Noch weniger Wissenschaft bei WELT: 3 Mitarbeiter aus dem Wissen-Ressort haben gekündigt

| Medien | 16. Juni 2022

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Noch weniger Wissenschaft: Der WELT laufen die Wissenschaftsjournalist:innen weg

Gleich drei Personen aus dem Wissen-Ressort haben bei „WELT“ gekündigt. Ist das ein Zeichen für die immer größere Entfernung der Agenda des Axel-Springer-Mediums von Wissenschaft? Was ist passiert?

Grabenkämpfe und Fischen am wissenschaftsfeindlichen, abgedrifteten Rand

Bei den drei Journalist:innen handelt es sich um die Ressortleiterin Wissen Pia Heinemann, den Medizinredakteur Michael Brendler und die Wissensredakteurin Birgit Herden. Zwar gibt es keine Stellungnahme bezüglich der Kündigungen, weder von den Journalist:innen noch von der WELT. Allerdings liegt es sehr nahe, dass eine Verschiebung der Themensetzung und Art der Berichterstattung sowie damit einhergehende interne Grabenkämpfe mit Auslöser gewesen sein dürften. Zuletzt hatte es bei WELT an mehreren Stellen rumort, besonders im Zusammenhang mit der Corona-Berichterstattung. So hatte die WELT etwa Fake News über die Auslastung von Krankenbetten (mehr dazu) und Desinformationen über PCR-Tests eine Bühne geboten (mehr dazu).

„Irreführende Vorwürfe“: „WELT“ verbreitet Fakes über DIVI-Auslastung – Intensivmediziner entsetzt

WELT täuscht über Fakten zum PCR-Test – bekommt Applaus von Rechtsextremen und Querdenker:innen

Ähnliche Berichterstattung, die wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert, findet sich bei der WELT insbesondere auch in Bezug auf die Klimakrise, die teilweise sogar den Konsens des menschengemachten Klimawandels leugnet (mehr dazu).

WELT will Klimawandel verharmlosen & nutzt dafür Studien, die das Gegenteil belegen

Jüngster Anlass für interne Unzufriedenheiten war offenbar der trans- und queerfeindliche Artikel, der am 1. Juni just zu Beginn des Pride-Monats veröffentlicht wurde.

Queer-feindlicher Beitrag in WELT sorgt für berechtigte Aufregung

In dem Gastbeitrag behaupten fünf Autor:innen, durch Beiträge bei ARD und ZDF würden Kinder „indoktriniert und […] aufdringlich sexualisiert“. Sie machen insbesondere die angebliche „Falschaussage der Vielgeschlechtlichkeit“ und die „Transgender-Ideologie“ dafür verantwortlich. Es sei „eine kleine Anzahl von Aktivisten“, die „mit ihrer »woken« Trans-Ideologie den ÖRR unterwandert“ hätten. Bei diesem Frame, in dem ein kleiner Zirkel einer oft diskriminierten Gruppe angeblich irgendetwas unterwandert hat und nun zum Schaden aller, speziell der Kinder, steuert, sollten den geübten Leser:innen des Volksverpetzers alle Alarmglocken läuten: Genau so wird insbesondere Antisemitismus seit Hunderten von Jahren geschürt. Annika Brockschmidt hat für uns aufgezeigt, wie mit dem Beitrag rechtsradikale Narrative aufgegriffen werden. Applaus von Rechtsextremist:innen gab es auch viel.

WELT ermöglicht mit Transfeindlichkeit das Mainstreaming rechtsextremer Narrative

Fließende Übergänge zum rechtsradikalen Rand

In den USA, wo diese Narrative besonders stark vertreten sind, gibt es in manchen Staaten bereits Gesetzesänderungen, die die Leben von trans Menschen gefährden und ihr Recht auf Selbstbestimmung massiv einschränken. Die Autor:innen des Gastbeitrags positionieren sich als wissenschaftliche Expert:innen, weisen aber größtenteils wenig bis keine wissenschaftliche Expertise in dem Gebiet der Geschlechtsforschung oder Kinder- und Jugendpsychologie auf.

Wie weit abgedriftet einige von ihnen tatsächlich zu sein scheinen, deutet ein Blick auf den Twitterkanal der Mitautorin Rieke Hümpel an. Dort retweetet sie unter anderem ein Video vom radikalisierten Ex-BILD-Chef Julian Reichelt. Reichelt, jetzt eine der beliebtesten Stimmen von Querdenken und Rechtsextremen, sagt in dem Video, Sven Lehmann (Bundesbeauftragter für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt) wolle „Eltern auf den Müllhaufen seiner Ideologie werfen“. Weiter behauptet Reichelt (freilich ohne Argumente oder gar Beweise), das Familienministerium habe „kein geringeres Ziel, als die Abschaffung der Familie“. Ähm hä???

Entsprechend wenig witzig fanden viele Menschen diesen Gastbeitrag, darunter auch viele Angestellte des Axel-Springer-Konzerns. Das Netzwerk der LGBTQ+-Community von Angestellten bei Springer veröffentlichte etwa auf Instagram einen Beitrag, in dem es heißt: „Der Gastkommentar zeugt für uns von einem unaufgeklärten Weltbild, und berücksichtigt nicht, was Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene tatsächlich mit Themen der Identität ausfechten. Noch schlimmer: Durch Gastbeiträge wie diesen werden sie dadurch stigmatisiert.“ (Quelle)

Anhaltende heftige Kritik gegenüber WELT sorgt für Unruhe

Dank der anhaltenden Kritik äußerten sich schließlich sowohl der Vorsitzende des Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, als auch der Chefredakteur Ulf Poschardt zu dem Gastbeitrag. Döpfner findet in seinem Schreiben an die Angestellten klare Worte und bezeichnet den Gastbeitrag als „in der Sache unterirdisch“, „wissenschaftlich grob einseitig“ und „oberflächlich, herablassend und ressentimentgeladen“ (Quelle). Dennoch bleibt nach dem Lesen beider Stellungnahmen der Eindruck, dass die tatsächlich Schuldigen an dem Schlamassel diejenigen sind, die Kritik an dem Gastbeitrag üben – statt diejenigen, die Positionen verbreiten, die zu einer weiteren Stigmatisierung und potenziellen Gefährdung der queeren Community beitragen.

Das Kalkül der WELT hinter Artikeln wie diesen ist klar: Abozahlen steigern. Auch der genannte Artikel war hinter einer Paywall. Die Abozahlen stiegen in den Tagen nach der Veröffentlichung beachtlich an (Quelle). Die neue (und erfolgreiche) Strategie der WELT scheint zu sein, durch das Verbreiten von Desinformationen und entsprechenden Narrativen den extrem rechten und verschwörungsideologischen Rand zu bedienen, um so Klicks und Abos zu bekommen. Eine Strategie, die wir schon bei dem bekannten DIVI-Fake der WELT letztes Jahr gesehen haben (mehr dazu).

Für seriöse Medien wäre #DIVIGate eine Katastrophe, für WELT war es ein voller Erfolg

Der Abgang der drei Journalist:innen aus dem Wissen-Ressort legt nahe, dass diese Strategie des – um es mit Döpfners Worten zu sagen – „in der Sache unterirdischen“ Journalismus zur Steigerung der Abozahlen weiter zum System werden könnte. Gut, dass da nicht alle Journalist:innen mitspielen – schade, dass es doch so viele tun.

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