Die Überzeugungstricks von Sucharit Bhakdi analysiert

| Analyse | 21. Dezember 2020

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Bhakdis Überzeugungstricks

Gastbeitrag von David Hinder

Der ältere Herr steht vor einer Präsentationsleinwand, auf welcher die abstrakte graphische Darstellung von Antikörpern zu sehen ist. Er wirkt unscheinbar, graues Haar, ein Sakko, ein einfaches Hemd. Mit leiser Stimme und einer außergewöhnlichen Ruhe sagt er einen Satz in Richtung seiner YouTube-Zuschauer:innen:

„Lassen Sie uns darüber diskutieren.“

Diesen Satz werden wir im Verlauf des Videos noch häufiger hören. Der Mann ist Sucharit Bhakdi, Professor im Ruhestand. Etwas, worauf sein ehemaliger Arbeitgeber, die Johannes Gutenberg-Universität in Mainz sehr viel Wert legt (Quelle).

Während sich die Uni Mainz von ihm distanziert, nähern sich andere ihm an – Pandemie-Leugner:innen gleichermaßen wie Impfgegner:innen sehen in ihm die seriöse Bestätigung ihrer Glaubenssätze. Im Gegensatz zu einem Attila Hildmann oder Ken Jebsen bringt der Professor im Ruhestand zwei wesentliche Merkmale mit, die seine Glaubwürdigkeit erheblich größer erscheinen lassen, als die des gern mit der Polizei herumpöbelnden veganen Hobbykochs oder des Journalisten mit Presseausweis und Fake-News-Lizenz, dessen Nase aber leider nicht länger wird, wenn er lügt.

Framing mit der Schweinegrippe: ein schreiendes Kind bekommt eine Spritze. Leider ist die Qualität dieser Videos auch graphisch oft unterirdisch. Hier der Link zum SPIEGEL.

Das eine ist die ruhige, unscheinbare und vor allem unaufgeregte Art, das andere – und das wiegt wirklich schwer – ist der Ruf, den der Titel eines Professors mit sich bringt.

Das Expertenargument

Es gibt einen bestimmten Typus der Argumentation, das Expertenargument.

Manche Leser:innen werden nun die Nase rümpfen und wollen womöglich schon Luft holen, um mir zu sagen, dass es ja nun wahrlich nicht verwerflich sei, Expert:innen zu Rate zu ziehen, besonders, wenn man auf einem Gebiet nicht versiert sei. Tatsächlich, sich auf Expert:innen zu berufen, ist löblich, wenn man es inhaltlich tut.

Beim Expertenargument geht es aber nicht um Inhalt, sondern um Status. Wer das Expertenargument bemüht, beruft sich nicht auf Expertise, sondern auf Expert:innen und auf deren Autorität, auf die Macht von Titeln.
Wie diese Macht wirkt, lässt sich leicht im Alltag überprüfen. Üblicherweise glauben wir unserem Hausarzt, wenn er uns die Erkältung diagnostiziert und auch der Automechanikerin glauben wir, wenn sie uns erklärt, warum sie … äh… irgendwas auswechseln muss. (Wir erkennen: ich wäre vollends auf ihre Expertise angewiesen).

Titel verleihen Autorität, besonders jene, die auf erworbenes Wissen hinweisen. Ein Professor gehört zudem zur Bildungselite, ein Professor für Mikrobiologie, der einst an der Ausbildung von Ärzt:innen beteiligt war, muss doch nun Gewicht haben, oder?

Einmal Bio-GK, bitte!

Ich selbst habe keinen naturwissenschaftlichen Hintergrund. Ich kann daher nicht beurteilen, wie viel an Bhakdis Behauptungen dran ist. Dennoch ist mir aufgefallen, dass er in seinen Videos und YouTube-Vorträgen einfache Konzepte präsentiert, die mich eher an den Biologie-Grundkurs erinnern. So erklärt er zum Beispiel die grundlegende Funktion von Antikörpern und dass diese nach einer Impfung ansteigen und langsam wieder sinken. Besonders in die Tiefe geht er dabei nicht.

