zur Ukraine.

nicht der erste „krieg in europa“

Im Vorfeld der jetzigen, erneuten Invasion war oft zu lesen, es könne zu einem Krieg in der Ukraine kommen. So sagte Bundeskanzler Scholz “In Europa droht wieder ein Krieg” und die Tagesschau und viele andere Medien machten einfach nur ein Copy/Paste seiner Aussage und verbreiteten es in die Welt, ohne Einordnung oder Factcheck.

Tatsächlich ist in der Ukraine schon seit 2014 Krieg. Der Krieg wurde nicht erst jetzt gestartet, sondern durch eine erneute Invasion Putins von der Ostukraine aufs ganze Land erweitert. Wie können Ukrainer*innen hoffnungsvoll bleiben, wenn so viele Redaktionen, Politiker*innen und Menschen nicht mal wissen, dass in ihrem Land schon seit acht Jahren Krieg ist?

Erschreckend und besorgniserregend oft wurde behauptet, dies wäre der erste Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Das ist einfach faktisch falsch und wird durch eine lange Liste von Kriegen widerlegt. Dann wurde zur Formulierung “der erste Angriffskrieg” gewechselt – so schreiben es u.a. NZZ, Süddeutsche Zeitung, Rheinische Post. Sigmar Gabriel sagte es in einem Interview mit “Die Presse” und es steht noch immer ohne Nachfrage oder Korrektur so da.

Aber auch “der erste Angriffskrieg” ist falsch, da Bosnien längst unabhängig und international anerkannt war, als es 1992 von Miloševićs Serbien angegriffen wurde. Wer das leugnet, betreibt historischen Revisionismus und nimmt den Massenmörder Milošević in Schutz – egal ob absichtlich oder nicht. Inzwischen, nach etlichen Korrekturen und Erklärungen durch Betroffene, habe ich gestern die Phrase “Die größte Invasion eines Nachbarlandes in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges” gehört. Erstens ist “die größte” diskutabel, da es davon abhängt, welche Merkmale man vergleicht. Zweitens kann man aus fast jedem Ereignis ein Superlativ machen, wenn man so viele Faktoren mit reinschiebt. Es verliert an Bedeutung und Gewicht.

Nicht andere Kriege vergessen – und diese relativieren

Diese Fehler sind ernst zunehmen. Sie beweisen, dass Medien und Politik vergessen haben, dass allein im kleinen Bosnien mehr als 105.000 Menschen starben, dass serbische Nationalisten Völkermord, Konzentrationslager und Vergewaltigungslager mit Ziel der Zwangsschwängerung muslimischer Bosnierinnen betrieben (Quelle). Heute wie damals unterstützt Russland serbische Nationalisten, die ein Großserbien errichten und Bosnien zersetzen wollen. Und statt sich entschlossen dieser brennenden Gefahr zu widersetzen, Putins Ambitionen ganzheitlich zu verstehen und zu bekämpfen, wissen viele deutsche Redaktionen und Politiker*innen nicht mal, was mitten in Europa in den Neunzigern los war.

Das ist nicht “nur” erniedrigend und retraumatisierend für bosnische Muslime, sondern gefährlich für Europa. Überhaupt ist es fraglich, warum so viele Stimmen mit Superlativen arbeiten möchten – koste es was es wolle. Krieg ist grausam genug ohne Sensationalismus. Und die leider korrekte Tatsache, dass Putin Atomwaffen hat, hätte die Gefahr der Situation sowieso besser ausgedrückt als falsche Fakten zum “ersten Angriffskrieg”.

Umgekehrt gibt es aber auch Fehler. So schreibt die FAZ, der Krieg in der Ukraine wäre “vor den Toren Europas”. Die Ukraine ist nicht “vor den Toren Europas”, sie ist in Europa – und zwar das größte Land des Kontinents. Europa ist viel mehr als Deutschland, Frankreich und deren Urlaubsländer. Und auch viel mehr als die EU.

