Cancel Culture: WELT mahnt Journalist ab, weil er Volksverpetzer zitiert – aber nicht uns

| Schwer verpetzt | 26. Mai 2022


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Axel Springer mag es nicht, wenn wir zitiert werden

Die Radikalisierung der WELT scheint weiter voranzuschreiten. Seit Langem dokumentieren wir bei Volksverpetzer, wie WELT-Autoren Desinformation und rechte Narrative streuen und versuchen, andere Meinungen und Positionen mit Diffamierungen und Einschüchterungsversuchen zu bekämpfen. Das erfahren wir als Anti-Fake-News-Blog ständig am eigenen Leib. Erst vor wenigen Tagen diffamierte uns WELT-Chef Poschardt als „linksradikal“ auf Instagram, bevor er die Story löschte und uns einfach blockierte.

Wer den Hintergrund nicht kennt, dem will ich noch mit vielen Belegen hier zusammenfassen, warum wir ständig die WELT wegen der Verbreitung von Desinformation kritisieren. Wen das nicht interessiert oder er oder sie es schon kennt und einfach den aktuellen Fall nachlesen will, der springt doch gerne zu „taz-Autor Matthias Meisner bekommt Axel-Springer-Abmahnung“.

Wir widerlegen ständig WELT-Fakes

Ich sage: weil WELT Angst vor unseren Faktenchecks und der Aufklärung über ihre Desinformations- und Einschüchterungsversuche hat. Bevor wir zum aktuellen Fall kommen, will ich noch mal den Hintergrund zusammenfassen. Wir haben Ulf Poschardts Wissenschaftsverständnis analysiert, berichtet, wie er den Stand der Wissenschaft in Bezug auf Corona-Maßnahmen und Drosten im Speziellen regelmäßig durch falsche Darstellungen und Framing diffamierte, wie WELT (und im Besonderen ihr Autor Tim Röhn) Querdenker-Fake News über PCR-Tests wiederholte, wie WELT eine der weitreichendsten Corona-Fake News mit ihrem DIVI-Gate ins Rollen brachte (und darauf am Ende sogar stolz war). Wie wir WELT-Autor Gersemann bei Desinformation ertappten, er sich unerklärlicherweise in die Falschdarstellung hineinsteigerte und einen Shitstorm gegen uns lostrat, was uns auf Platz 1 der Twitter-Trends brachte – aber auch ein öffentliches Lob von Prof. Drosten für unsere Arbeit.

Wir behandelten Klima-Fake News in WELT, noch mehr Klima-Fake News, weitere Fake-News-Schlagzeilen der WELT über die Todesursachen von Covid-Toten, von denen sich ihre Quelle selbst distanzierte, Desinformation über angeblich mehr Impfnebenwirkungen (auch hier geht es um Röhn) und ja, noch eine andere Fake News über angeblich mehr als bekannte Impfnebenwirkungen. Aber letzterer Fall, dazu kommen wir gleich noch.

Wie, „Querdenken“ ist die WELT-Redaktion?

WELT-Chef Poschardt bezeichnete Corona-Maßnahmen als „absurd“ (Quelle), er bezeichnete Wissenschaftler:innen, die NoCovid forderten, als „Panikfreunde“ (Quelle) und immer wieder bediente er das gleiche Narrativ: Wer funktionierende Maßnahmen fordert, ist verblendet, mindestens ideologisch beeinflusst, man selbst ist hingegen lediglich für „Freiheit!“ (Quelle). Wie alles andere als wissenschaftlich die Agenda der „WELT“ teilweise aussieht, konnte man im Februar bereits deutlich sehen, als der leitende Redakteur für Zeit- und Kunstgeschichte der „WELT“ Drosten als „Panikmacher“ bezeichnete und ihm glatt unterstellte, „wahrscheinlich Hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen“ zu haben.

Grafik via

Der gleiche Autor bezeichnete den Inzidenzwert auch als „völliger Unfug“, Corona nannte er „Hysterie“, er verharmloste und verbreitete weitere Fake News über das Virus. Die „extrem zugespitzte Formulierung“ bedauerte er später aber und löschte den Kommentar (Quelle). Und das sind nicht einfach nur Dinge, die so ein dahergelaufener Blog behauptet. Wie immer, wir behaupten nichts, was wir nicht belegen können. Hinter den ganzen Faktenchecks stecken Quellen, Belege, seriöse Expert:innen. Teilweise die eigenen Quellen, die man nutzte, um Fake News in die Welt (pun intended) zu setzen und die ~zufällig~ viel Applaus, Klicks und Teilungen von extremistischen Querdenkern und Rechtsextremen führten.

