Damit haben Rechte recht: Was der WDR aus dem Umweltsau-Shitstorm lernen sollte

| 29. Dezember 2019

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Offener Brief an den WDR

Der WDR hat einen kleinen Satire-Clip veröffentlicht, in welchem eine Gruppe Kinder eine umgedichtete Version des Lieds “Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad” mit “Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau” singt. Darin fährt “die Oma” SUV, isst Discounterfleisch und nimmt an Kreuzfahrten teil. Die Pointe ist, dass sie jedoch nicht mehr mit dem Flugzeug fliegt, sondern dafür Kreuzfahrten macht.

Sehr schnell wurde das belanglose Lied zum Politikum und Vorwürfe wurden laut, das Video würde “Kinder instrumentalisieren”, alle Omas pauschal beleidigen und einen “Generationenkonflikt” schüren. Auf diese Anschuldigungen sind wir hier bereits eingegangen. Der WDR löschte das Video sehr schnell aus der Mediathek, entschuldigte sich und hat sogar eine Sondersendung gebracht, in welcher sich der WDR-2-Chef der Kritik stellte. Dieses erneute Einknicken vor einem rechten Shitstorm haben wir in diesem Artikel thematisiert.



Aber Rechte & Konservative haben mit einem Punkt Recht

Ein derart elementares Thema wie den Klimawandel durch „Satire“ lächerlich zu machen ist wirklich weit unter dem Niveau, dass unsere Generation von einem öffentlich rechtlichen Sender erwarten darf. Der menschengemachte Klimawandel zerstört schon jetzt globale Ökosysteme, zum Beispiel fielen den überdurchschnittlich starken Bränden in Australien Millionen Tiere zum Opfer

Um die Erderwärmung mit hoher Wahrscheinlichkeit auf 1,5 Grad zu begrenzen, darf nur eine ganz bestimmte Menge CO2 in die Atmosphäre gelangen. Rechnet man auf diese Menge drauf, was wir bisher in die Luft gepustet haben, dann ergibt sich daraus ein Gesamtbudget für die Menschheit (nur wussten wir das um 1800 noch nicht). Man kann dann auch ausrechnen, wie viel welches Land sich aus diesem Budget „genommen“ hat. Im Fall von Deutschland stellt man fest, dass wir uns relativ zur Bevölkerung ausgiebig am Budget bedient haben – ein Vielfaches mehr als der Rest der Welt. 

Die Menschheit hat bei einem „Weiter So“ in zehn Jahren das gesamte CO2 Budget unserer Generation aufgebraucht. Alles darüber hinaus dürfen wir selbst nicht ausgeben, bzw. müssen es für sehr viel Geld wieder aus der Atmosphäre holen. Bei diesen Zukunftsaussichten kann sich die jüngere Generation von Vorstellungen von so etwas wie “Rente” ohnehin trennen.

Deutsche haben sich weit überdurchschnittlich am CO2-Budget bedient

Die meisten deutschen Bürger haben in ihrem Leben einen zigfach höheren CO2 Ausstoß als die allermeisten anderen Menschen des Planeten. Stellt man eine*n Chines*in und eine*n Deutsche*n gegenüber, stellt man schnell fest, dass der Deutsche deutlich stärker auf Kosten der Umwelt gelebt hat, als ein Chinese. Hier in der Grafik ist dafür das Leben eines durchschnittlichen 50-jährigen simuliert. „50“ deswegen, weil die Mehrheit der Wähler in Deutschland über 50 Jahre alt ist. 

Regelmäßige Sendungen über diese elementaren und für unsere Generation überlebenswichtigen Fakten sucht man beim WDR vergeblich, stattdessen gibt es Klamauk und Spaß zum Aufregen. 

Der WDR macht nur Inhalte für alte Menschen

Das liegt daran, dass der WDR vor allem Inhalte von alten Menschen für alte Menschen herstellt. Unter „Verjüngung“ versteht der WDR vor allem, dass auch Inhalte für junge Menschen hergestellt werden. Verjüngung sollte aber eigentlich bedeuten, der jungen Generation eine Stimme zu geben, durch die sie mit der älteren Generation in einen Dialog auf Augenhöhe treten kann, und die mindestens genauso laut ist, wie die von Dieter Nuhr

Dem WDR stehen dafür in Deutschland knapp eineinhalb Millionen meist junger Menschen zur Verfügung, die bereit waren, für ihr Anliegen auf die Straße zu gehen. Ein Satire-Video mit Kindern, die dazu gebracht werden ihre Omas zu beleidigen, wird der aktuellen Situation keineswegs gerecht. Die Demoteilnehmer*innen von Fridays for Future sind meist gut informierte und mündige Menschen, die genau verstehen, wie ihnen aktuell ihre Zukunft gestohlen wird.

Offenbar geht der WDR aber nach wie vor davon aus, dass junge Menschen nur für „Satire“ zu gebrauchen sind, nicht als Träger politischer Willensbildung. Das hängt vermutlich auch mit der antiquierten Vorstellung zusammen, dass zwar uralte Menschen mit festgefahrenem Weltbild wählen dürfen, aber junge Menschen, deren Lebensgrundlage auf dem Spiel steht, ausgeschlossen werden. 

Der Generationenkonflikt ist längst da

Die Klimakrise wird genau dann zu einem Generationenkonflikt, wenn die ältere Generation der jungen Generation das Recht auf politische Teilhabe abspricht, auf ihre Kosten Witze macht oder sogar auf Kosten der jungen Generation lebt, indem planetare Grenzen überschritten werden.

Daher sollte der WDR eine Sendung ausstrahlen, die ausschließlich von jungen Menschen gemacht ist, aber als Zielpublikum alte Menschen (also die Zuschauer*innen des WDR) hat. Dort können dann junge Menschen sachlich und mit Fakten belegt erklären, warum die meisten deutschen Bürger*innen im internationalen Vergleich wirklich eine “Umweltsau” sind und warum die aktuelle Generation ihren Nachfolgern immense Klimaschulden hinterlässt. 

Die Rechten haben völlig recht: Eine Instrumentalisierung von Kindern geht gar nicht. Vielmehr sollte der WDR regelmäßig politische junge Menschen zu Wort kommen lassen.

Text: Philip Kreißel, Thomas Laschyk. Artikelbild: pixabay.com, CC0

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