Der „Beide Seiten“-Fehler

Ich sage es mal klar und deutlich: Behauptungen „beider Seiten“ unkommentiert abkopieren und dann Feierabend machen ist kein Journalismus. Recherchieren, fact-checken, kontextualisieren und dann die Resultate, die Fakten berichten, ist Journalismus. Wenn es anders wäre, könnten alle einfach die Twitter-Accounts Russlands und der Ukraine abonnieren und die Behauptungen „beider Seiten“ bekommen. Dann könnten Journalist*innen noch früher Feierabend machen, weil sie gar nicht mehr gebraucht würden.

Journalist*innen müssen nicht krampfhaft Narrative „beider Seiten“ wiedergeben, wenn diese bewiesenermaßen falsch sind. Bei Pandemie-Leugnung oder Klimakrise-Leugnung macht man das ja auch nicht. Beispielsweise stellt Putin die Krim-Annexion als Bürgeraufstand, Willen des Volkes dar. Es ist bewiesen, dass russische Soldaten beteiligt waren. Redaktionen können zwar erwähnen, dass der “Bürgeraufstand”-Mythos von Russland als Behauptung aufgestellt wird, aber dann muss es klar als Behauptung und Propaganda eingeordnet werden, statt es so stehen zu lassen, als wäre es gleichwertig mit der Realität.

So wird Putins Rechtfertigung für den Ukraine-Einmarsch verspottet

Diese falsch verstandene Neutralität führt oft zu Bothsideism. Das ist eine bekannte Taktik von Faschist*innen, die durch falsche Gleichstellungen und Relativierungen in Täter-Opfer-Umkehr resultiert. Beispiele dafür sind die Instrumentalisierung der Dresden-Bombardierung durch Neonazis, die Verdrehung des NATO-Einsatzes gegen Milošević durch serbische Neonazis, sowie deutsche Linke und Trumps berühmtes “sehr gute Menschen auf Beiden Seiten”, wobei eine Seite US-amerikanische Neonazis waren.

Putins Propaganda sind keine Fakten

Hoffentlich ist dies nun gut erklärt und Redaktionen hören auf, Putins Behauptungen mit Fakten gleichzustellen. Es gibt aber auch eine andere Seite der Medaille: Wenn Fakten als Behauptungen aufgestellt werden. Zum Beispiel: “Die Ukrainische Regierung betrachtet die Gebiete im Osten als eigenes Staatsgebiet unter Okkupation.” Klar betrachtet sie es so, weil es so ist. Es ist einfach Fakt. Kaum Länder außer Russland erkennen die Unabhängigkeit der “Volksrepubliken” an. Diesen Fakt als “Sicht der ukrainischen Seite” darzustellen ist journalistisch ebenfalls nicht korrekt.

Das waren Analysen zu Berichterstattung ohne Fehler. Aber zu guter Berichterstattung gehört viel mehr, als keine Fehler zu machen. Es ist sehr wichtig, die heutigen Geschehnisse historisch zu kontextualisieren – nicht nur durch den Krieg seit 2014. Der Holodomor, Stalins Genozid an Ukrainern, kostete vier Millionen Menschenleben.

Die Vertreibung und der Genozid an Krimtataren, einer muslimischen Volksgruppe aus der Ukraine gehört auch dazu. Auch die Russifizierung der Ukraine, Unterdrückung während der Zeit der Sowjetunion sowie Kolonialisierung sind tief ins Ukrainische Gedächtnis eingebrannt. Menschen, deren Großeltern Genozid überlebten und über das Grauen berichteten, haben weitere Motive, um hart und entschlossen gegen eine neue Invasion Putins zu kämpfen – egal ob sie christliche oder muslimische Bürger*innen der Ukraine sind. Das ist historischer Kontext, der untrennbar zur ukrainischen Geschichte gehört, wie die Berliner Mauer oder die NS-Zeit zur deutschen.

Es liegt also ein langer journalistischer Weg vor uns, bis alle Kriterien beachtet und richtig gemacht werden. Kritikbereitschaft und eine offene Fehlerkultur, die sich nicht gegen Korrekturen wehrt, sind am wichtigsten.

Zum Thema:

Putins nützliche Idioten: Querdenker, AfD & Co. verharmlosen Krieg in der Ukraine

Artikelbild: Rokas Tenys

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