WELT will wohl nicht, dass jemand unsere Entlarvungen ihrer Methoden mitkriegt

Bevor ich euch noch länger auf die Folter spanne, eine ältere Geschichte noch, die uns an den aktuellen Fall erinnert. Wir hatten ebenfalls analysiert, wie Tweets des WELT-Autors Don Alphonso regelmäßig zu Morddrohungen und Hasskampagnen gegen Andersdenkende führen (Quelle). Wir stellten fest: Mindestens die Hälfte der Retweets von DonAlphonsos Tweets stammen von Accounts, die so rechtsradikal sind, dass sie vom Verfassungsschutz beobachtete Accounts retweeten. Die ZEIT zitierte unsere Analyse. Auch „Don Alphonso“ droht gerne juristisch. Kein Einzelfall übrigens. Er behauptete bereits 2020, dass uns offenbar „ein Verfahren“ drohen würde. Wir haben bis heute nichts gehört.

Ich glaube, ich sehe inzwischen ein Muster. Kriegen unsere Faktenchecks, die eines kleinen, gemeinnützigen Blogs, nicht so viel Reichweite wie die etablierte Tageszeitung mit dem gigantischen Axel-Springer-Verlag, werden wir wegignoriert. Drohen unsere Faktenchecks, eine größere Aufmerksamkeit zu kriegen, wird abseits von handfesten Argumenten die „Linksradikal“-Keule geschwungen, um uns zu diffamieren und klein zu halten. Zitiert uns ein Journalist, wird mit Abmahnung gedroht, wohl zur Einschüchterung – oder wie im aktuellen Fall auch tatsächlich eine Abmahnung verschickt. Kommen wir also dazu.

taz-Autor Matthias Meisner bekommt Axel-Springer-Abmahnung – Einschüchterung mit Mafiamethoden?

WELT-Autor Tim Röhn, den wir schon ein paar Mal an der Verbreitung von Corona-Desinformation beteiligt gesehen haben, wird aufgrund seines Twitter-Verhaltens (und seiner offenbar extremistischen Fans, sein PCR-Test-Fake-News-Artikel wurde vor allem von solchen geteilt) von einigen beschuldigt, die Querdenken-Blase mit entsprechenden Narrativen zu bedienen. Als wir unseren Faktencheck zur Quatsch-Studie über angeblich bislang unbekannte Impfnebenwirkungen veröffentlichten (es war in Wahrheit eine noch nicht abgeschlossene, offene Umfrage, zu deren Beteiligung in Querdenken-Gruppen aufgerufen wurde…), erwähnte unsere Autorin auch Röhn in einem Nebensatz.

„Auch andere Medien zitierten die Quatsch-»Studie« über Impfnebenwirkungen ungehemmt und paarten sie oft mit Querdenker-Mythen. Darunter explizit WELT Autor Tim Röhn, der mit seinen Narrativen und Inhalten eigentlich kaum von denen der Querdenker zu unterscheiden ist. (Quelle)“

Mit Screenshots zeigten wir, dass er mit dieser Fake News (vom MDR via der schlechten „Studie“, von der sich die Charité inzwischen distanziert hat) seine vorangegangenen (und bereits widerlegten) Fake News bestätigt sah.

Der taz-Autor Matthias Meisner zitierte nun kurz darauf unseren Artikel – besonders die eine Erwähnung von Röhn. Er hat es nur zitiert, mehr nicht.

Direkt darauf reagierte Röhn und drohte ihm mit juristischen Schritten, was übrigens zu einem kleinen Shitstorm von Querdenkern auch gegen uns führte, aber sicherlich nur Zufall. Und ja, Shitstorm. 100 % Beleidigungen und Pöbeleien, kein einziges Argument natürlich.

„Wer Tim Röhn von der WELT kritisiert, muss mit Einschüchterungsversuchen rechnen.“

Wenig später bekam Meisner dann tatsächlich Post, allerdings von Axel Springer. Meisner hat den Vorfall auf Twitter selbst eingeordnet. Der Justiziar der WELT wirft ihm vor, die „journalistische Glaubwürdigkeit [Röhns] ohne jeden tatsächlichen Anlass in Zweifel [zu] ziehen“. Meisner hatte in der Vergangenheit auch bereits darüber berichtet, welche Rolle Röhn in der Corona-Krise spielte. Gegen den Text ging Röhn übrigens auch juristisch vor. Juristisch wurde die Kernaussage zwar nicht, eine fehlerhafte Kleinigkeit musste jedoch korrigiert werden, weswegen Röhn gleich den ganzen Text als „Fake-News-Artikel“ diffamiert.

