Ernsthaft? AfD Sachsen verbreitet Fake News über den Halle-Terroristen

Faktencheck

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Sprecher AfD-Sachsen verbreitet fake news

Ihr wisst, dass wir uns bewusst dagegen entschieden haben, den Fall von Halle politisch im großen Stil auszuschlachten. Dass wir aus Respekt vor den Opfern und deren Angehörigen darauf verzichtet haben, Schlagzeilen im AfD-Stil zu bringen.

Ja, wir hätten sofort zum Zeitpunkt der ersten Eilmeldungen über die Schreckenstat titeln können „DANKE WEIDEL!“ oder so. Aber wir waren einstimmig der Meinung, dass das einfach moralisch falsch ist. Auch über den Täter haben wir nicht berichtet – die Gründe dafür erklärt unsere Autorin hier:

Halle: Warum uns Name und Gesicht des Täters keine Schlagzeile wert sind

Wer dachte, dass die AfD es nicht auch schaffen würde, einen rechtsextremen Attentäter für ihre Zwecke auszuschlachten, hat falsch gedacht: die moralische Hemmschwelle war natürlich schnell überwunden, und die Tatsachen auch erfolgreich verdreht.



Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt…

Der Pressesprecher der rechtsextremen AfD Sachsen, Andreas Albrecht Harlaß, postete diesen Screenshot einer Google-Suche auf facebook, welchen er mittlerweile wieder gelöscht hat:

Screenshot via Frank Stollberg

Darin sieht man, wie er nach den Begriffen „täter halle islam konvertiert“ gesucht hat. Das erste Ergebnis ist ein Artikel von welt.de: „Schüsse vor Synagoge: Was wir über den Täter von Halle wissen – Video …“, den es auch wirklich gibt (siehe Link). Der Verdacht wird weiter verstärkt, da man unten schon die Metabeschreibung des Artikels lesen kann. Darin taucht auf: „Er soll vor eineinhalb Jahren zum Islam konvertiert sein“.

Wir haben nochmal „nachgegoogelt“: An dem Screenshot ist alles richtig, der Artikel ist auch nach wie vor online.

Weiß der rechtsextreme AfD-Sprecher also etwas, wovon wir alle nicht wissen?

Kurzer Faktencheck

Nein. Weiß er nicht. Eigentlich müsste man nur auf den Link klicken und man wüsste das auch. Der Artikel selbst ist nämlich „nur“ ein Video. Neben der bereits bekannten Überschrift steht da nicht viel mehr als:

Nach den Schüssen in Halle geht die Polizei von einem antisemitischen Hintergrund aus. Offenbar hat der Täter seine Tat live über eine Gaming-Plattform gestreamt.

Wo kommt das jetzt der Islam ins Spiel?

Gar nicht. Mit Strg+F kann man die Seite nach dem angeblich entlarvenden Satz absuchen. Dieser ist allerdings nicht zu finden.

Theorie Nr. 1: Der Satz befindet sich irgendwo in den Kommentaren – auf die wir als Nicht-Mitglieder keinen Zugriff haben. Das heißt, dass keine öffentliche Quelle diese Aussage bestätigt hat. Sie stammt bestenfalls also von einem rechtsextremen Hetzer, der dieses Gerücht in die Welt (no pun intended) streuen wollte.

Theorie Nr. 2: Es handelt sich um irgendeine versteckte Verlinkung zu diesem Artikel (auch von welt.de). Immerhin hat er den Satz „Er soll vor eineinhalb Jahren zum Islam konvertiert sein“ im Wortlaut in der Überschrift. Der Artikel bezieht sich jedoch auf den (ebenso tragischen) Messerangriff auf Polizisten in Paris.

Egal, welche Theorie jetzt stimmt, es gilt: Das Attentat in Halle hat nichts mit dem Islam oder Islamismus zu tun. Höchstens in soweit, dass der Täter neben Juden gerne auch Muslime hätte töten wollen.

Update: Mittlerweile ist klar: Theorie 2 stimmt. Vielen Dank an die Follower, die uns auf Social Media darauf hingewiesen haben!

Das Spiel umdrehen

Frank Stollberg drehte das Spiel auch einfach um und bekam dafür diese Ergebnisse:

Damit findet man diesen Artikel der Kollegen von Watson, in dem erzählt wird, dass zwei Dresdner Gerichte Anfang des Jahres festgestellt hatten, dass der Landesvorsitzende der AfD Urban (der den Halle Anschlag übrigens sofort als Folge der offenen Grenzen bezeichnete) und der Pressesprecher der Partei Harlaß als Neonazi beziehungsweise Anhänger der „NS-Rassenlehre“ bezeichnet werden dürfen. „Auch interessant“.



Fazit

Auch wenn es sich nur um einen Facebookpost handelt, nimmt man mehrere Dinge mit:

1. Rechten Hetzern ist nichts zu verwerflich. Egal, ob es einfach nur das Verdrehen von Fakten ist oder das Ausnutzen einer schändlichen Tat ohne Rücksicht auf die Opfer und Hinterbliebenen. Selbst wenn diese Tat eigentlich gar nicht das eigene Weltbild unterstützt.

2. Die bittere Ironie bei der ganzen Sache: Die Rechtsextremen, die sich selbst immer als „Kritiker“ darstellen, die alles mit dem „gesunden Menschenverstand“ hinterfragen, nutzen einfach einen Screenshot einer Google-Suche als „Quelle“. Das ist so ziemlich die am wenigsten belastbare Quelle, die man sich vorstellen kann.

3. Die Respektlosigkeit. Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen, die gerade die wohl härteste Zeit überhaupt haben.

Denkt eigentlich überhaupt jemand an die Ehepartner, Eltern, Geschwister, Kinder, deren Liebste(r) nie wieder nach Hause kehren wird? Die gerade gleichzeitig den Verlustschmerz verarbeiten müssen, irgendwie den Alltag meistern, im schlimmsten Falle noch selbst irgendwelche Anfragen von BILD und co. bekommen, weil diese die Story auf Teufel komm raus ausschlachten wollen und dann noch im Internet ständig vom Anschlag lesen und davon, wie die Tode ihrer Angehörigen politisch ausgeschlachtet werden?
Denkt jemand an die Leute, die den Tag durch Glück überlebt haben, weil die Sicherheitsvorkehrungen der Synagoge gehalten haben und die sich jetzt vielleicht trotzdem Vorwürfe machen? Die gerade ebenfalls psychisch fertig sind?

Nein. Niemand tut das. Zumindest niemand, der sein Geld mit Schlagzeilen verdient. Und das ist das wirklich Traurige. Hört auf den Fall mit Lügen und Verdrehungen politisch auszuschlachten. Das hilft niemandem. Höchstens denen, die diese Tat begangen haben und genau das wollten: Aufmerksamkeit.

Text: Frederik Mallon, Thomas Laschyk. Artikelbild: Alex E. Proimos, Flickr,  (CC BY 2.0), changes were made, Screenshots facebook.com

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