„Lassen Sie uns darüber diskutieren,“ wiederholt er immer wieder. Wenn es so einfach ist, Virologe zu werden, frage ich mich, warum ich nicht Medizin oder Biologie studiere. Im Ernst: man darf getrost davon ausgehen, dass Bhakdi weiß, um wie viel komplexer das Feld ist, auf dem er sich da bewegt. Eine inhaltliche Analyse der Desinformation von Bhakdi zu Corona gibt es hier:

Die größten Fakes im Bhakdi-Buch: Wir haben “Corona Fehlalarm?” gelesen, damit ihr es nicht müsst

Bilder, Vokabeln, unser inneres Framing

Nur ein Bruchteil seiner Videos beschäftigt sich überhaupt mit inhaltlichen Fragen zu Virologie und Biologie. Framing (Was ist Framing?) ist ein weiteres Mittel aus dem Starter Kit für Verschwörungsideolog:innen.

Bhakdi zaubert aus diesem Kit einen Vergleich mit der Impfung gegen die Schweinegrippe hervor. Im Hintergrund sehen wir einen Beitrag des SPIEGEL, als Titelbild ein weinendes Kind, das gerade eine Spritze bekommt. „Das Kind wird nahezu zwangsgeipmpft,“ sagt Bhakdi mit steinerner Mine. „Zwang“ ist eine Vokabel, die ausgesprochen schlechte Assoziationen in uns hervorruft. Kombiniert mit „Impfung“ wird so ein sehr negatives Bild über Impfungen bei den Zuschauer:innen erzeugt. Das Bild des schreienden Kindes im Hintergrund verstärkt diese Assoziation.

Impfgegner:innen werden sich hier nun bestätigt fühlen, ein kleiner Geheimtipp sei hier dennoch gegeben: Kinder schreien ganz oft, wenn sie eine Spritze bekommen. Sie schreien eigentlich grundsätzlich ganz oft. Ironisch: Bhakdi spricht zwar von dieser ominösen Zwangsimpfung, und schürt damit die Angst vor einem Staat, der eine solche anordnen könnte, erwähnt aber nur wenig später, dass die Deutschen sich kaum hätten impfen lassen. Was denn nun?

Connecting the dots meets Suggestion

Ziemlich oft sagt Bhakdi Dinge, ohne sie auszusprechen. So sei die Corona-Sterberate in Italien die höchste, obwohl es dort eine allgemeine Impfpflicht gegen diverse Krankheiten gäbe. „Zufall?“ soll unser Gehirn hier ergänzen.

Diese Strategie nennt sich „Connecting the dots“, vermischt mit einer ordentlichen Menge Suggestion. Man nimmt zwei beliebige Punkte und stellt eine Verbindung her. Ein ganz wunderbares Mittel für erste Theorien, aber untauglich ohne weitere Beweise.

An anderer Stelle sagt Bhakdi, dass die freiheitsliebenden Ungarn ihn für die Präsentation angefragt hätten. Er betont dabei, dass die Bundesregierung ihn nicht gerufen habe. In Ungarn liebt man die Freiheit also mehr als in Deutschland. Das ist zumindest die Botschaft, die als Elefant im Raum steht. Dass in Ungarn gerade ein Mann namens Orban Regierungschef ist, dem durchaus autokratische Tendenzen nachgesagt werden geschenkt.

Unser Verstand ist darauf ausgelegt, Muster zu erkennen. Bhakdis Manöver an diesen Stellen ist, dass er seine Annahmen über die deutsche (Un?)Freiheit oder die italienische Impfpflicht (Impftote?) nicht direkt äußert, sondern es unserem Verstand überlässt, diese Muster selbst zu ergänzen. Ein Aha-Effekt tritt ein, und überdies noch das Gefühl, hier gerade etwas hoch Brisantes erkannt zu haben. Erleuchtung!

Das “Aha-High”: Wie Verschwörungstheorien die Gehirne unserer Freunde hacken

„Lassen Sie uns diskutieren!“

Von unserer eigenen Leistung begeistert, sind wir nun empfänglich für Bhakdis mächtigste Waffe. „Lasst uns darüber diskutieren.“

Diesen Satz sagt er wieder und wieder und gibt seiner YouTube-Zuschauerschaft so das Gefühl, auf einem Level mit den Drostens und Streecks und eben auch Bhakdis dieser Welt über Corona diskutieren zu können. Erhaben soll sich der Zuschauer oder die Zuschauerin fühlen, hat er oder sie doch gerade einem Top-Wissenschaftler nicht nur zugehört, sondern auch noch alles verstanden!