Juristisch ist der Fall sehr spannend. Denn dass Röhn Querdenken-Mythen/Narrative bedient, steht außer Frage. Beziehungsweise interpretiert Axel Springer Mythen eigenwillig als „Falschbehauptungen“, aber es dürfte von der Meinungsfreiheit gedeckt sein. Nicht zuletzt, weil Röhn halt unbestreitbar Narrative wiederholt, die Querdenker auch häufig bedienen. (Fast so, als würde Volksverpetzer Dinge schreiben, die wahr sind, verrückt). Ärgerlicherweise kann man korrekterweise darauf hinweisen, dass Röhn nicht die Studie selbst verbreitet hat, sondern nur einen Artikel über diese Studie und die vermeintlichen Ergebnisse dieser Studie. Ich dachte ja eigentlich, wenn ich sage, ich würde „Goethe lesen“, wird mich keiner darauf hinweisen, dass der Mann seit 200 Jahren tot ist und ich ihn nicht lesen kann, sondern nur seine Bücher, aber das Recht ist eine Welt für sich.

Aber egal, um es abmahnen zu können, muss der Vorwurf, er habe die Quatsch-Studie verbreitet, ehrverletzend sein. Zweifelhaft, dass Röhn diese Position vor Gericht vertreten würde. Falls er sich allerdings von den vermeintlichen Ergebnissen und Implikationen der Studie distanzieren möchte, würde er unseren Faktenchecks ja schließlich letztlich recht geben. Könnte er machen, hätte ich großen Respekt davor.

Juristisches Eigentor?

Anwalt Jun hat über die Abmahnung ein Video veröffentlicht, das ihr gerne anschauen dürft. Neben der Einschätzung der Rechtslage (seiner Meinung nach ist Meisner im Recht) stellt Jun fest, dass der Justiziar der WELT mit dieser Abmahnung vielleicht sogar einen Straftatbestand erfüllt haben könnte:

Soweit die Einschätzungen der anderen und die Abmahnungen an andere. Wir bei Volksverpetzer möchten an dieser Stelle eine viel wichtigere Tatsache ansprechen: Wir haben bisher keine Abmahnung von Axel Springer erhalten. Ihr wisst schon, für die Worte, für die Meisner abgemahnt wurde. Wenn es wirklich aufrichtig darum gehen würde, eine falsche Tatsachenbehauptung aus der Welt zu nehmen, warum mahnt Axel Springer nur diejenigen ab, die Volksverpetzer zitieren? Bei uns steht der Satz noch. Wir „dürfen“ ihn noch juristisch unangefochten sagen.

Wie gesagt, meine Theorie ist, dass die Abmahnung gegen Meisner lediglich ein Einschüchterungsversuch ist. Ihr wisst, diese „Cancel Culture“, die WELT-Autor:innen stets so böse finden. Das Anprangern von Leuten mit anderer Meinung, das Diffamieren, statt Argumente zu liefern. Und natürlich das Drohen mit juristischen Schritten.

Haben WELT und Axel Springer Angst vor Volksverpetzer?

Ich glaube, WELT ärgert sich gehörig darüber, dass wir ihr Geschäftsmodell und ihre Tricks entlarven. Deswegen werden wir ja ständig von ihnen mit „linksradikal“ und nicht viel mehr angepöbelt. Wo bleibt mal ein ordentlicher „Faktencheck“ von Volksverpetzer? Wenn wir Fehler machen, würden wir das gerne wissen, wir korrigieren sie gerne. Aber irgendwie nennt uns selten jemand welche. Komisch, oder? Ständig nur die unbelegten Behauptungen, wir seien unseriös. Wegen unseres Namens oder so. Wo sind die ganzen Abmahnungen von WELT? Wenn wir wirklich bei unseren vielen Faktenchecks Falschaussagen verbreiten würden, könnte WELT uns das doch juristisch verbieten. Und wenn nicht: Warum wohl?

Meine Theorie: WELT weiß, dass sie damit unnötig Aufmerksamkeit auf unsere vielen guten Argumente lenken würden. Ich sag nicht, dass alles gute Argumente sind, wir sind nicht perfekt. Aber es ist absurd, dass WELT weiterhin so tut, als seien sie auch bei ihrer Corona-Berichterstattung noch ein seriöses Medium und nicht darauf aus, Abos von Querdenken & Co. zu bekommen (weil sie anderweitig massiv an Abos bisheriger Leser:innen verlieren). Es ist einfacher, uns totzuschweigen und mit juristischen Einschüchterungsversuchen zu verhindern, dass wir noch mehr Reichweite bekommen als ohnehin schon. Zumindest so meine Theorie. Ihr wisst, was das heißt: Volksverpetzer zitieren, um Fake-Verbreiter ärgern 😉

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Artikelbild: Matthias Meisner

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