Mit Überzeugung und Selbstbewusstsein ausgestattet strömen diese Anhänger:innen Bhakdis in die Kommentarspalten. Doch sind ihre primären Argumente nicht inhaltlicher Natur, sondern lauten „Ein Professor hat gesagt …“ Dass die Streeks und Drostens dieser Welt auch Professor:innen sind, noch dazu „im aktiven Dienst“, wird dabei nicht nur ignoriert, nein, um das eigene Weltbild zu stützen, erschafft man um diese Personen sogar eigene Verschwörungserzählungen, wie z. B. die Mär um das Fehlen von Drostens Doktorarbeit.

Faktencheck: Drostens Doktorarbeit ist legitim – Neue Fakes über “Revisionsschein”

Denn und ich unterstelle Bhakdi, dass er das weiß – wir Menschen neigen dazu, den Quellen zu glauben, die unser Weltbild bestätigen. Da dürfen wir auch gerne ab und an auf uns selbst blicken.

Was nicht passt, wird pässlich ignoriert

Problematisch wird das allerdings, wenn man sich in ein Weltbild flüchtet, dessen Argumentation nur so lange funktioniert, wie keine Gegenargumente im Raum stehen. Zwar sind Verschwörungserzähler:innen sehr gut darin, jedes Argument, das ihnen entgegen geschickt wird, zu kontern, allerdings nur auf eine Weise, die in der eigenen Blase bestätigt wird.

Da Bhakdi in seinen Videos aber kaum Gegenargumente zu Wort kommen lässt, muss er sich auch keine Erwiderungen darauf einfallen lassen. Sein Vorgehen ist daher simpler: Er lässt die Standpunkte der seriösen Wissenschaftler:innen einfach weg. So funktioniert seine Argumentation wie ein Brennglas: Extrem fokussiert auf einen Punkt, aber alles andere ignorierend.

Eine Herdenimmunität sei praktisch schon erreicht, die (damals) angeblich niedrigen Todeszahlen würden das zeigen. Dumm nur, dass es bei Maßnahmen und kommender Impfung nicht ausschließlich um Tote geht, sondern auch und vor allem darum, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Mag ja sein, dass die meisten Corona-Fälle wieder genesen, aber doch nur, wenn unser System das auch stemmen kann. Die Möglichkeit einer Triage, wie sie bereits damals in Österreich diskutiert wurde (Quelle), lässt Bhakdi außen vor, ebenso, dass Intensivbetten bereits da eine kritische Ressource waren. Zumindest, wenn man mit einbezieht, dass wir nicht genügend Personal haben, um alle ordentlich zu betreiben (Quelle).

„Denkt denn hier niemand an die Kinder!?“

Aber während Bhakdi diese und andere Fakten ausblendet, hat er immer noch ein Ass im Ärmel: den moralischen Zeigefinger. Er tue all das nicht für sich, sondern für die Kinder und die kommende Ärzteschaft. Das Bild des gutherzigen, weisen, alten Professors ist damit komplett. Verschwörungsgläubige werden nicht nur als wahre Fachleute geadelt, nein, sie sind auch noch in einer moralisch einwandfreien Mission unterwegs. „Für unsere Kinder!“ Ein Unmensch, wer dort widerspricht!

Expert:innen: Ja, bitte! Expertenargument: Nein, danke!

„Lassen Sie uns darüber diskutieren“ ist durchaus ein berechtigter Aufruf. Damit ist allerdings nicht die Frage gemeint, ob beweisbare Fakten nun existieren oder nicht, sondern die Frage, wie wir in Pandemiezeiten leben wollen. Das ist ein Gesellschaftsdiskurs, der geführt werden muss. Dennoch müssen wir anerkennen, dass die vielen Felder der Wissenschaft für Niemanden von uns wirklich in all ihren Tiefen und komplexen Erkenntnissen begreifbar sind. Hier sind wir auf Expert:innen angewiesen, jedoch müssen wir vor uns selbst auf der Hut sein und uns nicht vom sozialen Gewicht eines Titels blenden lassen.

Wer sich noch für weitere Details bei Bhakdis Strategien interessiert, darf gerne mein dazugehöriges Video https://youtu.be/j3RPTuVzFJo anschauen, oder sich die Folge als Audio auf meiner Seite https://www.filterblasen-podcast.de/archive/148 anhören.

Gastautor: David Hinder. Artikelbild: Screenshot youtube.com

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